Braucht Köln mehr Höhe? Und wenn ja, wo?

Mit einem Fachsymposium suchte die Stadt Räume und Richtungen zum Wachsen, die nicht mit ihrem baulichen Erbe kollidieren.

Köln wächst, und das ist eigentlich gut. Offen ist allerdings noch die Frage, welche Richtung dafür freigegeben werden soll. Immer lauter werden die Rufe derer, die vor dem zunehmenden Flächenfraß der Städte warnen. In Nordrhein-Westfalen gehen im langjährigen Mittel jeden Tag rund 10 Hektar wertvolle Natur- und Freifläche verloren. Die Siedlungs- und Verkehrsfläche nimmt inzwischen bereits einen Anteil von rund 23,5 % an der gesamten Landesfläche ein (Quelle). Nachhaltige Planung erfordert es, die Neuinanspruchnahme landwirtschaftlicher Flächen drastisch zu reduzieren, dabei kommt den Kommunen die Schlüsselrolle zu, weil sie bei ihren Entwicklungsplanungen die wesentlichen flächenrelevanten Entscheidungen treffen. Köln setzt sich intensiv mit dieser Frage auseinander und doch wächst an ihren Rändern weiter, schaut man einmal nach Kreuzfeld. Auch innerstädtische Industriebrachen und andere untergenutzte Areale werden zur Nachverdichtung entwickelt (Deutzer Hafen, Clouth, Leyendeckerstraße, Klarissenkloster), aber hier sind die Reserven endlich. Welches Potential liegt also in der Höhe?

Das Herkuleshochhaus aus dem Mediapark gesehen, dazwischen liegt der Grüngürtel © Foto Uta Winterhager

Im Vergleich mit anderen Metropolen erscheint Köln eher niedrig gebaut. Was in Frankfurt, wo die meisten und höchsten der deutschen Hochhäuser stehen (36 über 100 Meter, davon 17 Wolkenkratzer über 150 Meter), zum Wahrzeichen gemacht wurde, wird auch in Berlin mit 11 Hochhäusern gefeiert. Köln dagegen hat derzeit 9 Häuser, die über die Hundertmetermarke kommen, davon nur zwei, der Kölnturm im Mediapark und das KölnTriangle aus diesem Jahrtausend. In vier der Kölner Ü100-Hochhäuser wird gewohnt, die weiteren, darunter auch die beiden Jüngsten, sind reine Bürobauten. Nicht zuletzt die Erfahrungen mit dem Herkuleshochhaus haben gezeigt, dass vertikales Wohnen im Luxussegment am besten funktioniert. Zwischen 50 und 99 Metern Höhe gibt es 48 Bauten in Köln, darunter deutlich mehr Wohnhäuser, viele Wohnheime, aber auch teure Prestigeprojekte wie das Kranhaus Nord und das Gerling-Hochhaus. Einige interesante Hochhausprojekte stocken derzeit, ein verbindliches Hochhauskonzept, könnte hier die Entscheidungsfindung erheblich vereinfachen und beschleunigen.

Robert Gerling dachte groß und so baute er auch. 2017 war die Sanierung des ehemaligen Büro-Hochhaus des Gerling-Konzerns durch ksg abgeschlossen. Nun finden sich darin hochwertige Eigentumswohnungen, in der Krone ein Penthouse mit Rundumblick – mutmaßlich Kölns teuerste Wohnung. Einen gesellschaftlichen Mehrwert sucht man hier vergeblich. © Foto Barbara Schlei

Während (richtig hohe) Hochhäuser in vielen Städten als urbane Wohnform zunehmend diskutiert und gebaut werden, bereitet Höhe den Kölnern Bauchschmerzen. Vor gut 20 Jahren waren für Deutz Downtown fünf Hochhäuser geplant. Doch 2004, als gerade der Rohbau des 103 Meter hohen KölnTriangles stand, setzte die UNESCO den Dom auf die Rote Liste des gefährdeten Welterbes. Dort blieb er zwei Jahre mahnend platziert, bis 2007 ein Höhenkonzept verabschiedet war, das zum Schutz der Domsilhouette eine auf beiden Rheinseiten liegende Pufferzone definierte. Der Bau neuer Hochpunkte, die übliche Traufhöhe von 22,50 Meter hinaus gehen, ist seitdem nur noch nach eindeutiger städtebaulicher Qualifizierung möglich, Sorgfalt gilt hier insbesondere dem baulichen Erbe der Stadt.

17 der 18 deutschen Wolkenkratzer stehen in Frankfurt, der 18. in Bonn und nun legt Hamburg mit dem Elbtower (233 Meter, fertig 2025) kräftig nach. © Foto Uta Winterhager

Um dem Veränderungsbedarf der wachsenden Stadt sowie dem Klimawandel und dem Stadtbild gerecht zu werden, erarbeitet die Stadt Köln seit gut einem Jahr ein Höhenentwicklungskonzept für den Bereich der „Inneren Stadt“, links- und rechtsrheinisch bis zum Äußeren Grüngürtel. Die Pufferzone um den Dom und das 2007 verabschiedete Regelwerk von 2007 sollen darin einfließen. Ein online veranstaltetes Fachsymposium am 17. April 2021 markierte den Auftakt in einem öffentlichen Rahmen. Ziel war es, „Kriterien und inhaltliche Eckdaten für das Gesamtverfahren zu definieren“, Fragen aus dem Publikum waren durchaus gewünscht.

Drei Themenblöcke gliederten die fast zweieinhalbstündige Veranstaltung. Während Markus Greitemann und Eva Herr mit Moderator Konstantin Klostermann aus den Balloni-Hallen sendeten, wurden die Gesprächspartner*innen zugeschaltet. Technisch lief das nicht immer ganz rund, was es teilweise etwas schwierig machte, den Vorträgen zu folgen.

Baudezernent Markus Greitemann leitete die in drei Themenblöcke gegliederte Veranstaltung ein und definierte das Ziel des nun anstehenden Prozesses. Er wünsche sich einen bindenden Handlungsleitfaden, der die Frage beantworte, ob die Instrumente, die Köln in den letzten 20 Jahren entwickelt habe, methodisch und inhaltlich richtig seien, um auf die Entwicklungsdynamik zu reagieren, Wachstum möglich zu machen und auf der anderen Seite das Stadtbild zu respektieren. Der Bedarf der wachsenden Stadt solle nicht nur in Masse, sondern auch in Qualität erfüllt werden, und das auf eine Weise, die dem Klimawandel gerecht werde.

In Köln sind Foster + Partners seit 2001 mit dem Ring-Karree im Stadtbild präsent. © Foto Uta Winterhager

#1 – Metropole

Jedes einzelne der von Reinhard Joecks (Foster + Partners) in seinem Impulsvortrag gezeigten Projekte aus dem Portfolio des Londoner Büros machte Lust auf Höhe und Lust auf Stadt.

Hongkong and Shanghai Bank Hong Kong 1986 entstanden in enger ZUsammenarbeit mit den Behörden. Commerzbank Headquarters, das erste ökologische Hochhaus ist die Commerzbank in Frankfurt von 1997. 30 St Mary Axe „The Gherkin“ in der Londoner City mit der prägnanten Form, das 40 Geschosse hohe Gebäude hat nur 18 Parkplätze für 4.500 Mitarbeiter*innen. Bloomberg nur 100 Meter von St. Pauls entfernt, 40 Meter hoch, das weltweit nachhaltigste Bürogebäude.

Interessant war der kurze Einblick in die technischen Möglichkeiten, Licht, Verkehr, Blickbeziehungen oder den Einfluss des Klimas zu simulieren, um den Entwurf zu optimieren, Fehler zu vermeiden. Als Kriterien für Hochhausstandpunkte nannte Joecks: Hochhäuser brauchen Raum, der hocherschlossen ist, wichtig ist ein ÖPNV Anschluss. Ssie sollten immer in Clustern gebaut werden, hybrid geplant werden, Nutzungsmischung zum Beispiel Wohnen und Arbeiten. Dort, wo die Hochhäuser den Straßenraum berühren, solle eine öffentlich genutzte Fläche sein, Plätze, Gastronomie, Einzelhandel, um die Hochhäuser in die Nachbarschaft einzubinden. Fazit gab Joecks die Erfahrung weiter, dass es gute Lösungen nur gibt, wenn sich alle Beteiligten kreativ beteiligen. Manche Lösungen werden zu Ikonen, im allerbesten Fall auch kulturelles Erbe für die nächsten Generationen. Zustimmung fand in der anschließenden Diskussion mit Markus Greitemann, Ulrich Höller (Vorstand ZIA/ExCom ULI) und Reinhard Joecks die These, dass Hochhäuser ein wichtiges städtebauliches Gestaltungsmittel seien, ein Stilmittel für neues kulturelles Erbe. Greitemann ging sogar so weit zu sagen, dass es auch in Köln es keine Zukunft ohne Hochhäuser gebe. Aber es wird auch dichter werden in der Stadt, dazu kündigte er ein Dichtesymposium an das noch im Mai stattfinden solle. Da immer wieder die Höhe des Doms als rote Linie genannt wurde, die nicht überschritten werden dürfe, wandte Ulrich Höller aus INvestorensich beruhigend ein, dass ein Hochhaus sehr teuer sei, was sich auch in höheren Mieten niederschlage. Wie hoch ein Hochhaus werden kann, sei auch abhängig von dem, was der Immobilienmarkt hergebt. Ein 400 Meter Hochhaus sei demzufolge in Köln wirtschaftlich nicht umsetzbar.

Der 69,5 Meter hohe LVR-Turm wird ein 54 Meter hohes Gebäude ersetzen, mehr Höhe war hier mit rücksicht auf den Dom nicht möglich © Visualisierung aus dem Wettbewerb von 2017 kadawittfeldarchitektur/LVR

#2 – Erbe

Kunibert Wachten RWTH Aachen gab in seinem Inputvotrag einen Überblick über die historischen Rahmenbedingungen der Stadt Köln und erläuterte die Idee und das Scheitern einer neuen Stadtkrone in Deutz, die den Welterbestatus des Doms in Gefahr gebracht hatte. Um die visuelle Integrität der Domsilhouette zu erhalten, machte die RWTH Sichtfelduntersuchungen von fixen Standpunkten aus und zur Wahrnehmung in Bewegung. In der Folge wurde die Pufferzone rechtsrheinisch erweitert und eine Alternative zum Cluster gesucht. Die Messe City Deutz zeigt heute wesentlich niedrigere Hochpunkte, ebenso das geplante auch LVR Hochhaus am Ottoplatz. Wachten verwies hier auf das Wiener Memorandum (UNESCO Wien 2005). Wichtig sei die Verständigung auf Tabu-Standorte, dafür liefere das Höhenkonzept von 2007 eine gute Basis.

Die Pufferzone zur Sicherung der visuellen Integrität des Domes, Stand 2007, Quelle UNESCO

Stadtkonservator Thomas Werner erinnerte auf das von Werner Becker schon in den 70er Jahren entwickelten Schüsselkonzept, um den Innenstadtbereich von Hochpunkten freihalten. Darum sollte ein Ring aus Hochhäusern entstehen, darunter das Herkuleshochhaus, das Unicenter, das Colonia Haus. Die Stadtsilhouette in eine geordnete Form bringen, einen verbindlichen Rahmen schaffen, dafür sei das ein guter Anfang gewesen. Dombaumeister Peter Füssenich erläuterte den von der UNESCO gefordert Dom-Managementplan. In Zusammenarbeit mit der Kommune entwickelt und kontinuierlich fortgeschrieben, seien darin die Ziele und Maßnahmen zur neben Pflege und Nutzung formuliert, ebenso enthalten auch Leitlinien für städtebauliche Maßnahmen. Das nicht unumstrittene neues Denkmalschutzgesetz NRW enthalte unter §37 nun explizit den Schutz der Welterbestätten.

Das geplante Hochhaus am Alexanderplatz von sauerbruch hutton. Im Sockelbau befinden sich in den drei unteren Geschossen Einzelhandelsflächen, Restaurants und Coworking-Bereiche, während der obere Teil dem Wohnen vorbehalten ist. Der Turm ist vorwiegend mit Büronutzung belegt. Ein „Garden Club“ im 8. Obergeschoss lädt zum gemeinsamen Aufenthalt der Hochhaus-Nutzer ein. Für Bewohner des Sockelbaus steht im Hof ein weiterer großzügiger Dachgarten zur Verfügung. © Visualisierung sauerbruch hutton

#3 – Anspruch

In ihrem Inputvortrag erläuterte Anina Böhme (Referatsleiterin Senatsverwaltung für Stadtentwicklung und Wohnen Berlin) das Hochhausleitbild für Berlin. Mit den darin formulierten Ansprüchen und Verpflichtungen in Bezug auf städtebauliche und architektonische Qualität, Nachhaltigkeit, Ansprüche an Partizipation und die Vergabe über Wettbewerbe bestätigte sie alle in Bezug auf Köln zuvor genannten Aspekte. Wer ein Hochhaus baue, sei so privilegiert, dass er auch einen Mehrwert für die Allgemeinheit schaffen müsse, dazu gehörten zum Beispiel offene Erdgeschosse oder Dachgeschosse, die gemeinschaftlich nutzbar sind und Multifunktionalität für alle Häuser, höher als 60m. Gelungen sei das Hochhausleitbild, weil es heute trotz der intensiven öffentlichen Diskussion auf zwei Seiten passe. Allerdings benenne es keine Tabuzonen, sondern biete einen Prüfkatalog, mit dem sich die Eignung eines Vorhabens testen lasse. Als Best-Practice-Beispiele zeigte sie das WoHo in Kreuzberg (Partner und Partner, Berlin) und das Hochhaus am Alexanderplatz (sauerbruch hutton).

Ein modularer Kiez aus Holz, das WoHo Kreuzberg von Partner und Partner Architekten, Berlin. Die historische „Kreuzberger-Mischung“ steht heute für ein Zukunftsmodell einer durchmischten Stadt, die ein Nebeneinander von Wohnen, Arbeiten und Gewerbe in einem diversen Stadtgewebe ermöglicht. © Visualisierung Partner und Partner Architekten

Eva Herr (Leiterin Stadtplanungsamt Köln) leitete die anschließende Diskussion mit der Feststellung ein, dass Köln sich über die Jahre in Bezug auf Hochhäuser sehr unterschiedlich positioniert habe, in den 20er und 70ern sehr progressiv, Rückschritte gab es durch die Debatte um den Dom. Derzeit seien mehrere Projekte in der Diskussion, ein Hochhaus am Friesenplatz (ASTOC), ein 145 Meter hoher Bau der DEVK-Konzernzentrale an der Zoobrücke und 2Türme (Carsten Roth Architekt, Hamburg) ein Hochhaus mit 700 Mikroappartments und 260 geförderten Wohnungen für Studierende im Nebengebäude direkt am Colonius. Es gebe einen großen Druck und viele neue Ideen, die Stadt zu verändern, wichtig sei jetzt nur, dass die Stadt hier die richtigen Rahmenbedingungen schaffe, grade für Häuser oberhalb der 60 Meter-Marke. Paul Bauwens-Adenauer (Geschäftsführender Gesellschafter Bauwens Holding), stellte dagegen die These auf, Köln sei vom Städtebau her gar keine Hochhausstadt. Auch wirtschaftlicher Druck sei in Köln kaum gegeben, das Wohnungsproblem könne man mit Hochhäusern nicht lösen. Ein Hochhaus, insbesondere eines das eine schöne, schlanke Silhouette habe, sei keine günstige Lösung, daher auch kein Beitrag zum Thema bezahlbares Wohnen oder die Lösung der Wohnungsnot. Allerdings sehe er überall in der Stadt noch Nachverdichtungspotentiale, wo ein- und zweigeschossig gebaut sei, entlang der Radialen könne man gut auf acht Geschosse gehen.

Die DEVK plant den Neubau eines Hochhauses auf dem Gelände des Zooparkhauses. Vorgesehen ist ein Nutzungsmix aus Konzernzentrale, Wohnungen, weiteren Büroeinheiten, Einzelhandel, Gastronomie, Kita, Ausstellungs- und Eventflächen sowie Konferenzräumen und einer Tiefgarage soll auch zu einer Aufwertung des Viertels beitragen. Die derzeit untersuchte Höhe beträgt 145 Meter, Abstimmmungen mit der Stadt laufen, Gutachten werden erstellt und ein Wettbewerbsverfahren ist geplant. © Modell DEVK

So viel Harmonie?

In ihrem abschließenden Kommentar zeigte sich Prof. Elisabeth Merk (Stadtbaurätin München) sehr erstaunt, dass die Kölner Stimmen in der Hochhausfrage bis jetzt so harmonisch klangen und gab ihre Einschätzung in fünf Punkten wieder:

Verfahren: Köln sei gut aufgestellt, man fange hier nicht bei Null an, baue auf einen Prozess auf. Wichtig sei die Entwicklung eines Prüfkatalogs und ein starker Anspruch, sich über ein räumliches Leitbild zu verständigen.

Rahmenbedingungen: Die Studien zum Dom seien wichtig und sollen weitergeführt werden.Wichtig sei es, das Ziel zu benennen, warum setzt man sich mit Hochhäusern auseinander?

Gesellschaftliche Komponente: Hochhäuser mit eindeutiger Bestimmung werden gut akzeptiert. Politik und der Bauherrenschaft sollten sich ihrer Verantwortung bewusst sein und nicht für die Immobilienmessen bauen, sondern einen Mehrwert im Gemeinwohl schaffen: Wie verhält sich das Haus im Kontext der Stadt? Offene Erdgeschosse, wie ist der Auftritt auf der Ebene der Betrachter.

Werte: Es geht um historische Werte, aber auch an die Werte der Zukunft denken, deshalb muss architektonische Qualität gesichert sein. Jeder Neubau eines Hochhauses muss im gesamtstädtischen Kontext einen ästhetischen Beitrag leisten, muss so gedacht sein, dass er später einmal ein Denkmal sein könnte. Nachhaltig denken hat eine hohe Dringlichkeit, Co2-neutral bauen und betreiben.

Maßstäblichkeit: Vor dem Bau sollten sich alle Beteiligten intensiv mit den morphologischen und topografischen Gegebenheiten auseinandersetzen, in Köln insbesondre den Flussraum mitdenken.

Uta Winterhager

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