Altstädtische Atmosphäre ohne Angsträume auch wenn das Tageslicht schwindet © Foto Jens Willebrand

Integratives Wohnprojekt Klarissenkloster von LK Architekten

2013 hatte Papst Franziskus die Ordensgemeinschaften dazu aufgerufen, ihre leerstehenden Klöster für Flüchtlinge zu öffnen. Ganz in diesem Sinne entschied sich das Erzbistum Köln das aufgegebene Klarissenkloster im rechtsrheinischen Stadtteil Kalk zu einem integratives Wohnprojekt zu transformieren. 2015 überzeugten LK Architekten in einem Qualifizierungsverfahren mit einer behutsamen Sanierung und Öffnung der denkmalgeschützten Klosteranlage, sowie einer feinfühligen Nachverdichtung, die die Voraussetzung dafür bietet, das ehemals abgeschottete Terrain in das umliegende Stadtquartier zu integrieren. Seit dem Frühjahr 2018 ist das „Integrative Wohnprojekt Klarissenkloster“ fertig gestellt. Im Rahmen der „Aktion Neue Nachbarn“ konnten hier gut 2.500 Quadratmeter Wohnfläche neu geschaffen werden.

 

Die Folge der Plätze und Gebäude auf dem Gelände des ehemaligen Klarissenklosters in Kalk © Grafik LK Architekten

 

Öffnung

Stadtseitig öffnet sich das ehemals introvertierte Areal nun mit einem einladend gestalteten Eingangsplatz an der Kapellenstraße. Rechts wird dieser flankiert von der Kirche, links von einem dreigeschossigen Neubau, beide werden als Bildungszentrum der Caritas als Perspektivberatungsstelle genutzt. Das direkt an die Kirche anschließende Quadrum, der ehemalige Wohntrakt der Klarissen, blieb in seiner Ansicht unverändert. Auch die historische Klosterzellenstruktur konnte erhalten werden und mit wenigen Eingriffen in die Substanz zu zwei Wohngruppen und vier Apartments für das Jugendhilfeangebot „Die gute Hand“ umgebaut werden. Dort bekommen nun unter anderem unbegleitete minderjährige Flüchtlinge und psychisch erkrankte junge Menschen die Chance, sich in einer geschützten Umgebung auf eine möglichst selbstständige Lebensführung vorzubereiten.

Das bislang introvertierte Klostergelände erhält eine Öffnung zum benachbarten Stadtquartier über eine neu angelegte Platzfläche unmittelbar an der Klosterkirche. © Foto Jens Willebrand

 

Der Wunsch der Bauherren nach einem deutlich lesbaren aber durchlässigen Stadtquartier wird in der neu geschaffenen Folge von Plätzen, von Aufweitungen und Verdichtungen besonders deutlich. Der Eingangsplatz verjüngt sich trichterartig, um direkt in den Nordplatz überzuleiten. Dieser ist durch seine geschützte Lage an der backsteinernen Fassade des Quadrums mehr halböffentlicher Raum als bloße Passage. Hier schon fällt der Blick des Betrachters auf den Nordflügel des dreiflügeligen Gartenhauses, das im ehemaligen Klostergarten errichtet wurde. Im Zentrum des hell verputzten dreigeschossigen Neubaus, in dem es nun Wohnungen für rund 100 Flüchtlinge und andere Wohnungssuchende mit unterschiedlichen Voraussetzungen und unterschiedlichem Unterstützungsbedarf gibt, liegt etwa ein halbes Geschoss abgesenkt, der neue Quartiersplatz. Alle Balkone, Loggien und Terrassen des Gartenhauses sind auf den Quartiersplatz ausgerichtet, der mit einladenden Sitzstufen, Bänken und einer von Bäumen gerahmten Fläche deutlich zum gemeinsamen Sitzen, Reden, Spielen und Einander-Sehen einlädt.

 

Blick über den Quartiersplatz auf das Quadrum, in dem nun nicht mehr die Klarissen, sondern Jugendliche in Wohngruppen oder Apartments der Jugendhilfe wohnen © Foto Jens Kirchner

 

Wichtig war es nun, die angenehme Atmosphäre, die die fast altstädtisch anmutende Kleinteiligkeit und Dichte bei Tageslicht erzeugt, über ein stimmungsvolles Kunstlichtszenario in die Abend- und Nachtstunden zu transportieren. Arens faulhaber lichtplaner kam dabei zugute, dass das Gelände im Besitz des Erzbistums ist und DIN-Normen – also eine flächige Ausleuchtung des Geländes – hier nicht erfüllt werden mussten. So konnten sie vergleichsweise frei mit dem Licht spielen, konnten mit einer sorgsam komponierten Folge von Lichtinseln ausreichend Helligkeit erzeugen, ohne die Atmosphäre zu zerstören.

 

Vielfalt

Mit der Transformation des Klosterkomplexes änderte sich auch die Nutzung des Kirchenraumes. Dieser sollte nicht länger nur für Gottesdienste und Andachten genutzt werden, sondern darüber hinaus als Begegnungs- und Bildungszentrum unter Leitung der Caritas. Mit interkulturellen und seelsorgerischen Angeboten sollen die die neuen Nachbarn – Geflüchtete und Kölner – direkt vor Ort vernetzt werden. Das 1925 errichtete Kirchengebäude erinnert an die im Münsterland verbreitete spätbarocke Backsteinarchitektur, sachlich doch mit sakralem Charakter.

 

Nutzungsvielfalt für den Kirchenraum © Grafik LK Architekten

 

LK Architekten unterzogen auch den Kirchenraum einer deutlichen Wandlung. Mit neuer, einheitlich weißer Farbfassung und einem durchgängigen, hellen Natursteinboden überschrieben sie die ursprüngliche Funktion des Raumes, als wollten sie mit größtmöglicher Neutralität Schwellenängsten entgegenwirken. Dennoch bleibt der Raum ein Sakralraum. Arens faulhaber lichtplaner unterstützen bzw. imitieren die Wirkung des Tageslichts. Licht und Schatten stellen die Plastizität des weiß-weißen Kirchenraumes auf eine ebenso zurückhaltende wie selbstverständliche Art heraus und lassen den großen Kirchenraum in seiner Gesamtheit erkennbar werden.

 

Die Klosterkirche kann durch die reduzierte Umgestaltung mit mobiler Sitzbank und schwebendem Lichtrahmen neben der Nutzung durch die Flüchtlingshilfe der Caritas auch weiterhin liturgisch genutzt werden. © Foto Jens Kirchner

 

Lesbarkeit

Eine bewegliche Wand mit leichter Krümmung, innen hölzern ausgekleidet, ihre Rückseite weiß und schallschluckend, kann den Raum für Gottesdienste auf ein gewünschtes Maß begrenzen. Ganz zurückgeschoben, findet sie unter der Empore ihren Platz. Zur Gliederung des großen Kirchenschiffes haben die Architekten und Lichtplaner einen ellipsenförmigen Baldachin entworfen, der von den Seitenwänden abgespannt ist und kann mit einem verschiebbaren Akustikvorhang aus hellem Stoff zu einem (Seminar-)Raum im Raum geschlossen werden kann, so dass der umgebende Kirchenraum temporär zum Foyer wird.

 

Verschiedene Nutzungsszenarien – hier ein Seminarraum – sind in dem mit Akustikvorhängen abgetrennten Raum im Kirchenraum möglich © Foto Jens Kirchner

 

Standpunkte

Eine besondere räumliche Situation ergibt sich durch die Umnutzung der Empore. Mit einer Regal- und Funktionswandscheibe und darüber anschließenden Glasflächen ist der Bereich partiell vom Kirchenschiff abgetrennt, so dass eine Büronutzung mit Kirchenblick möglich wird.

 

Die Empore ist nur akustisch vom Kirchenraum getrennt, der Blickkontakt ist von den Büroarbeitsplätzen weiterhin möglich © Foto Jens Kirchner

 

Im Februar 2018 wurde das kleines Stadtquartier mitten in Kalk bezogen. Möge der Mut an ein lebendiges und integratives Zusammenleben verschiedener Kulturen und Lebensentwürfe zu glauben, dort belohnt werden. Denn Projekte wie dieses, die nicht den Charakter eines Provisoriums tragen, sondern im festen Glauben an das Gelingen, auf eine gemeinsame Zukunft auftreten, sind leider sehr selten.

Uta Winterhager

 

 

 

 

 

 

 

 

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