Selten aus der Nähe gesehen - das Herkuleshochhaus. Dabei bietet es genügend Details, die es wert wären. Foto © Uta Winterhager

Ein Plädoyer für die Farbe in der Stadt

Früher war alles bunter. Zumindest haben meine Kinderaugen das so gesehen. Vielleicht schaue ich mir ich die beiden bunten Hochhäuser in Köln deshalb so gerne an, weil sie von früher erzählen. Von großen Ideen und einfachen Mitteln – das haben das Herkuleshochhaus und das Funkhaus der Deutschen Welle gemeinsam. Und noch etwas teilen sie, das trauriges Schicksal der Ungemochten und Unverstandenen. Dabei bieten die Häuser mit ihren farbigen Fassaden gleich zwei Gründe, sie zu mögen. Sie entschuldigen sich mit großer Geste dafür, dass sie den Blick verstellen und einen riesigen Schatten werfen. Und sie machen der Stadt ein großes Geschenk: Konkrete Kunst auf über 50.000 Quadratmetern, öffentlich und weithin sichtbar und das seit vielen Jahrzehnten.

 

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Das Super-Wohnhaus wollte etwas anderes als seine bürgerlichen Nachbarn und ist es bis heute geblieben. Foto © Uta Winterhager

 

Der Geist der Stadt ist nicht grau

Jeder kennt das Papageienhochhaus, das dort so plötzlich und so unerwartet bunt steht, jeder fährt ständig daran vorbei aber niemals hin. Und jeder möchte dazu eine Geschichte erzählen, etwas Skurriles, etwas Unheimliches, Trauriges oder Fieses. Als Peter Neufert (1925-1999) Ende der 60er Jahre von der Dr. Rüger Immobilien Holding mit dem Entwurf eines Super-Wohnhauses beauftragt wurde, gab es in Köln zwar Beispiele der noch jungen Typologie des Wohnhochhauses, doch sein 31-geschossiges Herkuleshochhaus sollte sie um mehr als 30 Meter überragen und erstmals die 100-Meter-Marke überschreiten. Obschon das städtebauliche Konzept vorsah, die Höhe von Neubauten im Stadtkern zu beschränken, waren Hochhäuser als Landmarken an den Ausfallstraßen ausdrücklich gewünscht. Die Stadt, die schnell und viel Wohnraum benötigte, genehmigte das Experiment mit der Vertikalen am nördlichen Autobahnzubringer. Einen Sicherheitsabstand zur Innenstadt gewährten der inzwischen zum Mediapark gewandelte Güterbahnhof Gereon und der Herkulesberg. Eigentlich ist die Graeffstraße in Neuehrenfeld keine schlechte Ecke, innenstadtnah und direkt am Grüngürtel in einer bürgerlichen Nachbarschaft, doch die auf zwei Ebenen geführte Kreuzung von Autobahnzubringer und die Ringstraße bildet eine ungute Insellage aus. Neufert war dazu angehalten wirtschaftlich und mit hoher Ausnutzung der Fläche zu planen und präsentierte einen hocheffizienten Komplex, aus einem Wohnhochhaus, einem 14-geschossigen Büro- und Wohngebäude und einem Parkdeck. Das war groß, fast sogar schon im städtischen Maßstab gedacht.

 

Die Ordnung im System der Fenster und farbigen Emaille-Elemente bestimmen ganze und halbe Quadrate. Der Rapport wiedrholt sich in der Höhe alle zehn Etagen, zu selten, um ihn zu erkennen. Zeichnung © Uta Wintehager

 

 

Homage to the Square

Dass hier etwas Neues entstanden war, zeigte das Herkuleshochhaus nicht nur durch demonstratives Desinteresse an seiner Nachbarschaft, sondern mit Höhe, Farbigkeit und einer systemimmanenten Ordnung. Das Raster der Konstruktion überlagerte Neufert mit einer Vorhangfassade aus emaillierten Metallpaneelen, die das Gebäude von der ersten bis zur 31. Etage wie eine Haut vollkommen plan überzieht. So wurde das Haus zu einem abstraktem Körper, die Fassade zum Träger einer konkreten, dreidimensional gedachten Komposition oranger, roter und hellvioletter Quadrate auf blauem Grund. Farben, die Neufert häufig verwendete, sofern man ihn ließ. (Bis zur radikalen Fassadensanierung zeigten die keramikverkleideten Balkone und Brüstungen eines Neufert-Hauses in der Brüsseler Straße 82 ein ähnliches Farbspiel.) Über die farbige Bildebene legte Neufert ein davon scheinbar unabhängiges Netz aus Fensteröffnungen, die da liegen, wo die Wohnungsgrundrisse sie bedingen. Fast provokativ perforieren geöffnete Fensterflügel die perfekte Haut. Dennoch gibt es hier nur ein Raster, eine Ordnung aus halben und ganzen Quadraten, das die Fassade bestimmt. Dass es darin einen Rapport gibt, der sich nach 10 Etagen wiederholt, entzieht sich der Wahrnehmung.

Josef Albers riet Neufert angesichts seines Entwurfs zu einer weißen Fassade. War der junge Architekt seinem Werk hiermit zu nahe gekommen? Zeichnung der Abwicklung © Uta Winterhager

 

Zur Diskussion dieses Fassadenentwurfs hatte Neufert den von ihm sehr geschätzten Josef Albers in Amerika besucht. Die überraschende Empfehlung des Künstlers, das Bild zu verwerfen und die Fassade weiß zu machen, ignorierte er trotzig. Ihm war die Monotonie der deutschen Großstädte zuwider und er sparte nicht mit Kritik an denen, die ihn zwingen wollten, seine Haltung als Baukünstler aufzugeben: „Wo bleibt der Ausdruck des Geistes dieser Stadt, der in jedem seiner Bürger lebt? Diese Kölschen Bürger, die so heiter sind, voll des Sinnes für das Leben den Fortschritt? Was wird aus ihr, wenn man jede Transponierung dieses Geistes in die wirklichkeitsnahe Architektur unterbindet? Was wird die Generation unserer Kindheit zu unseren Bauten sagen? Wie werden diese Kinder über die Farblosigkeit und die Mittelmäßigkeit dieser Bauten urteilen und wen werden sie zur Rechenschaft ziehen?“ klagte er 1966 auf dem Richtfest der Kölner Saarbachbauten. [1] Wenige Jahre später bildete die Fassade des Herkuleshochhauses den Geist der Stadt auf wunderbare Weise ab. Und dennoch funktioniert dieses Haus als Wohnhaus nicht gut. Für zu viele ist die Anonymität zu verlockend, während sie andere ängstigt oder deprimiert. Dabei hatte Neufert mit unterschiedlichen Wohnungstypen Vielfalt eingeplant, Begegnung in Lobby, Schwimmbad, Sauna, Partyraum und Waschküche arrangiert und Sicherheit mit einer rund um die Uhr besetzten Pförtnerloge vorgesehen, aber der Geist der Stadt ist in dieser Architektur nie zuhause gewesen. Und wenn sich viele im Vorbeifahren einfach nur daran stören, dass dieses Haus anders ist als alle anderen.

Während beim Herkuleshochhaus noch über Wanzenbefall, Selbstmorde, Messerstechereien und auch über Denkmalschutz und diskutiert wird, ist es für die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle bereits zu spät.

 

In Farbe für alle

In Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde 1974 am Raderberggürtel der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt, Landmarken für die südliche Stadteinfahrt. Gerhard Weber und Partner setzten auf die Wirkung der Konstruktion und entwarfen für den Deutschlandfunk ein Hochhaus, dessen 15 Etagen mit einem freiliegenden Tragwerk von einem Stahlbetonkern abgehängt wurden, während die Planungsgruppe Stieldorf das Hochhausdoppel für die Deutsche Welle mit farbigen Fassadenelementen in Szene setzte. Die Türme der Sender bildeten ein eigenwilliges und wie gewünscht stadtbildprägendes Ensemble und setzten damals schon ein Zeichen für die Bedeutung, die Fernsehen und Rundfunk bald zukommen sollte.

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von Köln nahc Brüssel: Einen letzten großen Auftritt hatte das Funkhaus der Deutschen Welle in der RTL-Serie „Deutschland 83“ als NATO-Hauptquartier. Foto © Uta Winterhager

 

Das schlanke Doppelhochhaus der Deutschen Welle steht auf einem ausgedehnten Unterbau mit Tiefgarage, Technikzentrale und Gemeinschaftseinrichtungen. Der 22-geschossige Studioturm und der 37-geschossige Büroturm wurden als Stahlskelettbauten um einen Betonkern gebaut. Zwischen ihnen steht statisch unabhängig der Aufzugsturm, dessen oberste Geschosse mit einer Plattform für Parabolspiegel über den Büroturm hinausragen. So ist das Funkhaus mit 137,66 Metern das dritthöchste Hochhaus von Köln. Es ist jedoch nicht die Höhe, die es auszeichnet, sondern auch hier wieder die farbige Gestaltung der Fassaden. Zwischen außenliegenden Stürzen sitzen Fassadenelemente in einer warmen von Rot über Orange und Gelb zu Ocker abgestuften Farbpalette für den Studioturm, und einer kalten, von Blau, über Petrol zu Grün- und Gelbtönen führenden für den Büroturm. Wo so viel Farbe ist, bleibt allerdings nur wenig Fläche für Fenster, vielleicht egal, denn man wollte gesehen werden, nicht sehen.

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Auch abstrakt noch schöner als gedacht. Abwicklung der Fassaden Ost-Nord-West-Süd. Zeichnung © Uta Winterhager

 

Anfang der 1970er Jahre war die Welt in den Medien noch überwiegend Schwarzweiß, so hätte sich der Sender kaum ein großartigeres Bild wünschen können als diese Farbexplosion: Ein Testbild für die Fernsehzukunft als Leuchtturm mitten in der Stadt. „Alles so schön bunt hier!“ habe ich grade Nina Hagen im Ohr. Während Neufert Farbe als gesellschaftspolitisches Statement einsetzte und damit zu seinem persönlichen Markenzeichen machte, ist sie im monochromen und schwarzweißen Werk der Planungsgruppe Stieldorf eine in dieser Fülle einmalige allein aus der Bauaufgabe generierte Erscheinung.

Bis 2003 arbeiteten die 1.400 Mitarbeiter der Deutschen Welle hier mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den weißen Schürmannbau in Bonn. Seitdem steht das Doppelhochaus leer, wurde verkauft und wird 2017 abgerissen, um Platz für ein Wohnquartier zu machen. Es ist eine sperrige, schwierige Immobilie, über eine Umnutzung wurde aber trotz ihrer unbestrittenen Zeichenhaftigkeit kaum nachgedacht. Vergessen waren all die guten Vorsätze und Ideen, die in Workshops und Symposien diskutiert und durchgespielt wurden – von einer praktizierten Umbaukultur sind wir also doch noch weit entfernt. „Die Welle“, wie das Projekt inzwischen heißt, wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist eine wirtschaftliche: Zwei Jahre wird es dauern bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt gebaut werden kann. Und was danach kommt, wird keine Architekturgeschichte schreiben.

Ich möchte weder im Herkuleshochhaus wohnen, noch im Funkhaus arbeiten. Ich möchte sie von außen betrachten und mich daran freuen, wie hier – lange noch bevor die Fassaden all das gelernt haben, was sie heute können müssen – Flächen bespielt wurden. Und mich an eine Zeit erinnern, in der Farbe genügte, um etwas zu sagen.

 

Uta Winterhager

 

 

[1] zitiert in Anka Ghise-Beer „Das Werk des Architekten Peter Neufert“ Dissertation vorgelegt an der Bergischen Universität / Gesamthochschule Wuppertal, S.150

 

Dieser Text wird am 17. Januar 2016 in der Pretty Ugly Ausgabe von moderneREGIONAL, dem Online-Magazin für Kulturlandschaften und Nachkriegsmoderne erscheinen.

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