Infrastruktur und öffentlicher Raum - die Baukulturwerkstatt in Köln © Bundesstiftung Baukultur

Infrastruktur und Elemente öffentlicher Räume: Via Culturalis und Domplatte/Rheinkante

Mobilitäts- und Energieinfrastrukturen prägen unsere Landschaften und städtischen Räume – nicht immer zum Vorteil. Sie bergen eine Vielfalt an gestalterischen und technischen Optionen, von Möblierungselementen bis zu großen Infrastrukturen. Hierbei spielen Form, Funktion und Erscheinung gleichermaßen eine Rolle. Die voranschreitende Digitalisierung und die notwendige Verlagerung von sektoraler Denkweise hin zur fachübergreifenden Zusammenarbeit eröffnen wachsende Möglichkeiten: Räume können neu strukturiert werden, Funktions- und Nutzungsmischungen steigern die Aktivität und Attraktivität eines Ortes und bieten ein großes Gestaltungspotential. Denn baukulturelle Qualitäten, sei es durch den Einsatz innovativer Techniken und Materialien, nutzungsfreundlicher Designs oder planerischer Leistungen, entfalten ihre Wirkung besonders in öffentlichen Räumen, die von der breiten Gesellschaft genutzt und getragen werden.

Die Diskussion und der Austausch über gelungene und ausbaufähige Konzepte soll zu neuen Ideen anregen und die kontinuierliche Verbesserung unserer öffentlichen Räume fördern. Die Bundesstiftung Baukultur lädt in Kooperation mit der Bundesingenieurkammer zur Baukulturwerkstatt nach Köln ein und widmet sich mit dem Fokus „Infrastruktur und Elemente“ dem zweiten von insgesamt drei Themenschwerpunkten zu öffentlichen Räumen.

Die Baukulturwerkstätten sind das zentrale Veranstaltungsformat der Bundesstiftung. Die daraus resultierenden Ergebnisse fließen in den nächsten Baukulturbericht 2020/21 „Öffentliche Räume“ ein.

Nach einem Auftakt mit Besichtigungen und Empfang am 13. Mai, bietet der Werkstatttag am 14. Mai Impulsbeiträge zu konkreten Projekten und offene Diskussionsrunden an drei Werkstatttischen. Hier besteht die Möglichkeit zur Mitwirkung im Arbeitsprozess für alle Interessierten.

Letzte ARbeiten am Dionysos-Brunnen vor dem Baptisterium im Domsockel Foto © Uta Winterhager

Führung 1: Via Culturalis mit Ausblick in die Innenstadt

Ira Scheibe (koelnarchitektur.de) und Stephan Lenzen (RMP Stephan Lenzen, Landschaftsarchitekten)

Als bedeutsamer innerstädtischer Kulturpfad zwischen dem Kölner Dom im Norden und der romanischen Kirche St. Maria im Kapitol im Süden spannt sich ein Stadtquartier auf, das in seiner Bedeutung für die Kölner Stadtgeschichte und in seiner Dichte an bemerkenswerten Kulturbausteinen einzigartig ist. Die Rasterstruktur der römischen Stadt Köln hat sich bis in die heutige Zeit in einigen Straßenzügen, wenn auch leicht verändert, im Wesentlichen erhalten. Der römische Cardo – die Nord-Süd-Verbindung – entspricht exakt dem Verlauf der Hohe Straße. Die römische Stadtkante zum Rhein hin, die aus drei Terrassenstufen bestand, ist im Stadtgrundriss deutlich ablesbar. Die untere Kante lief parallel zur Martinstraße. (…) wie Perlen an einer Schnur sind entlang dieser Verbindung kulturelle Einrichtungen und historische Ereignisse aufgereiht: Römisch-Germanisches Museum – Museum Ludwig – das Diözesanmuseum – der Eingang zum Praetorium – das historische Rathaus mit Renaissancelaube und Rathausturm – (…) das neue Jüdische Museum – das neue Wallraf-Richartz-Museum – die Kirche St. Alban mit der Kolbe-Plastik – sowie der Gürzenich, das historische Festhaus Kölns“ (Oswald  Mathias Ungers). Eine wichtige Klammer ist der öffentliche Raum, für den sich der Begriff der Via Culturalis eingeprägt hat. Im heutigen Zustand weist dieser Stadtraum noch Defizite auf, die seiner Bedeutung nicht gerecht werden. Das schmale Stadtraumprofil leidet an einer Überbelegung durch Beschilderung und Möblierung. Die Gestaltung der Oberflächen ist nicht einheitlich und zum Teil sanierungsbedürftig. Die funktionale Belegung der flankierenden Bauten ist teilweise minderwertig. Das Gestaltungshandbuch ist ein erster richtungsweisender Baustein, um Standards zu formulieren und zu verstetigen. Die Kontinuität in der Planung sowie die Verbindlichkeit vereinbarter Ziele werden so gesichert und im Ergebnis die stadträumliche Qualität nachhaltig gesteigert.

Treppe der Domumgebung Ost (Allman Sallter Wappner) oberhalb des Baptisteriums © Uta Winterhager

Führung 2: Domplatte und Sichtachsen am Rheinufer

Uta Winterhager (koelnarchitektur.de) und Maik Böhmer (Planorama Landschaftsarchitektur)

Mit der Neugestaltung der Domumgebung (2002 – 2017) wurde die beeindruckende Präsenz des Kölner Doms im Stadtbild wieder betont und von jahrzehntelanger Überlagerung durch bauliche Strukturen befreit. Das Planungskonzept von Allmann Sattler Wappner (München) für die Domumgebung folgt dem Prinzip, durch Reduktion das Bestehende wieder sichtbar zu machen. Der bauliche Bestand wird in vier Bauabschnitten mit größtmöglicher Zurückhaltung und durch wenige, präzise gesetzte Interventionen und Materialien bereinigt und konturiert – mit dem Ziel, den Raum im Kontext von Dom und Nachbarbauten spannungsvoll und vielfältig nutzbar zu inszenieren. In der Konsequenz entstehen einfach lesbare, räumliche Situationen, die die Aufenthaltsqualität im öffentlichen Bereich auf allen Ebenen um den Dom wieder herzustellen. Vor dem Baptisterium ist ein großzügiger, öffentlich nutzbarer Platz entstanden. Damit wird ein Entree zur Taufkapelle des Doms geschaffen, die als veredelter Rohbau den ältesten Tauf-Ort nördlich der Alpen beherbergt. Die angrenzenden Schauräume der Dombauhütte und des Römisch-Germanischen Museums bereichern den Stadtraum zusätzlich als Straßenmuseum.

Das städtebauliche Gesamtkonzept für die Umgebung des UNESCO-Weltkulturerbes Kölner Dom ist das Ergebnis eines über zehn Jahre andauernden moderierten Beteiligungsverfahrens, in das alle direkt von der Planung betroffenen Stakeholder – Architekten, Anlieger und Vertreter der Politik und Verwaltung – eingebunden sind.

Die Ufertreppe gesehen von der Hohenzollernbrücke © Foto Vera Lisakowski

Mit dem Wettbewerb Rheinboulevard Köln ergriff die Stadt Köln die einmalige Gelegenheit, das bisher aus dem Stadtgebiet heraus und an den Rand gedrängte rechtsrheinische Ufer mit dem Stadtkern zu verbinden. Der lange unterschätzte Stadtteil Deutz bietet mit der von planorama (Berlin) entworfenen Ufertreppe seit 2016 einen großzügigen Zugang zum Wasser und einen Ort, von dem aus man das beeindruckende Panorama der Kölner Altstadt gegenüber dem Kölner Dom genießen kann. Die Anziehungskraft der rechten Rheinseite wurde verstärkt, und durch das Wasser wurde ein öffentlicher Raum geschaffen, der auch für Köln als Ganzes zu einer größeren Anziehungskraft geführt hat. Die Bauarbeiten am Wasser waren auch in Bezug auf die Statik und den Bauprozess eine große bautechnische Herausforderung. Die Neubauten am bisher unzugänglichen Rheinufer zeichnen sich durch eine sehr hohe und komplexe Gewässerarchitektur aus, die nach umfangreichen Hochwasserschutzanforderungen gebaut wurde. Darüber hinaus wurden während der Bauarbeiten archäologische Funde aus 2000 Jahren Kölner Geschichte ans Licht gebracht, die teilweise in die Planung einbezogen wurden und auch eine Diskussion über den Umgang mit dem eigenen historischen Erbe anregten. Für die Vermittlung des Projektes wurden eine Reihe von Verfahren zur Bürgerbeteiligung und gemeinsame Planungsworkshops durchgeführt. Im Juli 2015 wurde die 450 Meter lange Ufertreppe des Rheinboulevard Köln offiziell eröffnet und ist seither ein Ziel für die Kölner Bürger geworden. Da das Projekt im Rahmen der „Regionale 2010“ organisiert wurde, erhielt es Mittel aus dem Stadtentwicklungsprogramm in der Kategorie Unterstützung der Stadterneuerung.

Die Baukulturwerkstätten sind das zentrale Arbeits- und Veranstaltungsformat der Bundesstiftung Baukultur und richten sich an Akteure aus Planung, Wirtschaft und Verwaltung. Ziel der Werkstätten ist es, übertragbare Lösungsansätze für bauliche Herausforderungen zu vermitteln und zu diskutieren. Zudem bieten die Veranstaltungen eine Plattform zum Erfahrungsaustausch und Netzwerken. Erkenntnisse aus den Werkstätten fließen in die Erarbeitung des Baukulturberichts mit ein.

2019 finden drei Werkstätten zum Thema „Öffentliche Räume“ in Erfurt/Weimar, Köln und Ulm statt.

red | uw

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