Architecturebombing © Grafik koelnarchitektur unter Verwendung einer Visualisierung von RKW+

Architecturebombing ist eine freiwillige oder unfreiwillige Aktion beim Entstehen von Architektur

Architecturebombing (im Deutschen auch Architekturbombe) ist eine freiwillige oder unfreiwillige Aktion beim Entstehen von Architektur, bei dem sich ein Büro oder ein Entwurf in den Vordergrund oder gut sichtbar in den Hintergrund drängelt bzw. die Aufmerksamkeit des Diskurses auf sich zieht. (Frei nach Wikipedia: Photobombing)

Opernhäuser sind ein tolles Thema, Hochkultur, glücklich die Stadt, die sich den Bau eines solchen Schmuckstücks leisten kann. Auch in den Medien sind sie extrem populär, welche Zeitung schmückt sich nicht gerne mit einem solchen Architektur-Juwel auf dem Titel. Das funktioniert auch, wenn es sich nur um die Idee eines Opernhauses handelt. Denn die digitale Bilderzeugung macht die Unterscheidung von gebaut und gedacht (für den Laien) zunehmend schwerer. Und das Rendern geht schnell. Ohne jahrelanges Gezeter, ohne Politik, ohne Krisen und rollende Köpfe. Nur zwei Wochenenden haben RKW Architektur+ investiert, um auf eine Landzunge im Düsseldorfer Medienhafen ein strahlendes Opernhaus zu zaubern: „eine Oper, welche im internationalen Vergleich die Landeshauptstadt modern und weltoffen repräsentiert; zudem eine Oper am Rhein für alle Düsseldorfer“.  Ziemlich perfekt sieht ihre Vision aus, bis ins Detail durchdacht, es gibt Zahlen und Antworten auf alle Fragen. Prinzipiell könnte also morgen damit losgelegt werden. Sofort titelte die Rheinische Post „Klein-Sydney am Rhein“, andere dachten an die neuen Häuser in Hamburg, Oslo oder Kopenhagen. Eine Reihe, in die sich Düsseldorf – wie jede Stadt – gerne einordnen möchte. Aber woher kam plötzlich dieses neue Opernhaus?

Die Deutsche Oper am Rhein, Düsseldorf 1959 © Bundesarchiv, B 145 Bild-F006251-0008 / Steiner, Egon / CC-BY-SA 3.0

Das real existierende Haus der Deutschen Oper am Rhein steht am Rand der Innenstadt am Hofgarten. Es ist keine Ikone, wohl aber ein Denkmal. Schon einmal (2006) bezog die Oper für ein Jahr eine Interimsspielstätte, während das alte Haus für 30 Millionen Euro saniert wurde. Doch um kurz- und mittelfristig einen zuverlässigen und sicheren Spielbetrieb zu gewährleisten, sei, so die Stadt, eine erneute Sanierung notwendig, teilweise sogar dringend notwendig. Sie schätzt die Kosten für den reinen Substanzerhalt inklusive Bühnentechnik der nächsten 25 Jahre auf rund 87 Mio. Euro, für weitere Bereiche seien die Fachgutachten noch in Arbeit. Unvermeidbar die Frage: Lohnt sich das noch? Diese Frage möchte die Stadt so nicht beantworten. Sie sieht ihre Oper als eine von vielen Kunst- und Kultureinrichtungen, die in dem derzeit laufenden städtebaulich-freiraumplanerischen Wettbewerb „Blaugrüner Ring“ mit den Gärten, Parks und dem Rheinufer zu einer „erleb- und wahrnehmbaren Stadtlandschaft“ verbunden werden sollen. Ein Ergebnis des Verfahrens, in dem auch „die Anforderungen an ein zukunftsfähiges Opernhaus“ berücksichtigt werden, wird es Ende des Jahres geben. Aber noch keine Architektur. Die gibt es in einem inoffiziellen Wettstreit, der mit dem Auftauchen der RKW-Oper einen medialen Höhepunkt erreicht hat.

Entwurf für ein neues Opernhaus am alten Standort, Ansicht aus dem Hofgarten © Projektschmiede

Gehen wir noch einmal ein Jahr zurück: Die Düsseldorfer Projektschmiede, hinter der das Büro meyerarchitektur steht, stellte Anfang 2018, als die marode Oper bereits Stadtgespräch war, sechs Denkmodelle von der Generalsanierung bis zu einem Neubau an alter oder neuer Stelle auf, und verbreitete sie in der Lokalpresse und in den Ratsfraktionen, um der Diskussion eine sachliche Basis zu geben. Jan Hinnerk Meyer betrachtet den unaufgeforderten und unbezahlten Einsatz seiner beruflichen Expertise als ehrenamtliches Engagement. In die Zeitungen schafften es von seinen sechs Denkmodellen vor allem drei Bilder: Ein neues Opernhaus auf der Landzunge der Kesselstraße im Hafen, das am alten Standort Platz für ein Hochhaus macht. Eine Alternative am Standort des Altbaus im Hofgarten und eine Überbauung des Bestands. Damit war der Ehrgeiz der lokalen Planerszene geweckt.

Neuer Opernstandort Kesselstraße im Hafen © Projektschmiede

Joachim H. Faust, Geschäftsführender Gesellschafter von HPP trat im Januar 2019 vor den über 400 Gästen beim JLL Neujahresempfang mit einer Skizze auf. Comicartig dargestellt, reduzierte er sein Opernhaus auf einen knapp 140 Meter hohen Stapel Kartons, die jemand im Hofgarten abgestellt hat. Unten eine große Kiste Oper, dann ein Kanton Hotel, ein Karton Wohnen und ein Karton Büros. Als Modell kann man das genau so stehen lassen, denn es hat getan, was es tun sollte: die Diskussion weiter befeuert. Ein Neubau am alten Standort als Option. Dabei ging es weniger um Form und Gestaltung, sondern um den finanziellen Spielraum, den ein PPP aus Kultur und Wirtschaft einem solchen Großprojekt eröffnen würde.

Konzeptskizze für eine neue Oper am alten Standort © Grafik: Joachim H. Faust / HPP Architekten

Drei Wochen nachdem die Lokalpresse dieses Modell veröffentlicht hatte, wandte sich RKW Architektur+ mit besagten Bildern und Informationen an die Lokalpresse. Aufgrund der großen Nachfrage weitere Medien versandten sie eine Pressemitteilung an die überregionale Fachpresse. „Der Entwurf hat eingeschlagen wie eine Bombe“, verkündete der geschäftsführende Gesellschafter von RKW+ Dieter Schmoll in der WDR-Sendung Lokalzeit.

„eine kleine Ideenskizze für eine neue Oper an einem neuen Standort“ © RKW+

Das schreckte den BDA Düsseldorf auf, der es nach einer kritischen Stellungnahme nun vorzieht, die Angelegenheit intern zu regeln. Die Architektenkammer NRW dagegen äußerte sich begeistert über die Diskussion, die derzeit an ihrem Standort Düsseldorf im Gange sei. Es sei wichtig, dass der Berufsstand sich einmische, das Vergaberecht untersage nicht die Verbreitung guter Ideen, so Hauptgeschäftsführer Markus Lehrmann. Die politische Diskussion profitiere von den Beiträgen der Architekten und Stadtplaner.  Starke Bilder seien in unserer Zeit das zentrale Instrument, mit dem Ideen kommuniziert werden; selbst in dieser frühen Phase, in der es zunächst um Standorte, nicht um Architektur gehe. Ohne konkurrierendes Verfahren – sprich: ohne Wettbewerb – könne ohnehin keine Oper gebaut werden, das sei ja allen Beteiligten klar.

Innenraumperspektive Opernentwurf © RKW+

Ein prominentes Beispiel für das unaufgeforderte Mit- und Weiterdenken gab Christoph Ingenhoven, der mit seinem 2003 auf der MIPIM vorgebrachten Vorschlag zur Umgestaltung des Kö-Bogens schließlich einen gewaltigen Stadtumbau angestoßen hat. Was Ingenhoven mit Schmoll, Faust, Meyer, aber auch mit Lehrmann und dem BDA Vorstand verbindet, ist, dass sie alle gebürtige Düsseldorfer sind. Sie kennen ihre Stadt mit ihren Schwächen und ihrem Potential, fühlen sich ihr persönlich verbunden und verpflichtet. Doch der Architekt will bauen, sei es nun aus ideellen oder wirtschaftlichen Gründen. Und um dies zu unterscheiden, schauen die Kollegen sehr genau hin. So manchen mag es irritieren, wenn Architekten, die traditionell warten bis sie gefragt und für ihre Antworten in Form eines Vorentwurfs bezahlt werden, nun eine zunehmend aktive Rolle übernehmen. Doch ihnen das Mitdenken zu verbieten und damit auf ihre Expertise zu verzichten, wäre unvernünftig. Allerdings bleibt die Frage nach der Angemessenheit der Mittel, die sie auf den Markt werfen. Wenn es wie bei RKW eigentlich nur darum geht, „zu inspirieren, Ideen zu skizzieren und einen Standort aufzuzeigen“, muss man nicht auftreten, als hätte man BAM!!! einen riesigen Wettbewerb gewonnen.

Uta Winterhager

Dieser Beitrag wurde als Betrifft: für die Bauwelt 8.2019 verfasst und erscheint hier in einer leicht veränderten Fassung.

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