Regenwetterromantik auf der bei trockenem Wetter immer gut besetzten Ufertreppe © Foto: Vera Lisakowski

Gute Gestaltung braucht kein schönes Wetter

So nass war ich lange nicht mehr. In Peking vielleicht, damals im Sommer 2008, als meine Videokamera im Rucksack-Wasserbad trotz Plastiktüte das Zeitliche segnete. Aber seitdem? Dabei hatte der Regenradar eindeutig angezeigt, dass es vorbeiziehen würde. Auch die Wetter-App war sicher: bewölkt, ja, aber kein Regen. Galt es doch, die Freitreppe am Rhein einzuweihen. Stilecht, mit Sekt, Picknickdecke und Antipasti.

Die offizielle Einweihung war Anfang Juli – „früher als geplant“, wie überall zu lesen ist. Nicht wirklich früher, wenn ich mich recht erinnere. Als Teil der Regionale 2010 wurde seit 2006 am Projekt Rheinboulevard geplant. Ein Fertigstellungsdatum 2013 schwebt irgendwo in meinem Hinterkopf. Und originellerweise kamen die Hauptverzögerungen mal nicht von den Archäologen sondern vom Kampfmittelräumdienst. Aufgrund ihres Einspruches musste 2011 noch mal komplett umgeplant werden.

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Noch ist der Zugang auf die Uferterppe nicht von allesn Seiten möglich. © Foto: Vera Lisakowski

 

Topf voll Gold

Aber egal, die Fördergelder vom Land in Höhe von 14 Millionen Euro flossen trotzdem – und nun ist das Werk fertig: Was für ein Blick auf dem Weg über die Hohenzollernbrücke. Zwischen den Wolken knallt die Sonne genau auf die breitstufige Treppe. Und dort, neben dem Lufthansa-, nein, Lanxess-oder-wie-auch-immer-Hochhaus erscheint sogar das Stück eines Regenbogens. Wenn das kein Zeichen ist: Der Topf voll Gold am Ende des Rheinboulevards!

Beim Näherkommen festigt sich allerdings die Erkenntnis, dass nicht zwingend fertig sein muss, was eingeweiht wird. Direkt hinter der schicken hellen Treppe mit der steilen, fast schwarzen Mauer breitet sich die Wüstenei einer Baustelle aus. Fertig ist lediglich der untere Bereich, der eigentliche Boulevard auf Höhe der Hyatt-Terrasse ist unzugängliches umgegrabenes Erdreich. Aber wir wollten ja ohnehin auf die Treppe. Bauzäune versperren den direkten Zugang, so dass man von der anderen Seite der Hohenzollernbrücke den sanft abfallenden Weg zur Treppe nehmen muss.

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© Foto: Vera Lisakowski

 

Sekt und Sonnenuntergang

Dort, ganz am Anfang, sitzt eine Kleinfamilie auf der Kante der ersten Stufe, einige Dosen mit Weintrauben und Crackern zwischen sich. Richtig gemütlich haben sie es sich nicht gemacht, als wollten sie gleich wieder aufspringen. Ein Skateboarder nutzt den Schwung, den die schräge, glatte Fläche liefert als Hilfe für die restlichen 500 Meter bis zur Deutzer Brücke. Ein chinesisches Touristen-Pärchen fotografiert sich gegenseitig vor dem Köln-Panorama. Und vereinzelt haben sich kleinere Gruppen oder Paare auf den Stufen niedergelassen, mit Bier- oder Piccolo-Flaschen.

Für uns, natürlich auf der obersten Stufe, lässt es sich gut an: Die Sektflasche hat den Tag im Bürokühlschrank (versehen mit der Warnung „Wichtig für die Berichterstattung! Bitte liegen lassen!“) gut überstanden. Die aus dem Keller gefischten Sektgläser erweisen sich als edler als vermutet und die unabhängig voneinander mitgebrachten Leckereien harmonieren hervorragend. Wir ernten bewundernde Blicke für unser stilvolles und dennoch gemütliches Lager auf der bunten Picknickdecke. „Richtig so“ hören wir von Vorbeigehenden, „super, mit Sekt“ ist ein anderer Kommentar.

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Die Hohenzollernbrücke zu Fuß zu überqueren ist immer schön. Von hier aus ist die Uferreppe in voller Länge zu sehen. © Foto: Vera Lisakowski

 

Bester Blick und Dauerregen

Die Restwärme der dunklen Mauer im Rücken macht den Blick auf den Dom im orangefarbenen Abendlicht noch heimeliger. Die unversiegelten, dichten Betonstufen wirken – man mag es angesichts des Streits um die Reinigungskosten kaum sagen – glatt und sauber, einladender als jede andere Freifläche in Köln. Der Blick wird von Minute zu Minute besser – allerdings auch bedrohlicher. Ein Feuerwehrboot brettert vorbei, sucht etwas unter der Hohenzollernbrücke. Wir sind abgelenkt und verpassen den Moment, in dem es zu regnen beginnt. Das geht bestimmt vorbei, denken wir. Die Fototasche ist wasserdicht, im Rucksack nichts Wichtiges mehr, wir haben Regenschirme dabei und die Picknickdecke ist von unten isoliert. Außerdem haben wir noch ausreichend Sekt, den wir immer dicht am Körper halten, weil ihm sonst das gleiche Schicksal droht, wie den Antipasti, die inzwischen abgesoffen sind. Nach zehn Minuten Dauergelächter über unsere Situation, aber auch Dauerregen, beschließen wir doch, aufzubrechen.

Ein kompliziertes Unterfangen: Die Isolierung macht die Picknickdecke zum perfekten Wasserspeicher, die Sektflasche wird mit dem mitgebrachten Plastikkorken notdürftig verschlossen, die Antipasti abgegossen und eingepackt. Alles mit einer Hand natürlich – die andere hält den Regenschirm. Unerschütterlich machen wir uns trotzdem auf in Richtung Deutzer Brücke – das Bauwerk muss ja noch besichtigt werden. Abgesehen davon können wir nasser nicht mehr werden, denn die Picknickdecke gibt aus dem Rucksack kontinuierlich größere Mengen Regenwasser ab. Die Treppe glänzt inzwischen vom Wasser, ist aber nicht rutschig. Weitgehend gerade ziehen sich die Sitztreppen bis zur Deutzer Brücke, unterbrochen von Treppenaufgängen zum oberen Bereich. Der wird mit schnöden Gittern abgegrenzt – offenbar allerdings eine Dauerlösung, auch um bei Hochwasser die untere Treppe zu schließen. Da hätte es womöglich schickere Lösungen geben können, denn ansonsten wirkt der schlichte Materialmix wertig und einladend. Wenn es nicht gerade schüttet.

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Ganz ohne Filter! So schön ist Köln von der Ufertreppe aus gesehen. © Foto Vera Lisakowski

 

Und die Einweihung?

Auf einmal – ein lautes Knallen hinter meinem Rücken. Geistesgegenwärtig schließe ich Brückeneinstürze, Schiffsunglücke sowie einen bewaffneten Angriff aus und folgere, dass die Sektflasche im Rucksack hochgegangen sein muss. Schnell fischen wir sie raus und trinken nun nicht mehr ganz so stilvoll aus der Flasche, im Nieselregen und Halbdunkel, mit Blick von der Deutzer Brücke auf die Baustellenkrater hinter der imposanten Treppe. Ende 2015 oder Anfang 2016 heißt es derzeit, soll der Boulevard fertig sein. Rechnen wir lieber mal mit 2020. Dann können wir wieder „früher als geplant“ Einweihung feiern.

 

Vera Lisakowski

 

 

Lesen Sie dazu auch das Interview mit dem Landschaftsarchitekten Maik Böhmer von Planorama, Berlin: „Den Dom fest im Blick“

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