ANTIKE RADIKAL – so instagramable

Heinz Bienefeld im Deutschen Architekturmuseum

Die aktuelle Ausstellung ausgewählter Werke des Architekten Heinz Bienefeld im Deutschen Architekturmuseum in Frankfurt am Main bleibt eigenartig an der Oberfläche.

„Antike Radikal“ heißt die aktuelle, von Kathleen Nagel und Philipp Sturm kuratierte Ausstellung von Häusern und Kirchen des 1995 verstorbenen Architekten Heinz Bienefeld im Deutschen Architekturmuseum. Damit hängt die Messlatte für die Schau in Frankfurt recht hoch. Zum einen, weil sich Bienefeld – wie andere, deutlich lokal agierende Architekt:innen – in den letzten Jahren zu einem Social-Media-Liebling gemausert hat und entsprechend viele Augen nach Frankfurt gerichtet sind, zum anderen, weil der Titel der Ausstellung sein Werk zurecht in einen größtmöglichen architektonischen Zusammenhang stellt.

Heinz Bienefeld Architektur, Köln, Haus Wilhelm Nagel, Wesseling-Keldenich, 1966-70 © Foto: Constantin Meyer, Köln

Schöne Ergänzung: Realisiertes und Projektiertes nebeneinander

Zu sehen sind nun realisierte wie projektierte Bauten unterschiedlicher Größenordnung. Von der Kirche St. Remaclus in Cochem, die Heinz Bienefeld als Mitarbeiter von Emil Steffann von 1964 bis 1968 maßgeblich plante, bis zu einem nicht eingereichten Wettbewerbsbeitrag für die Wohnbebauung an der Erfurter Krämerbrücke 1994, werden die Gebäude in Zeichnungen, Modellen und – so denn möglich – auch mittels aktueller Fotografien von Constantin Meyer präsentiert. Es sind ganz wunderbare Entwürfe darunter. Das Haus Wilhelm Nagel etwa (Köln Wesseling, 1966–1970), das Doppelhaus Heinze-Manke (Köln Rodenkirchen, 1984–1988), das Haus Babanek (Brühl 1991–1995) oder die Pfarrkirchen St Willibrord (Mandern-Waldweiler, 1969–1973) und St. Bonifatius (Wildbergerhütte, 1974–1981). Reizvoll ist diese Auswahl, weil sie um die ungebauten Projekte ergänzt ist, und so eine Genese im Werk des Architekten nachvollziehbar macht, die weiter reicht als die Oberflächlichkeit aktueller Instagramposts, bei denen etwa das Haus Babanek ein steter Garant für viele Likes und Shares ist. Die wenig bekannten Entwürfe für die Opéra de la Bastille, eine Kirche im kongolesischen Goma, oder die städtebauliche Neuordnung der Berliner Spreeinsel zeigen nicht nur ein deutlich über den Einfamilienhausbau hinausreichendes Betätigungsfeld, sondern eben auch eine sukzessive Ausweitung des eigenen Gestaltungskanons.

Von der Akropolis bis nach Brühl

In der Tat sind die Bezüge zu Antike und Renaissance im Werk Bienefelds unverkennbar. Proportionen, Säulenordnungen und Pfeilerstellung, Grundrisskonfigurationen und Giebelmotive: all das ist an der Architekturgeschichte geschult. Die kurzen Texte weisen darauf hin, bleiben aber enttäuschend oberflächlich. Was genau an den Projekten sich wie aus der Historie speist, wird nur angerissen, nicht aber ausgeführt. So ist die Ausstellung für Architekt:innen mit entsprechendem Vorwissen gut lesbar, die feinsinnigen Hintergründe der Architektur von Heinz Bienefeld jedoch bleiben interessierten, aber fachfremden Besucher:innen verborgen. Dazu kommen kleinere Unachtsamkeiten in Ausstellung und Katalog: zwei fehlerhaft dem Architekten zugeschriebene Ansichtszeichnungen, die nach Auskunft seiner Familie nicht aus der Feder von Heinz Bienefeld stammen, dazu wird ein Modell des Glockenturms des Gemeindezentrums St. Katharina von Siena in Köln-Blumenberg (1991) – auf dem Kopf stehend – als Arbeitsmodell des zwischen 1987 und 1989 der Pfarrkirche St. Willibrord hinzugefügten Glockenturms ausgewiesen.

Wunderbar anzusehen, doch fehlt es an Tiefe

Ärgerlicher als die Flüchtigkeitsfehler ist jedoch, dass die fehlende Tiefe der Ausstellung über die gekannte Rezeptionsgüte der sozialen Medien nur geringfügig hinausreicht. Wie auf Instagram machen die Zeichnungen und Fotografien auch in der Ausstellung viel her. Der Katalog immerhin führt mit seinen Texten deutlich mehr in die Tiefe, bleibt mit seiner Grafik aber auf dem Niveau einer zweitklassigen Broschüre, die zwischen wissenschaftlicher Genauigkeit bei der Nummerierung der Abbildungen auf der einen und freudlosem Layout auf der anderen Seite sonderbar wenig feinfühlig ist und damit der Architektur Heinz Bienefelds viel weniger gerecht wird als die 2019er Ausgabe der japanischen Zeitschrift a+u, von der 1999 im Rahmen der Schriftenreihe des DAM vorgelegten Publikation „Heinz Bienefeld 1926–1995“ von Wolfgang Voigt ganz zu schweigen.

David Kasparek

Einblick in die Ausstellung im DAM © Foto Moritz Bernoully

Antike Radikal Häuser und Kirchen von Heinz Bienefeld
bis 26. September

Deutsches Architekturmuseum (DAM)
Schaumainkai 43
60596 Frankfurt am Main

Di – So 10 – 18 Uhr
Mo geschlossen.

www.dam-online.de

Die genannte Ausgabe der Zeitschrift a+u ist, wie der Katalog (15,– Euro), für 29,95 Euro im Museum erhältlich.

Der hier publizierte Text erschien zuerst in der Bauwelt Heft 18.2021.

Mehr zu Heinz Bienefeld lesen Sie hier:

Der Weg zur Mitte, durch die Mitte und die Mitte selbst: Die Kirche St. Katharina von Siena in Köln-Blumenberg

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