Das Schatzhaus

Der Neubau des Historischen Archivs und des Rheinischen Bildarchivs von Waechter + Waechter ist eröffnet

Am 3. März 2009 stürzte das Historische Archiv der Stadt Köln in der Severinstraße ein, verschüttet unter Trümmern und Schutt lag das Gedächtnis der Stadt. Auch Nachbargebäude, darunter eine Schule, wurden stark beschädigt, zwei Menschen starben. Ursache für den Einsturz waren Fehler bei Tiefbauarbeiten für die neue Stadtbahn vor dem Gebäude. Was nach 12 Jahren bleibt, ist ein gewaltiges Loch, eine Wunde mitten in der Stadt, ein Trauma der Gesellschaft. Von den Rändern her, an denen repariert und neu gebaut wurde, scheint Heilung möglich, doch bisher vergeblich fordert „Köln kann auch anders“ einen würdigen Gedenkort.

Lage des Historischen Archivs Ecke Luxemburgerstraße/Eifelwall am Rand des Grüngürtels. (Plan ist nicht genordet) © Waechter + Waechter Architekten

Bereits in den 90er Jahren hatte das alte Archiv in der Severinstraße seine Kapazitäten ausgeschöpft, eine Sanierung der Substanz aus den frühen 70ern lag an. So gab es bereits ein paar grundsätzliche Gedanken zur Zukunft des Archivs, als nach dem Einsturz schnell gehandelt werden musste. Im Februar 2011, als die gefriergetrockneten Archivalien noch in verschiedenen Asylarchiven in ganz Deutschland verwahrt wurden, lobte die Stadt Köln einen Wettbewerb für ihr „kulturelles Schatzhaus“ aus. In den Neubau sollte nicht nur das Historische Archiv einziehen, sondern auch die Kunst- und Museumsbibliothek und das Rheinische Bildarchiv. Um, gestärkt durch die Gemeinschaft, endlich aus der Schattenseite der Kölner Kulturlandschaft herauszutreten.

Rückwärtige Ansicht des Historischen Archivs aus dem Bereich des Grüngürtels. Hier ist die Anlage eines Bürgerparks geplant. © Foto Brigida González

Das Darmstädter Büro Waechter + Waechter überzeugte schließlich im Wettbewerb (Schatzkiste), für den es 300 Bewerbungen gegeben hatte, mit einer plausiblen Lösung für die widersprüchliche Aufgabe ein einladend-offenes und gleichzeitig sicher-unzerstörbares Gebäude zu schaffen. Nach dem Haus-im-Haus-Prinzip fügen sie zwei in ihrer Funktion und Gestaltung verschiedene Baukörper zu einem bronzenen Haus zusammen: Ein rund 20 Meter hoher mit fein gewellter Baubronze komplett umschlossener Magazinkörper sitzt in einer durch die vertikale Lamellenstruktur der bronzenen Brise Soleil leichter wirkenden, niedrigeren Mantelbebauung mit heute eindrucksvollen 126 m Kantenlänge. (Baustart für die kleine Lösung)

Grundriss Erdgeschoss, Historisches Archiv © Waechter + Waechter Architekten

Gewicht haben

Die Figur dieses supermodernen Schatzhauses spricht mit einfacher, aber großer Geste. Dafür braucht sie eine Bühne und für die angemessene Wirkung auch ein wenig Abstand zur Stadt. Ganz anders als der in den Blockrand der Severinstraße eingepasste Vorgängerbau steht der Solitär mit vier Schauseiten 1,5 Kilometer weiter westlich im Bereich des Inneren Grüngürtels am Eifelwall. Während diskutiert wurde, ob ein Bürgerarchiv an dieser vergleichsweise dezen­tralen Stelle überhaupt frequentiert würde, berief sich die Stadt auf den Masterplan Innenstadt und begründete die Wahl des universitätsnahen Grundstücks mit der Hoffnung auf Synergien zwischen den Forschungs- und Kulturstätten in einem Wissenschaftspark. Ganz praktisch sprach für den Eifelwall, dass das Grundstück bereits im Besitz der Stadt war und dort gestalterisch vieles denkbar war. Heute fällt zunächst der Maßstabssprung zwischen dem großen Volumen des Neubaus und dem Rand der gründerzeitlichen Stadterweiterung auf, die Reihe von Bäumen, die hier noch gepflanzt werden soll, wird da noch vermitteln können. Wichtig für die Integration des Neubaus ins Stadtgewebe wird auch der direkt angrenzende Park sein, der als Auftakt des Stadtentwicklungsprojektes Parkstadt Süd geplant wurde (Wettbewerb 2017, 1. Preis Förder Landschaftsarchitekten, Essen Grün im Spiegel der Zeit).

Am 3. September 2021 wurde der Neubau des Historischen Archivs, in den auch das Rheinsiche Bildarchiv einzieht, nach vier Jahren Bauzeit eröffnet. Dabei bleib das Projekt sowohl zeitlich im Plan, wie auch mit knapp 90 Millionen € im Kostenrahmen.

Der Haupteingang und alle Publikumsbereiche liegen in der schmalen Kopfseite, die über einen kleinen städtisch-steinernen Vorplatz auf die Luxemburger Straße ausgerichtet ist, so dass sich das Archiv nicht mit seiner vollen Breitseite in den Stadtraum stellt. Denn die Ansicht des mit seiner einfachen Kubatur sehr skulptural wirkenden Baukörpers ist dunkler als erwartet, zumindest dunkler als in den Wettbewerbsplänen, auch wenn der warme Farbton der Baubronze im Sonnenlicht changiert. Die Außenfassade der Mantelbebauung, hinter auf der einen Seite die Büros, auf der anderen die Labore und Werkstätten liegen, ist umlaufend mit 80 cm tiefen, geschosshohen Brise Soleil umhüllt. Nur die feinen Linien der abfallenden Brüstungen machen die Geschossigkeit lesbar. Je nach Standpunkt erzeugt die Tiefe der Fassade große Diskretion, wirkt bei Tag in der Verkürzung extrem dicht. Vielversprechend ist das Leuchten in den dunkleren Abendstunden.

Blick aus dem Eingangs- und Veranstaltungsfoyer über den Lichthof auf das „Schatzhaus“ © Foto Brigida González

Das Bürger*innenarchiv

Köln hat nun das modernste kommunale Archiv in Europa, so Petra Rinnenburger (Technische Leiterin der Gebäudewirtschaft Stadt Köln), zudem auch das größte, denn die hier verwahrten Mengen von Archivgut füllen sonst Landesarchive. Strikte Ordnung und Regeln (fast) ohne Ausnahmen sind hier im Großen wie im Kleinen oberstes Gebot. Streng ist daher auch die Trennung der Funktionen. Im Gebäudekopf an der Luxemburger Straße liegen die öffentlichen Bereiche, die das Archiv zum Bürgerarchiv machen. (Dass der Gedanke so neu nicht mehr ist, zeigt, dass hier das Gendern offenbar noch kein Thema war) Nur hier im Erdgeschoss ist die Fassade bis auf ein Paar großer bronzener Türflügel, dezent beschriftet mit goldfarbenen Lettern, voll verglast. Schwellenlos betritt man das großzügige Foyer, das auch für Veranstaltungen und für Ausstellungen genutzt werden kann. Abgetrennt davon ist die Garderobe an der einen Außenecke, an der anderen ein Vortragssaal. Der Blick fällt vom Eingang aus durch das Foyer über den größeren der beiden gärtnerisch gestalteten aber nicht zu betretenden Lichthöfe auf den dunkelbronzenen Magazinkörper. Sofort ist klar: hier ist das Gedächtnis der Stadt sicher verwahrt.

Aufgang zum Lesessal im 1. OG aus dem Veranstaltungsfoyer © Foto Brigida González

Vor der breiten Fensterfront mit den schmalen schwerförmigen Sichtbetonstützen liegt ein dreigeschossiger Luftraum, über den Erdgeschoss und 1. OG verbunden sind. Die im 2. OG darüber liegende nicht öffentliche Dienstbibliothek kragt über den langen Treppenlauf aus, hält jedoch Abstand zur Fassade, um Tageslichteinfall und – einzig an dieser Stelle wirklich expressiv – die Raumwirkung zu maximieren. Die Verwendung weniger und durchweg heller Materialien mit angenehm warmer Haptik für Möbel und Ausbau, erzeugt eine offene und freundliche Atmosphäre, Berührungsängste muss hier niemand mehr haben: textile Raumteilung, weißer Terrazzo oder weiß geölte Douglasie auf den Böden, das Holz findet sich wieder in den Lamellen der Akustikpaneele an den Decken, als Wandverkleidungen, hier zum Teil auch mit Mikroperforierung zum Schallschutz und bei dem eigens angefertigten Mobiliar.

Lesesaal im 1. OG des Gebäudekopfes an der Luxemburger Straße © Foto Brigida González

Einen feinen Kontrast dazu bildet das Linoleum in einem pastelligen Moosgrün auf der Treppe, und als Auflage der Sitzmöbel und Arbeitstische. Auch der darüber liegende Lesesaal, der als das Herzstück des Archivs verstanden wird, ist offen und übersichtlich angelegt. Die langen Tische mit jeweils sechs Arbeitsplätzen stehen an den stadtseitigen Fenstern, die Regale der Freihandbibliothek, die sich mit Quellluftwänden gleicher Tiefe abwechseln, wirken wie ein Filter in den Innenbereich und schirmen den Raum des konzentrierten Arbeitens ab ohne ihn zu schließen. Tiefe Fotoschränke bilden die Brüstung zum Luftraum. Hier zeigt sich ganz deutlich die Handschrift von Waechter + Waechter, die in den letzten Jahren ein ganzes Portfolio außergewöhnlicher Bildungsbauten in Holz entwickelt haben.

Längsschnitt durch das Historische Archiv, Blick Richtung Eifelwall © Waechter + Waechter Architekten

Hinter den Kulissen

Doch nur der kleinste Teil des Gebäudes ist wirklich öffentlich, zu einem Teil der Stadt macht sich das Archiv aber auch dadurch, dass sämtliche im Mantelbau liegenden Arbeitsplätze der rund 200 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Historischen Archivs und des Rheinischen Bildarchivs als Schaufenster nach Außen orientiert sind. Jede Werkstatt und jedes Labor hat spezielle Anforderungen, sei es die doppelte Geschosshöhe des Aufnahmeateliers oder spezielle Absaugeinrichtungen zur Sicherheit von Mensch und Materie, doch nicht alles ließ sich in das gegebene Raster einpassen. Installationen und Anschlüsse werden von den Decken heruntergeführt, so dass die Arbeitsräume flexibel bespielbar sind.

Eine der Restaurierungswerkstätten, die in der Mantelbebauung liegen und nach außen, in den Stadtraum, orientiert sind. © Foto Brigida González

Die horizontale Erschließung führt rings um Lichthöfe und Magazin, die vor der Tragstruktur sitzende Pfosten-Riegel-Fassade erlaubt intern vollflächige Ein- und Durchblicke. Sehr schön führen Waechter + Waechter hier das Narrativ des Hauses fort, denn wer in dem langen Gang unterwegs ist, kann endlich auch die (im Innenbereich glatte) Bronzehülle des Schatzhauses berühren. Das hat keinerlei Öffnung nach außen, erschlossen werden die Magazine, von denen jeweils vier in einer Etage liegen, über die Mantelbebauung aus ihrer Mittelachse heraus. Nach der offiziellen Einweihung am 3. September wird das Archivgut von Oktober an bis zum Jahresende sukzessive und wohl temperiert angeliefert und einsortiert werden. In sieben Etagen finden auf 8.800 qm Fläche fast 65 Regalkilometer und 460 Planschränke Platz, damit hat das Archiv seine Kapazität verdoppelt und einen guten Puffer für die kommenden Jahrzehnte geschaffen.

Blick in eines der Magazine, in denen insgesamt über 50 Regalkilometer unterbegracht wurden. © Foto Brigida González

Ohne Schwankungen

Das Energie- und Klimakonzept dieses hochkomplexen Gebäudes, in dem es insgesamt neun Klimazonen gibt, wurde in der Tradition des grundsätzlich schon nachhaltig gedachten Kölner Modells entwickelt. Die Wärmeversorgung erfolgt über eine Wärmepumpenanlage und Fernwärme, die Kälteversorgung im Regelbetrieb über Brunnenkühlung und einen im Untergeschoss unter dem größeren Lichthof liegenden kreisrunden Eisspeicher mit 400.000 Liter Wasser Fassungsvermögen. Auch bei den Magazinen des neuen Archivs soll eine hohe Klimastabilität durch passive Maßnahmen erreicht werden: Wände aus 30 cm Stahlbeton und Decken aus 32 cm Stahlbeton mit Zementestrich federn nutzungsbedingte Temperaturschwankungen passiv ab, die diffusionsoffenen Oberflächen erzeugen eine hygrische Trägheit. Die fensterlosen Magazine können nur über Zugangsschleusen aus der Mantelbebauung betreten werden. Der zweischalige, hinterlüftete Fassadenaufbau unter dem Bronzewellenkleid schirmt sie von der Außenwelt und ihren klimatischen Schwankungen ab. Entsprechend den konservatorischen Ansprüchen kann zusätzliche Kühlung oder Heizung der Magazinräume über eine effektive Hüllflächentemperierung durch wasserführende Rohrleitungen in den Massivbauteilen erfolgen. Auch die Luftfeuchtigkeit wird kontinuierlich überwacht und mechanisch reguliert, wobei die Simulation zeigte, dass ein 0,2-facher Raumluftwechsel ausreichend sein wird.

Gebäudequerschnitt, linkas die Häuserzeile am Eifelwall © Waechter + Waechter Architekten

Um Brände durch Kurzschlüsse zu verhindern, sind die Magazine beim Verlassen sofort stromfrei, nach Abwägung der Risiken Feuer/Wasser musste daher kein Löschsystem installiert werden. Die Heizung und Kühlung der Büros und Werkstätten erfolgt über Betonkernaktivierung, auf eine weitere Klimatisierung kann hier wegen der öffenbaren Fenster verzichtet werden. Im Foyer und im Lesesaal sorgen Quellluftwände für den Luftaustausch. Von all der Technik, die den Betrieb dieses Gebäudes möglich macht, sieht und hört man beim Besuch dort nichts, so schlüssig vereinen Waechter + Waechter hier Physik und Substanz. Aus dem Widerspruch der Bauaufgabe haben sie eine Ästhetik entwickelt, die ohne Gefälligkeit und ohne Formalismus ein starkes Zeichen setzt. Das Gedächtnis der Stadt hat hier eine Gestalt angenommen, die sich in den nächsten Jahrzehnten nicht verändern muss. Drumherum allerdings muss jetzt viel passieren, damit auch der Ort seine Versprechen einlösen kann.

Uta Winterhager

Vom 3. bis 8. September 2021 jeweils ab Einbruch der Dunkelheit bis zum Einbruch der Dämmerung wird die Lichtinstallation von LichtKunstLicht die Fassade des Archivneubaus weithin sichtbar inszenieren. Die Choreographie zeichnet metaphorisch das Prinzip nach, das für Archive als Wissen strukturierende Einrichtungen im Allgemeinen und ganz besonders für das Historische Archiv der Stadt Köln nach dem Einsturz gilt: „Vom Chaos und Unordnung zu neuer Struktur und Ordnung“. Dazu werden Strahler auf dem Dach sowie im Innenhof platziert, die zunächst Lichtstrahlen als Streiflicht in unterschiedlichen Farben und Richtungen über die Metallfassade des „Schatzhauses“ senden. Im Laufe der Choreographie beruhigen sich die Bewegungen und Helligkeitsveränderungen hin zu einem geordneten, spiegelsymmetrisch zu den Gebäudeachsen ausgerichteten Lichtstrahlen in einheitlichem Warmweiß.

HIER können Sie sich für kostenlose Führungen durch das Archiv anmelden.

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