Luft nach oben

Die Wachstumspotenziale der Kölner Kernstadt warten an ungewöhnlichen Orten

Unsere Städte werden sich ändern müssen. Und sie werden sich ändern. Die entscheidende Frage ist, wie viel Mut die handelnden Personen beweisen, ob sie Weitsicht an den Tag legen und wie weit dieser Blick über den eigenen Tellerrand hinausreicht. Denn: Die Problemlage ist vielschichtig. Es gilt, dem menschengemachten Klimawandel zu begegnen, Stadt als Habitat für Mensch und Tier attraktiv zu machen und so Wohnungsmangel gleichermaßen zu lindern wie dem fortschreitenden Verlust der Artenvielfalt entgegen zu wirken. Dazu müssen Antworten auf die noch nicht abzuschätzenden wirtschaftlichen Folgefragen der aktuellen Pandemie entwickelt werden.

Auch wenn im Rahmen der seit nunmehr einem Jahr grassierenden Covid-19-Pandemie diejenigen, die es sich leisten konnten, die Vorzüge der kleinen Fluchten aus der Stadt hinaus in die Ferien- und Wochenenddomizile zwischen Eifel, Wendland und Uckermark auch als dauerhaften Wohnort zu schätzen gelernt haben, wird die Stadt der Wohnort von einer überwiegenden Mehrzahl von Menschen bleiben. Es gilt also zu fragen, welche Potenziale die Stadt noch hat, wo sie wachsen und wie sie resilienter werden kann. Dabei ist klar, dass weder Architektur noch Stadtplanung die Eier legende Wollmilchsau sein wird, die alle Probleme auf einmal löst. Dennoch ist es dringlich geboten, ganzheitlich zu denken, anderswo funktionierende Konzepte zu übernehmen und für die Situation vor der eigenen Haustür zu adaptieren. Gerade letztgenannter Punkt ist dabei etwas, bei dem sich bundesdeutsche Entscheider*innen traditionell schwertun. Wenn der Blick nach Amsterdam oder Kopenhagen beweist, dass Fahrradverkehr nicht nur auf der Maßstabsebene dieser Städte funktioniert, sondern auch ihr Wirtschaftsleben ankurbelt und dabei gleichzeitig gut für Umwelt und Mensch ist, mithin die Lebensqualität in diesen Städten verbessert, weisen hiesige Verantwortliche lieber zunächst vereinzelte Erprobungsstrecken aus und warten die Ergebnisse eigener Testphasen ab.

Jährlich fehlen zwischen 1.900 und 2.800 neue Wohneinheiten

Im Auftrag der Stadt Köln hat das Forschungs- und Beratungsinstitut „empirica ag“ im Dezember 2020 ein Gutachten vorgelegt, das auf der „Bevölkerungsprognose für Köln 2018 bis 2040“ basiert. Dieses Gutachten zeigt, „dass jährlich mindestens zwischen 1.900 und 2.800 neue Wohneinheiten gebaut werden müssen, um das erwartete Bevölkerungswachstum von sechs Prozent bis 2040 zu realisieren“, wie das Stadtplanungsamt der Domstadt verlauten lässt. Auf Grundlage dieses Gutachtens soll nun ein Folgeprozess eingeleitet werden, um „Strategien zu entwickeln, damit die Wohnraumversorgung in Köln quantitativ und qualitativ nachhaltig verbessert werden kann“. Auf der Website des Kölner Stadtplanungsamtes ist dazu zu lesen: „Der Verwaltungsvorstand hatte beschlossen, dass die Verwaltung unter Beteiligung des Wohnungsbauforums ein Strategiepapier entwickelt. In diesem werden vor dem Hintergrund der tatsächlichen demografischen Entwicklung, der Flächenverfügbarkeit, der möglichen Bauleistung und etwaiger Nachhol- und Ersatzbedarfe realisierbare Zielzahlen sowie Handlungsempfehlungen für den Wohnungsbau in Köln bis 2040 erarbeitet.“ Vorgelegt werden soll dieses Strategiepapier im Sommer 2021.

„Rosa Plan“ mit Markierung der Suburbanen Gebiete in Köln © Hoidn Wang Partner

Potenziale jenseits der rosa Falle

Unlängst hat Wilfried Wang an dieser Stelle auf die Vielschichtigkeit des Problems des Wachstums nach Außen hingewiesen und den Ausbau Kölns an seinen Rändern mittels „Rosaplänen“ kritisch unter die Lupe genommen. Aber selbst eine Stadt wie Köln hat mit Blick auf das eigene Wachstum noch Luft nach oben. Dabei geht es nicht um den Ruf nach Hochhäusern, sondern um den gezielten Blick vorhandener Potenziale im Rahmen einer vielschichtig angelegten Gesamtstrategie.

Gut verhüllt – durch die vorgehängte Fassade scheint das Licht der Parketagen. Magnus 31, Köln, WILKIN & HANRATH BAUPHASEN © Foto Tobias Kern
Auf dem Dach des Parkhauses von 1967 liegt die Aufstockung in zwei- bzw. dreigeschosshohen Riegeln an den Gebäudekanten, dazwischen bleibt ein dezent begrünter Innenhof als Ruhezone frei. © Foto: Tobias Kern

Parkhäuser könnten ein Teil davon sein. (Wir erinnern uns an die Fotoserie Parklandschaften des Fotografen Constantin Meyer) Wilkin & Hanrath Bauphasen haben mit dem Projekt Magnus 31 zwischen 2016 und 2020 ansatzweise gezeigt, wie man vorhandene Strukturen erweitern und für Wohnraum urbar machen kann. Eine Option, die zeigt, was möglich ist, selbst allerdings auf vielen Ebenen Antworten schuldig bleibt, und mithin auch Luft nach oben hat. Allein im Innenstadtbereich Kölns aber finden sich Parkhäuser an der Cäcilienstraße, der Clemensstraße, Am alten Probsthof, der Maastrichter Straße oder Am Alten Ufer.

2017 hat der Architekt Sohrab Zafari einen anderen Ansatz in Berlin Neukölln realisiert. Das Floating Penthouse schwebt über einem Bestandsbau aus den 1960er Jahren, nutzt ihn, wie die Nachbargebäude, zur eigenen Standsicherheit, für Erschließung und Infrastruktur. Die Frage nach Exklusivität und Inklusivität derartiger Projekte war zwei Jahre zuvor bereits Thema der in der Berlinischen Galerie gezeigten Ausstellung „Brandlhuber+ Hertweck, Mayfried – The Dialogic City: Berlin wird Berlin“. Arno Brandlhuber und Florian Hertweck hatten 2015 vorgeschlagen, für jedes neue Luxus-Dachgeschoss solle entsprechend viel sozialer Wohnraum ausgewiesen werden. Die Investor*innen, die Geld in Steine investieren wollen, sind ohnehin da, allein die Verpflichtung, sozialen Wohnraum in gleicher Menge zur Verfügung zu stellen, würde sie von diesem Vorhaben wohl nicht abbringen und die Gegenfinanzierung dieses sonst chronisch unterfinanzierten Sektors wäre geklärt.

Nicht ausgeführt, potentiell aber möglich: Über die Neubauten der Bremer Punkte ließen sich auch Bestandsbauten mittels Rampen, Brücken und Laubengängen nachträglich barrierefrei erschließen. © LIN Architekten Urbanisten

Beispiele von Berlin bis Rotterdam

Ebenfalls 2017 haben Lin Architects mit dem Bremer Punkt ein Modell vorgestellt, mit dem sich durchgrünte Stadtstrukturen der Nachkriegsmoderne gleichermaßen nachverdichten, wie die vorhandenen Bestandsbauten rollstuhlgerecht erschließen lassen. Rotterdam zeigt mit Platzgestaltungen wie dem Frederiksplein, wie Stadtplätze Lebensräume werden oder bleiben und gleichzeitig Teil der Reaktion auf Wetterextreme infolge des menschengemachten Klimawandels sein können.

Parkdecks, aus- und aufbaufähige Dachgeschosse, Grünraum zwischen Wohnzeilen, Stadtplätze, deren Zukunft geklärt sein will. All das gibt es in Köln. Die offenen Fragen können Architekt*innen sicher am besten beantworten. Man muss es ihnen nur erlauben. Bereits im vergangenen Jahr legte der Bund Deutscher Architektinnen und Architekten (BDA) mit seinem Papier „Das Haus der Erde – politisch handeln“ deshalb politische Aufforderungen „für eine klimagerechte Architektur in Stadt und Land“ vor. Darin forderte der BDA unter anderem: „Reallabore, wie sie zum Beispiel im Bereich der Digitalisierung als institutionelle Testräume eingesetzt werden, sind systematisch im Bauwesen zu etablieren und so Innovationen durch temporäre Modifikation des rechtlichen Rahmens zu befördern.“

Der Raum ist also da, die Luft nach oben in jeglicher Hinsicht auch. Nun, da es auch um die gravierenden Folgen der aktuellen Pandemie geht, gilt es, die vorhandenen Möglichkeiten zu erkennen, sie im Sinne der Stadt, ihrer Bewohner*innen und ihrer Zukunftsfähigkeit bestmöglich zu nutzen. Die ungenutzten Flächen könnten zu Reallaboren und damit zu Raum werden, der in Gebrauch genommener Teil einer Schwammstadt sein könnte, mit Anpflanzungen Lebensraum für Tiere bieten und nicht zuletzt innenstädtisches Wohnen ermöglichen und der lokalen Wirtschaft gezielt wieder auf die Beine helfen.

David Kasparek

Die Ausstellung Parklandschaften des Kölner Architekturfotografen Constantin Meyer wurde 2016 anlässlich der Internationalen Photoszene Köln 2016 in der Design Post präsentiert.

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