„Wir müssen Stadt neu denken.“

Im Gespräch mit Wilfried Wang über Ideal und Wirklichkeit der Stadtplanung

Ist das Festhalten am Idealbild der Europäischen Stadt eine gefährliche Nostalgie?

Wilfried Wang: Ja, denn mit dieser Nostalgie verweigern wir uns der Realität. Wir müssen uns entscheiden, ob wir im Sinne unserer Lebensmodelle die Siedlungsstrukturen planen, in denen wir leben wollen, oder ob wir im Nachhinein eine Art Beschwichtigungsplanung betreiben. Denn wenn wir einerseits das Bild der Europäischen Stadt als vermeintliches Ziel unseres städtebaulichen Handelns beschwören, andererseits aber an der Peripherie der Großstädte das suburbane Bauen zulassen, reden wir an der Wirklichkeit vorbei.

Sie haben für viele Städte Deutschlands in einer Studie* „Rosa Pläne“ erstellt. Welche Daten liegen denen zugrunde?

Wir konnten mit Google Satellite jede Straße virtuell abgehen, um uns die einzelnen Häuser und Blöcke anzuschauen. In unseren Karten haben wir dann auf der Basis von Schwarzplänen die unterschiedlichen Einfamilienhaustypen von freistehend bis Reihenhaus rosa gefärbt.

Rosa Plan Köln © Hoidn Wang Partner, Kartierung suburbaner Siedlungsbereiche: Berlin-Brandenburg, Hamburg, Köln, Rhein-Main, München, 2020.

Was sehen wir dort, wenn wir Köln näher betrachten?

Wir sehen eine verdichtete Innenstadt in Schwarz und wir sehen einen Rosa Flockenteppich, wenn wir den Stadtkern verlassen. Rund um die Stadt ist ein Kranz von schönen, mehr oder minder luxuriösen Einfamilienhausnachbarschaften. Und der zieht sich nicht nur um Köln herum, sondern geht von Bonn bis Düsseldorf. Wo immer Sie schauen, überall finden Sie strukturell die gleiche Bebauung. Meist gibt es noch Reste von ursprünglich dörflichen Siedlungen, einen kleinen Ortskern, darum herum sind über die Jahrzehnte dann Einfamilienhäuser entstanden.

Welche Tendenzen außer dem klimaschädlichen Flächenverbrauch betrachten Sie als besorgniserregend?

Diese Situation ist besorgniserregend, weil eine Wohnung in einem Mehrgeschosswohnungsbau weniger Hüllfläche als ein freistehendes Einfamilienhaus hat. Die Bauten in der Peripherie stoßen also mehr CO2 aus, auch wenn sie mit Solaranlagen ausgerüstet sind. Auch die Energie, die die unvermeidliche Pendelei in die Stadt verbraucht, ist hier ungleich höher. Wir müssen uns fragen, wie wir leben wollen. Denn wenn man etwas gegen den Klimawandel tun möchte, kann es nicht sein, dass wir in der Bundesrepublik jedes Jahr 200 Quadratkilometer Land verbrauchen. Alle zwei Jahre würden wir nach dem jetzigen Stand also die Fläche von Köln neu verbauen, was zu weiteren hohen Emissionen führt.



Besonders die Abwanderungen in das Umland (Wohnungsmarktregion Köln) sind angestiegen. Die familien-relevanten Jahrgänge verzeichneten ein Minus von 5 057 Personen. Diese Zahl hat sich in den letzten zehn Jahren verdoppelt. Auch an das übrige NRW verliert Köln seit 2017 mehr Familien als von dort nach Köln kommen. Der Fortzugsradius von Familien hat sich erweitert. Quelle Stadt Köln

Aber mal konkret: Mit welchen Siedlungsmodellen lassen sich mehr als 40.000 Haushalte, die Köln in den kommenden 20 Jahren hinzugewinnen wird, in den Stadtteppich einpflegen? Die Stadt selbst hat sich ja das Ziel gesetzt, jedes Jahr 6000 neue Wohnungen zu bauen. Nur wo, ohne sich selbst zu schaden?

Sie müssen schauen, wo eine höhere Dichte noch möglich ist, beispielsweise entlang der großen Radialen. Es gibt über die Jahrzehnte veränderte Baustrukturen, es gibt weniger dicht besiedelte Stadtteile, die man nachverdichten kann, es gibt brachliegende Industrieareale und Eisenbahnflächen. Aber auch bestehende Siedlungen aus den 50er und 60er Jahren bieten noch Potenziale.

Didden Village, Rotterdam, MVRDV. This rooftop house extension was the first project MVRDV realised in its hometown of Rotterdam.  Situated on top of an existing historical building and atelier, the bedrooms are conceived as separate houses, optimizing the privacy of every member of the family.  The houses are distributed in such a way that a series of plazas, streets and alleys appear as a mini-village on top of the building, a kind of heaven for its inhabitants. © MVRDV

Aber all das wird und wurde in Köln bereits umgesetzt, im Rheinauhafen und im Deutzer Hafen, in der Parkstadt Süd, auf Clouth und in vielen kleinen Arealen in Ehrenfeld. Es gibt realisierte Beispiele sanierter Siedlungen im Rechtsrheinischen und die fast schon unheimliche Nachverdichtungen an der Bonner Straße. Ich habe das Gefühl, die Potenziale sind ausgeschöpft, der Bedarf ist aber immer noch immens. Zudem reizt man mit zunehmender Höhe und Dichte auch die Infrastruktur zunehmend aus – allein mit dem Bau von Schulen kommt die Stadt ja gar nicht hinterher. Was soll man tun? 

Sie können zum Beispiel prüfen, ob die vielen Gleisanlagen direkt in der Stadt wie das ICE Werk nördlich vom MediaPark, oder die lange Gleisanlage zwischen der Etzelstraße und Longericher Straße, oder in Sülz oder jene zwischen Kalk und Höhenberg nicht doch bebaut werden könnten. Da gibt es auch noch Potenzial in Flächen ehemaliger Bundeseinrichtungen. Sie können ebenfalls noch weiter in die ehemaligen Dorfstrukturen gehen. Das sind keine landwirtschaftlichen Dörfer mehr. Aber wenn es heißt, dass die Innenstadt von Köln nicht mehr nachverdichtet werden kann, wollen wir dann also dem Markt freien Lauf lassen?

Rosa Plan Düsseldorf © Hoidn Wang Partner, Kartierung suburbaner Siedlungsbereiche: Berlin-Brandenburg, Hamburg, Köln, Rhein-Main, München, 2020.

Dann sind doch Konflikte zwischen Politik und Markt und Menschen garantiert?

Natürlich kann man den interessierten Menschen sagen, bau dir dort, wo es erschwinglich ist, ein Haus, nämlich auf einer Fläche, die eben noch ein Acker war. Aber ist es sinnvoll, wenn wir auf fruchtbarem Acker Einfamilienhäuser errichten? Es leben jetzt schon 84% der deutschen Bevölkerung nicht in Innenstädten. Ich unterrichte an der University of Texas at Austin und dort stellte sich vor 15 Jahren die Frage, wie man den Studierenden, die oft meilenweit von der Uni entfernt wohnten, entgegenkommen könnte. Das neben der Uni liegend Villenquartier wurde dafür hochgezont. Das heißt, die Geschossflächenzahl wurde von 0,4 auf 12 erhöht. Dort stehen jetzt Hochhäuser, zwanzigstöckig und es wohnen jetzt fast 18 000 Studierende dort … Das Maß der Hochzonierung ist keinesfalls ein Vorbild für Köln, aber das Prinzip einer maßvollen Hochzonierung schon, eine maßvolle, verträgliche Verdichtung zum Beispiel entlang der großen Radialen, die dann auch den Metropolencharakter unterstreicht, könnte man im Entwurf testen. Dann können wir uns auch die Frage stellen, ob wir eine Entwicklung der Europäischen Stadt akzeptieren wollen, bei der die alte Innenstadt weitgehend erhalten bleibt, und bei der die großen Ringe und Radialen in einer höheren Dichte weiterentwickelt werden. Wir dürfen nur nicht mehr länger so tun, als würden wir uns um die klassische Europäische Stadt kümmern und lassen dabei dem Markt auf der grünen Wiese freien Lauf.

Es gibt aber auch genügend Akteure in der Industrie, im Handel, in der Politik, die großes Interesse an einer Fortführung der Suburbanisierung haben. Wie holt man die ins Boot?

Wenn man die Menschen nach ihrer idealen Wohnform fragt, geben sie meisten das freistehende Einfamilienhaus an. Das können sich aber nur die wenigsten leisten, als Kompromiss kaufen dann einige eine Doppelhaushälfte oder ein Reihenhaus. Und natürlich haben die Bausparkassen und andere Finanzdienstleister ein gesteigertes Interesse daran, dass das genauso fortgeführt wird. Die Bauwirtschaft hängt daran, und auch die Kommunen wollen ihre Steuereinnahmen mit den Zuziehenden vergrößern. 90.000 Einfamilienhäuser werden im Schnitt jedes Jahr in Deutschland gebaut, das zieht auch den Kauf von Autos, Einrichtungsgegenstände etc. nach sich und ist ein ganz wesentlicher Motor der Wirtschaft in diesem Land. Wo gingen denn die Investitionen hin, würde man das einfach unterbinden? Würden die sinnvollerweise in einen Geschosswohnungsbau fließen, bräuchten wir eine andere Planungspolitik, die diese Investitionen gestalterisch angemessen in den Städten einbringt. In der Planungspolitik wäre ein Umdenken gefordert, hin zu langfristigen Entwicklungskonzepten, nicht die kurze, verzweifelte Suche nach geeigneten Grundstücken.

Rosa Plan Metropolregion Köln/Düsseldorf © Hoidn Wang Partner, Kartierung suburbaner Siedlungsbereiche: Berlin-Brandenburg, Hamburg, Köln, Rhein-Main, München, 2020.

Sie sehen hier also die Politik in der Pflicht?

Ja, der Flächenverbrauch muss wesentlich verringert werden. Die Empfehlungen, die bereits vor Jahren vom Bundesbauministerium und Umweltamt selbst ausgesprochen wurde, liegen zwischen 30 und 20 Hektar pro Jahr. Aber wie wollen Sie den Kommunen erklären, dass sie das übliche jährliche Bauvolumen um mindestens die Hälfte reduzieren müssten? Die Schlüsselfrage ist doch, wie wir dem stattfindenden Klimawandel effektiv begegnen wollen. Wenn man so tut, als gäbe es eine europäische Tradition, die eine verdichtete Innenstadt bedeutet, dann ist die Aussage unserer Studie leider, dass die europäische Siedlungsstruktur längst identisch ist mit der nordamerikanischen. Der Kölner Innenstadtbereich im Sinne der Europäischen Stadt hat einen Flächenanteil an der Metropolregion von 1,28%. In München ist er noch geringer, in Berlin kaum anders. Die Metropolregion ist deswegen die tatsächliche Bezugsgröße was unseren Lebensstil in Verbindung mit einer Siedlungstypologie betrifft, weil die meisten Leute, die in einer Großstadt arbeiten, ja nicht in dieser wohnen, sondern hin und her pendeln. Die Wirtschaftskraft einer Stadt zieht Pendler an, gleichzeitig verdrängt die Struktur die Leute an die Peripherie, sie lässt ihnen keine Wahl. Welche PlanungsdezernentInnen und BaubürgermeisterInnen haben gemeinsam den Mut, sich hier in einem Metropolraum geschlossen durchzusetzen und gegenzusteuern?

Was kann getan werden, um die bestehenden suburbanen Siedlungsräume für die Zukunft aufzustellen?

Auch in diesen Bereichen kann ein nach Innen gerichtetes Wachstum stattfinden, so wie die dortigen Bewohner erkennen, dass sie nicht mehr in einem vermeintlich landwirtschaftlichen Dorf wohnen. Jeder mag vielleicht glücklich in seinem Einfamilienhaus sein, aber mit der Idee eines vorindustriellen Dorfs haben die jetzigen Strukturen dort nichts mehr zu tun. Das sind oft nur noch Schlafstätten. Ansonsten sehe ich ein Verharren im jetzigen Muster, da weder auf Landes- noch auf Bundesebene ein Wille besteht, diesen Strukturen Einhalt zu gebieten.

Weil Sie das Gegensteuern aber für notwendig halten, haben Sie die Rosapläne erarbeitet?

Wir wollen damit ein Bewusstsein dafür schaffen, wie wir tatsächlich wohnen. Diese Karten gab es vorher noch nicht, kein Institut, kein Planer hat sich jemals die Mühe gemacht die Situation zu erfassen. Haben die Angst vor der Wahrheit? Warum diese Unterdrückung von Tatsachen? Ich hoffe, dass unsere Studie zu einem neuen Nachdenken führt, wir haben großes Interesse daran, dass die Stadtgestaltungsdiskussion neu geführt wird, dass wir uns ehrlich fragen, wie wollen wir in Zukunft wohnen und leben. Und wenn es dann heißt, wir wollen gemeinsam eine soziale und funktionale Mischung, verdichtet mit fußläufigen Erschließungen, dann müssen wir Stadt neu denken und das Planungsrecht dafür entsprechend schaffen.

Prof. Dr. h.c. Wilfried Wang © Astrid Eckert _ Photographie /Muenchen

Prof. Dr. h.c. Wilfried Wang Geboren in Hamburg, Studium der Architektur in London. Gründer von Hoidn Wang Partner, Berlin, www.hoidnwang.de. O’Neil Ford Centennial Professor in Architecture an der University of Texas at Austin. Lehraufträge an der Polytechnic of North London, Bartlett School, GSD Harvard University, ETH Zürich; ETSAUN Pamplona/Madrid. Herausgeber und Autor von Publikationen zur Architektur. Kurator von Architekturausstellungen. Mitglied der Kungliga Konstakademien Stockholm, CICA, Akademie der Künste; Dr. h.c. von der Kungliga Tekniska Högskolan Stockholm; Ehrenmitglied des Ordem dos Arquitectos, Portugal.

*Hoidn Wang Partner, Kartierung suburbaner Siedlungsbereiche: Berlin-Brandenburg, Hamburg, Köln, Rhein-Main, München, 2020. Diese Analyse definiert suburbane Siedlungsstrukturen einzig durch Einfamilienhaustypen: freistehend, im Doppel, Reihen- und Hofhäuser. Mehrgeschosswohnbauten gehören in dieser Analyse nicht dazu. Siehe auch: Die suburbane Wirklichkeit in Marlowes.

Die Fragen stellte Uta Winterhager

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