Constantin Meyers Fotoserie „Parklandschaften“

Als Titel dieser Fotoarbeit ist Parklandschaften eine ungewohnte Auslegung des Begriffs. Denn statt weitläufige Gartenanlagen lichtet Constantin Meyer die kargen Oberdecks von Parkhäusern ab. Zwei, drei Gemeinsamkeiten erlauben die Verfremdung: Park und Deck sind entworfene Räume, stehen jeweils für eine bestimmte historische Ära und erzeugen, das zeigen die Fotografien mit großer Klarheit, anregende Horizonte.

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© Constantin Meyer

 

Der Gebäudetypus Parkhaus steht für die individuelle Motorisierung der Bevölkerung, die ihre Gefährte innerstädtisch abstellen will. Solange das Automobil gleichbedeutend mit Fortschritt gesetzt wurde, wohnte den Anlagen sogar eine heroische Attitüde inne – man denke an den Berliner Kant-Garagen-Palast von 1930 oder die Haniel-Garage in Düsseldorf von 1952. Dieses Image ist längst verblasst, in der Gegenwart verschwindet das Auto, nunmehr ein Gebrauchsobjekt, in Tiefgaragen. Die monofunktionalen Parkhäuser der Nachkriegsjahrzehnte werden zunehmend beseitigt, um an ihre Stelle Büros und Wohnungen treten zu lassen.

Parkhausdächer von Constantin Meyer

© Constantin Meyer

Das Interesse des Fotografen geht ohnehin über die von massiver Betonkonstruktion geprägte Architektur effizient hochgestapelter Parkpaletten hinaus. Seinen Fokus richtete er allein auf das oberste Deck. Die Kulissen bilden die Silhouetten der Städte Köln, wo Constantin Meyer lebt,Siegburg, Essen, Düsseldorf und Dortmund. In ihrer Erscheinung sind die Orte austauschbar, schöben sich nicht die Jahrhunderte überdauernden Wahrzeichen ins Bild: der Dom, die Basilika Groß-St. Martin sowie die Propsteikirche.

Parkhausdächer: Der vergessene Lebensraum über der Stadt Die Design Post in Köln-Deutz präsentiert anlässlich der Internationalen Photoszene Köln 2016 die Ausstellung „Parklandschaften“ des Kölner Architekturfotografen Constantin Meyer (16.09. bis 08.10.2016)

© Constantin Meyer

 

Unter freiem Himmel gleicht das Deck einer Terrasse. Auf dem glatten Boden zeigen Pfeile irgendwohin, weiße Streifen markieren die Einzelstellplätze, die durch die Abwesenheit von Autos wie rätselhafte Grafiken erscheinen. Dass einzelne Grashalme aus den Fugen wachsen, einmal sogar schon ein Busch, offenbart eine Verlassenheit, die Meyer veranlasste genauer hinzuschauen. Die Spuren des Alters sind unübersehbar. Neben der Ruderalvegetation zeugen Graffiti und abblätternder Putz von der Aufgabe der Abstellplätze. Die benachbarten Gebäude verhalten sich dazu ohne Bezug wie gestrandete Ufos, gleichgültig, ob sie vernachlässigt oder neu errichtet sind.

 

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© Constantin Meyer

 

Der Architekturfotograf fängt freilich auch die Abwesenheit von Gestaltungswillen ein. Hier oben wird die Infrastruktur des Gebäudes sichtbar, etwa die Aufzugsüberfahrten oder die Klimakanäle, aber auch Regenfallrohre und natürlich Verkehrsschilder. Die bauzeitlichen Aufbauten binden noch formschlüssig an den Rohbau an, wohingegen die späteren mit Elementen aus dem Baumarkt pragmatisch, ja geradezu rüde angebracht wurden. Dazu kommt eine reduzierte Farbigkeit: beige und weiß, als wolle sich das Bauwerk zum Verschwinden bringen. Zuweilen, vollkommen unerwartet, erstaunt dann die Fotogenität im Grunde alltäglicher Bauteile: Mal scheint ein quaderförmiges Fertigteil teilweise in der Luft zu schweben, mal recken sich Peitschenleuchten ins Bild.

 

Parkhausdächer von Constantin Meyer

© Constantin Meyer

 

Der Reiz für Constantin Meyer geht von der Position der Decks im städtischen Kontext aus. Anders als etwa bei Parkhäusern an Flughäfen verschränken sich hier die Aufbauten mit den Türmen und Dächern im Hintergrund. Die beabsichtigte, visuelle Einbeziehung der Stadt provoziert ein urbanes Lebensgefühl. Deshalb sind die Fotografien ein Ansporn, die obersten Decks der noch vorhandenen Zeugen der automobilen Stadt zu erklimmen und in der Idylle des aufgegebenen Ortes ein erfrischend beiläufiges Panorama der Stadt zu entdecken. Es wird nicht mehr lange möglich sein.

 

Michael Kasiske

(Der Text ist dem Katalog zur Ausstellung entnommen)

 

Die Ausstellung „Parklandschaften“ des Kölner Architekturfotografen Constantin Meyer wird vom 16. September 2016 – 1. Oktober 2016 anlässlich der Internationalen Photoszene Köln 2016 in der Design Post präsentiert.

 

Michael Kasiske, *1964 in Gronau (Westf.); Studium der Architektur in Berlin und Dortmund; schreibt als freier Autor über Architektur, Design und Kunst u. a. für Bauwelt, taz, tec21; im Hauptberuf Referent im Bundesamt für Bauwesen und Raumordnung; lebt in Berlin.

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