Der siegreiche Wettbewerbsbeitrag "Die Welle" von ASTOC mit urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten, Köln, Hofperspektive © ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten

ASTOC mit urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten gewinnen Die Welle

Köln braucht Wohnungen – viele und schnell. Weil jeder Preis gezahlt wird, traut sich eine Projektgesellschaft diesen Kraftakt zu: nach einer aufwendigen Asbestsanierung sollen die bunten Hochhausgeschwister der Deutschen Welle gesprengt werden und Platz für 750 Wohnungen machen. Da hilft die große Dichte, dass die Kosten später auf viele umgelegt werden können. Die Form dafür wurde nun mit einer Mehrfachbeauftragung gesucht.

„Die Welle“, wie das Projekt inzwischen heißt, wird eine technische Herausforderung. Weltweit ist nie ein höheres Hochhaus gesprengt worden und niemals zuvor gleich zwei, die unmittelbar neben einem dritten stehen, das keinen Schaden nehmen darf. Und es ist eine wirtschaftliche: Zwei Jahre wird es dauern bis sämtlicher Spritzasbest von den Stahlträgern entfernt und entsorgt ist, das Gebäudeensemble gesprengt und die Trümmer geräumt sind. Viel Zeit, die viel kostet, bevor überhaupt gebaut werden kann.

 

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Stahlträger im Bestandsgebäude vor und nach der Asbestsanierung. Foto: DWK Projektgesellschaft

 

In Anwesenheit des Bundespräsidenten Gustav Heinemann wurde 1974 am Raderberggürtel der Grundstein für die gemeinsame Funkhausanlage von Deutscher Welle und Deutschlandfunk gelegt. Sechs Jahre später bezog die Deutsche Welle das bunte Hochhausdoppel der Planungsgruppe Stieldorf, der Deutschlandfunk das auf einen Sockel gestellte brutalistisch anmutende Hochhaus von Gerhard Weber + Partner. Bis 2003 arbeiteten die 1.400 Mitarbeiter der Deutsche Welle hier mit einem einzigartigen Blick über Köln, dann ging der Sender in die Horizontale und bezog den Schürmannbau in Bonn, der ursprünglich als Bürogebäude für die Abgeordneten des Deutschen Bundestages geplant worden war. Seitdem steht das Doppelhochaus nun leer. Es ist eine zugegeben sperrige, schwierige Immobilie, für deren Umnutzung es trotz ihrer unbestrittenen Zeichenhaftigkeit kaum konkrete Pläne gegeben hat. Dabei ist neben der Asbestbelastung auch die mangelnde Integration des eigenwilligen Ensembles in den Stadtraum zu einem Argument für den Abriss geworden. Doch was sprach eigentlich gegen die Umnutzung zum Wohnen und die Nachverdichtung rund um den Sockel? An Geld und Mut scheint es jetzt ja nicht mehr zu mangeln. Doch vergessen sind all die guten Vorsätze und Ideen, die in Workshops und Symposien (u.a. Häuser von gestern für die Stadt von morgen, StadtBauKultur NRW) endlos diskutiert und durchgespielt wurden – von einer praktizierten Umbaukultur sind wir also doch noch weit entfernt.

 

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Der siegreiche Wettbewerbsbeitrag „Die Welle“ von ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten Köln Im Südwesten liegt die Kita, der daran anschließende Grünbereich leitet in den Fritz-Encke-Park über. Drei Gewerbebauten im Süden bilden einen Puffer, der die Wohnbebauung vor den Lärmemissionen der Betriebe schützen soll © ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten

 

Nun wird also auf einer 5,57 Hektar großen tabula rasa neu geplant: ein neues Marienburger Wohnquartier, stark verdichtet mit etwa 75.000 qm Wohnfläche, integrierter Kindertagesstätte, einem kleinen Anteil nicht störenden Gewerbes als Puffer, soll das heterogene und diffuse Umfeld neu strukturieren und profilieren. Als Eigentümerin des Grundstücks hat die DWK Projektgesellschaft eine Mehrfachbeteiligung mit fünf Teilnehmern ausgelobt. Nach einer zweiten Phase, in der ASTOC Architects and Planners mit urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten (Köln) und Meili, Peter mit grabner + huber (München) zur Überarbeitung ihrer Beiträge aufgefordert waren, empfahl die Jury (Vorsitz Kunibert Wachten) Anfang Juni den Entwurf der Kölner als Grundlage für den aufzustellenden Bebauungsplan.

 

DW ASTOC Airview

Der siegreiche Wettbewerbsbeitrag „Die Welle“ von ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten, Köln © ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten

 

Die geforderte Dichte, der Lärmschutz und eine Realisierung in fünf Bauabschnitten gaben den Planern ein enges Korsett vor. So setzen drei Teams auf klassische Figuren wie Blöcke und Höfe, die sie wie RKW (Düsseldorf) durchgeschüttelt oder wie Morger + Dettli (Basel) verzerrt haben, um ihre formale Strenge aufzubrechen. Auch die schließlich ausgezeichnete Arbeit von ASTOC setzt auf die Tradition der Borstei in München oder des Blauen Hofes in Köln – hundert Jahre alte Figuren, die nichts von ihrer Modernität eingebüßt haben. Eine bewohnte Lärmschutzwand, die als Kammstruktur noch mehr Gewicht erhält, soll an der dem Deutschlandfunk zugewandten Seite das Rückgrat für das neue Quartier bilden. Das Gegenüber bilden zwei Blöcke, die drei Höfe ausbilden, von denen der mittlere als Quartiersplatz benannte wurde. Es entsteht eine introvertierte Figur mit Festungscharakter, die den zukünftigen Bewohnern Intimität und Schutz bieten soll. Dennoch bemühen sich ASTOC, das Quartier zu öffnen, die grünen Binnenräume an die öffentlichen Parks anzuschließen und einzelne Gebäude in der Großstruktur ablesbar zu machen.

 

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Wettbewerbsbeitrag „Die Welle“ von Meili, Peter, München. © Meili, Peter

 

Van Dongen – Koschuch (Amsterdam) und Meili, Peter haben sich trotz der strengen Auflagen an freie Formen gewagt. Die Niederländer verzichteten auf eine klare Lesbarkeit der städtischen Figur und öffnen das Areal mit einer fließenden parkartig gestaltete Hoflandschaft deutlich nach außen. Die Arbeit von Meili, Peter / grabner + huber, die neben der von ASTOC / urbane gestalt johannes böttger landschaftsarchitekten in der Vertiefungsphase diskutiert wurde, erzeugt ein ganz anderes Bild – wie Schiffe im Hafen tändeln vier schlanke Baukörper mit abgeknickten Köpfen am Pier. Diesen bildet eine bewohnte Wand, die die Lärmemissionen des Deutschlandfunkturms über die gesamte Tiefe des Areals abschirmen. Dem Schutzbedürfnis gerecht werden ohne einzukesseln, eine wirtschaftliche Dichte erzeugen und doch hochwertige Wohnungen bauen, das traute die Jury dann doch eher der klassischen Form von ASTOC zu.

 

Köln braucht schon heute mehr Wohnungen und der von statistischen Landesamt bis 2040 prognostizierte Bevölkerungszuwachs um bis zu 20 Prozent stellt für die Stadt, die grade die Millionengrenze überschritten hat, eine enorme Herausforderung da. Aber die Stadt setzt noch auf das Wachstum aus der Mitte heraus, sucht nach Flächen, die untergenutzt sind oder brach liegen, um diese Lücken im Stadtgewebe von Investoren und Entwicklern in angemessener Weise schließen zu lassen. Große Planungen, die zum Teil mit aufwendigen Beteiligungsverfahren begleitet werden, gibt es für die Parkstadt Süd, den Mülheimer und den Deutzer Hafen, im kleineren Maßstab auf dem Clouth Gelände in Nippes, dem ehemaligen Güterbahnhof Ehrenfeld oder eben hier, wo Die Welle entstehen soll. Großen Brachen neue Funktionen zutrauen ist in Köln schon gängige Praxis geworden – vielleicht kann man auch bald noch einmal neu über die Umnutzung leerstehender Gebäude nachdenken. Wenn das irgendwo funktioniert, dann doch bestimmt hier in Köln, wo Wohnraum so knapp und das Publikum so aufgeschlossen ist.

 

Uta Winterhager

 

 

 

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Auslober/Entwickler: Das Verfahren wurde von der Projektgesellschaft „DWK Die Welle Köln Erste GmbH & Co. KG“ (DWK Projektgesellschaft) ausgelobt. Die DWK Projektgesellschaft ist ein Joint Venture der Bauwens Development GmbH & Co. KG und Die Wohnkompanie NRW GmbH. Beide Unternehmen werden über die DWK Projektgesellschaft die komplette Verantwortung für den Rückbau der Deutsche Welle Türme sowie die Realisierung des neuen Wohnquartiers tragen.

 

Weitere Teilnehmer:

 

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Wettbewerbsbeitrag „Die Welle“ von RKW, Düsseldorf. © RKW

 

 

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Wettbewerbsbeitrag „Die Welle“ von Morger + Dettli. © Morger + Dettli

 

 

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Eine Reaktion auf “Alles so schön grün hier?”

  1. Prof.Dr.Marlis Grüterich

    Ich komme alle 2 Wochen an den Welle-Türmen vorbei. Sie stehen am Rand von Marienburg,
    in einer architektonisch nicht zu erkennenden Gegend herum
    – nicht schillernd sondern stumpf. Keine Umbauung kann sie urbaner machen.
    Die Bebauung des Areals könnte Wohnquartier-Qualität haben, wenn Bezüge zu öffentlichen
    Parks direkt wahrzunehmen, zu sehen und zu begehen wären___ Stadt und Land
    sich mischen würden___ auf Wohn-Riegel verzichtet würde.
    Für einen workshop während der Plan habe ich das Wort “Quartier“ für die Rückseite der Oper ins Gespräch gebracht___nicht ahnend, dass daraus Werbung für alles und jedes würde ___ und keine urbane Realität.
    Neben den Marienburger Villen wären Stadt-Villen für viele Bewohner ein Übergang
    zu Zollstock und Klettenberg. Warum sollen Mieter abge-riegelt werden?
    Grüß‘ Sie MG

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