Tonnendach auf Kriegsruine. Schallers Familienwohnung im Dach der Hülchrather Straße 3 © Skizze Christian Schaller

dt8 - Pioniere der Bauherrengemeinschaft, ein Rückblick nach 32 Jahren

Am 4. November 2017 feiert Christian Schaller seinen 80. Geburtstag. Gebaut hat er viel, überwiegend in Köln, aber er exportierte seine Ideen auch nach China. Aber auch geredet und nicht zu letzt auch bewegt hat er viel, ob nun in Bürgerinitiativen oder als Vorstand des BDA Köln, Bundesdelegierter oder Vorsitzender des HdAK, er mischte sich ein in die großen Themen der Stadt, ob es nun um den Bau der Stadtautobahn durch Nippes, das Stollwerckgelände, den Bau der Moschee, die Via Sacra oder das Domumfeld ging, und hat damit einiges erreicht.

Bauliche Spuren hat der Architekt Christian Schaller aber vor allem im Agnesviertel hinterlassen, hier wohnt er selbst, engagierte sich für sein Quartier, formte Plätze, füllte Lücken und transformierte eine Kriegsruine in ein Wohnhaus für neun Familien. Die Hülchrather Straße 3 nennt er auch spontan auf die Frage, welches denn sein typischstes Projekt sei. Hier, nicht in den großen U-Bahnstationen oder der familiär bedingt spannenden Treppe auf die Domplatte, finden sich alles seine Ideen auf engstem Raum wieder. Der soziale Gedanke des genossenschaftlichen Bauens, hinter dem das Credo steht, dass sich die Wohnungsfrage nicht über den Markt lösen lässt, das Weiterbauen der Stadt in einer Weise, die Brüche zeigt und Formen neu interpretiert.

Christian Schaller gelten  unsere herzlichen Glückwünsche!

 

Die Hülchrather Straße 3, weitergebaut und weitergedacht

Baugruppen sind eine gute Sache – so gut sogar, dass sie in den Großstädten zum gängigen Geschäftsmodell geworden sind. Als neun Familien, darunter auch der Architekt Christian Schaller mit Frau und Kindern, Mitte der 80er Jahre aus einer Kriegsruine ihr Wohnhaus machten, war es noch ein Modellversuch.

Christian Schaller im Okotober 2013 auf der Dachterrasse seines Hauses © Foto Uta Winterhager

 

 

Pioniergeist der 80er

Im Agnesviertel wollten sie wohnen, das Budget war zwar knapp, aber die Überzeugung umso größer, dass sich ihre Idee mit persönlichem Einsatz und dem richtigen Objekt realisieren ließe. Neun Familien, die das gemeinsame Engagement in der Bürgerinitiative des Viertels verband, kauften 1985 das im Krieg stark zerstörte aber denkmalgeschützte Haus in der Hülchrather Straße 3. Obwohl auch die noch bewohnbaren Geschosse bereits zehn Jahre leer gestanden hatten, boten die Kriegsschäden einen erheblichen Gestaltungsspielraum bei der Sanierung und Neuorganisation des Hauses. Dass sie das teure Innenstadt-Grundstück in Erbpacht von der Kirche erhielten, kaum der Gruppe sehr entgegen, denn so blieben die Einstiegskosten in das Projekt zunächst relativ gering.

 

Ansicht der Hülchrather Straße 3 vor und nach dem Umbau. © Fotos Christian Schaller

Weiterbauen im Bestand

Das Jugendstil-Haus aus dem Jahr 1907 lässt sich stilistisch dem Kölner Architekten Franz Brantzky zuordnen, es gibt jedoch keinen Nachweis über seine tatsächliche Urheberschaft. Das ehemals benachbarte Eckgebäude wurde im Krieg völlig zerstört, schnell jedoch durch schmucklosen Geschosswohnungsbau ersetzt. Dem viergeschossigen Wohnhaus Hülchrather Straße 3 fehlte das Dach und eine der drei Fensterachsen des Vorderhauses bis zum Hochparterre. Nach dem Krieg war es nur provisorisch instandgesetzt worden, so dass sich die Haustechnik und Ausstattung – soweit vorhanden – noch auf Vorkriegsstand befanden. Die Bauaufgabe war nun aus den vier Geschossen im Vorder- und Hinterhaus des stark zerstörten Gebäudes neun angemessen große Familienwohnungen mit eigener Terrasse zu machen. Dazu sollte eine Dachterrasse, ein begrünter Hof und zahlreiche weitere Gemeinschaftsräume in Souterrain entstehen.

Schnitt durch die Hülchrather Straße 3 © Zeichnung Christian Schaller dt8

 

Die Hausgemeinschaft

Fünf der neun Wohnungen wurden als sozialer Wohnungsbau öffentlich gefördert, vier wurden frei finanziert. Es gab Bürgschaften der Beteiligten untereinander und wer ein geringeres Einkommen hatte oder weniger Eigenkapital besaß, konnte in Arbeitsstunden ableisten, was fehlte. Die Baumaßnahmen beschreibt Christian Schaller daher heute als pragmatisch. Soziale und ökonomische Aspekte überwogen in den Diskussionen der Baugruppe, führten jedoch indirekt auch zu einer ökologischen Haustechnik und einer politischen Aussage der baulichen Gestaltung. Die Baugemeinschaft entschied sich, das Haus nicht wie von der Denkmalpflege zunächst angewiesen wieder originalgetreu zu rekonstruieren – Originalpläne gab es ohnehin nicht – sondern die fehlenden Teile in einer zeitgemäßen Formensprache zu ersetzen. Das hatte zwei Gründe: Zum einen sollten die Kriegsschäden nicht einfach wegretuschiert werden und außerdem wiesen die Stahl-Glas Fassade und das Tonnendach mit Zinkblechdeckung einen so hohen Vorfertigungsgrad auf, dass viele Arbeiten in Eigenleistung erbracht werden konnten.

 

Ansichtsskizze der Hülchrather Straße 3 © Zeichnung Christian Schaller dt8

 

Die Lösung, die schließlich doch noch im Einvernehmen mit der Denkmalpflege gefunden wurde, setzte der steinsichtigen Jugendstil-Fassade eine wesentlich leichtere Ergänzung mit deutlicher Betonung der Vertikalen entgegen. Die Abbruchkante der Ruine wurde nicht versäubert, was die Trennung von Alt und Neu noch einmal sehr nachdrücklich betont und darüberhinaus auch inhaltlich begründet. Inzwischen ist die behutsame Ergänzung historischer Bausubstanz durchaus denkmalpflegerische Praxis geworden und nicht erst seit Kolumba auch in Köln populär.

 

Skizze der Dachwohnung in der Halbtonne © Zeichnung Christian Schaller dt8

 

Jeder bekommt, was er braucht

Auch im Inneren des Hauses wurde die Idee des „Nebeneinander“ umgesetzt, so dass überall deutlich ablesbar bleibt, wo der historische Bestand aufhört und wo er mit zeitgenössischen Mitteln ergänzt werden musste. Auch wenn vielleicht ausschlaggebend war, dass die Baugruppe ihr Geld lieber anders einsetzte als den durch Brandbomben geschwärzten Terrazzo zu ersetzten oder die Marmorverkleidung im Treppenhaus zu ergänzen, so blieb auf diese Weise die Geschichte des Hauses noch an vielen Stellen ablesbar. Der massive Kern des Hauses ist im Krieg nicht zerstört worden, sodass die Stahlträger der Geschossdecken beim Aufbau dort wieder angeschlossen werden konnten. Sie wurden jedoch nicht wie ursprünglich als Ziegeldecken, sondern kostengünstig in Ortbeton ausgeführt. Aus den ehemals vier Wohnungen des Hauses sind durch die Baumaßnahmen neun Wohnungen mit jeweils 100 – 170 qm Wohnfläche entstanden. Jede Wohnung verfügt über einen Balkon zum Innenhof. Ein Teil der Balkone kann im Winter als Wintergarten genutzt werden, was angesichts des relativ knappen Raumangebotes durchaus sinnvoll ist. Obwohl die Wohnungen durch ihren Zuschnitt und die Lage im Haus sehr individuelle Qualitäten haben, fand jede Familie der Baugruppe dort ein Zuhause, das ihren Vorstellungen entsprach. Den Ausbau der Wohnungen übernahmen jede Partei selbst und konnte je nach Budget und Anspruch Küche, Bad, Böden und Oberflächen gestalten und zwischen Heizkörpern und Fußbodenheizung wählen. Nicht bewährt hat sich, so Schaller, einzig die Sparsamkeit. So muss derzeit das Dach saniert werden, weil die Qualität der handwerklichen Ausführung des günstigsten Anbieters nicht optimal gewesen ist. Auch hätte man rückblickend nicht an der Dicke der Dämmung im Dach und an der Ausführung der ungedämmten und zum Teil nicht öffenbaren Metallfenster sparen sollen. Bis auf einige Stellen im Dach musste bislang jedoch kaum saniert werden. Einer Wohnung im Hinterhaus fehlte ein Zimmer, das vor Kurzem noch in den Hof gebaut wurde.

Mit großem persönlichem Engagement, Bodenständigkeit und einigen unkonventionelle Maßnahmen haben neun Familien sich ein Haus nach Maß gebaut. Und wenn man heute fragt, ob der Modellversuch geglückt ist, gibt die Tatsache, dass nach 32 Jahren immer noch alle Mitglieder der Baugruppe dort wohnen – auch wenn ihre 20 Kinder inzwischen alle ausgezogen sind – eine eindeutige und eindeutig positive Antwort.

Uta Winterhager

 

 

Dieser Text erschien im Oktober 2013 in der db als Beitrag in der Rubrik  „In die Jahre gekommen“ Wiederbelebung einer Kriegsruine

 

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