Christian Schaller auf dem Dach der Hülchrather Straße 3 © Foto: Uta Winterhager

Christian Schaller zum 80. Geburtstag

Am 4. November feiert Christian Schaller seinen 80. Geburtstag. Nicht in Köln, sondern in Südtirol. Es wird nur eine kleine Reise werden, denn Arbeit wartet. Vielleicht ist es aber auch so, dass er die Arbeit braucht, die täglichen acht Stunden im Büro, den Austausch mit den jungen Kollegen, das Einmischen in das Geschehen. Köln ist für ihn, der 1937 in Berlin geboren wurde und bei der Mutter in Höxter aufwuchs, längst zur Heimat geworden. Der Vater Fritz Schaller wurde 1947 von Rudolf Schwarz in die Wiederaufbaugesellschaft gerufen. Dass der Sohn ihm folgen würde, war bei Schallers nie so klar wie bei anderen Architektenclans dieser Zeit. Zwar hat er schon immer gerne gezeichnet, träumte als Kind aber von einem Leben als Bauer oder Zoodirektor. Dass er schließlich doch Architekt geworden ist, schreibt er klar dem Vater zu, der erst mit einem modularen Holzbaukasten, dann mit Baustellenbesuchen Einfluss genommen hat. Es sei eher eine Verführung, als eine Berufung gewesen, sagt er heute.

 

Der eigene Weg

Sein Studium begann er in Hannover, doch nach einem kurzen Exkurs über Karlsruhe zog es ihn nach Berlin, wo er Lehrer und Kommilitonen fand, die wie er, das Haus im Kontext der Stadt betrachteten. Auf einer Zugfahrt hatte er im Vorbeifahren gesehen, wie das vom Vater gebaute Kreishaus Leverkusen, von dem unaufhaltsam wachsenden Betongebirge der neuen City geschluckt wurde. Ein Schreck, ein Schlüsselerlebnis, das dem jungen Studenten zeigte, dass die Zeit in der der Architekt als Baukünstler autonome Kunstwerk mit Ewigkeitsanspruch entworfen hat, vorbei war. Wenn die Architektur eine Zukunft haben soll, so folgerte er, muss sie Quartieren, nicht in Einzelbauten, gedacht sein. Damit grenzte er sich scharf von seinem Vater ab, der auf traditionell-abendländische Weise danach strebte, im modernen Kirchenbau seinen Ausdruck als Baumeister zu finden.

St. Paulus in Neuss-Weckhoven von Fritz Schaller und Stefan Polónyi, Mitarbeit Christian Schaller © Foto: Käthe und Bernd Limburg, www.limburg-bernd.de / Lizenz: Creative Commons BY-SA-3.0 de

 

Denken im Quartier

Doch es war ausgerechnet eine Kirche, die der Vater ihn als erstes Projekt fertigstellen ließ. Doch geprägt vom Lehrstuhl Hermkes in Berlin, wollte Christian Schaller etwas Eigenes umsetzen, dem Tragwerk das maximal Mögliche entlocken und entwickelte für St. Paulus in Neuss-Weckhoven mit Stefan Polónyi ein selbsttragendes Betonfaltwerk. Es ist ein phantastischer Bau geworden, filigran, mutig, modern, und doch wollte sich der Sohn bald aus dem Büro des Vaters lösen. Mit der Domplatte, die dort Anfang der 70er Jahre geplant wurde, konnte er nicht allzu viel anfangen. Mit dem in seinen Augen zu konservativen Vater debattierte er gerne und viel, beeindruckt haben ihn Ungers und Böhm. Mit Böhm arbeitete er parallel (noch unter dem Namen des Vaters) an zwei benachbarten Quartieren in „der neuen Stadt Chorweiler“, lernte dabei, wie es dem Altmeister gelang, die expressive Form seiner Häuser in den Stadtraum einzufügen. Mit Erich Schneider-Wessling und Hans Schilling fand er  Verbündete im BDA. Mit Ulrich Coersmeier, Alfred Fuhrmann, Stephan E. Goerner, Claus Ditges und Helmut Theodor die dt8 Planungsgruppe, die bis Mitte der 90er Jahre als „ein Kollektiv, in dem Handschriften erlaubt waren“ gearbeitet hat. Neben Ladenausbauten realisierte die Gruppe 1974 ihr erstes Projekt für eine Bauherrengemeinschaft in Meckenheim-Merl. Damit nahm sie den seit Chorweiler vernachlässigten roten Faden des Quartiers wieder auf, probierte die aus Amerika stammende neue Idee der Stadtspiele aus und setzte damit ihr erstes und schließlich ausgezeichnetes Projekt mit Bürgerbeteiligung um.

Die sehr gepflegten Gärten der Siedlung Am Wäldchen (dt8, 1974) sind der Straße zugewandt. © Foto Uta Winterhager

 

1978 gewann dt8 den Wettbewerb für das Stollwerck-Gelände im Severinsviertel. Im Städtebau gärte es, sagt Schaller rückblickend. Gerarde recht kam ihnen da Jane Jacobs 1961 erschienene Streitschrift „The Death and Life of Great American Cities“, die Material für die Mischung von Nutzungen, Typologien und Baualtern lieferte. Gentrifizierung verhindern und viel möglichst vielfältigen Wohnraum schaffen war ihr Ziel, weshalb sie über die bauliche Planung hinaus auch noch Finanzierungs- und Organisationsstrukturen entwickelt haben.

Zeichnung des Annoriegels auf dem Stollwerck-Gelände © Schaller Theodor

Weiterbauen

Viele Projekte folgten, realisiert ab 1992 als Schaller/Theodor, seit 2017 als Schaller Architekten Stadtplaner, überwiegend in Köln, aber auch in China. Spuren hat Christian Schaller aber vor allem im Agnesviertel hinterlassen, hier wohnt er selbst, engagierte sich für sein Quartier, formte Plätze, füllte Lücken und transformierte eine Kriegsruine in ein Wohnhaus für neun Familien. Die Hülchrather Straße 3 nennt er auch spontan auf die Frage, welches denn sein typischstes Projekt sei. Hier, nicht in den großen U-Bahnstationen oder der familiär bedingt spannenden Treppe auf die Domplatte, finden sich alles seine Ideen auf engstem Raum wieder. Der soziale Gedanke des genossenschaftlichen Bauens, hinter dem das Credo steht, dass sich die Wohnungsfrage nicht über den Markt lösen lässt, das Weiterbauen der Stadt in einer Weise, die Brüche zeigt und Formen neu interpretiert.

 

Skizze der Ansicht Hülchrather Straße 3 © Schaller Theodor

 

Es ist mit Sicherheit nicht übertrieben zu sagen, dass bis heute keine der großen Kölner Diskussionen um Städtebau und Stadtentwicklung (Stichworte Stadtautobahn, Moschee, Via Sacra oder Domumgebung) ohne Christian Schaller geführt wurde. Als BDA-Vorstand nutze er die in Köln bis heute kultivierten Montagsgespräche für durchaus auch mal kontroverse Einmischungen in die aktuelle Stadtplanung. Er hat es sich aus der für ihn typischen Bodenhaftung heraus zur Gewohnheit gemacht, Stellung zu beziehen und sich einzumischen, nicht nur in Bürgerinitiativen oder Kraft seiner Ämter als Kölner BDA Vorstand 1992-2007, Bundesdelegierter oder Vorsitzender des HdAK 2011-2014, sondern auch heute noch, wo Jüngere diese Posten übernommen haben, als engagiertes und fachkundiges Mitglied der Stadtgesellschaft.

 

Ihm gelten heute unsere herzlichen Glückwünsche.

Uta Winterhager

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