Das Wetter in diesem Sommer lädt so gar nicht zur Gartenarbeit ein. Und doch boomen derzeit Gemeinschaftsgärten in Köln – wir stellen drei unterschiedliche Modelle vor.

Ordentlich in Reih und Glied stehen die Pflanztröge aus Holz auf der ebenen, eigens angelegten Schotterfläche. Darin: Obstbäume, frisch gepflanzt aber schon einige Meter hoch, zu ihren Füßen sprießen die unterschiedlichsten Kräuter. Alles steht um einen nagelneuen Pavillon mit Kunststofffenstern. Ganz ehrlich: So hatten wir uns Guerilla-Gärtnern nicht vorgestellt!

Nutzbegrünung statt Dekoration

Entstanden ist dieser Garten am Grünen Weg in Ehrenfeld auch nicht in einer Guerilla-Aktion, sondern hochoffiziell in Absprache mit der GAG Immobilien AG, der das Gelände gehört. Wohnhäuser sollen hier in den kommenden Jahren entstehen. „Wir haben der GAG vorgeschlagen, statt dekorativer Begrünung eine Nutzbegrünung zu planen – und sie fanden das gut“, erklärt Sabine Voggenreiter vom Design Quartier Ehrenfeld, die das Projekt initiiert hat. Entstanden ist die Idee im September 2010 und schon im Mai 2011 wurden die Bäume gepflanzt, auf dem Teil des Geländes, der frühestens in fünf Jahren bebaut wird. „Etwa 20 Leute beteiligen sich derzeit an der Pflege des Gartens, die meisten von ihnen sind Ehrenfelder“, so Voggenreiter, „der Input kommt also von uns, wenn aber direkte Kosten entstehen, bezahlt das die GAG.“

Der GAG gehören die Pflanzen dauerhaft: Immer wenn die Erde saniert und ein Bauabschnitt fertig ist, werden die Obstbäume ausgepflanzt, so dass später 30 bis 50 Äpfel- und Birnenbäume auf dem Gelände stehen. Auch Kräuter- und Gemüsebeete sollen dann von den Bewohnern gepflegt werden. Voggenreiter geht es jedoch nicht nur um das Gelände am Grünen Weg, für das Design Quartier Ehrenfeld ist es Teil einer Grünflächenplanung. Bei der Plan 2010 entstand eine „Karte der Möglichkeiten“ für urbane Agrikultur, die unter anderem das Gelände des ehemaligen Güterbahnhofs und die ehemalige Güterbahntrasse umfasst. „Es soll überhaupt mehr Grün in Ehrenfeld geben“, sagt Voggenreiter, „aber selbst gezogenes Gemüse schmeckt auch einfach besser und ist gut für das Klima. Wenn man urbane Agrikultur in großem Stil macht, schlägt sich das auf das Viertel nieder – es ist ein anderes Herangehen an Stadtentwicklung.“

Bürgerbeteiligung als Ziel

Um Stadtentwicklung geht es auch den Gärtnern von „Neuland“ in der Südstadt. Sie möchten einen Teil des ehemaligen Geländes der Dombrauerei für einen mobilen Garten zwischennutzen, mit dem Ziel, langfristig zu beeinflussen, was auf dem Gelände entsteht. „Wir haben die Befürchtung, dass hier wieder Bürogebäude entstehen, wie sie nebenan schon leer stehen. Wir wollen, dass die Bürger einbezogen werden und möchten eine Bürgerbeteiligung erreichen“, sagt Dorothea Hohengarten, Gründungsmitglied des Vereins „Neuland“. Das Gelände gehört dem Land NRW, dort ist ein Zwischennutzungsantrag gestellt. Doch schon jetzt wird der Verein aktiv: Anfang Juli gab es eine Pflanzaktion, bei der etwa 170 Leute bei lauter Musik einen kleinen Garten angelegt haben. Und obwohl es eigentlich noch nicht gestattet ist, das Gelände zu betreten, treffen sich dort jeden Sonntag angehende Gärtner aus dem Viertel, um darüber zu diskutieren, wie der Garten aussehen soll oder um Müll zu beseitigen. „Insgesamt werden sich schon 400 unterschiedliche Menschen an dem Projekt beteiligt haben“, schätzt Hohengarten, „da kommt viel Energie und Wissen zusammen.“

Im Oktober möchten die Initiatoren beginnen, Wintergemüse zu pflanzen. Im Winter soll es dann eine improvisierte Gastronomie und einige Aktionen, wie zum Beispiel eine Kohlsuppenparty geben. Und im März möchte der Verein 200 Pflanzkübel befüllen – alles natürlich unter der Voraussetzung, eine Genehmigung zur Zwischennutzung zu erhalten. Entstehen soll so ein „Garten auf Wanderschaft“ der komplett mobil ist und auf ein anderes Gelände umziehen kann, sobald dieses bebaut wird. Doch es soll nicht nur ein biologisch und nachhaltig funktionierender Garten werden, sondern ein soziales Projekt, das Generationen und Kulturen zusammenbringt. Als Bildungs- und Stadtentwicklungsprojekt, das Wissen für eine „Stadt der Zukunft“ vermittelt, erhoffen sich die Gründer Fördergelder, ergänzend soll eine Außengastronomie zur Finanzierung beitragen. „Aber natürlich möchten wir die Menschen auch dazu bewegen, sich mit dem Raum zu beschäftigen“, erläutert Dorothea Hohengarten. Und das scheint zu funktionieren, denn schon bei der sonntäglichen Aufräumaktion finden sich viele Gäste ein, die durch den Bauzaun fragen, was dort gerade passiert.

Geordnete Besetzung

Auch die „Pflanzstelle“ in Kalk zieht Neugierige an, sobald jemand auf der Brache in der Neuerburgstraße tätig wird. „Die Leute nehmen eine Veränderung auf dem Gelände sofort wahr“, erklärt Sebastian Edlich vom Verein hinter dem Garten, „solche Brachen bleiben zehn bis fünfzehn Jahre und als Anwohner muss ich das einfach akzeptieren.“ In Körben und Säcken haben etwa zwei Dutzend Gärtner in den vergangenen Wochen Gemüse angepflanzt – und wären beinahe sofort wieder vertrieben worden, die Stadt als Eigentümer hatte die Räumung des Geländes innerhalb von sieben Tagen gefordert. „Die Situation wurde von außen als Besetzung wahrgenommen, aber eigentlich war die Nutzung mit dem Schauspielhaus vereinbart“, so Edlich. Das Gelände sollte als Parkplatz für die gegenüber liegende Halle Kalk genutzt werden. „Dass die noch gar keinen Vertrag hatten, wussten wir nicht“, gibt Edlich zu. Inzwischen hat man sich aber mit der Stadt geeinigt und darf das Gelände wohl zumindest bis Ende November nutzen.

„Das Problem ist nicht, dass die Stadt keine Gärten auf den Brachen möchte, sondern dass es keinen geregelten Handlungsweg gibt. Es gibt lediglich Wartelisten mit Anfragen für die Zwischennutzung“, erläutert Sebastian Edlich den zeitaufwändigen Weg zum Gemeinschaftsgarten, „und natürlich gibt es Ängste, dass solche Projekte dann später Neubauten verhindern könnten, wenn sie sich ins soziale Gefüge eingepasst haben.“ Der Verein möchte aber die spätere Nutzung des Geländes gar nicht beeinflussen, bei ihnen steht das ökologische Gärtnern im Mittelpunkt. Auch hier ist eine kleine Gastronomie geplant, als Anknüpfungspunkt für die Nachbarschaft. Finanziert aus Fördergeldern werden nur Pflanzen angebaut, die auf eine Gartensaison angelegt sind. So könnte theoretisch in jedem Winter ein neues Areal gesucht werden, auf das die mobilen Pflanzgefäße umziehen können. „Dieses Gelände haben wir deshalb ausgewählt, weil wir uns hier am besten einen Garten vorstellen konnten“, sagt Edlich, „aber natürlich möchten auch wir die Anwohner dafür sensibilisieren, dass sie nicht einfach hinnehmen, was in ihrer Nachbarschaft passiert.“

Vera Lisakowski

Homepage des Design Quartier Ehrenfeld mit Informationen zum Garten am Grünen Weg

Homepage von Neuland in der Südstadt

Homepage der Pflanzstelle in der Südstadt

„Freiraum auf Zeit“ – Studie zur Zwischennutzung von Brachflächen

Garten am Grünen Weg in Ehrenfeld

Gemeinsam von der GAG und der Gärtner-Community hergerichtet: Der Garten am Grünen Weg in Ehrenfeld.

Garten am Grünen Weg in Ehrenfeld

Der Garten liegt in dem Teil des Geländes, der als letztes bebaut wird.

Brache in der Südstadt

Ein Teil der Brachfläche der ehemaligen Dombrauerei in der Südstadt.

Brache in der Südstadt

Schon vor der offiziellen Genehmigung zur Zwischennutzung treffen sich die Gärtner um Müll einzusammeln.

Zaungäste an der Brache in der Südstadt

Neugierig fragen Passanten, was auf dem Gelände passiert.

Garten in der Neuerburgstraße in Kalk

Die Gärtner der ‚Pflanzstelle‘ in Kalk haben in den vergangenen Wochen Säcke und Körbe bepflanzt.

Garten in der Neuerburgstraße in Kalk

Hier soll vor allem Wissen über ökologisches Gärtnern vermittelt werden – auch in Zusammenarbeit mit sozialen Einrichtungen der Umgebung.

Garten in der Neuerburgstraße in Kalk

Das Gelände liegt hinter der Halle Kalk und sollte als Parkplatz für die Spielstätte des Schauspiels zwischengenutzt werden.

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