Die endliche Aura des Provisorischen

Der Mythos ist marode – hat die Simultanhalle noch eine Chance?

Als die Architekten Peter Busmann und Godfrid Haberer in den 1970er Jahren das Museum Ludwig planten, wollten sie ein Experiment wagen: Um die Innenräume natürlich zu belichten, sahen sie ein Sheddach vor. Aus dem Fabrikbau war diese Form der indirekten Belichtung gut bekannt und erprobt. Für den Museumsbau aber völlig neu.

Das Wagnis erforderte eine Erprobung: 1979 entstand ein Testbau. Eine Halle mit zwei der geplanten Sheddächer wurde als 1:1-Modell in Köln-Volkhoven errichtet, um die realen Lichtverhältnisse zu simulieren. Ungewöhnlich ist das nicht. Unter dem englischsprachigen Begriff „Mock-Up“ sind solche Testmodelle in der Architektur durchaus üblich. Oft geht es dabei um Material- und Farb-Erprobungen für Fassaden oder technische bei automatische Klima- oder Verschattungselementen. Das Provisorium in Köln ist allerdings insofern eine Besonderheit, als hier ein geschlossenes Gebäude entstand. Auf einer nach außen mit Wellblech verkleideten Holzkonstruktion ruht das massive Sheddach. Der Boden im Inneren wurde mit dem originalen Belag, der später auch im Museum Ludwig zum Einsatz kam, versehen. An der Außenseite ist gut zu erkennen, dass verschiedene Materialien für die Verkleidung ausprobiert wurden: Neben den Zinkblechen, die letzendlich zum Einsatz kamen, auch rote Dachpfannen.

Fassadenmodelle © Foto Honke Rambow

Bewegte Geschichte

Bevor Busmann und Haberer die Simultanhalle bauten, hatte das Gelände bereits eine Geschichte. Das Provisorium steht auf einem ehemaligen Schulhof, der zur Straße hin vom zweigeschossigen Backsteinbau der Grundschule und seitlich von eingeschossigen Pavillon-Bauten gefasst wird. 1964 ereignete sich in dieser Grundschule ein tragischer Amoklauf, bei dem acht Schulkinder und zwei Lehrerinnen getötet wurden. Ein 42jähriger Frührentner hatte ohne bekanntes Motiv die Schule gestürmt, bewaffnet mit einem selbstgebauten Flammenwerfer und einer Lanze. Eine Gedenktafel am Schulhaus erinnert an den Anschlag, das Gebäude selbst steht unter Denkmalschutz.

Nicht geschützt ist die Simultanhalle. Sie war immer nur als Provisorium gedacht, das 1983 eigentlich wieder abgerissen werden sollte. Da hatte die Künstlerin Eva Jansková jedoch längst das Potenzial des Gebäudes erkannt und begonnen, es als Ausstellungsraum zu nutzen. Ab 1984 übernahm die Stadt Köln die Trägerschaft. Als am 6. September 1986 das Museum Ludwig eröffnet wurde, erlebte auch die Simultanhalle ihre vielleicht spektakulärste Vernissage: Der Künstler Ulrich Tillmann eröffnete das Museum des fiktiven Sammlers Klaus Peter Schnüttger-Webs. Unter dem Vorwand zu hoher Betriebskosten wurde es am nächsten Tag wieder geschlossen. Das merkwürdige Provisorium war als kleines Pendant zu der stadtbildprägenden Sheddachlandschaft neben dem Dom trotzdem mit einem Schlag zum Mythos geworden.

Die Simultanhalle im Februar 2020 © Foto Honke Rambow

In den folgenden Jahren siedelten sich Ateliers in den ehemaligen Schulräumen an und die Simultanhalle wurde regelmäßig als Ausstellungsraum bespielt. Am ausfransenden nördlichen Rand Kölns war ein respektabler Kunstort etabliert worden. Bis 2017 die Stadt die Simultanhalle wegen Einsturzgefahr schließen musste. Nach fast vierzig Jahren war das hölzerne Provisorium marode. Eine später eingezogene gemauerte Wand im Inneren erfüllt keine tragende Funktion, sondern sollte nur mehr Hängungsfläche schaffen. Der Veranstaltungsbetrieb wurde im Außenraum aufrecht erhalten.

„Projektion“ Raum-Installation mit über tausned Nylonfäden von Daniela Friebel in der Simultanhalle 2010 © Foto Daniela Friebel

Erhalt oder Neuplanung?

Unstrittig zwischen Stadt und Betreiber-Verein ist, dass das Areal als Kunstort erhalten bleiben soll. Der Umgang mit der Simultanhalle selbst ist es nicht. Auf zweihunderttausend Euro schätzt die Stadt die Sanierungskosten für das Provisorium. So viel will oder kann sie in den Erhalt eines vor-sich-hin-faulenden Kuriosums nicht ausgeben. Der Förderverein Simultanhalle Köln-Volkhoven e.V. hält dagegen, es handele sich durchaus um ein schützenswertes Baudenkmal, das nicht einfach abgerissen werden könne. Nicht zuletzt steckt darin wohl die Befürchtung, dass das Gelände seinen Charakter verlieren würde.

Die Stadt möchte das Grundstück im Erbbaurecht an einen Investor vergeben, der es als Atelier- und Ausstellungsort weiterentwickelt. Ein Neubau könnte mehr Flächen bieten, einen dringend benötigten Lagerraum, eine funktionale Heizung und einen Ausstellungsraum, der auch für Film-Screenings, Konzerte, Perfomances oder Theateraufführungen taugt, so das Angebot der Stadt Köln. Und was einen etwaigen Denkmalschutz angeht, teilt Robert Baumanns vom Presseamt ganz eindeutig mit: „Von einer bau- oder stadtgeschichtlich herausragenden Bedeutung kann nicht die Rede sein, da der Originalbau – das Museum Ludwig – umgesetzt wurde und existiert, also als relevantes baugeschichtliches Zeugnis überliefert ist.“ Diese Ansicht teile auch der Architekt Godfrid Haberer, der die Weiterentwicklung des Geländes stets begleitet hat.

Ausstellung Damaris Kerkhoff: Mutter? 2017 © Foto Jonas Gerhard

Der Förderverein Simultanhalle e.V. dagegen sammelt in einer Online-Petition Unterschriften für den Erhalt. Ganz von der Hand zu weisen sind die Bedenken gegenüber einer Neubebauung nicht. Die Aura des Provisorischen würde unweigerlich verloren gehen. Selbst wenn Robert Baumanns sagt, dass bei einem Neubau eine „Referenz an den Vorgängerbau der Simultanhalle“ wünschenswert sei. Ob allerdings angesichts der augenscheinlich maroden Substanz eine Sanierung den Charme des Provisoriums zu erhalten vermag, ist ebenfalls höchst zweifelhaft. Die Befürchtung, unter einem Investor könnten die Mietkosten in die Höhe schießen, ist verständlich, selbst wenn die Stadt das verhindern will. Eine Rendite sei aber durchaus möglich, erklärt die Stadt, da der Erbbauzins niedrig und Baumaßnahmen öffentlich gefördert würden. Interessenten hätten sich bereits bei der Stadt gemeldet, teilt Robert Baumanns mit.

Simultanhalle, Volkhovener Weg 209-211

Honke Rambow

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