Neue europäische Romantik

Uwe Schröder Architekt, Haus im Burggarten, Bonn 2008–2020

Das Haus selbst ist unscheinbar gelegen. In der ruhigen Seitenstraße im Bonner Stadtteil Poppelsdorf ist vom bunten Treiben der nahen Clemens-August-Straße mit ihren Läden, Bars und Restaurants nichts zu spüren, der Straßenraum mit einer fast durchgehenden Traufkante homogen gefasst. Das kleine Gebäude füllt eines der letzten freien Grundstücke der südöstlich von der Sternburgstraße abgehenden schmalen Einbahnstraße.

Blick in die Straße Im Burggarten, Bezüge zu den Nachbarn schaffen Materialität und Symmetrie © Foto Stefan Müller, Berlin

Gerade einmal zwölf Meter lang ist es, an der breitesten Stelle 5,76 Meter, an der schmalsten 5,41 Meter. Dass das Team um Uwe Schröder trotzdem zwölf Jahre für die Realisierung dieses bescheiden anmutenden Projekts benötigte, lässt sich mit Klagen der Nachbarn gegen den Neubau, daraus erwachsenden Verzögerungen und notwendig gewordenen Umplanungen in Folge einer schiedlich-friedlichen Einigung erklären.

Grundriss OG, Haus im Burggarten, Bonn © Plan Uwe Schröder

Anders als die meisten Häuser der Straße ignoriert der Neubau die typisch asymmetrische Fassadenteilung der Gebäude der 1890er-Jahre und nimmt mit dem zentralen Eingang ein Motiv auf, das sich an vielen Bauten der Umgebung findet, die noch etwas älter sind und etwa aus den 1860ern stammen.

Eigentlich ist die Straße zu schmal für eine Frontalaufnahme, doch so wurde es erdacht. © Foto Stefan Müller, Berlin

Vom unmittelbaren Nachbarn borgt es sich neben der Traufhöhe und dem gelben Fassadenklinker auch das Rundbogenmotiv über dem Eingang, überhöht es aber – und zwar bis unter die Dachkante. In diese große, einen guten halben Meter in die Fassade eingelassene Rundbogenfigur schneiden die Architekten für jede der drei Etagen eine weitere tonnenförmig überwölbte Öffnung ein, dahinter liegt eine Art Halle im Kleinformat. Vom Erdgeschoss führt hier eine Wendeltreppe nach oben.

Schnitt durch Haus und Straße Im Burggarten, viel Tiefe gibt es hier nicht. © Plan Uwe Schröder, Bonn

Die Ziegelfarbe wird invertiert: Wo an der Außenfassade der Straße rote Steine in gelber Mauer auf das Maßwerk des Gebäudes hinweisen, sind es hier, an der Außenfassade der innenliegenden Halle, gelbe Steine in rotem Grund. Überwölbt ist das offene Treppenhaus von einer gemauerten Tonne aus blauen Ziegeln – mit ebenfalls gelben Taktgebern. Als seien es zwei baugleiche Mauern, die das Haus vorne und hinten abschließen, tauchen die gelben Steine als rückwärtige Begrenzung des Raums hier erneut auf. Zur Straße hin ergeben sich in den oberen beiden Etagen kleine Loggien, die von den Bewohner*innen, das zeigen aufgestellte Stühle und Tische, schon entsprechend ihrer baulichen Intention in Besitz genommen wurden. Wie anders dieser ins Haus eingelassene Außenraum im Gegensatz zum Treppenhaus gedacht ist, zeigt sich auch darin, wie er gedeckt ist: Keine gemauerte Tonne bildet hier den oberen Raumabschluss, sondern eine offen gezeigte, klassische Holzkonstruktion.

Ziegel und Beton im offenen Treppenhaus © Foto Stefan Müller, Berlin

Rechts und links von Halle und Loggien findet sich die immer gleiche Miniwohnung: der hohe Wohnraum öffnet sich mit einem Fenster zur Straße, auf der gegenüberliegenden Seite bildet ein Einbau die Hülle für Küche und Bad, auf ihm findet sich Platz für ein Bett, der sich mit einem Vorhang vom Wohnraum abtrennen lässt. Äußere Zwänge führen zu kleinen Veränderungen innerhalb dieser Konfiguration. So ist eine Wohnung im Erdgeschoss kleiner, da neben dem Einbau noch der Hausanschlussraum untergebracht werden musste, unter dem Satteldach sind die beiden Mini-Apartments noch luftiger, was dazu führt, dass die Hochebene über Bad und Küche hier begehbar ist.

Holzfenster, gut ausgestattete Bäder und Küchen – in der kleinsten Wohnung als eingelassene Küchenzeile ausgeführt –, fein gearbeitete Details, Vorhänge; all das hat seinen Preis. Günstig sind die Minimietwohnungen nicht. Mit welcher Liebe fürs Detail hier gearbeitet wurde, zeigt sich auch an den Parkettböden: dunkel geräucherte Einlegearbeiten im diagonal verlegten Eichenholzparkett entsprechen in ihrer Anzahl der jeweiligen Wohnungsnummer.

Auf dem „Symposium über unsere Zukunft“ im Juni 2019 bekannte Uwe Schröder an der Staatlichen Akademie der bildenden Künste in Stuttgart nicht nur, dass es ihm nicht um eine wie auch immer geartete deutsche Architektur gehe, sondern um eine, die gleichermaßen eine europäische sei, wie eine, die an ihrem jeweiligen Ort einen individuellen und spezifischen räumlichen Ausdruck finde. In diesem Kontext zitierte der Architekt auch den 1772 als Georg Philipp Friedrich von Hardenberg geborenen und als Novalis in die Geschichte eingegangenen Schriftsteller der Frühromantik: „Indem ich dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Bekannten die Würde des Unbekannten, dem Endlichen einen unendlichen Schein gebe, so romantisiere ich es.“

Der Ziegel zeigt, was er kann. Treppenabsatz im obersten Geschoss © Foto Stefan Müller, Berlin

Tatsächlich bringt dieses kleine Haus vieles zum Klingen. Bilder europäischer Architekturen – gedachte wie gebaute – aus unterschiedlichen Regionen scheinen auf, es ist gleichermaßen Teil der Straße, wie es Eigenständigkeit ausdrückt, Materialien und ihre Dimensionierung vermitteln Atmosphäre, obschon auf kleiner Grundfläche, sind die einzelnen Raumwidmungen deutlich anhand ihrer formalen Ausprägungen ablesbar. Was Uwe Schröder und sein Team hier mit dem Haus im Burggarten in den letzten zwölf Jahren betrieben haben, ist nichts weniger als die Romantisierung der Architektur.

David Kasparek

Dieser Beitrag erschien zunächst in der Bauwelt Heft 22.2020. Wir danken für das Einverständnis zur Zweitverwertung und schicken Grüße an die Redaktion nach Berlin.

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