Zivilisationskritiker

Architektur lesen IV: Werkverzeichnis zu einem der einflussreichsten Produktdesigner aller Zeiten: Dieter Rams

Im Vergleich zum Ansehen des zersplitterten Unternehmens Braun genießt der für das Erscheinungsbild der Marke lange Jahre verantwortliche Designer heute ein beachtliches Renommee. Dieter Rams, in diesem Jahr 88 geworden, wurde unter anderem 2018 mit einem feinen Film von Gary Hustwit geehrt, Bilder seiner teilweise sechzig Jahre alten Entwürfe sind auf den like-affinen Social-Media-Plattformen ein Garant für hohe Klickzahlen, Anfang der Nullerjahre bekannte Jonathan Ive, er sei ein großer Verehrer des deutschen Industrie-Designers. Augenscheinlich wurde das damals an gestalterischen Parallelen zwischen Rams Taschenempfänger T3 (1958) und dem ersten Apple iPod (2001), sowie zwischen dem Braun-Lautsprecher LE 1 (1959) und dem Apple iMac G5 von 2005.

606 Regalsystem, (RZ 60), 1960, Vitsoe+Zapf / sdr+ / De Padova / Vitsoe. Eloxiertes Aluminium, pulverbeschichtetes Stahlblech, lackiertes Holz oder Furnierholz . Foto Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams Archiv

 

Anders aber als Ive hatte Rams stets ein dezidiertes Verständnis von der Verantwortung, die Designerinnen und Designer mit ihrer Arbeit tragen. Nachhaltigkeit, das beweisen seine seit den 1970er Jahren verfassten Thesen zum guten Design, war für ihn ein ernstes Thema. Auch das macht das im Phaidon-Verlag vorgelegte „Dieter Rams. Werkverzeichnis“ von Klaus Klemp deutlich. Wo Apple in immer kürzerer Taktung den technischen Neuerungen auch formale folgen lässt, bestand Dieter Rams darauf, nicht jedem Update auch eine neue Hülle geben zu müssen. Das Buch zeigt eine Vielzahl solcher Beispiele, die entweder im Laufe der Zeit nur minimal verändert wurden, oder bis heute in ihrer ursprünglichen Form funktionieren. Designerinnen und Designer, wie Rams sie versteht, sind „Zivilisationskritiker“, die Dinge hervorbringen, die wiederum der Kritik der Gesellschaft standhalten müssen.

Obschon er bereits im zarten Alter von 23 Jahren bei Braun einstieg, muss man davon ausgehen, dass der ursprünglich als Innenarchitekt eingestellte Rams schon damals eine merkliche gestalterische Sozialisation mitbrachte. Der Großvater, das erzählt Rams immer wieder, war als Schreiner auf das Veredeln von Oberflächen mittels Politur spezialisiert. Zweifellos ein Einfluss. Weitere dürften der Hochschullehrer Hans Soeder, der als „Ring“-Architekt aktiv war, gewesen sein, sowie die kurze Zeit im Frankfurter Büro von Otto Apel, der in dieser Zeit mit SOM zusammenarbeitete. Dieter Rams erfuhr in der Summe also verschiedene, von der Moderne geprägte Variationen von Gestaltung, ehe er bei Braun tätig wurde.

SK 4, 1956, Mono-Radio-Phono-Kombination, Dieter Rams, Hans Gugelot, Gerd A. Müller, Werkstatt Wagenfeld: Ralph Michel, Helmut Warneke, Heinz G. Pfaender, Braun, 24 × 58,4 × 29,4 cm, 11,5 kg, Lackiertes Stahlblech, Acrylglas, Kunststoff, DM 295. Foto Andreas Kugel / © Copyright Dieter Rams

Das vorliegende Buch, für das Rams selbst ein Vorwort beisteuerte, nimmt das auf und transloziert den grafischen Ulm-Duktus in einem wohltuenden Layout in unsere Zeit. Klaus Klemp hat dafür nicht nur einen schönen einleitenden Text verfasst, der all das nachvollziehbar macht, sondern auch das schier unfassbare Œuvre des Gestalters greifbar gemacht. Von 1947 bis ins Jahr 2020 reicht die Spanne der Entwürfe, gezeigt werden Arbeiten für Braun, Gillette, Vitsoe, fsb; solche, die Rams selbst verantwortete, andere, die er mit einem Team begleitete, sowie Entwürfe anderer Designer, auf die er maßgeblich Einfluss nahm. Jede Arbeit wird dabei mit einem kurzen Kommentar versehen, der den Entwurf einordnet, Hintergründe oder Besonderheiten schildert.

Dieter Rams. Foto: Sabine Schirdewahn / (c) Dieter and Ingeborg Rams Foudation

So zeigt das Buch nicht nur ein faszinierendes Werk, sondern ob der beeindruckenden Fülle und Bandbreite an Produkten einen tatsächlichen Kosmos. Vom Feuerzeug bis zum Haus, vom Rasierer bis zum Blumenkübel, von der Kaffeemaschine bis zum Sofa, vom Taschenrechner bis zum Regal. Das Werk von Dieter Rams, das macht Klaus Klemp mit diesem Werkverzeichnis implizit klar, verdeutlicht nicht zuletzt, wie verzichtbar die stete Taktung formaler Neuerungen ist, die uns umgibt.

David Kasparek

Bookshot

Klaus Klemp: Dieter Rams. Werkverzeichnis, 344 S., 300 farb. Abb., Phaidon, Berlin 2020, 49,95 Euro, ISBN: 9781838661816

 

Der hier publizierte Text erschien erstmals auf der Website der BDA-Zeitschrift der architekt im Bereich Buch der Woche

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