NEUE ANSÄTZE – Aretz Dürr Architektur

Mit so wenig wie möglich so viel wie möglich erreichen.

Das Büro Aretz Dürr Architektur BDA gibt es erst seit 2019, doch Sven Aretz und Jakob Dürr und die von ihnen gebauten Häuser haben in kurzer Zeit ein enormes Aufsehen erregt. Presse (hier ein Bericht des WDR), Preise (Shortlist des DAM Awards 2021, 1. Preis Häuser des Jahres 2020, Finalist AIT-Award 2020 in der Kategorie Newcomer, Gold Gewinner Best Architects 21) und das Tagesgeschäft geht weiter. Beide sind begeisterte Architekten, die nachts auch mal selbst den Estrich schleifen oder ein Geländer montieren, das kein Handwerker so gemacht hätte. Anpacker im besten Sinne und in jedem Maßstab, die genug Mut und Engagement haben, ihre Bauherren auf einen Weg „abseits des gelebten Standards“ zu führen. Dass sie das, was sie entwerfen auch selbst bauen könnten, sieht man ihren Bauten an. So klar und strukturiert ist ihre Architektur gedacht, dass nichts kaschiert werden muss und erscheint schließlich so einfach, dass sie selbst (oder grade?) in einem ländlichen Umfeld auffällt. Das ungewöhnlcihe hier ist aber, je kürzer der Betrachtungsabstand wird, desto spannender wird das, was wir sehen. Und weil alle über Aretz Dürr sprechen, sprachen wir mit ihnen:

  • Dürr, Jakob // Aretz, Sven
  • 1980, Bonn // 1988 Willich
  • Studium: 2001-2008, RWTH Aachen + ENSAPVS Paris // 2008-2016, RWTH Aachen
  • Schwerpunkt: Strukturelles Entwerfen – einfache Strukturen
  • Partner Aretz und Dürr
  • Gründung 2019
  • Mitarbeiter: gelegentlich bei Wettbewerben
AD Modell A2 © Aretz Dürr

Wie seid ihr zur Architektur gekommen?

Jakob Dürr: Als Kind verbrachte ich jede freie Minute im Wald. In der Beobachtung der Natur und dem Spiel zwischen natürlich gewachsenem und gebautem Umfeld, lag für mich immer schon ein großer Reiz. Das kindliche Austesten des konstruktiv Möglichen, angewendet bei abenteuerlichen Baumhauskonstruktionen, meist auf mehreren Etagen, war geradezu eine Obsession, Material und dessen Fügungen musste ständig untersucht und – wenn als gut befunden – in großer Höhe zum Einsatz kommen. Leichter, stabiler, höher, unerreichbarer, das war der Pioniergeist, der mich antrieb, immer neues zu erschaffen und wachsen zu sehen. Bauen hat natürlich auch in gewisser Weise Tradition in der Familie. Als Architekt plante mein Vater unter anderem mein Elternhaus und errichtete dieses zu einem großen Teil in Eigenleistung. Die Baustelle begleitete mich und meine Geschwister einen nicht unerheblichen Teil meiner Jugend. Der Geruch von frischem Beton, Bier und Zigaretten ist mir eindrücklich im Gedächtnis geblieben und erklärt meine Affinität zu Baustellen. Es war naheliegend, meine natürlichen Neigungen zum Beruf zu machen.

Sven Aretz: Wahrscheinlich war es die handwerkliche Früherziehung … Als Kind verbachte ich viel Zeit im elterlichen Betrieb, einer mittelständigen Schlosserei. Daher wohl auch die Affinität zu leichten und skelettartigen Konstruktionen. 

Gartenhaus Holz Oostkapelle – Aretz Dürr Architektur Köln © Foto Sophie Schulten
  • Gab es einflussreiche Lehrer/Mentoren oder große Ideale?

JD: Wir hatten an der RWTH das Glück, engen Kontakt zu unseren Professoren und Betreuern zu haben. Ich denke da sofort an Heiner Hoffmann, der in meiner Zeit an der RWTH bis 2007 den Lehrstuhl für Bildnerische Gestaltung innehatte. Er hat es verstanden, zwei meiner Wesenszüge zu erkennen, zu entwickeln und zu beseelen: Neugierde und Beobachtung! In der Kombination mit der Lehre von Hartwig Schneider, Lehrstuhl für Baukonstruktion, ist mir immer klarer geworden, dass Struktur und deren Ordnung allen Dingen innewohnt und dass sich Freiheit durch sinnhaftes Kombinieren und Fügen verschiedener Einzelteile zu einem Gesamtwerk ausdrückt.

SA: Ja, da kann ich mich anschließen. Mirko Baum und Hartwig Schneider.

  • Wo habt ihr erste Berufserfahrungen gesammelt? Was habt ihr dort mitgenommen?

Wir haben in verschiedenen Büros in Stuttgart, Köln und Paris gearbeitet und dabei erste Einblicke in die Struktur und Denkweise unterschiedlicher Büros erhalten. Freundschaften, Erfahrungen und Erkenntnisse über unser Handwerk haben wir gewonnen; Aber auch die Suche nach einer eigenen Haltung und den Drang nach einer eigenen beruflichen Identität. Es sind aber auch unsere Erfahrungen in handwerklichen Betrieben, die unsere Arbeitsmethodik prägen und unsere Affinität zum Handwerk und die Angemessenheit von Detail und Ausführung ausmachen.

  • Was war das erste Projekt unter eigenem Namen?

Bezeichnenderweise haben wir beide unsere ersten eigenen Projekte mit unseren Vätern geplant und ausgeführt.

Richtig freigeschwommen haben wir uns mit Haus D // 6

  • Könnt ihr eure architektonische Haltung – vielleicht an einem aktuellen Projekt – kurz erläutern?
Ansicht Haus D // 6 in Oberberg. Möchte man Haus D typologisch einordnen, gilt es als traditionelles Langhaus, als Scheune ist es dem Ortsbild nicht fremd. Aber Aretz Dürr spielen mit den Sehgewohnheiten, verwenden lokal bekannte Elemente wie weiß geputzte solide Giebelwände. Geerdet auch der Sockel, auf dem auch die oberbergischen Fachwerkhäuser stehen. Hier jedoch nicht gemauert, sondern massiv aus Stahlbeton, stemmt er den Baukörper aus dem nach Süden hin abfallenden Hang. In der Seitenansicht hebt der Bau ab, wird unerwartet leicht und transparent. Die an den Längsseiten in der Tiefe des Dachüberstandes vorgelagerten Terrassen verstärken den Pavillon-Effekt und erweitern die Wohnfläche auch an Regentagen, von denen es in dieser Region überproportional viele gibt. © Foto Luca Clausen

Grundsätzlich arbeiten wir daran, mit so wenig wie möglich so viel wie möglich zu erreichen.

Reduzierter Materialeinsatz, einfache Konstruktionsweisen, wohlüberlegte, reversible Fügungsprinzipien. Diese Denkweise finden Sie in allen unseren Projekten wieder.

  • Geben euch die Aufträge/Projekte die Möglichkeit zu zeigen, was ihr könnt, euch ein Profil zu erarbeiten?

Ja, unbedingt!

Ansicht Haus D // 6 in Oberberg. Eigentlich wollten die Bauherren nur einen offenen Grundriss, viel Glas und vor allem kein Holz. Doch Sven Aretz und Jakob Dürr sahen in diesem Projekt trotz des nicht endlosen Budgets großes Potential für Mehr: mehr Nachhaltigkeit, mehr Freiheit, mehr Experiment. Planen und Bauen waren ein stetes Herantasten an das maximal Mögliche: wie weit wollen die Bauherren gehen, worauf lassen die Handwerker sich ein, was wird genehmigt. © Foto Luca Clausen
  • Wie läuft die Akquise? Was könnte hier besser laufen?

Aller Anfang ist schwer.

Was wollen wir? Was wollen die Leute? Wer sind die richtigen Leute? In welchem Tümpel gehen wir angeln? Welche Wege können wir gehen, um ein Projekt zu generieren und dann auch beauftragt zu bekommen? Wie können wir gleichzeitig Planen, Bauen, Referenzen schaffen und Wettbewerbe bearbeiten?

Besser laufen? Alles gut.

  • Welche Ziele habt ihr? Auf welchen Auftrag wartet ihr?

Unser übergeordnetes Ziel ist, unser aller Lebensraum behutsam gegenüber der Natur, respektvoll gegenüber unseren Mitmenschen und auf Augenhöhe mit kulturellen- und technischen Errungenschaften, mitzugestalten.

Wir möchten uns der aktuellen Baukulturvergessenheit insbesondere im Bereich der Profanbauten entgegenstemmen. Gute Gestaltung, gute Architektur braucht aufgeklärte Bauherren. Daran müssen wir arbeiten, in Schulen, in der Lehre an Hochschulen, in Berufsstandvertretungen, aber auch über Interviews, Veröffentlichungen und anderen Medien, die die Öffentlichkeit erreichen. Am Besten in Form von guter, gebauter Architektur.

Bevor wir an einen Auftrag denken, müssen wir unser Gegenüber in die Möglichkeit versetzen, die vielfältigen Möglichkeiten der Gestaltung – Bauweisen, Material, Raum – in groben Zügen erkennen und verstehen zu können. Weiter müssen wir daran arbeiten, dass unser gegenüber Lust bekommt, sich gedanklich seiner Gewohnheiten zu entledigen, bislang nicht erkannte Wünsche freizulegen, zu artikulieren und sich in einer neuen, bislang ihm unbekannten Architektursprache wiederzuerkennen.

Auf welchen Auftrag warten wir also? Auf welche Menschen warten wir? Auf diejenigen Menschen, die neugierig sind, Ihr architektonischen Wissen und Denken zu entwickeln, sich auf Überraschungen einstellen können und das Vertrauen haben, uns auf dieser Entdeckungsreise zu folgen. Diese Methodik stellt den, aus unserer Sicht, absolut notwendige Qualitätsanspruch an Gestaltung sicher.

Straßenansicht Zugang Wohnhaus HK2 in Lampoldshausen – Aretz Dürr Architektur Köln © Foto Jasmin Wilkens

  • Warum Köln?

           Warum nicht?

  • Warum ein eigenes Büro gründen? Lohnt es sich, dieses Risiko auf sich zu nehmen?

Welches Risiko? Jeder Mensch muss seine eigenen Schwerpunkte und seine Sichtweise selbst definieren.

Unserer ist offenkundig, so frei wie möglich arbeiten zu können, unseren eigenen Themen nachzugehen und unsere eigenen Ideen entwickeln zu können. Bequem ist dieser Weg nicht immer, das stimmt, aber wir tun, was wir tun möchten, es gibt keinen Plan B, also auch kein Risiko.

Innenraum Schlafzimmer Wohnhaus HK2 in Lampoldshausen – Aretz Dürr Architektur Köln © Foto Jasmin Wilkens

Herzlichen Dank an Sven Aretz und Jakob Dürr!

Uta Winterhager

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