Bis auf die Knochen

„Die Auseinandersetzung mit Veränderung ist eine ureigene Aufgabe der Architektur und Stadtplanung.“

sagte Jürgen Steffens, Partner bei JSWD Architekten, in einem Interview und bezieht sich dabei auf die Arbeit des Büros, das Konversionen, wie die des ehemaligen BDI-Hochhauses durchgeführt hat, bevor die Themen nachhaltige Baulandpolitik und Umnutzung von Bestandsbauten politisch und geselllschaftlich so viel Beachtung fanden, wie heute.

Ein schönes aber schwieriges Kind seiner Zeit

Solange die großen Konzerne die begehrten Logenplätze mit repräsentativen Solitären und großen Gesten besetzen, war das Kölner Rheinufer ein populärer Bürostandort. Doch die Uferbereiche südlich des Rheinauhafens verloren mit der Zeit ihre Attraktivität als Gewerbestandort zugunsten der kaum ein Kilometer Luftlinie entfernt gelegenen Innenstadt. Die teils eigenwilligen architektonischen Hinterlassenschaften standen oft jahrzehntelang leer, bis sich jemand an eine Nachnutzung heranwagte. So erging es auch dem elfgeschossigen Haus der Deutschen Industrie am Bayenthaler Rheinufer. Nach dem Auszug des Bundesverbandes der deutschen Industrie 1999 war das Hochhaus – mit den geschwungenen Flanken und kupferfarben verspiegelten Scheiben ganz offensichtlich ein Kind der frühen 1970er Jahre – als Bürostandort trotz seiner hervorragenden Lage nicht mehr vermarktbar. 13 Jahre stand es leer, bis eine Reihe von Studien, die JSWD im Auftrag des damaligen Eigentümers durchgeführt hatte, zu der Erkenntnis führten, dass nur eine Umnutzung als Wohnhaus mit einer vorgelagerten Mantelbebauung der ungewöhnlichen Landmarke neue Perspektiven eröffnen würde.

Bezüge neu herstellen

Erst der Verkauf der Immobilie führte schließlich zur Umsetzung. Während für die Mantelbebauung FLOW Living, bestehend aus fünf Wohngebäuden und einem Büroriegel, an der Uferstraße ein städtebaulicher Wettbewerb ausgeschrieben wurde (Preisträger: ASTOC), wurde JSWD auf Basis der Vorstudien mit der Konversion des Verwaltungsbaus in ein Wohngebäude mit dem Titel FLOW Tower beauftragt. Zur Auflage dieser Direktvergabe machte die Stadt allerdings, dass das Projekt eng vom Gestaltungsbeirat begleitet würde.

Die Fotografin Christa Lachenmaier begleitete über Monate den Prozess des Umbaus und wir freuen uns sehr, dass wir hier anhand ihrer Bilder zeigen können, wie das Hochhaus mit seinen spiegelgleich geschwungenen konkaven Flanken bis auf sein beton-stählernes Skelett entkernt wurde.

JSWD Architekten, Sanierung, Umbau, ehemaliges BDI-Gebäude Gustav Heinemann Ufer, Köln © Foto Christa Lachenmaier
JSWD Architekten, Sanierung, Umbau, ehemaliges BDI-Gebäude Gustav Heinemann Ufer, Köln © Foto Christa Lachenmaier

Neue Sicht auf alte Oberflächen

Von der eigenwilligen Ästhetik der 1970er Jahre erzählen auch die aufwendig gestockten Sichtbeton-Oberflächen der Stahlbetonkerne, die an der südlichen Stirnseite des Gebäudes sowie partiell in den Fluren weiterhin sichtbar blieben.

JSWD Architekten, Sanierung, Umbau, ehemaliges BDI-Gebäude Gustav Heinemann Ufer, Köln © Foto Christa Lachenmaier

Logenplätze

Die zeittypisch kupferfarben bedampfte Fassade konnte JSWD aus bauphysikalischen und funktionalen Gründen zwar nicht erhalten, die Architekten zitieren aber ihre starke Horizontale mit weißen, teils gelochten Brüstungsbändern, die sich an den Längsseiten geschossweise versetzt zu Balkonen aufweiten.

JSWD Architekten, Sanierung, Umbau, ehemaliges BDI-Gebäude Gustav Heinemann Ufer, Köln © Foto Christa Lachenmaier
FLOW Tower Baustelle im Februar 2015 © Luftbild B. Fischer
JSWD Architekten, Sanierung, Umbau, ehemaliges BDI-Gebäude Gustav Heinemann Ufer, Köln © Foto Christa Lachenmaier

Da die auskragenden Balkonplatten einem Brandüberschlag entgegenwirken, konnten dort bodentiefe Fenstertüren eingesetzt werden, sodass die Anmutung und das Erleben des Gebäudes nun der neuen Nutzung, dem Wohnen, entsprechen.

Um die Erschließungskerne, die keilförmig zwischen den Scheiben liegen, gruppieren sich insgesamt 132 Wohnungen. In den Regelgeschossen sind es Zwei- bis Fünfzimmerwohnungen, deren variable Grundrisse von der organischen Kontur geprägt sind.

Krone und Sockel

Außergewöhnliche Lösungen fanden sich für Krone und Sockel des ehemaligen Verwaltungsbaus. In einem aufgesetzten Staffelgeschoss wurden vier Penthouses mit Dachterrassen geplant. Das umlaufend auskragende Dach nimmt die Form der darunterliegenden Geschosse auf. Ein dritter Wohntypus konnte dank doppelter Geschosshöhe und Geländeversprung in das ehemals raumhoch verglaste Erdgeschoss eingebaut werden. Anstelle der Lobby wurden dort 13 dreigeschossige Stadthäuser mit eigenem Garten eingesetzt.

Während das eigenwillig spiegelnde Haus der Deutschen Industrie, gestärkt auch durch seine solitäre Exposition, nie den Anschluss an die Stadt gesucht hatte, spielt der FLOW Tower als Wohnlandmarke im neuen Gewand nun eine Vermittlerrolle und steht zudem weithin sichtbar auch für das Potenzial ungewöhnlicher Konversionen.

Uta Winterhager

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