Ausschnitt Titelbild "Neues Bauen im Rheinland". Birgit Gropp, Marco Kieser, Sven Kuhrau LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland. Herausgegeberin: Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke, Foto ©Michael Imhof Verlag, 2019

Ein Führer zur Architektur der Klassischen Moderne - quergelesen -

Es ist diese große 100, die uns durch nun schon gut 10 Monate durch das Jahr 2019 begleitet hat. Das Bauhaus ist überall, auch im Westen – man muss es nur finden. Hilfestellung gaben uns zahlreiche Ausstellungen und Veranstaltungen, die die rheinischen Zeugnisse und Ideen jener Zeit in einen übergeordneten Kontext stellten. Bereits im Mai erschien das Buch „Neues Bauen im Rheinland – Ein Führer zur Architektur der Klassischen Moderne“.

Herausgegeben vom LVR-Amt für Denkmalpflege, gibt das 300 Seiten starke Buch einen guten Überblick. Die wissenschaftlich fundierten, ausführlichen Texte sind in einer zugänglichen Sprache geschrieben, gleichzeitig mit Quellen und Verweisen so dicht gespickt, dass es nicht nur Lesebuch und Reiseführer sein kann, sondern genauso einen Platz als Nachschlagewerk im Regal verdient hat. In einer 50 Seiten umfassenden, mit zahlreichen historischen Aufnahmen illustrierten Einführung, klären die Autoren Marco Kieser und Sven Kuhrau zunächst Grundsätzliches: „In der Architekturgeschichte gilt das Rheinland nicht gerade als ein Kerngebiet des Neuen Bauens.“ Aha, fragt man sich – wie haben sie es dann geschafft ein so dickes Buch darüber zu machen? Die Antwort darauf gibt das Buch selbst.

Das Dischhaus in Köln in Neues Bauen im Rheinland © Foto Uta Winterhager

Architektur als gesellschaftliche Aufgabe

Was ist das Neue Bauen, fragen die Autoren mit direktem Bezug auf den Titel und finden zahlreiche Definition, bei zahlreichen prominenten Protagonisten. Herauszuheben ist der von ihnen formulierte Ansatz, das Neue Bauen als eine „neuartige Durchdringung der Architektur als gesellschaftliche Aufgabe“ zu verstehen. Doch wer genuine Bauhaus-Architektur im Rheinland sucht, dem stellen sie die (gewagte) These entgegen, „die in diesem Buch vorgestellten Bauten wären so oder so entstanden, hätte es die Institution Bauhaus nicht gegeben“. Dafür spricht, dass keiner der in den 20er Jahren im Rheinland tätigen Architekten am Bauhaus ausgebildet wurde (auch Mies van der Rohe kam erst später zum Bauhaus). Es mag an der geografischen Distanz gelegen haben (Köln – Weimar 300 Kilometer Luftlinie) oder an der starken rheinischen Haltung, die ohne fremde Einflüsse auszukommen glaubte.

Die Autoren verfolgen die Entwicklung der Bauten, Siedlungen und Haltungen bis zu dem Zeitpunkt, als der Nationalsozialismus sie überschrieb. Dabei betrachten sie auch die Rolle der Bauherren, der öffentlichen, der industriellen wie auch derer, die sich ein privates Wohnhaus im Stil des Neuen Bauens errichten ließen. Auffällig ist, dass es immer wieder Einzelpersonen waren, die das Umdenken förderten. Zum Beispiel der Remscheider Beigeordneten Ludwig Lemmer, der das Neue Bauen als Imageträger für seine Stadt einsetzte, was jedoch keine nachhaltige Wirkung hatte. Oder der junge Bürgermeister Peter Toll, der sich für ein umfängliches kommunales Neubauprogramm in Frechen einsetzte, das eine sehr ortsspezifische Ausprägung fand.

Haus Loewenwarter ist ein anschauliches Beispiel dafür, wie sensibel die Architektur der Moderne ist – in Köln in Neues Bauen im Rheinland © Foto Uta Winterhager

Hintergründe und Protagonisten der wichtigen Bauaufgaben, vom Siedlungsbau über das Wohnen, Sportstätten, Industriebaut und Sakralbau werden hier zusammenfassend betrachtet und mit Beispielen belegt. Kieser und Kuhrau schließen mit der Darstellung der Denkmalpflegepraxis, die zwar jeden Fall einzeln betrachtet, grundsätzlich jedoch der Meinung ist, „die Architektur der Moderne und das Neue Bauen sind denkmalwürdig“.

An der Quelle

Exakt 100 „Architekturgeschichten“ schrieb die Autorin Birgit Gropp für den zweiten Teil des Buches. Sortiert nach Städten von Aachen bis Wuppertal stellt sie die Bauten in ausführlichen Texten auf meist einer Doppelseite dar. Dabei geht sie weit über eine reine Baubeschreibung hinaus, erzählt von den Beteiligten, ihren Ideen und Visionen, den Umständen, der Zeit und dem Ort. Wichtige Informationen (Adresse, Baujahr, Architekt und Bauherr) stehen gut auffindbar über dem Text, Fotografien, in den meisten Fällen von damals und heute, ergänzen ihn. Planmaterial ist selten, das mag vielleicht die Architekten unter den Lesern enttäuschen, die Wissenschaftler nutzen sicher gerne die Literaturhinweise.

Mit den Planungn für die Parkstadt süd ist die Umnutzung der Großmarkthalle wieder ins Gespräch gekommmen. In Köln in Neues Bauen im Rheinland © Foto Uta Winterhager

Die Auswahl der Objekte ist nicht nur zahlenmäßig umfänglich, sie gibt auch ein breites Bild des Geschehens wieder. Köln, Düsseldorf und Essen sind mit über 10 Beiträgen gut vertreten, ebenso wie die prominenten aber auch bisher ungesehene Bauten aus Krefeld. In den großen Städten findet sich vieles, das wohlbekannt ist, darunter die Naumannsiedlung, die Bastei, die Großmarkthalle in Köln. Spannend ist jedoch der Blick darüber hinaus, auf Übach-Palenberg, nach Hürth und Remscheid. Manchmal wünscht man sich, die Geschichte würde noch ein wenig weiter erzählt, denn sie enden in den meisten Fällen mit der Fertigstellung. Hinweise auf das heutige Schicksal geben die aktuellen Fotografien. Auch wenn die bei der Mehrzahl der Objekte einen deutlich weniger charmanten Kontext zeigen als zur Bauzeit, weckt das Buch Neugier, zeigt Schätze auf, an denen man sonst vielleicht nichts ahnend vorüber gelaufen wäre. In Vielfalt und Tiefe zeigt sich der systematische Überblick, den das Amt für Denkmalpflege über das Rheinland geschaffen hat und mit dem das Buch zu einem wertvollen Nachschlagewerk wird. Erwähnenswert, da überaus praktisch, ist auch das Personenverzeichnis der Architekten, Ingenieure und Planer (nein, keine Frau darunter), mit Kurzbiografien und Verweisen auf die im Buch vorgestellten Projekte.

„Neues Bauen im Rheinland“ will kein Schmuckstück, kein Bildband sein, es überzeugt mit fundiertem Wissen, verlässlichen Informationen und guter Handhabe. Man sollte es so ins Regal stellen, dass es auch nach Ende des Bauhausjahres griffbereit bleibt.

Uta Winterhager


Neues Bauen im Rheinland – Ein Führer zur Architektur der klassischen Moderne


Birgit Gropp, Marco Kieser, Sven Kuhrau
LVR-Amt für Denkmalpflege im Rheinland
Herausgegeben von Landeskonservatorin Dr. Andrea Pufke
16,5 × 24,2 cm, 304 Seiten, 332 Farbabbildungen, Klappenbroschur
ISBN 978-3-7319-0778-7 Michael Imhof Verlag, 2019
22,00 Euro

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