Mal wieder in die Kirche gehen: Bis zum 10. November läuft die aktuelle Installation in St. Gertrud. Foto: © Michael Rasche

"Fluch und Segen. Kirchen der Moderne" - Eine Ausstellung des M:AI in St. Gertrud

Das M:AI – Museum für Architektur und Ingenieurkunst NRW zeigt vom 9.9. bis 10.11.2019 in St. Gertrud die Ausstellung „Fluch und Segen. Kirchen der Moderne“. Die Ausstellung diskutiert Bedeutung und Umgang leerstehender Kirchengebäude. Denn angesichts sinkender Besucherzahlen und wachsender Leerstände sehen sich immer mehr Gemeinden mit dieser Problematik konfrontiert. Wie gehen wir mit diesen Bauten um, die architektonisch, religiös, aber auch kulturell außergewöhnliche Räume erzeugen? St. Gertrud, 1965 von Gottfried Böhm gebaut, ist dabei das eigentliche Exponat und steht in der Ausstellung stellvertretend für viele Kirchen der Moderne. Darüberhinaus sind in der Krypta 18 beispielhafte Kirchenumnutzungen aus NRW zu sehen.

Keine Umnutzung, sondern Nutzungserweiterung: St. Gertrud ist nach wie vor ein geweihter Kirchenraum und öffnet sich als Kulturkirche für künstlerische Vorhaben, die auf den spezifischen Ort eingehen. Zwei Wohn- und Gemeindehäuser entlang der Krefelder Straße komplettieren das Gotteshaus. @ Michael Rasche

Leerstehende Kirchen ohne neue Nutzung werden langfristig aus unseren Dörfern, Städten und Wohnquartieren verschwinden. Der Umgang mit diesem christlichen Erbe hat sich zu einer gesellschaftlichen Diskussion entwickelt. 45.000 Kirchen gibt es in Deutschland; ein Großteil davon stammt aus dem Wiederaufbau der Nachkriegszeit. NRW hat weltweit die meisten christlichen Kirchen der Moderne, „eine Tatsache, die im Ausland mehr gewürdigt und beneidet wird, als in unserem eigenen Land,“ sagt Ursula Kleefisch-Jobst vom M:AI. In einem Wettbewerb mit fünf Teilnehmern entschied sich das Museum, die Schau von der Agentur simple aus Köln inszenieren zu lassen, die das radikalste Konzept vorlegte.

Betonfaltdecke mit liturgischer Bedeutung: Der Scheitelpunkt über dem Altar liegt normalerweise im Dunkeln und ist also für die Kirchenbesucher unsichtbar. @ Michael Rasche

Impulse

„Weglassen und Reduktion war für uns das Gebot der Stunde“, erläutert Andreas Salsamendi von simple. Dem Böhm-Bau mit seiner Ausstattung ist nichts Dingliches hinzugefügt. Sparsam eingesetzte Projektionen auf die Betonoberfläche geben Impulse zur Beschäftigung mit dem Raum. Zitate sind dort zu lesen, auch tauchen vereinzelt graphische Elemente oder einzelne Worte auf. Nach 16 Minuten beginnt der Durchlauf erneut. Die Faltdecke wird mit einer besonderen Lichtinszenierung aus ihrem Dämmer geweckt. 

Ein Ort der Andersheit

Teststrecke für Neviges? Der Innenraum von St. Gertrud von Gottfried Böhm, 1965 entstanden. @ Michael Rasche
Umnutzungsbeispiele in der Krypta von St. Gertrud Kirche Foto ©Michael Rasche

St. Gertrud steht nicht frei auf einem Platz, nur die Straßenfront ist für Passanten wahrnehmbar. Umso größer ist die Überraschung, wenn man in das Innere tritt. Mit einem riesigen Faltgebirge aus Beton hat Böhm den Zentralraum überspannt: Entstanden ist ein Ort der Andersheit. Der Raum ist ein Erlebnis; die aktuelle Inszenierung vertieft es. Das allein würde den Besuch schon lohnen, aber wem der Sinn nach mehr Texten und Bildern steht, kann sich in der Krypta Umnutzungsbeispiele anschauen und das lesbare und lesenswerte Begleitheft mit nach Hause nehmen.

Menetekel an der Wand

Die Zitate, die auf der Wand zu lesen sind, weisen über St. Gertrud hinaus auf die grundsätzliche Frage, welche Bedeutung Kirchen heute in der Stadt haben jenseits ihrer ursprünglichen Funktion. Das Signet der Schau, das Schild „Autobahnkirche“ mit dem Turm nach unten, will wohl auch als Warnsignal verstanden werden: Wie wäre die Stadt, wenn die Kirchen verschwinden?

Ira Scheibe

Beispielhafte Kirchenumnutzungen

Fluch und Segen. Kirchen der Moderne

9. September bis 10. November 2019 in sankt gertrud: kirche + kultur, Krefelder Straße 57, 50670 Köln

Öffnungszeiten: Mi – 12 bis 20 Uhr; Do bis So – 10 bis 18 Uhr

Weitere Infos auf den Seiten des M:AI

Ergänzend zur Ausstellung fördern StadtBauKultur NRW, die Architektenkammer NRW und die Ingenieurkammer-Bau NRW unter Mitwirkung der (Erz-)Bistümer und der Landeskirchen einen Wettbewerb, der Gemeinden bei den Herausforderungen des Umgangs mit ihrem Kirchengebäude unterstützt. Die Website Zukunft-Kirchen-Räume stellt Informationen zu Prozessen der Umnutzung bereit.

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