Anne Luise Müller während des Gesprächs mit koelnarchitektur.de, das im Clouth-Quartier stattfand © Foto: Uta Winterhager

Im Gespräch mit Anne Luise Müller nach 18 Jahren als Leiterin des Stadtplanungsamtes

Als Anne Luise Müller 2001 ihr Amt als Leiterin des Stadtplanungsamtes aufgenommen hatte, führten wir ein erstes Interview mit ihr. Damals war die studierte Architektin die einzige Frau in der Stadtverwaltung, weibliches Führungspersonal gab es kaum. Vieles hat sich seitdem auch in der Stadt gewandelt und viele Planungen gingen über ihren Schreibtisch. Diplomatisch im Umgang mit Politik und Dezernenten hat sie das Thema der architektonischen Qualität stets zurückhaltend aber bestimmt zu platzieren gewusst. Als sie in Köln anfing, vermisste die Fränkin im Rheinland besonders den Himmel über Ingolstadt, und natürlich haben wir sie gefragt, ob sie plane, auch im Ruhestand noch in Köln zu bleiben.

 

Sie sind im Sommer nach 18 Jahren in den Ruhestand gegangen. Wie fühlt es sich an, wenn Sie nun durch Köln gehen?

Anne Luise Müller: Innerlich fühle ich mich ziemlich aufgeräumt, auch wenn ich äußerlich noch nicht so die Form gefunden habe. Es ist eine große Umstellung und im Moment bin ich noch nicht in der Stadt unterwegs, um zu schauen, was hat sich verändert. Ich versuche erst mal, mich selbst zu sortieren.

Als Sie 2001 in Köln anfingen, waren Sie als Frau unter vielen Männern relativ einsam in der Stadtverwaltung. Nun wird Eva Herr ihre Nachfolgerin und in den großen Städten ringsum bekleiden zunehmend mehr Frauen wichtige Ämter. Haben Sie da den Weg geebnet?

ALM: Ich war tatsächlich die erste Frau in der Planung, sowohl in Köln als auch in Ingolstadt und für mich war klar, dass man das ausweitet, wo immer es geht. Wenn die Qualifikation eine Wahl zwischen Männern und Frauen lässt, sollten die Frauen immer eine Chance bekommen.

Da Sie so lange im Amt waren, haben Sie mit vier Baudezernenten (Fruhner, Streitberger, Höing, Greitemann) zusammengearbeitet. Das waren sehr verschiedene Charaktere, die eine ganz unterschiedliche Herangehensweise und einen ganz anderen Wirkungsgrad hatten. Wenn Sie zurückblicken, wann lief es denn rund an der Schaltstelle zwischen Politik und Verwaltung?

ALM: Es gab nicht nur unterschiedliche Dezernenten, sondern auch unterschiedliche Zusammensetzungen der politischen Gremien. Deswegen kann man tatsächlich nicht auf die Personen der Dezernenten Bezug nehmen, sondern muss die Zusammenarbeit auch immer in der Zusammensetzung der politischen Gremien betrachten. Die jeweiligen politischen Gremien haben ja auch die Dezernenten gesucht, und deshalb lief es zu Beginn einer Amtszeit, als Mehrheitsverhältnisse noch stabil waren, immer ziemlich gut. Das änderte sich meist im Laufe der Zeit.

Anne Luise Müller im Gespräch mit koelnarchitektur Fotos: ©Uta Winterhager

Gibt es da rückblickend politische Weichenstellungen, die der Stadt gutgetan hat?

ALM: Immer dann, wenn fraktionsübergreifend gemeinsam an Themen gearbeitet wurde, gab es auch gute Ergebnisse. Diese Entscheidungen, die unabhängig über die Parteizugehörigkeit hinweg entschieden worden sind , waren häufig gut, wie z.B. beim Rheinauhafen oder auch auf dem Clouthgelände.

Wenn Sie ihre persönliche Kölner Stadtkarte zeichnen würden, wo würden Sie denn ihre Fähnchen einstecken? Wo würden Sie sagen, hier konnte ich wirklich etwas bewegen?

ALM: Für mich war es immer eine besondere Herausforderung, am offenen Herzen der Stadt zu arbeiten, in der Domumgebung. Nicht nur weil in der Verwaltung übergreifend gearbeitet werden musste, sondern weil alles im laufenden Betrieb der Stadt stattfinden musste. Aber Stadt darf nicht nur aus diesem inneren Kern heraus betrachtet werden, auch die Bezirke haben ihre besondere Bedeutung. Das Hertie-Kaufhaus in Porz stand viele Jahre leer, und wir als Planerinnen und Planer hatten immer die Vorstellung, dass es dort einmal aussehen könnte wie in dem inneren neuen Stadtquartier z.B. von Münster. Es war aber gar nicht umsetzbar, bis die Stadt diese Flächen erworben hat und die städtische Gesellschaft moderne stadt das Projekt übernahm. Auch dass in Chorweiler der öffentliche Raum mit dem Bundesprogramm Nationalen Projekte des Städtebaus einen anderen Fokus bekommen hat, ist mir wichtig, denn Chorweiler hat diese neue Betrachtung wirklich verdient.

 

Der Blick unter die Platte, die in der Zwischenzeit zum Hügel wurde, war im August 2015 noch offen. Baustelle der Domumgebung Ost (Allmann Sattler Wappner) Foto: ©Thilo Schmülgen für Stadt Köln

 

Gab es auch Stolpersteine, Projekte, die Sie rückblickend einfach anders anpacken würden?

ALM: Natürlich, das bleibt nicht aus. Aus heutiger Sicht würden wir im Rheinauhafen nicht mehr diese große gemeinsame Tiefgarage bauen, die es erschwert, dass man an der Oberfläche im Stadtraum Menschen begegnet, weil alle aus ihren Häusern mit dem Aufzug direkt in die Tiefgarage fahren. Deswegen wird es im Deutzer Hafen auch tatsächlich anders gelöst. Damals war die Tiefgarage im Rheinauhafen wichtig, denn sie war überhaupt erst der Schlüssel zur Realisierung.

Sie haben das das Thema öffentlicher Raum eben schon angesprochen. Hat sich das Bewusstsein und die Bereitschaft dafür Verantwortung zu nehmen in den letzten 18 Jahren geändert?

ALM: Der öffentliche Raum hatte immer schon eine Bedeutung als Ort der Begegnung, des Handels und des Austauschs. Heute bekommt er viel mehr Aufmerksamkeit, weil er noch stärker durch Außengastronomie und Tourismus genutzt wird.

Die mittlere Promenade im Rheinauhafen Foto ©Barbara Schlei

 

Hat es im Bewusstsein der Bürger und Investoren einen Wandel gegeben, dass auch sie eine gewisse Verantwortung für den öffentlichen Raum übernehmen müssen?

ALM: Das hat nicht stattgefunden. Man bedient sich gerne des öffentlichen Raums, aber geht mit ihm nicht pfleglich um. Da verlassen sich alle auf die öffentliche Hand. Es ist ein großes Ärgernis und für mich völlig unverständlich, dass diese Haltung „irgendjemand wird sich schon kümmern“ in Köln so verbreitet ist. Daher ist die Ufertreppe am Rheinboulevard nur mit einem unglaublich hohen Unterhaltungsaufwand zu halten. Die hohen Kosten dafür werden durchaus auch kritisiert.

Es gibt ja keine Alternative …

ALM: Man wünschte sich natürlich, dass derjenige, der sieht, dass etwas in einem guten Zustand ist, es sozusagen mitunterhält, es ist ja auch sein Steuergeld, das für die Reinigung verbraucht wird. Ich erinnere mich an den Weltjugendtag in Köln 2005, als Hunderttausende in die Stadt kamen. Alle hatten befürchtet, dass auf den Poller Wiesen riesige Müllberge hinterlassen werden würden, aber es war eine unglaubliche Ordnung – die Jugendlichen haben den Ort wieder so verlassen, wie sie ihn vorgefunden haben – das war schon sehr bemerkenswert.

Die Ufertreppe während der Bauphase. (Aufnahme vom September 2014) Foto ©Planorama / Volker Dennebier www.koeln-deutz-extra.de

 

Ich denke, die Betrachtung des öffentlichen Raums hat zwei Ebenen. Wie der Bürger, wie der Tourist damit umgeht ist eine. Aber es gibt auch die Gestaltungsebene und darauf zielte meine Frage ab, denn ich habe den Eindruck, dass es in den letzten Jahren ein verstärktes Bemühen gibt, öffentlichen Raum überhaupt zu gestalten.

ALM: Auf jeden Fall. Das hat eben auch mit der Nutzung des öffentlichen Raums zu tun, er muss inzwischen sehr viel robuster sein. Sehr viel klarer, lesbarer und einfacher, aber mit guten und hochwertigen Materialien gestaltet, damit er langlebig und günstig im Unterhalt ist. Hier denke ich an die Diskussionen um den L.-Fritz-Gruber-Platz vor Kolumba, der einen unglaublichen Aufruhr verursacht hat, weil die Neuplanung Stellplätze gekostet hat. Wir mussten viele Veranstaltungen machen, um zu erläutern, dass durch den Wegfall der Parkplätze etwas sehr Positives entsteht.

Wird sich in den nächsten Jahren noch mehr ändern wird, Stichwort Mobilitätswende?

ALM: Auf jeden Fall. Beim Thema Mobilität geht es immer darum, dass sich unterschiedliche Verkehrsteilnehmer den Raum teilen müssen. Deshalb sind wir ja bei der Via Culturalis zwischen Dom und Maria im Kapitol so auf die Gestaltung der kleinen Plätze aus. Ob das der Quatermarkt ist, oder an den Museen, das sind wirklich wichtige Orte mit Aufenthaltsqualität, frei von Kommerz.

Viele dieser kleinen Maßnahmen dringen kaum ins Bewusstsein der Bürger vor. Was sich besser verfolgen lässt sind die großen Projekte. Und da bekommt man schnell das Gefühl, dass es mit der Planung nur sehr langsam voran geht. Ist das symptomatisch für Köln oder ist es heute überall so?

ALM: Große Transformationen von Flächen brauchen natürlich eine gute Planung. Der Rheinauhafen hat vom Wettbewerbsergebnis bis zur Fertigstellung über 20 Jahre gedauert. Für die Parkstadt Süd musste erst einmal eine Idee entwickelt werden, was für einen Charakter dieses Quartier bekommen soll. Mit dem jetzt beschossenen integrierten Plan kann man die einzelnen Abschnitte weiterverfolgen. Allerdings sind Flächen ja auch bebaut, wir planen hier nicht auf der grünen Wiese.

Hinzukommen aber auch die Beteiligungsverfahren, die man in den letzten Jahren verstärkt angewendet hat.

ALM: Der Leitlinienprozess zur Beteiligung ist ein Anliegen der Oberbürgermeisterin gewesen. Jetzt sind die Leitlinien verabschiedet und sollen in Form von Pilotprojekten angewendet und getestet werden. Da geht es ja nicht nur um die Beteiligung im Planungsprozess, sondern auch in der Kinder- und Jugendplanung, um Schulen etc… Wir haben aber insbesondere mit dem letzten Dezernenten (F. J. Höing) ganz große Verfahren  mit besonderen Beteiligungsmodellen durchgeführt.

Dass so viele neue Stimmen in die Planungsprozesse integriert werden müssen, macht die Arbeit sicher nicht einfacher. Alle Beteiligten müssen lernen, angemessene von unangemessenen Forderungen zu unterscheiden, private Interessen vom Allgemeinwohl zu trennen, haben Sie da in den letzten Jahren eine Entwicklung feststellen können?

ALM: Ganz klar ist, das Planen ist ein Aushandlungsprozess, das war es schon immer. Aber es ist gut die engagierte Öffentlichkeit vor Ort mit einzubeziehen, da es hier zusätzliche und spezifizierte Kenntnisse gibt, als bei den Planern selbst. Allerdings muss man auch immer wieder ganz deutlich sagen, dass das Einsammeln von Vorschlägen, Ideen und Anregungen nicht bedeutet, dass alles eins zu eins umgesetzt werden kann, weil auch sich widersprechende Anforderungen formuliert werden und auch diejenigen, die sich in der Stadtgesellschaft engagieren, nicht unbedingt die Mehrheitsmeinung vertreten. Dies unterliegt dann einer Abwägung aller Belange untereinander. Und es geht nicht darum, dass die Stadtgesellschaft entwerfen soll, dafür gibt es Experten. In den letzten großen Planungswerkstätten, die wir für den Mülheimer Süden und den Deutzer Hafen gemacht haben, wurden interdisziplinär besetzte Planungsteams eingesetzt und gute Erfahrungen gemacht, auch wenn man im Aushandlungsprozess, die Nerven nicht verlieren darf.

Was werden Sie denn nun in Ihrem Ruhestand machen?

ALM: Ich werde mich sicher nicht ungefragt in Diskussionen einmischen, keine Leserbriefe und Kolumnen schreiben. Wenn ich gefragt werde, und ich etwas zu dem Thema sagen kann, dann werde ich das natürlich auch machen.

Abschließend noch eine persönliche Frage: Als Sie vor 18 Jahren aus Ingolstadt nach Köln kamen, haben wir darüber gesprochen, dass Sie den Ingolstädter Himmel in der ewig grauen Kölner Suppe vermissen. Sind Sie trotzdem Wahlkölnerin geworden?

ALM: Ja, und ich werde auf jeden Fall in Köln bleiben, weil mich die Aufgaben, die ich hier begleiten durfte, auch sehr empathisch für die Stadt gemacht haben. Ich erinnere mich an die Diskussion um den Bau neuer Hochhäuser und den Erhalt des Welterbestatus des Kölner Doms. Geblieben ist davon nur das zunächst inkriminierte LVR Hochhaus. Die öffentliche Dachterrasse konnten wir damals durchsetzen. Oft bin ich dort hinaufgegangen, wenn ich mal richtig schlecht gelaunt war. Mann, habe ich dann gesagt, das ist meine Stadt da unten! Und dann war ich schon wieder versöhnt.

 

Das Gespräch mit Anne Luise Müller führten Barbara Schlei und Uta Winterhager im Juli 2019


 

Vor 18 Jahren, zum Amtsantritt von Anne Luise Müller, führten wir ein erstes Interview mit ihr. Bei koelnarchitektur.de geht nichts verloren…

Von der Donau an den Rhein
Ein Interview mit Anne Luise Müller, der neuen Leiterin des Kölner Stadtplanungsamtes.
17.12.2001


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