Immobilienmaklerin Pina (Frederike Bohr) beim Blick auf die andere Rheinseite. Foto: Vera Lisakowski

Ein szenischer Spaziergang zwischen „La Strada“ und dem Immobilienmarkt am Deutzer Hafen.

Sie sind immer unterwegs, von Ort zu Ort, Gelsomina und Zampano in Frederico Fellinis „La Strada“. Folgerichtig spielt das „atelier mobile – travelin‘ theatre“ seine Inszenierung nach Szenen aus dem Film beim Spazierengehen. Und kombiniert sie mit eigenen Szenen zum profitorientierten Immobilienmarkt. Bei „La Strada/ein Landstreich“ von Jens Kuklik (Konzept, Regie) und Wilfried Bienek (Dramaturgie, Texte) folgen die Zuschauer den Schauspielern in einem szenischen Parcours dem Rhein an den Poller Wiesen entlang, immer einem Akkordeonspieler und einer Gitarristin hinterher. Hören sie auf zu spielen, beginnt das Schauspiel.

Publikum an der Bahnunterführung. Foto: Vera Lisakowski
Publikum an der Bahnunterführung. Foto: Vera Lisakowski

Applaus für die Kranhäuser

Noch kurz vor der ersten Szene stapft eine Gruppe Hobby-Angler durchs Bild. Der Schausteller Zampano (Thomas Krutmann) wünscht ihnen „Petri Heil“, erst dann kauft er Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert) für 10.000 Lira ihrer Mutter ab. Das ist amüsant, genauso wie die überaus unzufriedenen Radfahrer auf dem Uferweg, die die Gruppe von etwa 80 Zuschauern nicht weggeklingelt bekommen, bringt im Stück aber keinen Mehrwert. Dann schon eher der Blick auf die gegenüberliegende Rheinseite, der bei den Monologen der Immobilienmaklerin Pina (Frederike Bohr) eine Rolle spielt. Sie berichtet, dass diese Seite des Flusses früher den Handwerkern und Fischern vorbehalten war, die gegenüberliegende den Kaufleuten – mit Geste auf das Siebengebirge im Rheinauhafen durchaus korrekt. Auch die Kranhäuser werden thematisiert, es sei zweifellos gute Architektur, die immer einen Applaus verdient habe, nur könne sie sich kein Kölner leisten.

Zampano (Thomas Krutmann) und Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert) bei ihrer Zirkusnummer vor der Südbrücke. Foto: Vera Lisakowski
Zampano (Thomas Krutmann) und Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert) bei ihrer Zirkusnummer vor der Südbrücke. Foto: Vera Lisakowski

Parallel statt verschränkt

Fast immer laufen die Szenen zum Immobilienmarkt und aus „La Strada“ parallel, ganz selten werden sie verschränkt. So beim Restaurantbesuch, wo aus der Immobilienmaklerin, die am Nebentisch einen Vertrag über ein Public Private Partnership abschließt, die neue Geliebte Zampanos wird. Diese szenische Vermengung führt jedoch die Handlungsstränge nicht näher zusammen, und bringt keine textlichen Ausbrüche: Auf der einen Seite wird der Filmtext gespielt, die Texte der Maklerin sind angefüllt mit kontextlosen Branchen-Schlagwörtern. Das Muster verlässt der Spaziergang nur an einer Stelle, es wird Monopoly gespielt, im Gehen gegackert und auf der Straße gewürfelt, ein Zuschauer ist die Bank. Und zum Amüsement des Publikums kommt ausgerechnet ein Polizeiwagen, während die komplette Fahrbahn blockiert ist. Hier könnte es anarchisch und improvisiert werden – doch die Inszenierung kehrt wieder zurück zu „La Strada“.

Im Restaurant treffen die beiden Handlungsstränge zusammen, links Zampano (Thomas Krutmann) und Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert), rechts die Immobilienmaklerin Pina (Frederike Bohr). Foto: Vera Lisakowski
Im Restaurant treffen die beiden Handlungsstränge zusammen, links Zampano (Thomas Krutmann) und Gelsomina (Aischa-Lina Löbbert), rechts die Immobilienmaklerin Pina (Frederike Bohr). Foto: Vera Lisakowski

Keine Zusammenführung der Themen

Nach dem zweistündigen Spaziergang führt die auch im Film vorkommende Prozession zum Künstlerareal „Quartier am Hafen“, wo im Theaterzelt die restlichen knapp zwei Drittel von “La Strada” gespielt werden. Durchaus poetisch wird hier Mattos (Elena Martino) Hochseilnummer am Vertikaltuch inszeniert, der Bezug zu Köln wird über Projektionen im Hintergrund hergestellt, unter anderem das Foto einer Hochseilartistin über der kriegszerstörten Innenstadt. Und bei der Nachkriegszeit beginnen auch Pinas vom Filminhalt weiterhin losgelöste Erzählungen: „Liebenswerte Feinde lösten die Arroganz und den Stumpfsinn der deutschen Städtebauer auf“, berichtet sie, um sich dann bis zur Wiedervereinigung und der Treuhand vorzuarbeiten. Zwischen D-Mark und Demarkationslinie kalauert sich der Text dem Ende entgegen und der einzige Erkenntnisgewinn ist wohl, dass man sich kaum einen Gefallen tut, wenn man ein filmisches Meisterwerk originalgetreu und inklusive der Gesichtsausdrücke nachspielt.

Vera Lisakowski

Weitere Termine im September.
Mehr Informationen beim Quartier am Hafen.

Wir machen kein Tehater aber Führungen im Deutzer Hafen. Alle Infos dazu hier.

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.