Es ist eine Geschichte ohne Worte, ob sie nun Sinn macht oder nicht, sei einmal dahingestellt © Ute Piroeth Architektur / Wolfgang Rüppel

Wolfgang Rüppel und Ute Piroeth setzen Zeichen. Eine Stilübung an einem Stellwerk.

„Im Autobus der Linie S, zur Hauptverkehrszeit“, so beginnen die Stilübungen (Exercices de style) des französischen Autors Raymond Queneau, in denen er einen kurzen Bericht über eine eigentlich unbedeutende Begegnung in einem Bus in achtundneunzig unterschiedlichen Sprachstilen variiert.

Die Urform der absichtsvoll banalen und bedeutungslosen Anti-Geschichte aus Raymond Queneau, Stilübungen „Autobus S“, Suhrkamp Verlag 1961(Neuauflage 2017)


In Frankreich kam das kleine Buch schon 1947 heraus, die deutsche Übersetzung, mit der viele sich schwer taten, erschien erst 14 Jahre später im Suhrkamp Verlag, 1991 gab es einen erneuten Übersetzungsversuch.

„Dieser Minimalstoff wird von Queneau virtuos noch achtundneunzigmal variiert, so als Sonett, als Traum oder als Verhör („Hatte dieser Zwischenfall ein Nachspiel?“), in noblem Stil, in metaphorischem Stil oder in vulgärem („Bemerk ich da so’n bekloppten Stenz“). Queneau exerziert seine Geschichte lautmalerisch („Rumeldibum“), philosophisch oder beleidigend vor, als Komödie, als „amtlichen Brief“ („Ich habe die Ehre, Ihnen folgende Begebenheit mitzuteilen“), als Bericht einer Frau, eines Landmanns oder eines Reaktionärs („Armes Frankreich“).“ Der Spiegel, 28.6.1961

Diese Stilübungen reizten die Literaturkritiker, die sich trotzt ernsthafter Auseinandersetzungen mit dem Material nicht einig wurden, wie ironisch, ernsthaft oder auch sinnlos dieses Werk war.

„Der Widerspruch zwischen der gewollten Trivialität der Autobus-Story und der Virtuosität, mit der Queneau sie durch fast hundert Variationen hext, macht nach Meinung des Lyrikers Hans Magnus Enzensberger „das Diabolische“ dieser Stilübungen aus.“, schrieb der Spiegel weiter.

Im Autobus oder auf dem Weg nach Mülheim, Stellwerk mit künstlerischer Gestaltung © Ute Piroeth Architektur / Wolfgang Rüppel

Und an dieser Stelle verlassen wir die uns seit dem Deutsch-LK leider fremd gewordene Ebene der Literatur wieder und kehren zurück zur Architektur. Doch auch die Geschichte des KVB-Stellwerks in der Slabystraße beginnt mit der Geschichte im Autobus. Oder eigentlich – sie ist die Geschichte im Autobus. Die inoffizielle 99. Variation, aufgeschrieben von Künstler Wolfgang Rüppel mit dem Flaggenalphabet. Dass das niemand lesen kann, geschweige denn kennt oder im Vorbeifahren erkennt, ist vielleicht sogar das Ziel der Übung. Es galt in Zusammenarbeit mit der Architektin Ute Piroeth die Hülle eines Kastens zu bespielen, der gefangen in einer Straßenschleife an der linksrheinischen Auffahrt zur Mülheimer Brücke einerseits sehr präsent, andererseits vollkommen unerreichbar steht.

Zeichen setzen mit Zeichen © Ute Piroeth Architektur / Wolfgang Rüppel

Laut Wikipedia gibt es im Flaggenalphabet „26 Buchstabenwimpel, zehn Zahlenwimpel, einen Signalwimpel und vier Hilfsstander, sowie inzwischen zwei Bahn- und einen Zielwimpel. Generell werden bis zu vier verschiedene Buchstaben gleichzeitig gesetzt und von oben nach unten gelesen, was in der Summe 475.254 verschiedene Aussagen zu formulieren erlaubt … Echtes Alphabetisieren, also das Buchstabieren von Wörtern, ist nur in Ausnahmefällen zulässig.“

Verbote dieser Art sind für Künstler eine Steilvorlage, wenn nicht gar eine Aufforderung. So nutzt Wolfgang Rüppel die gewellten Oberflächen des Kastens als Träger der „absichtsvoll banalen Anti-Geschichte“. Ob lesbar oder nicht, setzt er mit den bunten Zeichen vor allem ein Zeichen – fürs Zeichensetzen? Er nutzt die auf Farben und Formen reduzierte Schriftsprache und lässt sie zu einem bunten Bild verschwimmen, das noch bunter und verschwommener wird, je mehr die Vorbeifahrenden an Geschwindigkeit gewinnen. Es ist eine Geschichte ohne Worte, ob sie nun Sinn macht oder nicht, sei einmal dahingestellt. Viel wichtiger ist das Erzählen, das uns Bilder mitgibt auf den Weg, der erst einmal nach Mülheim führt.

Uta Winterhager

Weitere gemeinsame Projekte von Ute Piroeth und Wolfgang Rüppel:

Herein in die gute Stube! Tunnel Johannisstraße

Unter Spannung Unterwerk im Sionstal

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