Chorweiler at its best © Foto Tobias Sänger

Wie schafft es die Architektur in die Sozialen Medien?

Als der heiße Sommer 2018 noch frisch war, lud ein Entwicklerkonsortium zum Pressegespräch ins Düsseldorfer Dreischeibenhaus. Wir berichteten über Groteske Bilder

Hängen blieb davon vor allem die eine Frage: Müssen wir Architektur nun als Bildhintergrund planen? Muss sie instagrammable sein, um Entwickler zu überzeugen? „Instagrammable“ ist ein englischer Neologismus, den der Pons mit „geeignet/es wert sein, auf Instagram gepostet zu werden“ übersetzt. So lang und sperrig mögen wir Deutschen es natürlich umgangssprachlich auch nicht und fügen unserem Wortschatz einen weiteren Anglizismus hinzu. Magazine aller Art, darunter Forbes, Vogue und TimeOut, lieben und veröffentlichen regelmäßig Listen der „most instagrammable places/spots“ von Helsinki bis Barcelona, die sich mit wenigen Klicks im Netz generieren lassen.

 

Und schwupp! sind in zwei Wochen noch einmal 54.287 Beiträge dazugekommen und unter den ersten neun ist auch plötzlich Architektur © Screenshot von Instagram

 

#köln

Inzwischen ist der Sommer fast unangenehm heiß geworden und eine Recherche ausschließlich im Netz wird mit jedem Grad der täglich steigenden Höchsttemperaturen immer verlockender. Außerdem, der Stand von heute lässt sich genau dort sehr präzise erfassen. Mit dem Hashtag #köln gibt es am 6. August 2018 um 13 Uhr 5.268.497 Beiträge, unter #cologne sind es 4.816.957 und täglich werden es mehr. Ganz bewusst wurde die Suche nicht mit einschlägigen Begriffen wie #kolumbamuseum (3437 Beiträge) oder #gottfriedboehm (1269 Beiträge) verfeinert, das wäre zu direkt. Uns geht es darum herauszufinden, wie die gebaute Umgebung die Instagram-Community verführt und sich bei dem einen nur zufällig irgendwie ins Bild schummelt, bei dem anderen ganz bewusst als Farbkontrast zum Sakko ausgewählt wird.

Unter den ach so wichtigen ersten neun tiles der Instagram-Bildschirmansicht findet sich heute keines mit Architektur, dafür allzu viel Körperliches – schieben wir es mal auf die Hitze. Doch schon nach ein wenig Scrollen tauchen erste Architekturfragmente auf. Lassen wir uns also ein wenig durch Köln treiben.

 

@yaseminchen_

Blaue Stunde vor dem Domchor © Foto: yaseminchen_

Köln sehen ohne den Dom ist unter dem #köln genau wie im echten Leben kaum möglich. Hier finden wir auch @yaseminchen_. Die 24-jährige Kölnerin hat gerade ihren Bachelor in Wirtschaftspsychologie gemacht und schickt mit einem Bild, das sie auf der Brüstung der Domumgebung Ost (Allmann, Sattler, Wappner 2017) sitzend zeigt, „Grüße aus Kölle“. Die Haare wehen, die Beine sind lang, der Ausschnitt ist tief und die große Menge Gotik im Hintergrund steht unbedingt für Köln. Das Foto war eine spontane Idee beim Vorbeilaufen, schrieb Yasmin auf die Frage nach der Wahl ihrer Location, denn der Dom habe aus dieser Perspektive sehr schön ausgesehen. So sucht sie immer etwas Besonderes, das im besten Fall auch mit ihrer Kleidung harmoniert. Kaum ahnt der Betrachter, dass dieses kleine Stückchen Stadtreparatur auf das die Nagelfluh-Brüstung hier verweist, Architekten, Politiker, Verwaltung, Kirche, Künstler, Museen, Denkmalpfleger und Dombauhütte in nahezu 17 Jahren Planungsgeschichte mehrfach an den Rand der Verzweiflung getrieben hat. Doch nun ist alles gut, es ist licht und sicher und der trunken sprudelnde Dionysos wurde nebst Baptisterium aus den Tiefen der Unterwelt ans Licht geholt.

 

@sebiforce

Im Rheinauhafen © Foto sebiforce

 

Ähnlich populär wie die Domumgebung ist der Rheinauhafen, unter eigenem Hashtag hat er 27.186 Beiträge. @sebiforce trifft man häufig dort, er liebt die Architektur. Der studierte Wirtschaftsingenieur Sebastian Clauß arbeitet im Versicherungswesen und ist mit 90.500 Followern auch bei Instagram sehr erfolgreich, obwohl er von sich selbst sagt, dass er kein typischer Blogger ist und auch keiner werden möchte – seine Geschichte erzählt er auf seiner homepage. Bei Instagram zeigt er Fashion und Lifestyle, er mag schlichte, moderne Elemente, helle Farben aber auch Schwarz und nutzt die Effekte von Stahl und Spiegeln. Ein guter Bildhintergrund ist für Sebastian hell, geradlinig und sauber. All das findet er im Rheinauhafen. Gerade sauber ist ein gutes Stichwort. Kein Lifestyleblogger posiert gerne neben zertretenen Bierdosen und Pommesresten, gut für die Fotos also, dass sich hier die RVG (Rheinauhafen Verwaltungsgesellschaft) selbst um Sauberkeit und Sicherheit der Location kümmert.

 

@emilymsmr

Zufällig im richtigen Moment ausgelöst © Foto emilymsmr

 

@emilymsmr macht eine Bootstour auf dem Rhein und stellt ihren Followern die Frage „Black Hair? Yes or No“. Im Hintergrund überragt das Kranhaus Süd ihre wehenden Haare. Die 20jährige aus Regensburg hatte gerade ihr Abitur gemacht und war für das Konzert von Beyoncé & JayZ nach Köln gekommen. Sie finde es cool zeigen zu können, wo sie sich gerade auf der Welt befindet, aber essentiell sei es nicht. Der Bildhintergrund solle etwas mit dem Outfit harmonieren, ansonsten einfach cool aussehen. Und da hat sie hier wirklich Glück. 55,5 Meter hoch überragen die drei nicht ganz gleichen Kranhaus-Drillinge den Rheinauhafen und durchbrechen die lineare Struktur entlang der Uferkante. BRT Architekten interpretierten hier El Lissitzkys nie realisierten Wolkenbügel neu. Und da die Figur bereits eingeführt war, wurden die Kranhäuser bestimmungsgemäß zu Wahrzeichen des neuen Kölns – das erkennt man auch ohne es zu wissen.

 

@chronondo

die Deutzer Skyline passt © Foto chronondo

 

@chronondo aka Dan (36 Jahre) lebt seit 15 Jahren in Köln. Mit 100.000 Followern bei Instagram ist der Hotelfachmann Deutschlands erfolgreichster Uhrenblogger. Lässig spaziert er über die Promenade des Rheinauhafens, hinter ihm erhebt sich die Deutzer Skyline: links das KölnTriangle (Gatermann + Schossig, 2006), rechts der Lanxess Tower (1969 von Hentrich-Petschnigg & Partner als Hauptsitz der Lufthansa errichtet). Dan sucht außergewöhnliche Orte, die dem Foto einen Wow-Effekt verleihen. Manchmal zeigt er ganze Gebäude, manchmal genügt ein markantes Detail. Wichtig ist, dass die Farben des Bildhintergrundes Ton in Ton mit seinem Outfit oder seiner Uhr sind. In diesem Fall ergibt sich also eine kühle Mischung als Stahl, Glas, Rheinwasser und Brückengrün.

 

 

@inked_ak

alles passt im Rheinauhafen © foto inked_ak

 

@inked_ak sucht seine Locations meist nach den Outfits aus und nicht selten landet auch er im Rheinauhafen. Denn der, so der 25jährige, gebe dem Fotografen viel Spielraum, das Model/Outfit perfekt in Szene zu setzten. Der Rheinauhafen erscheint ihm als ein moderner, ein cleaner Ort, der durch die Glasfronten und alten Kräne auch sehr extravagant wirken könne. Seine Fotos sind extrem professionell, doch André K. arbeitet als Angestellter im Öffentlichen Dienst, gestaltet dort Flyer und Broschüren. Durch Instagram hat er seine Leidenschaft fürs Fotografieren entdeckt. Architektur sei ein wichtiger Faktor der Bildgestaltung, sie bekräftige einen Style. Weil er seine rund 12.500 Follower inspirieren möchte, teilt er die Orte, an denen er fotografiert. Die meisten seiner Bilder sind sogenannte „Walk-Shots“, er läuft, so wirkt das Bild nicht gestellt und trotzdem passt der Blouson perfekt zur Glasfront des Tiefgaragenabgangs, den beiden Edelstahlabluftauslässen und dem Kranhaustreppenhaus, das den eindeutigen Hinweis zur Verortung gibt.

 

Rheinseitenwechsel – walk-shot vor dem LVR Landeshaus © foto inked_ak

 

Doch gelegentlich wechselt inked_ak die Rheinseite. Für uns eine große Freude, ihn vor dem denkmalgeschützten LVR-Landeshaus (Schulze-Fielitz, Rudloff, von Atlenstadt, 1958) gehen zu sehen. Denn die konsequente Anwendung Mies’scher Gestaltungsprinzipien ist zwar ebenso clean und modern wie ihr Gegenüber, ihr Erscheinen doch deutlich erfrischender.

 

@w.wie.weber

Zufällig das Haus in dem sie arbeitet, zufällig ein schickes Wandbild © Foto: w.wie.weber

 

@w.wie.weber postet ein Bild, das neugierig macht. Hinter ihren schlanken, sommerbraunen Beinen sehen wir ein Stückchen Mosaikwand. Ja, das ist Köln, Kunst am Bau wie wir sie kennen und lieben. Ihr Kommentar „Coffeemood“, ihr Ort Schanzenstraße. Bleiben wir also auf der Schääl Sick und bewegen uns flussabwärts nach Mülheim. Hier arbeitet Tanja in dem Haus, das früher einmal die Hauptverwaltung von Felten & Guilleaume saß. Das Mosaik ließ der aktuelle Besitzer vor gut zehn Jahren als Graffitischutz anbringen, den Namen des Künstlers weiß er leider nicht mehr. Tanja sagt, Insta sei ihr Hobby, Architektur kein Thema, der Bildhintergrund müsse in dem Moment halt passen. Das tut er, und er macht uns neugierig – danke dafür!

 

@tobisaenger

Keine Selbstporträts bei Tobias Sänger, er fotografiert, der Breakdancer ist ein Freund, der Ort ist in Chorweiler © Foto Tobias Sänger

 

Und dann nimmt unsere Köln-Tour im Netz noch eine unterwartete Wendung und wir landen mitten in Chorweiler mit @tobisaenger. Seine Bilder sind großartig: Breakdance und Beton. Hier hat jemand ein Auge für das Ungewöhnliche, das nicht unbedingt gefällig ist, aber umso wirkungsvoller. Chorweiler ist nie nur Kulisse, zuviel erzählt jedes Bild. Tobias Sänger ist 37 Jahre alt und wohnt mit seiner Familie seit 8 Jahren in der Kölner Innenstadt. In Seeberg/Chorweiler arbeitet er seit über 6 Jahren an der Offenen Ganztagsschule einer Grundschule. Er schreibt, er liebe unsere Stadt in ihrer Widersprüchlichkeit, ihn interessieren die Kontraste und die Vielfalt. Deswegen spiele er gerne mit den verschiedenen Ebenen, inszeniert vermeintlich “hässliche” Orte durch Komposition so, dass ihre Schönheit zum Vorschein kommt.

„Durch Instagram habe ich zum einen diese Leidenschaft wirklich kennengelernt und zum anderen durch die regionalen Communities wie @koelnergram oder @koelscheecken andere Menschen mit den gleichen Interessen kennen gelernt. In meinem Fall sind daraus auch einige echte Freundschaften entstanden. Obwohl durch die Kommerzialisierung der Plattform der Gemeinschaftsgedanke etwas in den Hintergrund gerückt worden ist, bleibt es für mich der wichtigste Aspekt. Durch Instagram habe ich mein Interesse an der Smartphone-Fotografie entdeckt und weiterentwickeln können. Bei den Fotowalks nehmen vom Handyhobbyknipser bis zum professionellen und Kunst-Fotografen wirklich alle teil. Das hat mir persönlich sehr viel Feedback gegeben. Ohne Instagram hätte ich das Fotografieren wahrscheinlich nicht für mich entdeckt. Vor Allem hätte ich mir nicht träumen lassen, welche Möglichkeiten auf diesem Weg entstehen.“

Keine Selbstporträts bei Tobias Sänger, er fotografiert, der Breakdancer ist ein Freund, der Ort ist in Chorweiler © Foto Tobias Sänger

 

Seine Motive findet Tobias fast ausschließlich auf den Straßen Kölns. Architektur, Menschen und Licht spielen für ihn eine große Rolle. Da er nicht fotografiert um zu verkaufen, hat er keine Zielgruppe – er veröffentlicht, was ihm gefällt, was er interessant oder schön findet. Ein guter Teil seiner Bilder entstehe in meinen alltäglichen Situationen an neuen oder wiederentdeckten Spots, auf die er zu Fuß, mit Fahrrad oder den Öffentlichen stößt. Weil ich gerne unerwartete Orte inszeniere, macht er durch den Geotag, aber auch durch einen direkten Hashtag, wie zum Beispiel #weidenpesch deutlich, wo das Bild entstanden ist. Auch dem Ebertplatz hat er einen eigenen Hashtag gewidmet: #derebertplatzisteinbiest. Wenn dann in den Kommentar steht: “Eigentlich ist Köln ja hässlich, aber auf dem Bild sieht die Ecke echt toll aus!” oder: “Das ist so schön, das könnte glatt … (nennt eine“schöne” Stadt) sein!”, dann hat er sein Ziel erreicht.

Bei Instagram hat Tobias mit ein paar Kollegen die #weroamkölle Ausflüge durchgeführt, wo Veedel fotografisch erkundet werden, die mit den touristischen Standardmotiven nichts zu tun haben. Erst durch das Fotografieren ist die Architektur für Tobias zum Thema geworden: Die Wechselwirkung zwischen Architektur und den Menschen, die in Gebäuden wohnen oder für die sie Teil ihres visuellen Alltags sind, ist für das Leben in der Stadt ein zentraler Aspekt. Und wenn er dieses Thema durch seine Handyfotos anschneiden kann, ist er glücklich.

 

Und wir freuen uns auch – danke euch allen für eure Bilder!

 

Uta Winterhager

 

Behind the scenes of koelnarchitektur.de: wie oben bereits angeklungen, hat die Recherche für diesen Text bei Instagram ihren Anfang genommen. Alle Blogger, deren Bilder wir hier zeigen, habe ich persönlich angeschrieben und ihnen einige Fragen zu ihrer Person, ihrer Aktivität im Netz und ihrem Verhältnis zur Architektur gestellt. Mit der Veröffentlichung ihrer Bilder waren sie natürlich auch einverstanden und sie freuen sich über Besuch auf ihren Seiten!

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