Die Verwandlungen des Hauses mit den Jahreszeiten und Entwurfsstadien als Installation © Foto UAA

Sommerseminar der KU Leuven und Kunstakademie Düsseldorf im UAA

O.M. Ungers und ökologische Architektur – das mag für viele erstmal eine überraschende Kombination sein. Dennoch hat Ungers 1980 ein Solarhaus entworfen, das bislang allerdings wenig Beachtung gefunden hat. Wir haben das Projekt zum Ausgangspunkt genommen, um mit Studierenden der KU Leuven, Faculty of Architecture und der Kunstakademie Düsseldorf in einem Sommerseminar am Ungers Archiv für Architekturwissenschaft neue Perspektiven auf Ungers‘ Schaffen zu gewinnen. Das Seminar fand im Rahmen der Kooperation zwischen der Kunstakademie Düsseldorf und dem Ungers Archiv für Architekturwissenschaft statt, die für experimentelle Studienformate Raum bietet. Ziel des Seminars war neben der Auseinandersetzung mit theoretischen und historischen Fragestellungen auch der Umgang mit räumlichen Formen der Vermittlung und Mediatisierung von Architektur.

Solarhaus, O.M. Unger © UAA

 

Vor dem Hintergrund aktueller theoretischer Debatten zur Nachhaltigkeit lässt sich anhand des Solarhaus-Entwurfs ein Blickwechsel wagen: Was passiert, wenn man die Diskussion um nachhaltige Architektur den Fragen der technologischen Messbarkeit entzieht? Gibt es eine Ästhetik der Nachhaltigkeit? Und wie können wir diese am Beispiel des Solarhauses nachvollziehen? Der Entwurf zum Solarhaus steht als ökologische Architektur zunächst singulär in Ungers‘ Werk. Er entstand im Rahmen der in den 1980er Jahren virulenten Debatte um ökologische Architektur, die auf die Energiekrise der 1970er Jahre folgte. Ungers entwarf das Haus als Beitrag zu einem Wettbewerb für das Baugebiet „Auf der Melkerei“ der Gemeinde Landstuhl. Der Wettbewerb verstand sich als Modellprojekt für Solar-Siedlungen für die gesamte Bundesrepublik; die Entwürfe sowie die Umsetzung wurden von der Fraunhofer-Gesellschaft evaluiert. Für das energetische Konzept des Hauses arbeitete Ungers mit dem Berliner Institut für Bau-, Umwelt-und Solartechnik (IBUS) zusammen.

 

 

Ungers trat mit einer speziellen Position an die Bauaufgabe heran. Seiner Auffassung nach sollte der Faktor Energie nicht von Bau- und Haustechnik abhängen, sondern als eigentlich architektonisches Problem, als integrativer Bestandteil des Entwurfs verstanden werden. Mit seiner geometrischen Formsprache distanzierte sich der Entwurf sowohl von der typischen Öko-Ästhetik der Zeit als auch von stärker technologisch geprägten Gestaltungsweisen.

Ziel des Sommerseminars war es, das Solarhaus in einer abschließenden Ausstellung neu zu betrachten und dabei exemplarisch die Frage nach der Ästhetik der Nachhaltigkeit zu stellen. Zu diesem Zweck haben wir uns mit unterschiedlichen kuratorischen Strategien auseinandergesetzt sowie Theorien und Ansätze zur Nachhaltigkeit diskutiert. Samuel Korn (Uni Kassel) hielt einen Gastvortrag zur Ausstellung MANtransFORMS am Cooper Hewitt Museum in New York, für die Ungers 1976 einen Raum gestaltete. Im Gespräch mit Kim Förster (CCA Montreal) konnten wir den historischen Kontext des Solarhauses erschließen. Zum Projekt selbst und seiner Entstehung hat uns der ehemalige Ungers-Mitarbeiter Gerardo Brown-Manrique (Miami University) berichtet. Entscheidend geprägt war der Workshop auch durch die permanente Auseinandersetzung mit dem Ort des Workshops, dem Haus Ungers (1959), das heute das Archiv und die Bibliothek des Architekten enthält.

 

Arbeiten mit Ungers © Foto UAA

 

Die Ausstellung im Ungers Archiv für Architekturwissenschaft zeigte die Ergebnisse des Sommerseminars in vier Stationen, die von den Teilnehmern erarbeitet wurden. Dabei wurden unterschiedliche Perspektiven auf das Solarhaus deutlich, die seine Bedeutung für die heutige Debatte zeigen.

Viviane Bonfanti, Georgi Vlahov und Daehyun Wi analysierten das Haus als Manifest, als „Typus“ des Hauses im Haus, das unterschiedliche Temperaturzonen enthält. Sie verglichen es mit typologisch ähnlichen Konzepten wie dem südkoreanischen Bungalow und der Antivilla von Arno Brandlhuber, deren Architektur und verdeutlichten den Aufbau der Häuser anhand von Modellen.

Ausstellung der Workshopergebnisse im UAA © Foto Bernd Grimm

 

Das Interesse von Yukie Beheim, Natasha Kurmashova und Tom Schoonjans, galt der zeichnerischen Entwicklung des Entwurfs. Die Verwandlungen des Hauses mit den Jahreszeiten und Entwurfsstadien vollzogen sie in der Ausstellung als Prozess der Überlagerung nach, indem sie die Zeichnungen des Prozesses auf Transparentpapier nachdruckten und diese als Installation hintereinander in den Raum hängten.

 

Ausstellung der Workshopergebnisse im UAA © Foto Bernd Grimm

 

Alessandro Cugola, Ines Sofia Raposo, Juliane Seehawer und Fien Werckx konzentrierten sich auf die Interaktion von Klima, Haus und Bewohnern. Dabei wurde die konkrete Erfahrung mit dem Haus Ungers während des Workshops in einen filmischen Dialog zu Ungers‘ nicht realisiertem Konzept für das Solarhaus gesetzt.

Katarina Ambrosova und Lisbeth Decloedt setzten das Solarhaus in Bezug zu Ungers‘ Entwurf Hotel Berlin (1976) und zu dem gemeinsam mit Rem Koolhaas verfassten Manifest „die Stadt in der Stadt“ (1977). Ausgehend von einer Analyse von Text und Bild fragten sie nach der Rolle des Grüns bei Ungers und thematisierten mögliche gesellschaftliche Effekte.

Die Analysen der Studierenden und die Diskussionen während des Sommerseminars zeigen, dass Ungers Positionierung zur Nachhaltigkeit noch heute interessant ist, da sie den Blick für gestalterische Dimensionen des Themas öffnet und es für eine architektonische Auseinandersetzung fruchtbar macht. Eine zeitgemäße Ästhetik der Nachhaltigkeit, die soziale ebenso wie ökologische Faktoren integriert und erfahrbar macht, bleibt jedoch zu definieren.

 

Cornelia Escher und Lars Fischer

www.negotiating-ungers.eu

 

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