In Köln gibt es viele Gebäude aus der Zeit des Brutalismus. Die Unibibliothek wurde zwischen 1964–1968 von Rolf Gutbrod gebaut, ist eines davon. Foto: © Christoph Seelbach

Die wieder-entdeckte Architektur aus der Zeit des Brutalismus.

Veranstaltungen und Ausstellungen zur Architektur der 1960er und 1970er Jahre häufen sich in den letzten Jahren. Trotzdem werden diese Bauten weiterhin abgerissen, abgelehnt, vernachlässigt oder bis zur Unkenntlichkeit saniert. Während begeisterte Anhänger, darunter vor allem junge Architekten und Kunsthistoriker, diese Bauepoche hypen, sorgen entrüstete Kritiker für Gegenwind. Selbst das Barbican Centre, ein in der Fachwelt hochgefeiertes und denkmalgeschütztes Ensemble der 1960er Jahre in der Londoner City, schaffte es auf die britische Liste der ugliest buildings. Nachdem sich Prinz Charles in den 1980er Jahren über moderne Architektur empörte und den geplanten Anbau der Londoner Nationalgalerie als „monströses Furunkel in dem Gesicht eines geliebten und eleganten Freundes“ (1) betitelte, wird in England heute noch der sogenannten carbuncle cup dem hässlichsten Gebäude des Jahres verliehen.

 

Die katholische Pfarrkirche St. Gertrud entstand zwischen 1962 und 65 nach Plänen von Gottfried Böhm im Agnesviertel und wurde 1967 mit dem Kölner Architekturpreis ausgezeichnet. © Foto Elya – Eigenes Werk, CC BY-SA 3.0, via Wikimedia Commons

 

Was wird abgerissen, umgenutzt oder saniert?

In der anhaltenden Diskussion um die Architektur der 1960er und 1970er Jahre fallen zwei Dinge auf: der provokante Sprachgebrauch und die anhaltende Diskussion um die (fehlende) Schönheit dieser Gebäude. An diese Tradition knüpfte auch das BDA Montagsgespräch an, das am 23. April in Köln stattfand. Unter dem Titel „Ist das Baukultur oder kann das weg?“ wurden Gebäude aus der Zeit des Brutalismus in Köln diskutiert. Veranstaltungsort war das Kölner Domforum, ein Bau aus den 1950er Jahren – einer Epoche also, die ebenfalls um gesellschaftliche Akzeptanz rang und diese erst erhielt, als die gesellschaftliche Ablehnung begann, sich auf die Bauepoche der 1960er Jahre zu verlagern.

Ebertplatz, westlicher Teil mit Ladenpassage, in der Achse der Neusser Straße die Agneskirche © Foto HOWI – Horsch, Willy – Eigenes Werk, CC BY 3.0, via Wikimedia Commons

 

Im Rahmen des Montagsgesprächs referierten vor vollbesetztem Forum die Stadtplanerin Yasemin Utku und der Experte für Architekturkommunikation Riklef Rambow über den Umgang mit der Nachkriegsmoderne beziehungsweise die öffentliche Wahrnehmung von Beton und diskutierten anschließend zusammen mit dem Stadtkonservator Thomas Werner und der Kunsthistorikerin Anke von Heyl. Durch den Abend führte Andreas Fritzen als Vorstand des BDA Köln. Einig schienen sich die Referenten darüber, dass es bei dem Umgang mit diesen Bauten nicht allein um die Frage nach der Unterschutzstellung von Baudenkmalen geht, sondern in vielen Fällen um die Erhaltung von Baukultur. In Anbetracht des Klimawandels wurde der Abriss dieser Gebäude auch als gebaute Ressourcen in Frage gestellt.

 

Ästhetischen Maßstäbe für Zeitzeugen

Kontrovers diskutierten die Referenten über den Begriff des Brutalismus, der heute vielfach negative Assoziationen hervorruft. Ursprünglich geht der Begriff auf die französische Bezeichnung beton brut zurück und war mit einer positiven Aufbruchstimmung verknüpft. Thomas Werner räumte ein, dass selbst renommierte Theoretiker wie Kenneth Frampton und Werner Oechslin im Rahmen der großen Brutalismus Tagung in Berlin 2012 keine eindeutigen Klassifizierungen oder Kategorien für den Brutalismus aufstellen wollten. Zudem betonte Thomas Werner, dass die immer wieder diskutierten ästhetischen Maßstäbe für die Bewertung von Gebäuden als Baudenkmale keine Rolle spielen. Vielmehr gehe es darum, vielschichtige Faktoren wie beispielsweise auch den sozialen Kontext mit einzubeziehen und die Gebäude als wichtige Zeitzeugen zu erfassen. Werner wies darauf hin, dass der Umgang mit Bauten dieser Epoche nicht allein eine denkmalpflegerische, sondern auch eine gesellschaftliche ist.

Köln, Christi Auferstehung, Innenraum. Architekt: Gottfried Böhm © Christoph Seelbach

 

Doch um diese gesellschaftliche Aufgabe bewusst zu machen und zu verankern, ist eine Auseinandersetzung mit Gebäuden aus dieser Zeit unerlässlich. Beispielhafte Projekte präsentierte Yasemin Utku mit der Studie Mit den Riesen auf Augenhöhe, der Initiative Ruhrmoderne oder dem Projekt Big Beautiful Buidlings. Diese Projekte reflektieren die Gebäude auf baugeschichtlicher und städtebaulicher Ebene, vermitteln die baulichen Qualitäten vor Ort und entwickeln Ideen für die Zukunft. Auch die Kunsthistorikerin Anke von Heyl setzt sich im Rahmen des Arbeitskreises Nachkriegsmoderne für Bauten im Rheinland ein, organisiert Führungen und betreibt einen Internetblog, um auf Qualitäten dieser Bauepoche aufmerksam zu machen. Als Experte für Architekturkommunikation präsentierte Riklef Rambow eine Studie zur öffentlichen Rezeption von Betonbauten, die Gründe für eine ablehnende Haltung zu Sichtbetonfassaden aufspürte. Rambow ist überzeugt, dass man diese kennen, ernst nehmen und in der Kommunikation berücksichtigen muss. Da die ästhetische Wertschätzung von Sichtbeton in besonderem Maße von Vorwissen, Ausbildung bzw. Zugehörigkeit zur Expertencommunity abhängig ist, warnt Rambow vor einem zu intensiven oder grundsätzlichen Eintreten für den Erhalt von Betonbauten. Vielmehr plädiert er für gute Argumente und klar benennbare Qualitätskriterien sowie die Bereitschaft, einzugestehen, dass nicht alle Gebäude aus der betreffenden Epoche diese Kriterien erfüllen.

 

Eines der Kölner Gebäude aus der Zeit des Brutalismus das bereits abgerissen wurde: der Kindergartens St. Hermann Joseph von Gottfried Böhm im Februar 2007. Foto: Veit Landwehr © bildpark.net

 

Was bleibt von diesem Montagsgespräch? Es bleibt der Eindruck, dass der Umgang mit Bauten der 1960er und 1970er Jahre eigentlich weder den Brutalismus Hype noch den Carbuncle Cup braucht – sondern eine möglichst objektnahe, sachliche Auseinandersetzung mit diesen Gebäuden. Oder um mit den gelassenen Worten von Jörg Haspel, Landesdenkmalamt Berlin, zu schließen: „Die Denkmale der 1960er Jahre sind, glaube ich, Denkmale wie alle anderen Denkmale auch. Sie sind nur jünger.“(2)

 

Katja Hasche

 

 

Weiterführende Webseiten:

 

Mit den Riesen auf Augenhöhe

Big Beautiful Buildings

Die Brutalisten

 

 

 

(1) Der Tagesspiegel, 17.02.2008.

(2) Jörg Haspel, 1960 plus – ein ausgeschlagenes Erbe? – Resüme, in: DNK, 1960 plus – ein ausgeschlagenes Erbe?, 2008, S. 48.

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