Parcour der Talente

Mit new talents auf internationaler Entdeckungsreise durch in Köln

Weltweit finden zurzeit gesellschaftliche und politische Transformationsprozesse statt. Wie reagieren Künstler auf solche  Veränderungen? Was erwartet eine sich wandelnde Gesellschaft von der Kunst? Kann die Kunst eine verlässliche Konstante sein? Solche Fragen wirft die diesjährige new talents biennale cologne auf, die am Samstag eröffnet wurde und noch bis zum 5. Juni 2016 läuft. Die Biennale findet im Zweijahresrhythmus bereits zum fünften Mal statt. Nach dem Premierenjahr 2008, im damals neu eröffneten Kölner Rheinauhafen, konzentriert sich new talents seit der Zweitausgabe im Juni 2010 auf ausgewählte Orte im Kulturquartier Agrippa am Neumarkt. Rund 50 Künstler präsentieren ihre Arbeiten an 50 verschiedenen Ausstellungsorten. Ausgewählt wurden künstlerische und gestalterische Berufseinsteiger aus den Bereichen Kunst, Film, Musik, Design und Tanz, deren Studienabschluss nicht länger als vier Jahre zurückliegt und die durch innovative Konzepte überzeugen.

Marokko, Kuba und Deutschland

Bei der diesjährigen Biennale steht der internationale Austausch im Vordergrund. Neben Absolventen regionaler und nationaler Hochschulen wurden Künstler aus Marrakesch, Havanna und Shanghai eingeladen, um ihre Arbeiten in Köln zu präsentieren.

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Sebastian Mez: Eindrücke von Tsunami-zerstörten Regionen ergeben durch übereinander gelagerte Schichten neue Bildsequenzen. Foto: Sebastian Mez

 

Zudem findet ein Austausch- und Residenzprogramm zwischen Marokko, Kuba und Deutschland statt. Sechs Künstler aus den drei Ländern besuchten Anfang Mai 2016 die Biennale von Marrakesch, wohnen und arbeiten momentan gemeinsam in Köln und führen diesen Austausch nächstes Jahr bei der Biennale in Havanna fort. Die, während dieser verschiedenen Aufenthalte entstehenden, Kunstwerke werden an den jeweils nächsten Orten präsentiert. Ein Beispiel ist die Soundinstallation von Sebastian Thewes im Park des Umspannwerkes Köln Mitte, bei der er das sonore Brummen des Werks und das Plätschern des Teichs mit Geräuschen überlagert, die er bei seinem Aufenthalt in Marrakesch aufgenommen hat.

Der Park des Umspannwerkes ist einer von mehreren ungewöhnlichen Ausstellungsorten, der extra für die Biennale-Besucher geöffnet wird. Neben etablierten Kunstinstitutionen wie Kolumba und das Museum Schnütgen dienen auch Tiefgaragen, Kirchen, Dachterrassen, Gärten, Büros, leerstehende Ladenlokale, eine Kölschkneipe sowie Satellitenräume in Düsseldorf und Bonn als Ausstellungsorte. Durch die Inszenierung dieser Orte werden die Parcours und Events zu einer urbanen Entdeckungsreise mitten in und durch Köln. Ein enger Bezug zwischen Kunstwerk und Ort ergibt sich dadurch, dass viele Kunstwerke für die jeweiligen Ausstellungsorte angefertigt oder umgekehrt spezifische Ausstellungsorte für bereits existierende Kunstwerke gesucht wurden. Die Kunstwerke stammen aus den Bereichen Kunst, Film, Design, Komposition und Choreografie.

Fassadenkunst

2 Julia Grunder, Foto Michael Kopietz
Die Künstlerin Julia Gruner applizierte vergrößerte Mikroskopaufnahmen von Farbe gleicher Gesteinsschichten auf die Fassade eines Gebäudes. Foto Michael Kopietz

 

Den größten Part der new talents biennale bildet der Kunstparcours. Die Route schlängelt sich durch die Straßen des Kulturquartiers Agrippa und umfasst 20 abwechslungsreiche Stationen im Außen- oder Innenraum. Neben Malerei und Bildhauerei sind Installationen, Videoarbeiten, Fotografie und Performances zu sehen.

 

Großformatige Werke wie die Fassadengestaltung eines ganzen Gebäudes am Großen Griechenmarkt 2 von Julia Gruner wechseln sich ab mit kleinteiligen Arbeiten wie dem Kölner Regal von Dragutin Banic, in dem vitrinenartig angeordnete, verfremdete Fundstücke gezeigt werden.

An einigen Stellen überlagert sich der Ausstellungsparcours mit dem Filmparcours, der ebenfalls auf ungewöhnliche Screening-Locations zugreift. So dient unter anderem die Außenfassade des Kubus am Haus der Architektur Köln (hdak), dem new talents Infopoint, als Openair-Screening für den Film „Substanz“ von Sebastian Mez, der seine Eindrücke von Tsunami-zerstörten Regionen in übereinander gelagerten Schichten komponiert und dadurch neue und eindringliche Bildsequenzen entstehen lässt.

5 Katharina Beilstein, Foto MIchael Kopietz
Schuhskulpturen von Katharina Beilstein zwischen Kunst und fashion sind in der Kunststation Sankt Peter zu sehen. Foto: MIchael Kopietz

 

4 Katharina Beilstein, Foto MIchael Kopietz (2)
Katharina Beilstein, Foto: MIchael Kopietz

 

Während die Design-Arbeiten an einem Einzelort im VHS-Forum im Rautenstrauch-Joest-Museum präsentiert werden, finden die Bereiche Komposition und Choreographie als Events statt. Die im Rahmen der biennale cologne entstandenen zehn Kompositionsaufträge werden durch zwei experimentelle Ensembles an den beiden atmosphärischen Orten Sankt Peter und Kolumba uraufgeführt. Der Tanzparcours führt die Besucher auf eine urbane Entdeckungsreise, zwischen Brüsseler Platz und Rheinufer präsentieren sechs junge Choreografen ortspezifische Tanz-Performances im öffentlichen Raum und an versteckten Orte, mit professionellen oder nicht-professionellen Tänzern.

7 Vera Drebusch, Foto Michael Kopietz
Ebenfalls in der Kunststation Sankt Peter zeigt die Fotografin Vera Drebusch in einer Fotodokumentation den Ausstieg eines nahen Verwandten aus der rechten Szene. Foto: Michael Kopietz

 

Neben den täglichen Führungen durch den Ausstellungsparcours am späteren Nachmittag und Abend gibt es während der Biennale zusätzliche Highlights wie zum Beispiel die Internationale Konferenz am 24. Mai oder den Langen Tag der neuen Talente am 27. Mai. Mit dieser vielfältigen Mischung von Ausstellungen, Performances, Screenings und Gesprächen schafft die Biennale eine Schnittstelle zwischen Kunst und Öffentlichkeit sowie zwischen regionalen und internationalen Themen. Die Biennale liefert keine vorgefertigten Antworten zu Fragen der Kunst in der heutigen Gesellschaft – aber sie wirft Fragen auf und regt zum Nachdenken und Diskutieren an.

Katja Hasche

 

new talents biennale cologne
21. Mai bis 5. Juni 2016
Zentraler Infopoint: hdak – Haus der Architektur am Josef-Haubrich-Hof.

 

 

 

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