Der neue Kölner Dombaumeister Peter Füssenich möchte wieder mehr Erhabenheit für den Dom. Denn für ihn ist der Dom ein heiliger Ort. Bauliche Umgestaltungen der Umgebung sollen ihm wieder zu mehr Würde verhelfen. © Dombauhütte Köln / Foto: Mira Unkelbach

Interview: Architektur mit Peter Füssenich, dem neuen Kölner Dombaumeister

Ein solches Geschenk bekommt man nicht alle Tage: Zu seinem 45. Geburtstag ist Peter Füssenich zum Dombaumeister ernannt worden. Der neue Amtsinhaber stammt aus Bonn und studierte an der Kölner FH Architektur, Baugeschichte und Denkmalpflege. Seine Abschlussarbeit behandelt die Ziegelplombe am Dom. Er arbeitete als Baureferent beim Generalvikariat, war seit 2012 stellvertretender Dombaumeister und seit 2014 kommissarischer Leiter der Dombauhütte.

Peter Füssenich wohnt im rechtsrheinischen Köln, und jeden Morgen, wenn er mit dem Fahrrad über die Deutzer Brücke fährt, geht ihm das Herz auf. Von seinem Bürofenster aus im sogenannten “Prälatenbunker“ am Roncalliplatz hat er allerdings keinen Domblick, denn das Chefbüro befindet sich seit den Zeiten von Arnold Wolff an der dunkleren Gassenseite.

Wir sind zu einem Gespräch gekommen, um drum herum zu reden: nicht so sehr über den Dom selbst, sondern mehr über dessen benachbarten Stadtraum.

 

Herr Füssenich, wie sehen Sie generell Ihre Rolle bei der Diskussion um die Domumgebung?

Ich bin ja nicht nur Denkmalpfleger, sondern auch Architekt, deshalb interessiert es mich sehr, was da passiert. Die Domumgebung wird sich in den nächsten Jahren so sehr verändern, wie in den letzten 50 Jahren nicht. Deshalb müssen wir darüber dringend sprechen.

 

Bei einer Veranstaltung vor ein paar Wochen saßen Sie mit Albert Speer auf dem Podium, es ging um die Historische Mitte Kölns. „Die Domumgebung ist eine Katastrophe“, hat er sehr deutlich gesagt. Was haben Sie gedacht, während Sie ihm zuhörten?

Da konnte ich ihm wirklich nur beipflichten. Wir erleben dieses Desaster jeden Tag. Seit geraumer Zeit herrscht, besonders an der Westseite, nicht nur gestalterischer Wildwuchs mit den ganzen verschiedenen Pollern, Fahrradständern, viel zu vielen Schildern und Werbetafeln, U-Bahnabgängen, Mülleimern, Briefkästen mitten auf dem Gehweg, unterschiedlichste Stolperfallen und diversen Bodenbelägen. Dem können wir nicht einfach das Feld überlassen, es braucht eine ordnende, städtebauliche Klärung der gesamten Situation. Und damit meine ich auch die Verkehrssituation mit den Taxiständen, der Bushaltestelle und der Bimmelbahn!

Und dann ist da noch die akustische Umweltverschmutzung durch die zum Teil grottenschlechten Musiker, die immer wieder dasselbe spielen. Es gibt in anderen Städten Gremien, dem diese Musiker vorspielen müssen. Ich kann das dieser Stadt nur ans Herz legen.

 

Sie werden in Interviews immer gefragt, welches Ihr Lieblingsplatz im Dom ist. Verraten Sie mir doch bitte, an welchem Standort es Ihnen am meisten schaudert?

Die westliche Domumgebung ist wirklich ein schlimmer Ort. Wenn wir uns zum Beispiel Notre Dame in Paris vergegenwärtigen, gegenüber der Westfassade sehen wir ein liebevoll und adäquat gestaltetes Umfeld, das dieser Kirche würdig ist. Wenn man sich in Köln vor der Westfassade umdreht, sieht man nur eine katastrophale Situation, an der sich dringend etwas ändern muss.

 

Womit fangen wir an?

Für den Moment würde schon ein deutliches Aufräumen helfen, und da ist es gut, dass unsere neue Oberbürgermeisterin Henriette Reker einen Stadtraumkoordinator bestimmt hat, der sich dieser Problematik annehmen soll, zunächst im Domumfeld und dann später in anderen Stadtteilen. Wir freuen uns schon auf die Zusammenarbeit.

 

Aber es müsste noch mehr geschehen…

Wir merken, dass die Menschen mit der gleichen Haltung, mit der sie aus der Einkaufsstraße kommen, oft mit einen Kaffee oder einer Tüte Pommes in der Hand, den Dom betreten und sich gar nicht mehr bewusst sind, dass sie eine Schwelle überschreiten von einem profanen in einen heiligen Ort.

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Historische Fotografie aus dem Dombauarchiv Köln, Außenansicht des Doms von Westen mit der Treppenanlage vor den Portalen (1889) © Dombauhütte Köln / Messbildanstalt

 

 

Vor dem Bau der Tiefgarage gab es dort eine große Treppenanlage. Das lässt sich so nicht zurückverwandeln, aber es braucht eine Gesamtlösung für diesen Bereich. Die bisherige, seitliche Treppe Richtung Bushaltestelle soll verschwinden und durch eine einzige Treppe ersetzt werden. Aus meiner Sicht müsste man aber weiter planen und den U-Bahn Abgang mit in den Blick nehmen.

Die Fragestellung muss sein, ob man eine Schwellenwirkung zum Eintritt in den Dom erreichen kann. Wir haben ein ansteigendes Bodenniveau zu den Westportalen hin. Natürlich gibt es technische Festsetzungen, eben die Deckenhöhe der Tiefgarage. Wir stehen im Gespräch mit der Stadt Köln und Allmann Sattler Wappner Architekten, die diesen sogenannten Bauabschnitt 2 planen sollen.

 

Wandern wir im Osten weiter. Als Architekt, sind Sie zufrieden mit den Umgestaltungen am Domchor? 

Aus meiner Sicht werden die Maßnahmen von der Bevölkerung sehr gut angenommen. Es gibt keine Angsträume mehr, es gibt weniger Tunnel und der Stadtraum ist jetzt frei und hell, insgesamt hat sich die Situation sehr, sehr deutlich verbessert.

Die Architekten hatten es auch nicht leicht, es gibt dort viele Festlegungen durch die Verkehrsführung. Allmann Sattler Wappner Architekten haben es mit behutsamem Aufräumen und Weglassen versucht, und das war sehr heilsam. In Zukunft brauchen diese Bereiche allerdings auch Aufsicht und Pflege, das ist eine quasi gärtnerische Aufgabe.

 

„He fählt nur vum Balkon die Aussicht op d’r Dom.“ An Verbundenheit zum Dom fehlt es den Kölnern wirklich nicht, aber wünschen Sie sich trotzdem einen Mentalitätswandel im Umgang mit ihm?

Der Dom ist natürlich eine Touristenattraktion, das meistbesuchte Monument Deutschlands. Er ist allerdings von jeher als heiliger Ort gedacht, er ist nach wie vor eine Kirche, und zu diesem Zweck ist er gebaut worden. Deshalb verdient er auch Respekt. Und an diesem Respekt müssen wir arbeiten.

 

Wie wollen Sie das tun?

Es gibt Respektlosigkeiten aller Art, insbesondere im Zusammenhang mit Großveranstaltungen. Gerade an der Nordseite haben wir ein massives Problem damit. Wir haben verschiedene Lösungen in den Blick genommen, und ich glaube, wir kommen um einen Schutz, wie zum Beispiel ein Gitter für nachts, nicht herum. Eine Entscheidung hierzu ist noch nicht getroffen.

 

Fanden Sie das eigentlich richtig, was man mit der Domplombe gemacht hat?

Es hätte dem Dom nicht geschadet, wenn die Plombe in der bisherigen Form erhalten geblieben wäre. Sie ist eine Spur der Geschichte gewesen. Die Dombauhütte hat mit der Wiedereinkleidung der Plombe aber ganze Arbeit geleistet.

 

Unter Dombaumeister Füssenich hätte es keine Wiedereinkleidung gegeben?

Es gab keine bauliche Notwendigkeit, diese Plombe zu entfernen, es war im Wesentlichen eine ästhetische Entscheidung. Es gibt viele andere Notwendigkeiten am Dom, mit denen wir uns befassen müssen. Gleiches gilt ja auch für die Gestaltung der Nachkriegszeit. Es gab eine ganz bewusste Entscheidung, Neues am Dom einzuführen, wie zum Beispiel den Vierungsturm. Er ist baulich völlig intakt, und deshalb werden wir da unter keinen Umständen irgendetwas zurückbauen.

 

Und heute, nach dem Erfolg des Richterfensters, darf und soll mehr zeitgenössische Kunst in und an den Dom?

Das Richterfenster ist ein großer Wurf. Wenn es notwendig ist, dass unsere Zeit dem Dom etwas hinzufügen muss, dann muss das auch in unserer Formensprache geschehen. Das geschieht allerdings nur dann, wenn die Originale nicht erhalten sind und wir keine Vorlagen in unserem Archiv haben.

 

Also gibt es wohl einfach keine Gelegenheiten mehr…

Es wird noch Gelegenheiten geben. (Peter Füssenich lächelt freundlich, aber möchte das nicht weiter ausführen.)

 

Was soll mal über Sie bei Wikipedia stehen?

Da soll am besten gar nichts über mich stehen, sondern über den Dom. Ich wäre ja schon froh, wenn das, was bei Wikipedia über den Dom steht, alles stimmen würde.

 

Herr Füssenich, springt bei dem Projekt Historische Mitte ein Büro mit Domblick für Sie raus?

Ich arbeite daran.

 

Viel Glück für Ihre erste Amtszeit und vielen Dank für das Gespräch! Wir hoffen, dass noch viele folgen werden.

Das Gespräch mit Peter Füssenich führte Ira Scheibe

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