Wie man ihn alternativ nutzt erläutert eine neue Publikation der StadtBauKultur NRW

Dem Besonderen einer Kirche kann man sich kaum entziehen. In der Stadt genau wie auf dem Land dient die in den meisten Fällen außergewöhnliche baukünstlerische Gestaltung oder die schiere Höhe des Kirchturms der Orientierung und Lenkung. Und auch im Innenraum findet man eine Stille und Fokussiertheit, wie sie selten geworden ist. Doch was geschieht mit den unzähligen Kirchenbauten, wenn die Menschen die Gottesdienste nicht mehr besuchen und sogar aus der Kirche austreten? Die Gebäude verlieren ihre Zeichenhaftigkeit nicht, wohl aber ihre Funktion. Dass diese besonderen Räume, die über Jahre oder Jahrzehte gesellschaftlicher Mittelpunkt gewesen sind, nun sinnentleerte Platzhalter sind, möchten nicht nur die, die, die Kirche als ihr Gotteshaus betrachten, verständlicherweise nicht akzeptieren. Vielerorts kommen zu diesen inhaltlichen Aspekten auch wirtschaftliche Fragestellungen, da die oft denkmalgeschützten Bauten, deren Fläche und Volumen selten bescheiden sind, auch bei Leerstand erhalten werden müssen. Kaum ein Bistum kann es sich leisten, so wie es in Köln der Fall ist, überzählige Kirchen auch ohne sakrale Nutzung selbst zu halten. In den großen Städten des Ruhrgebiets dagegen erzwingt die wirtschafltiche Situation Entscheidungen, für die es keine universelle Lösung gibt.

Von 2006 bis 2012 führte das Bauministerium des Landes NRW ein Modell- und Forschungsvorhaben zu Kirchenumnutzungen durch, das von Jörg Beste und seinem Büro synergon konzeptionell und organisatorisch begleitet wurde. Mit Unterstützung der StadtBauKultur NRW wurde nun eine Studie veröffentlicht, die auf einigen Ergebnissen aus dem Modell- und Forschungsvorhaben beruht und um die Erfahrungen aus weiteren Kirchenumnutzungsprozessen erweitert wurde. Wir haben mit Jörg Beste gesprochen:

 

Herr Beste, wie ist die Thematik der Kirchenumnutzungen auf die Landesebene gekommen?

Jörg Beste: Ab den Jahren 2005/2006 waren die Häufungen von Kirchenschließungen nicht mehr zu übersehen. Die kirchlichen Bauverwaltungen der fünf katholischen Bistümer und drei evangelischen Landeskirchen in NRW sind damals mit der Bitte um Unterstützung in dieser Problematik an das Landesbauministerium herangetreten. Das Bauministerium hat sich hier engagiert, weil Kirchengebäude eine große baukulturelle Relevanz in ihren städtebaulichen und sozialen Kontexten haben und bei ihrem Verlust im Umfeld Funktions- und Gestaltungsprobleme drohen.

Mit Unterstützung der Landesinitiative StadtBauKultur konnten Sie nun eine Broschüre mit den Ergebnissen der Studie veröffentlichen. An wen ist sie gerichtet?

JB: StadtBauKultur NRW beschäftigt sich u. a. gerade mit dem Thema „UmBauKultur“ und der bürgerschaftlichen Diskussion über die Weiterentwicklung unserer gebauten Umgebung. Aufgabe des Forschungs- und Modellvorhabens in NRW war, Erfahrungen mit den Prozessen und Beteiligten sowie mit dem Gebäudetypus Kirche in seinem Umfeld zu ermitteln. Weil das gut zusammenpasst, sind hier nun einige dieser Erfahrungen aufbereitet worden, um den Beteiligten an derartigen Prozessen vor Ort Informationen und Hinweise zu geben. Das sind in erster Linie Vertreter der Kirchengemeinden und der Kommunen, aber auch weitere Interessengruppen aus dem bürgerschaftlichen Umfeld.

Sie haben viele Projekte vor oder während der Neuorientierung untersucht und zum Teil auch begleitet. Von welchen Faktoren hängt das Gelingen maßgeblich ab und wie wichtig ist bürgerschaftliches Engagement?

JB: Projektentwicklung für Kirchengebäude sind aufgrund der vielen Beteiligten mit sehr unterschiedlichen Interessen immer etwas Spezielles. Einige Faktoren sind dabei nur schwer beeinflussbar, wie Art und Größe der Gebäude oder ihre stadträumliche Lage. In ungünstigen Fällen ist hier viel Kreativität und Ausdauer gefragt. Andere Faktoren lassen sich allerdings beeinflussen und hier ist zuerst das Engagement und die offene Gesprächsbereitschaft aller Beteiligten zu nennen. Häufig waren Projekte erfolgreich, bei denen alle Interessenvertreter in einer Arbeitsgruppe zusammengearbeitet haben und von neutraler Seite moderiert oder beraten wurden. Dabei können gut eingebundenes bürgerschaftliches Engagement eine große Hilfe oder Bürger sogar selbst neue Nutzer sein.

Mit welchen Kirchenbauten lässt sich gut arbeiten, welche Epochen erweisen sich als schwierig – oder ist es gar nicht die Architektur, sondern eher die städtebauliche Situation, die ausschlaggebend ist?

JB: Kirchengebäude zeichnen sich bei aller Verschiedenheit von Bauepochen und –stilen meist durch große, offene Räume aus, für die so oft nur schwer adäquate Nutzungen gefunden werden können. Insofern sind meist große Kirchen nur schwer neu zu nutzen. Was die Architektur anbelangt, ist eine Kirche häufig besonders schwer nachzunutzen, wenn es sich um besonders qualitätvolle Bauten handelt, da sich hiermit viele bauliche Veränderungen verbieten. Die städtebauliche Situation kann, wie bei anderen Gebäuden auch, helfen oder hinderlich sein. Da es sich bei Kirchen aber meist um herausgehobene Gebäude und Lagen handelt, ist der städtebauliche Schaden auch besonders hoch, wenn keine gute Entwicklung gelingt.

Die von Ihnen vorgestellten Beispiele zeigen, dass vieles möglich ist. Wie kann man verträgliche Nutzungen finden? Und wie definiert sich „verträglich“?

JB: Aus meiner Sicht ist eine Neunutzung dann ideal, wenn sie die kirchliche Ursprungsnutzung respektiert, wenn sie baukulturell sorgfältig und anspruchsvoll umgesetzt wird und wenn möglichst für den Standort eine soziale oder kulturelle Nutzung erhalten bleibt. Dieser Dreiklang aus kirchlichen, baukulturellen und sozialen Nutzungsaspekten lässt sich sicher nicht überall ausgewogen erreichen. Eine für den jeweiligen Ort verträgliche Lösung ist dann am ehesten erreicht, wenn alle Interessenvertreter einen Konsens gefunden haben. Dabei sind allerdings auch öfters verschiedengroße Kröten zu schlucken.

Und wo liegen die Grenzen? Funktional, gestalterisch, inhaltlich …?

JB: Bei verschiedenen Interessenvertretern sind hier zu den einzelnen Themen die jeweiligen Grenzen natürlich individuell recht verschieden. Für mich ist bereits ein unengagierter und gleichgültiger Umgang mit den meist sehr qualitätvollen Kirchengebäuden grenzwertig. Im Umkehrschluss zum zuvor Gesagten sind Grenzen für eine adäquate Neunutzung erreicht, wenn den drei genannten Kriterien der kirchlichen, baukulturellen und sozialen Angemessenheit jeweils eklatant nicht entsprochen wird.

 

In der Broschüre werden 16 Beispiele für die Neuorientierung von Kirchenbauten vorgestellt. Drei davon haben wir ausgewählt und Jörg Beste um einen Kommentar zu einem Stichwort gebeten:

 

Geldern: aus der ehemalige Kirche St. Adelheid wurde ein Seniorenheim mit Pflegeeinrichtung. Glaskunst von Joachim Klos in der erhaltenen Südfassade nach dem Umbau mit flankierenden Wohnnutzungen Foto: Jörg Beste

 

• Stichwort: Denkmalschutz

JB: Unter Denkmalschutz das Dach aufreißen und aus dem Innenraum einen offenen Innenhof zu machen, ist für Denkmalschützer sicher eine „dicke Kröte“. Die Alternative aus völligem Abriss und städtebaulich/architektonisch banaler Nachnutzung wäre allerdings auch keine gute Lösung gewesen. Neben einer kirchlich-sozial guten Neunutzung wurden prägende Bauteile erhalten und in ein ambitioniertes Ensemble eingebaut. Vielleicht ist es dann in dreißig Jahren als solches denkmalwert?

 

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Mönchengladbach: aus der Kirche St. Peter wurde die Kletterkirche Fotograf Cristóbal Márquez © StadtBauKultur NRW

 

Stichwort: Gewerbliche Nutzung

JB: „Klettern in der Kirche“ klingt erstmal nicht sofort nach einer passenden Lösung. Diese gewerbliche Nutzung ermöglicht aber einen weitestgehend unbeschadeten Erhalt des Gebäudes und hat für den Standort sogar noch sozial positive Auswirkungen. Es ist also eine „auf den zweiten Blick“ gute Möglichkeit, ein wichtiges Kirchengebäude zu erhalten.

 

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Köln – Buchforst: aus der ehemaligen Auferstehungskirche wurde ein Veranstaltungsraum und eine Wohn- und Pflegeeinrichtung für Senioren Foto: Jörg Beste

 

Stichwort: Kooperationen

JB: Die Auferstehungskirche ist ein architektonisches Highlight des evangelischen Nachkriegskirchenbaus, das aufgrund seiner Gebäudeform nur ganz schwer nachzunutzen ist. Deshalb ist die denkmalgerecht Sanierung durch die städtische Wohnungsgesellschaft GAG eine echte „Sahnehäubchen-Lösung“, da das Gebäude nun für soziale und kulturelle Veranstaltungen im Stadtteil zur Verfügung steht und die Kirchengemeinde auch noch darin Gottesdienste feiern kann.

 

 

Kölner Lösungen

Trotz der finanziell außergewöhnlich guten Situation des Bistums mussten auch in Köln Entscheidungen gefällt werden. Vergelichsweise einfach ist es da, wenn Exilgemeinden eine Kirche weiter als Kirche nutzen können.

Ihrer aktuellen Situation entsprechend entschieden sich die zur Brückenschlaggemeinde fusionierten evangelischen Gemeinden in Flittard und Stammheim zum Abriss ihrer Bestandsgebäude und zum Neubau der viel beachteten Immanuel-Kirche mit Gemeindezentrum.

Auch für St. Bartholoäus in Ehrenfeld wurde mit der Einrichtung des ersten Kölner Kolumbariums eine zeitgemäße Form der Umnutzung gefunden.

 

 

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Bild: StadtBauKultur NRW

Doch die Zahen sprechen dafür, dass sich auch die Kölner mit der Zukunft ihrer Gotteshäuser befassen werden müssen. Die Broschüre „Kirchen geben Raum“ setzt sich nicht nur mit den gestalterischen Aspekten der Problematik auseinander, sondern auch mit der Frage, wie alle Beteiligten und Betroffenen in den Prozess der Neuorientierung mit einbezogen werden können, um zu einer nachhaltigen und sozialen Umsetzung zu gelanten. Die Publikation richtet sich an betroffene Kommunen, Kirchengemeinden und Amtskirchen sowie an Denkmalpfleger, Architekten, Bürgerinitiativen und alle anderen, die sich aktiv mit der Neuorientierung von Kirchengebäuden befassen und kann kostenfrei bei der Landesinitiative StadtBauKultur bestellt werden.

 

Uta Winterhager

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