Foyer des Haupteingangsbereiches mit originalgetreuer Farbgebung und Struktur nach dem Umbau. Die Wandbeleuchtung war verloren gegangen und wurde an Hand zeitgenössischen Bildmaterials rekonstruiert. Foto: Michael C. Deisenroth, Hennef

Die ehemalige Vertretung des Freistaates Bayern beim Bund, heute Sitz der Deutschen Stiftung Denkmalschutz

Mit der Wahl Bonns zu Hauptstadt und Regierungssitz 1949 begann die Baugeschichte des Regierungsviertels, das sich im Süden Bonns entlang des Rheinufers und am Übergang zum damals selbständigen Bad Godesberg entwickelte. Herzstück des Quartiers, das lange Zeit eher ungeordnet heranwuchs, wurde Hans Schwipperts Umbau der 1933 eingeweihten Pädagogischen Akademie zum Bundeshaus für Bundesrat und Bundesrat 1949.

Im Umfeld siedelte sich das politische Bonn in allen seinen Facetten an. Auch die Bundesländer, in der föderalen Struktur der neuen Verfassung gestärkt, ließen sich hier nieder: Nachdem ihnen zunächst u.a. Büros im Bundeshaus zur Verfügung standen, gingen sie bald dazu über, vorhandene Immobilien zu erwerben, v.a. Villen aus dem späten 19. und frühen 20. Jahrhundert, die das locker besiedelte Viertel ursprünglich geprägt hatten. Der Neubau der Bayerischen Landesvertretung 1954 bis 1955 war dann eines der ersten Neubauprojekte, das von einem Bundesland im Regierungsviertel durchgeführt wurde. Die Pläne lieferte der Architekt Sep Ruf, 1908 in München geboren (und 1982 ebendort gestorben).

 

Modernes Bonn

Prägend für Rufs stilistische Entwicklung war der Einfluss des Neuen Bauens, der Moderne der 1920er Jahre. Zwar war München, wo er von 1926 bis 1931 an der Technischen Universität Architektur studierte, kein Zentrum dieser Stilrichtung, doch waren ihm Gestaltungsprinzipien eines Walter Gropius oder Ludwig Mies van der Rohe zweifellos geläufig. Rufs erste umgesetzte Entwürfe, Wohnhäuser vom Anfang der 1930er Jahre, zeigen bereits das Flachdach als einen der Hauptstreitpunkte zwischen Traditionalisten und Modernisten. Mit der Wahl dieser modernen Bauformen setzte er sich nach 1933 der Kritik der nationalsozialistischen Machthaber aus. Es gelang ihm gleichwohl, im Staatsdienst (namentlich bei zwei Kasernenbauten) Ausdrucksmittel des Neuen Bauens anzuwenden.

Nach dem Zweiten Weltkrieg erwarb sich Ruf deutschlandweit große Reputation, da es ihm gelang, aufbauend auf Stilprinzipien der Klassischen Moderne bzw. des oft so bezeichneten Internationalen Stils eine spezifische, besonders qualitätvolle Handschrift innerhalb der Nachkriegsmoderne auszuprägen. Fassaden aus schlanken Rastern, Flachdächer und Flachdachscheiben, filigrane Rundstützen und Metallstabwerk, große Fensterflächen sowie die Bevorzugung hochrechteckiger Fenstermodule bestimmen sein Werk.

 

Sep Ruf für Bayern

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Gartenansicht und Schnitt, Originalpläne der Baugenehmigung von Sep Ruf 1954

 

Die Bayerische Landesvertretung ist ein dreigeschossiger Stahlskelettbau auf längsrechteckigem Grundriss, von einem Treppenhausturm akzentuiert. Erdgeschoss und erstes Obergeschoss werden von seitlichen kräftigen Wandscheiben zusammengefasst, darüber erhebt sich ein Staffelgeschoss mit Fensterband und markant überstehendem Flachdach, die Dachterrasse hat längsseits Glaspaneele als Brüstung.

 

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Erdgeschossgrundriss, Originalpläne der Baugenehmigung von Sep Ruf 1954

 

Im Erdgeschoss wechseln von Oberlichtern überfangene Wandscheiben und bodenhohe Fenster ab. Das erste Obergeschoss besteht aus einem Brüstungs- und einem Fensterband. Ein weit vorspringendes Flachdach mit flankierender Wandscheibe markiert den seitlich versetzten Haupteingang. Auf der Rückseite befindet sich im Garten ein großteils verglaster eingeschossiger Anbau.

Klarheit und Geradlinigkeit prägen die Gesamtanmutung auch im Inneren. Das Foyer im Erdgeschoss ist eine großzügige lichtdurchflutete Halle; seitlich der in den Raum vorstoßenden Treppe wiederholt sich das Wandscheibenmotiv. Gediegene Materialien unterstreichen den eleganten Eindruck. Berühmter Kontrast war der von Anfang an im Untergeschoss eingerichtete Bierkeller, der mit heimatlich anmutender Holzvertäfelung ein Stück Bautradition zitiert.

Rufs Ursprungsbau erfuhr in seiner rund 40jährigen Nutzungszeit als Landesvertretung wenige Veränderungen: Die ursprünglich orangefarbenen Jalousien wurden durch Metalllamellenjalousien ersetzt, eine neue Farbfassung mit hellblauem Putz und weißen Fensterrahmen sowie Stützen griff die Bayerischen Landesfarben auf. Die Planungsgruppe Stieldorf ergänzte 1981/82 einen Anbau, der die vorhandene Gestaltung fortführte.

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Blick in das Foyer vor dem Umbau. Nach dem Auszug der Bayerischen Landesvertretung stand das Gebäude zehen Jahre leer. Befunderhebung und Forschung nach der von Sep Ruf gewählten Farbgebung und Oberflächenstruktur stand am Beginn der Baumaßnahmen. Foto: Michael C. Deisenroth, Hennef

 

Bonn ohne Bayern

Im Jahre 1999 verlegte Bayern seine Landesvertretung nach Berlin. Entsprechend wurde für den Bau in Bonn eine neue Nutzung gesucht. Die Deutsche Stiftung Denkmalschutz erwarb die 2002 in die Denkmalliste eingetragene Immobilie 2009. Es ist der Stiftung zu verdanken, dass die Landesvertretung nicht nur erhalten blieb, sondern 2010 mustergültig renoviert wurde; verantwortlich zeichnete das Büro Michael C. Deisenroth aus Hennef. Heute kommt das Erscheinungsbild des Gebäudes in Vielem dem Ursprungszustand sehr nahe. Als Hauptsitz der Stiftung dokumentiert das Gebäude die Hinwendung der Denkmalpflege zu den Bauten der 1950er Jahre und das große öffentliche Interesse an dieser baukulturellen Zeitschicht. Rufs Bayerische Landesvertretung ist zum Klassiker der bundesrepublikanischen Architekturgeschichte geworden.

Im Rahmen der städtischen Themenführung „Weg der Demokratie“ können Interessierte das Gebäude besichtigen. Informationen dazu bei Bonntouren.

Die ehemalige Vertretung des Freistaates Bayern ist auch am Tag des offenen Denkmals zugänglich ist (Sonntag, 14. September 2014). Das Programm gibt es demnächst hier.

 

Martin Bredenbeck, Bonn

Martin Bredenbeck, geb. 1977, Kunsthistoriker; 2011 Dissertation „Zur Zukunft von Sakralbauten im Rheinland“ an der Universität Bonn vorgelegt (Prof. Kier/Prof. Gerhards); als wissenschaftl. Referent beim Bund Heimat und Umwelt für die Bereiche Baukultur und Denkmalpflege zuständig; ehrenamtlich engagiert bei der Werkstatt Baukultur Bonn, dem Rheinischen Verein für Denkmalpflege und Landschaftsschutz u.a.; Lehrtätigkeit an der Uni Bonn und der Hochschule RheinMain (Kunstgeschichte und Architekturgeschichte).

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