Etwas Komplexes entsteht, wenn man Dinge miteinander verbindet. Jetzt sind die Jugendlichen begeistert von ihrer Kirche im Jugendhaus Hardehausen – vor dem Umbau hatte ihnen der 60er Jahre Bau wenig zu sagen. @ Christian Richters

In der Jugendkirche Hardehausen von Schilling Architekten könnte das durchaus passieren.

Was aus den Kirchen wird, seit die Leute nicht mehr in die Kirche gehen, das ist in letzter Zeit ja öfter Thema, zum Beispiel bei der Podiumsdiskussion vergangene Woche in St. Gertud. Hier sprach auch Johannes Schilling und führte seine Zuhörer ins tiefste Ostwestfalen, zum ehemaligen Zisterzienserkloster Hardehausen bei Warburg zwischen Paderborn und Kassel, heute Jugendbildungsstätte des Erzbistums Paderborn. Aus einer typischen 1960er Jahre Zeltdach-Konstruktion entstand ein Ort, an dem Jugendliche sich von der Kirche finden lassen können. Wie gelang diese Metamorphose?

 

Vorher – nachher: Nunmehr lichtdurchflutet strahlt der Raum heute „Kirchentagsstimmung“ aus, sagt Johannes Schilling. @ Christian Richters

 

Den Zeitgeist hereinholen

Das Jugendhaus des Bistums bietet in den altehrwürdigen Mauern des Klosters ein vielfältiges Programm zu Themen, die Jugendliche beschäftigen. Viele von ihnen betreten bei ihrem Aufenthalt in Hardehausen zum ersten Mal in ihrem Leben eine Kirche. Die alte Klosterkirche ist nur noch in den nachgemauerten Umrissen erkennbar, eine kleine gotische Michaelskapelle aus dem 14. Jahrhundert blieb erhalten. Die eher dunkle Zeltdachkirche mit ihrer kalt-dräuenden Ästhetik der 1960er Jahre bot den Jugendlichen keine rechte Ansprache.

 

Ein Umgang umgibt nun den zentralen Raum, der rechteckige Andachtsraum, die runde Sakramentskapelle und ein nach oben offener, bepflanzter Bereich sind ebenfalls neu entstanden. Grundriss Erdgeschoss @ Schilling Architekten

 

In engem Austausch mit den Betreibern, aber vor allem mit den Jugendlichen entwickelten Schilling Architekten ein Umbaukonzept. Teams von je zwei Theologie- und Architekturstudenten oder –studentinnen gingen in einem Workshop der Frage nach, wie sich Sakralität äußert und neu im Raum umzusetzen ist.

In einem hohen Raum mit vielen Kerzen, Wänden aus glattem Lehm und einer einzelnen Ikone kann man seine Wünsche in den Sand schreiben. Auch die runde Sakramentskapelle ist ein Ort für die Stille. @ Christian Richters

 

„Null Gestik“

Was Kirchengebäuden grundsätzlich eigen ist, nämlich eine Botschaft zu vermitteln – das Himmelsstrebende, der Schutzraum usw. – genau das war hier nicht gewünscht. „Null Gestik – lass mich allein“ war die Grundanforderung an den Raum. Die Ideen verdichteten sich zu Skizzen und die Skizzen zu Plänen. „Konzepte zu finden für die Zukunft von Kirchengebäuden, das ist keine administrative Aufgabe, sondern sie entwickeln sich in der Diskussion mit denjenigen, die sie nutzen,“ resümierte Johannes Schilling.

 

Die zentrale liturgische Achse im Kirchenraum mit dem Altar und der Sakramentskapelle @ Christian Richters

 

Schaufenster-Kirche

Die Kirche stand nicht unter Denkmalschutz, so dass man in alle Richtungen denken konnte. Und Schilling Architekten taten etwas, was einzigartig ist in einer Kirche: Sie öffneten den Blick nach draußen. Die Schaufenster-Kirche kennt die Architekturgeschichte als Bautyp bisher noch nicht. Die Glasfenster zwischen den Betonfenster in der Ost- und Westwand des quadratischen Raums wurden entfernt und ein verglaster Umgang um den Hauptraum herum gelegt. Im Westen ist er als Gärtchen angelegt und holt so die Natur ganz nah heran an den sakralen Raum.

 

Kirche mit Durchblick: Die neu gestaltete Jugendkirche gönnt es ihren Gästen, den Blick auch mal nach draußen schweifen zu lassen. Das kennt man von Gotteshäusern ja sonst nicht.@ Christian Richters

 

Der „Hortus Conclusus“, der ummauerte Garten, führt in die Natur. So kann man im Kirchenraum innerlich und äußerlich viele Wege gehen. @ Christian Richters

 

Aus dem Kreuzgang des Klosters heraus entwickelt sich ein Umgang, erst von ihm aus gelangt man in den Hauptraum. @ Christian Richters

 

Der Eingang in die Kirche führt aber nicht direkt in den Hauptraum, sondern vom Kreuzgang des Klosters aus in den Umgang. So kann man sich dem Allerheiligsten auf verschiedenen Wegen nähern, und auch Abstecher machen, in einen rechteckigen Andachtsraum an der Ostflanke, in die runde Sakramentskapelle im Norden, oder in den Hortus Conclusus am westlichen Abschluss.

Annähern und verbinden

Eltern jugendlicher Kinder werden das Dilemma kennen: „Lass‘ mich allein“, sagt das Kind und meint doch auch: „Komm‘ mir entgegen.“ Im Kern geht es dabei um den Prozess der Annäherung. Das bildet sich in der Jugendkirche Hardehausen ab: Den Jugendlichen nicht eine Botschaft überzustülpen, sondern ihnen verschiedene Wege und Räume, Gemeinschaft und Rückzug anzubieten, das ist die Grundidee.

In der Auseinandersetzung mit dem, was war, ist etwas völlig Neues entstanden, das das Alte in sich trägt. Und ist genau das Spannende, auch für Johannes Schillig: „Die Welt ist komplex, und wir müssen reagieren auf das, was da ist und schauen, was entsteht, wenn man die Dinge miteinander verbindet.“

Zeichen, die bleiben: Die 60er Jahre Kirche stand nicht unter Denkmalschutz, nur die Tragstruktur und das klinkergedeckte Zeltdach sind übrig geblieben. Das Zelt bedacht heute eine ganz andere Art von Kirche. @ Christian Richters

 

 

Ira Scheibe

 

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