Das Tor 2 - Gebäude 23 an der Niehler Straße - steht wie ca. ein fünftel der Gebäude und Fassanden des Areals unter Denkmalschutz. Das adressbildende Logo der Gummiwarenfabrik bleibt, wie auch der Name des namensgebenden Gründers: Franz Clouth. Foto: Barbara Schlei

Was gibt es Neues auf dem Gelände der ehemaligen Gummiwarenfabrik Clouth? Ein Baustellenrundgang

Fast 150 Jahre Kölner Industriegeschichte und 10 Jahre Zwischennutzungen durch Filmproduktionen und Künstler liegen hinter dem Areal zwischen Niehler- und Xantener Straße und dem Johannes-Giesberts-Park. Die Clouthwerke bildeten hinter den hohen Werksmauern einen eigenen Kosmos, eine Art Stadt in der Stadt und prägten doch als großer Arbeitgeber über Jahrzehnte das Stadtbild und Quartiersleben von Nippes.

Seit Anfang dieses Jahres sind alle Abbrucharbeiten abgeschlossen und das Quartier öffnet sich Stück für Stück. Anlass genug um einen Streifzug über die 14,5 Hektar große Baustelle zu machen, immerhin so groß wie 20 Fußballfelder.

Bis Ende 2019 sollen hier mehr als 1000 Wohnungen und 25 000 Quadratmeter für Gewerbezwecke entstehen. Angestrebt wird eine Mischung unterschiedlicher Wohn- und Lebensformen mit frei finanziertem Wohnungsbau, Genossenschaftsbauten, Baugruppen, Künstlerateliers, aber auch Restaurants, Cafés und Kreativfirmen sollen hier eine Bleibe finden.

 

Entlang der Niehler Straße

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Foto: Uta Winterhager

 

Erhalten bleibt die gesamte Fassade zur Niehler Straße, einschließlich der Abwicklung an Tor 1 in das Quartier hinein. Ursprünglich hörte der Denkmalschutz an der Ecke zum Tor 2 auf. Auch wenn mit der Fassadensicherung nicht viel mehr als eine Art Firnis des ursprünglichen Bestandes erhalten bleibt, kann die baulich Identität doch dazu beitragen, das Areal in die Zukunft zu transformieren. Auch die Achsen der vorhandenen Werksstraßen werden für die neuen Erschließungswege übernommen.

 

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Foto: Barbara Schlei

 

Noch geben die leeren Fenster der straßenbegleitenden nach allen Seiten abgestützten Fassade den Blick über das Gelände bis zur Halle 17 frei. In ein paar Monaten wird der Raum dahinter mit mit Neubauten gefüllt sein.

 

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Foto: Barbara Schlei

 

An der Niehler Straße sah der Rahmenplan von Scheuvens + Wachten eine kaum gegliederte Großstruktur von 6000 qm vor. Diese wurde im Laufe der letzten Monate differenziert und in einzelne Baufelder aufgelöst.

Zwischen Tor 1 und der Halle 29 entsteht ein drei- bis viergeschossiger Gewerbehof, als Loftgebäude für Büro, Gewerbe, Ateliers und Wohnen nach Plänen des Kölner Büros Lepel&Lepel. Hier werden auch einige der auf dem Grundstück ansässigen Künstler eine neue Bleibe finden.

 

Halle 18

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Foto: Barbara Schlei

 

Als moderne stadt das Areal 2012 übernahm, war die Fläche komplett versiegelt und bis auf die Halle 18, die als einzige die Kriegszerstörung überstanden hatte, ein in sich geschlossenes Industriedenkmal der 50er Jahre.

Käufer, Entwickler und Architekt der Halle 18 ist 3F Design Architecture. Nach denkmalgerechter Sanierung werden hier Wohnungen und erdgeschossig Büros für kreatives Gewerbe und Gastronomie entstehen. Bereits im Sommer 2016 soll mit dem Umbau begonnen werden.

 

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Foto: Barbara Schlei

 

Die streng vertikal gegliederte Halle 18 entlang der Xantener Straße stammt in ihrer Fassadenausprägung als einziges Gebäude auf dem Areal noch aus den Ursprungsjahren, von 1925.

 

Halle 17

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Foto: Uta Winterhager

 

Neben den denkmalgeschützten Hallen 18 und 23 sowie den Pförtnergebäuden an den Toren 1, 2 und 4 und der Gebäudefassade entlang der Niehler Straße, wird auch das sogenannte Herzstück des Quartiers, die Halle 17, erhalten und zu Wohnzwecken umgenutzt.

Der eindrucksvolle Bau, in der geografischen Mitte des Areals, ist durch seine enorme Größe von 125 Länge, 35 Meter Breite und 16 Meter Höhe und seiner charakteristischen Backsteinfassade ein wesentlicher Baustein der Neugestaltung geworden. Vor der Halle soll sich der 7.300 Quadratmeter große Luftschiffplatz in Zukunft zum Quartiersplatz entwickeln.

 

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Foto: Barbara Schlei

 

Der Blick in das Innenleben der Halle verdeutlicht ihre gigantischen Ausmaße. Die Backsteinfassade und die Fachwerkträger, die heute ohne Dachflächen die gesamte Breite der Halle überspannen, werden erhalten und dienen als Reminiszenz an die vergangene Zeit als Industriestandort. Darunter bildet sich ein offener Hofraum, von dem aus beidseitig die 47 zwischen 55 und 168 Quadratmeter großen Wohnungen erschlossen werden. Aus dem von der modernen Stadt ausgelobten Investorenwettbewerb ging zu Beginn dieses Jahres der Essener Projektentwickler formart mit einem Entwurf des Kölner Büros Jürgensen & Jürgensen hervor.

Einen Teil des Erdgeschosses wird der auch bisher in Nippes ansässige, Verein der Kölner Spielwerkstatt übernehmen, um sein vielfältiges Angebot für Kinder und Jugentliche zu erweitern.

 

 

 

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Foto: Barbara Schlei

 

Noch stehen Alt und Neu dicht neben einander. Aber stetig wächst die Zahl der Bauvorhaben, die ein eigenes Gesicht bekommen und allmählich wird ein Gesamtbild zusammenwachsen. Begonnen wurde mit dem Bauen im Südosten des Geländes. Im Hintergrund zu erkennen die Wohnbebauung an der Josefine-Clouth-Straße von Lorber Paul Architekten, die bereits bezogen ist.

WA 8 + 12

Die lang gestreckten Zeilenbauten der Baufelder WA 8 + 12 von Lorber Paul Architekten mit 72 Wohneinheiten liegen in zweiter Reihe zum Park und orientieren sich an den großmaßstäblichen Dimensionen des Industrieareals.

 

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Foto: Uta Winterhager

 

Mit nach Westen weit auskragenden Balkonen öffnet sich die plastisch ausgebildete Putzfassade Richtung Quartier und verzahnt mit den Hofinnenbereichen. Die räumliche Differenzierung des Außengeländes in private, den Erdgeschosswohnungen zugehörige Gärten und einem, halböffentlichen Bereich mit Spielgeräten und Sitzmöglichkeiten, erfolgt mit halbhohen immergrünen Hecken, Rasenflächen und Hochbeeten.

 

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Foto: Uta Winterhager

 

Klassische Lochfassaden und klaren Raumkanten gliedern die Straßenfront der beiden Gebäuderiegel von Lorber Paul Architekten zur Josefine-Clouth-Straße und geben ihr einen städtischen Charakter.

Richtung Norden entstehen weitere Eigentumswohnungen im Auftrag der modernen stadt nach Plänen des Kölner Büros kister scheithauer gross architekten.

 

Clouth eins, zwei und drei

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Foto: Uta Winterhager

 

In direkter Nachbarschaft sind bereits im ersten und zweiten Bauabschnitt seit Juni 2014 Clouth eins, zwei und drei mit insgesamt dreizehn Blöcken und Punkthäusern im Osten des Areals entstanden. Im eingeladenen Architekturwettbewerb setzte sich das Architektur- und Planungsbüro ASTOC zusammen mit dem Landschaftsarchitekten Johannes Böttger urbane gestalt durch.

Ziegelfassaden sind entlang der Josefine-Clouth-Straße ein Muss. Als Zitat sollen sie an die vergangene Industriearchitektur erinnern. Auch wenn aus Kostengründen die Ziegel an den  Gebäuden aufgeklebten Riemchen weichen mussten, gelingt eine Varianz in der Einheitlichkeit durch die Verwendung unterschiedlicher Rottöne.

 

 

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Foto: Barbara Schlei

 

Im östlichen Bereich des Areals ist eine offene, durchlässige Bebauung im Bebauungsplan vorgeschrieben, die den städtischen Blockrand auflösen soll. An der Schnittstelle zum Park wirken die dreizehn versetzt angeordneten Blöcke entlang der Josefine-Clouth-Straße wie ein Filter. Dort, wo zu Zeiten der Produktion ein harter Rücken die Grenze zur Grünfläche bildete, vernetzt sich das Areal nun mit dem Johannes-Giesberts-Park und schafft Durchblicke.

 

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Foto: Uta Winterhager

 

Ganz im Süden des Geländes, gegenüber den neun Einfamilienhäusern an der Seekabelstraße, in denen einst leitende Clouth-Mitarbeiter wohnten, entstehen 17 zweigeschossige Stadthauswohnungen nach Plänen des Düsseldorfer Büros Konrath und Wennemar. Sie übernehmen hier an der Schnittstelle von Alt und Neu eine Vermittlerrolle und leiten mit einem moderaten Maßstabssprung in das dahinterliegende weitere Gelände.

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Foto: Barbara Schlei

 

Die Kubatur der Baukörper, die typologisch Bezug auf die bestehenden Einfamilienhäuser nimmt, ist an der Seekabelstraße schon ablesbar, der Ortbeton wird jedoch noch mit hellgrauen Klinkerriemchen verkleidet. Ein nach Süden gerichteter Innenhof soll Terrasse und Eingangszone gleichermaßen aufnehmen.

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Foto: Uta Winterhager

 

Der Blick über das Gelände zeigt die Nordfassade der Reihenhäuser, die ebenfalls über einer Tiefgarage entstehen.

 

Die Baugruppen

Grundsteinlegung Wunschnachbarn Clouth-Quartier, 25.05.2016

Foto: Christian Wendling

 

Die Nachfrage nach innerstädtischen Wohnungen ist in groß in Köln, das Angebot aber knapp. So wundert es nicht, dass das Thema Baugruppe nun auch in Köln angekommen ist. Im Schatten der Halle 17, auf ihrer östlichen Längsseite, wird ebenfalls seit ein paar Wochen rege gebaut. Hier entstehen 79 Wohnungen in acht Mehrfamilienhäusern, die von Baugruppen gemeinschaftlich geplant werden. Ein Mehrwert, von dem sicherlich nicht nur die Baugruppen mit den klangvollen Namen Stadtteilchen, Wunschnachbarn oder Herzclouth, sondern auch das gesamte Quartier profitieren werden.

Grundsteinlegung Wunschnachbarn Clouth-Quartier, 25.05.2016

Foto: Christian Wendling

 

Anders als bei den Baufeldern, die an Investoren und Wohnungsbaugenossenschaften oder den öffentlich geförderten Wohnungsbau vergeben werden, sind die architektonischen Konzepte der Baugruppen nicht öffentlich, es bleibt also spannend.

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Foto: Uta Winterhager

 

24 weitere Baugruppenwohnungen entstehen nordöstlich an der Xantener Straße. Hier realisieren die beiden Nachrückergruppen aus dem Qualifizierungsverfahren, drei weitere Gebäude. Ein Gewinn, sowohl für die Baugruppen als auch für das Quartier, ist der Erhalt und die Nutzung des, unter Denkmalschutz stehenden Pförtnerhäuschens mit dem markanten Flugdach an Tor 4, das saniert und als vielfältig bespielbarer Gemeinschaftsraum in das Konzept der Gruppen integriert wird.

 

Barbara Schlei

 

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26.08.2014

 

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Eine Reaktion auf “Momentaufnahme”

  1. edward

    Zwergenarchitektur anstatt Urbanität – warum hat man nicht das städtisch-urbane Nippes weitergebaut – mit echten Straßen, Blöcken, Plätzen usw. ? – so ist doch nur eine piefige Vorstadt-Hölle in zeitgemäßerem (hipperem) Gewand entstanden – und das eben dort, wo man mit großer Geste und Massstab, so wie es bspw. die Gründerzeitler getan haben, ein echtes Stück STADT hätte weiterbauen sollen, ja eigentlich sogar müssen! Wenn es das ist, was Köln bei den kommenden Stadterweiterungen blüht, dann „ver-dorft“ die Stadt, anstatt urbaner zu werden. Darüber sollte man dringend nachdenken!

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