Antivilla, Krampnitz, brandhuber+

Der Architekturfotograf Michael Reisch im Porträt

Wie kamen Sie zur Architekturfotografie?

Ich habe Bildende Kunst an der Rietveld-Academie in Amsterdam und an der Kunstakademie Düsseldorf studiert, mit den Schwerpunkten Fotografie und Bildhauerei. Im Anschluss hat sich meine Architekturfotografentätigkeit auf schöne Weise organisch ergeben, da ich während des Studiums in Architekturbüros als Architekturmodellbauer jobbte, und mir so nebenbei, vor allem durch das direkte Gespräch mit vielen Architektinnen und Architekten, ein Architekturverständnis erarbeiten konnte, das für mich heute unverzichtbar ist. 1996 habe ich angefangen für Architekturbüros zu fotografieren, und seitdem arbeite ich als freiberuflicher Architekturfotograf, neben meiner Karriere als Bildender Künstler und einer Professur für Fotografie.

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PGE Arena, Danzig, RKW Architekten

 

Bilden Sie Architektur ab, oder übersetzen Sie das Gebaute in eine Bildsprache?

Eine häufige Sicht auf Architekturfotografie ist die Reduktion auf einen abbildenden, architektur-dokumentarischen Ansatz, der besagt, dass Objekte und Sachverhalte so abgebildet werden können „wie sie sind“, naturgetreu, im Sinne einer Objektivierung. Das ist natürlich diskutierbar, denn es kann immer nur Sichtweisen z.B. eines Gebäudes geben, und auch das Dokumentarische ist zwangsläufig immer eine Frage des eingenommenen Standpunkts. Aber immer geht ein dokumentarischer Ansatz vom Gebäude als physikalisches Etwas in einer physikalischen Umgebung aus, dessen Existenz belegt werden soll.

Was ich versuche ist aber etwas grundsätzlich anderes, ich versuche nicht das „physikalische Objekt“, sondern vielmehr den „Entwurf“ zu fotografieren, oder besser gesagt ein Bild hierfür zu entwickeln, das ist ein ganz erheblicher Unterschied im Denken und in der Herangehensweise. Ich würde das eher als eine Art von Visualisierung bezeichnen, denn als Abbildung.

Das hängt auch damit zusammen, was Architektur überhaupt ist. Architektur erscheint in unterschiedlichen Formen, als Entwurfsgedanke, als maßstäbliches Modell, als 3D-Rendering, als Theorie oder Teil eines Diskurses, und natürlich als das Gebaute, das ist ja fast immer Ziel und Zweck des Ganzen, aber das Gebaute ist eben eine mögliche! Erscheinungsform von Architektur, und ein Architekturfoto ist eine weitere mögliche! Erscheinungsform, nicht des Gebäudes sondern der Architektur. Ich betrachte das Bild in diesem Sinne als eher entkoppelt, als eigenständige Einheit, und nicht als reines Zeichen, als Abbildung von Fassaden und Mauern.

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Wohnhaus, Düsseldorf, Geitner Architekten

 

Wie nähern sie sich dem architektonischen Konzept eines Hauses? Sprechen Sie mit den Architekten und Bauherren oder machen Sie sich selbst ein Bild?

Sehr aufschlussreich sind oft weitgehend abstrakte Gespräche über inhaltliche Hintergründe, das schafft einen großen Freiraum für meine Arbeit. Ich versuche, den Geist, das Wesen des Gebäudes zu erfassen und der Architektur, in Zusammenarbeit mit den Architekten, im besten Sinne ein „Bild“ zu geben, eine Möglichkeit für die Erscheinung der Architektur zu entwerfen, für deren Zutagetreten, und hier geht es geht eher um ein Potential als um einen festen, beschreibbaren Zustand. Wie möchte sich die Architektur zu den Bewohnern und Nutzern, zur Stadt, zur umgebenden Natur verhalten, hierfür muss ein integres Bild gefunden werden, das die Architektur nicht in ihrem Wesen verfälscht, sondern deren Vision zum Vorschein kommen lässt.

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Antivilla, Krampnitz, brandhuber+

 

Wovon lassen Sie sich inspirieren?

Oft von der Natur.

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Mensa Katharina-Henoth Gesamtschule, Köln, Damrau+Kusserow

 

Wie viele Bilder braucht man, um ein Haus zu verstehen und welche sind das?

Auf jeden Fall mehr als eins. Die Erfahrung, dass Fotografie besser als Serie oder Reihe funktioniert, ist übrigens eine Eigenheit der Fotografie im Allgemeinen, und nicht auf die Architekturfotografie beschränkt.

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Mensa Katharina-Henoth Gesamtschule, Köln, Damrau+Kusserow

 

In den letzten Jahren sieht man auch in den Architekturzeitschriften belebte Bilder. Eine Tendenz, die Sie begrüßen?

Diese Entwicklung beobachte ich besonders interessiert, auch bei meinen eigenen Bildern. Noch vor 10 -15 Jahren ging es um Fotos möglichst ohne Menschen. Zu analogen Zeiten haben wir oft Stunden auf den „freien“ Moment gewartet, das hat sich sehr geändert, jetzt kann es mitunter nicht belebt genug zugehen.

Diese neue Entwicklung hat viel mit dem Auflösen von Hierarchie zu tun, eine abgebildete Person gibt der Architektur im Bild einen menschlichen Maßstab, im wörtlichen Sinne. Sie holt die Architektur näher an uns alle heran, Mensch und Architektur werden in ein überschaubares Verhältnis zueinander gestellt und man sieht auf einen Blick, dass beide zusammengehören. Das ist ein Kerngedanke von Architektur wie ich sie verstehe, und der findet momentan in vielen Bildern seinen expliziten Ausdruck. Es sind, wenn sie gelingen, zeitgemäße, aus dem heutigen, jetzigen Architekturverständnis geborene Bilder, die momentan so und nicht anders gemacht werden müssen, und die in vielen zeitgenössischen Auftragsarbeiten im Architekturfotografie-Bereich einen festen Platz haben.

Ich für meinen Teil arbeite bei Auftragsarbeiten mit einer gesunden, ausgewogenen Mischung aus reinen Architekturaufnahmen, die der Sache einen abstrakten und manchmal fast aus der Zeit gelösten, nachhaltigen Aspekt geben; und kontextualisierten Aufnahmen, die die Architektur einbetten und in ihrer vollen Funktion und Aktualität zeigen.

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Turnhalle Max-Planck-Gymnasium, Düsseldorf, RKW

 

Kann Sie Architektur noch überraschen?

Architektur, Bildende Kunst und Design wären ohne ästhetische und inhaltliche Erneuerung sinnlos. Gute Architektur überrascht mich immer, genau wie ein gutes Gemälde oder ein gute Fotografie, das ist doch das Schöne an dieser Tätigkeit.

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Wohn-und Galeriehaus, Berlin, brandlhuber+

Welche Lichtsituationen schätzen Sie besonders?

Bei Architekturfotografie als Auftragsarbeit wähle ich oft klares und hartes Sonnenlicht, da Sonnenlicht eine eindeutige Richtung und damit vom Wesen her eine Entscheidung in sich trägt, das gefällt mir und ist bei vielen Gebäuden sinnvoll, es bringt oft ein Gefühl von Klarheit mit sich. Andere Gebäude benötigen eher eine beiläufige Stimmung oder etwas Zurückgenommenes, Weicheres, Sensibleres, dann wähle ich einen bedeckten oder halbbedeckten Himmel. Diese Bilder benötigen beim späteren Betrachten manchmal etwas mehr Zeit, erreichen aber oft einen großen Tiefgang. Ich treffe allerdings immer eine sehr sorgfältige Wahl was die Lichtverhältnisse angeht, um den Charakter der jeweiligen Architektur herauszuarbeiten.

 

Gibt es Gebäude, die bei Ihnen eine besondere Leidenschaft auslösen?

Was mir an Architektur gefällt ist, dass es in diesem Bereich um etwas Echtes geht, um ästhetische und inhaltliche Werte, und nicht nur um Profit oder kalte Gewinnmaximierung. Womit überhaupt nicht gesagt ist, dass ökonomische Umstände keine Rolle spielen, schließlich verdienen alle Beteiligten hier ihr Geld, aber das ist nicht der ausschließliche Sinn des Ganzen. Die Architektur wird, genau wie die Bildende Kunst und die Architekturfotografie wie ich sie betreibe, von einem idealistischen Kerngedanken getragen, jenseits von Nutzen und reinem Verwertbarkeitsdenken, das ist eine Art bestehender geistiger Raum, den ich brauche, für den ich mich entschieden habe und in dem ich mich gerne bewege.

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Museum Neanderthal, Mettmann, Prof. Zamp-Kelp, Prof. Arno Brandlhuber, Julius Krauss, 1996

 

Ist die digitale Fotografie gegenüber der analogen Fluch oder Segen für Sie?

Die analoge Phase war für die Fotografie, wie sich herausstellt, ein Durchgangsstadium, das ich gerne betrieben habe, und an das ich mich gerne erinnere, aber ich habe mir noch nicht eine einzige Sekunde meinen Arca-Swiss- Koffer und meine Planfilmkasetten zurückgewünscht. Jede Zeit bringt ihre Technologien hervor, und diese Technologien bringen wiederum neuartige Bilder hervor; das ist es was mich interessiert. Besagte Hierarchie-Anlösung, die Architektur-Mensch-Bilder beispielsweise sind ganz klar Kinder des Digitalen und des Lebensgefühls in Zeiten des Internets.

Und was das rein Praktische angeht: Ich danke jeden Tag mehrfach und nachhaltig den Erfindern des CCD-Sensors, dem Photoshop-Entwickler Team und dem 14-Blendenstufen-Kontrastumfang an sich.

 

Die Fragen stellten Barbara Schlei und Uta Winterhager

 

 

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Michael Reisch

Zu den Internetseiten von Michael Reisch:

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Kölner Architekturfotografen im Fokus II
Wer sind die Frauen und Männer hinter der Linse?

Zehn Jahre ist es nun schon her, dass wir eine erste Porträtserie über Kölner Architekturfotografen starteten. Zeit, diese Reihe fortzusetzen, denn man kann viel über Architektur schreiben, doch wenn die Bilder fehlen, ist es, als bliebe etwas ungesagt. So freuen wir uns bei koelnarchitektur, dass viele Fotografen uns und unsere Beiträge schon seit Jahren mit ihren Fotografien unterstützen. In den nächsten Wochen werden wir in loser Folge Interviews über Licht und Schatten, Inspiration und Intention veröffentlichen.

 

Ein visuelles Panorama
Im Fokus I von 2006

 

 

 

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