Interview: Architektur mit Prof. Johannes Kister, Gesellschafter bei kister scheithauer gross architekten, über den Umbau des Gerling Quartiers, der im vollen Gange ist und was die...

Zwölf Architekturbüros waren 2008 zu dem wettbewerbsähnlichen Verfahren für das Gerling Quartier eingeladen. Der Umbau vollzieht sich derzeit nach dem Masterplan des Erstplatzierten, kister scheithauer gross, 2014 sollen die ersten Mieter einziehen. koelnarchitektur.de sprach mit Johannes Kister über das Quartier, das sich als bisher thematisch sehr einseitig besetzter Bezirk nun mit einer zentralen Piazza der Stadt öffnen soll.

Herr Prof. Kister, wenn wir mal fünf bis zehn Jahre weiterdenken, woran würde sich für Sie der Erfolg des Gerling Umbaus bemessen?

Johannes Kister: Mich freut die Frage, weil sie darauf zielt, ob ein Projekt von der Bevölkerung angenommen wird oder nicht. Für uns als Architekten ist das entscheidende Kriterium, dass sich auf diesem zentralen Platz genau das einstellt, was die Grundidee des Projektes war, nämlich der Nukleus dieser Anlage als öffentlicher Raum.

Peter Zumthor hat ja mal so schön gesagt, bei vielen Häusern nützt es nichts, wenn wir Piazza dran schreiben, es funktioniert trotzdem nicht. Was ist das Besondere hier?

Johannes Kister: In Köln sind ja manche Bereiche so überbevölkert, dass sie keine Orte des angenehmen Aufenthaltes darstellen, wie zum Beispiel die Domplatte. Kontemplative Plätze gibt es in Köln nicht, und diese Lücke möchten wir füllen. Hier kann ich mal in Ruhe die Zeitung lesen, ohne dass der Verkehr an mir vorbeibraust.

Die umgebende Architektur des Gerling Konzerns hat ja gerade in ihrer Entstehungszeit massive Kritik erfahren. Wie schätzen Sie stilistisch und ästhetisch diese Architektur ein?

Johannes Kister: Die damaligen Vorwürfe richteten sich ja mehr an das Gebaren der Firmen-Einweihung als an die Architektursprache selbst. Es ist eigentlich eine moderne Komposition – das Hochhaus als Vertikale und der Flachbau als Horizontale: „suprematistische“ Architektur inspiriert von Kasimir Malewitsch. Die steinerne Architektur hat etwas Ornamentales, sie inszeniert sich nicht als Massivbau, sondern als Skelettbau mit davor gehängter Natursteinfassade. Das ist auch der wesentliche Unterschied zu den Bauten, die man vom Dritten Reich her kennt.

Im zeitlichen Abstand dazu und nach der Auflösung des Gerling Konzerns als Machtfaktor des Quartiers, der sich eine Architektur mit sehr deutlichen Aussagen schuf, erlauben die Bauten eine neue Wahrnehmung der Gestaltsprache und legen den Blick frei auf Qualität, auf Filigranität und auf einen wohltuenden Unterschied zu Beliebigkeiten von Glas- und Dämmputzarchitektur.

Die Bauten sprechen von Gravitation und Ruhe. Zudem ist diese Architektur ja auch nicht langweilig. Es gibt durch die zeitliche Abfolge der Bauten immer wieder andere Elemente und Stile, von der von-Werth-Straße bis zu dem Rundbau und dann jenseits des Klapperhofs mit den Stahlbauten, wo dann die Qualität allerdings plötzlich bricht. Merkwürdigerweise haben wir ja alle das Gefühl, dass sie Urbanität ausstrahlen und auf eine angenehme Weise städtisch sind. Man fühlt sich an Situationen erinnert, die man von Köln her nicht, aber von anderen Metropolen kennt.

Teil des baulichen Erbes ist auch die Bauplastik, sie stammt zum größten Teil von Arno Breker. Wie haben Sie diese in die neue Struktur eingeordnet?

Johannes Kister: Ein Name wie Breker mit der Assoziationskette, die er hervorruft, macht es schwierig, sich dem künstlerischen Wert der Objekte zu nähern. Ohne Frage war er aber ein guter Bildhauer. Diese Kunst am Bau hat thematische Bezüge zu dem Areal, die geprägt sind durch das persönliche Selbstverständnis von Hans Gerling. In dessen Biographie – bürgerlich, christlich, werteorientiert geprägt – hat das seinen Stellenwert. Für uns war sofort klar, dass diese Dinge in keinem Fall irgendwie verschwinden, kommentiert oder despektierlich behandelt werden können. Die Bauplastik gehört zu der Aussage der Architektur dazu.

Wie sind Sie grundsätzlich mit dem Bestand umgegangen?

Johannes Kister: Wir gehören zu einer Generation, die sehr viel Respekt vor diesen Bauten hat. Wir sehen oft eine defensivere Strategie vor als ein Investor, der über Zahlen und Kauf- und Verkaufspreise argumentiert. Es ist hier relativ glücklich gelaufen, weil der Bauherr die Identität des Quartiers auch als Teil seiner Marketingstrategie gesehen hat und deshalb auch vor mancher Entscheidung Halt gemacht hat, die man hätte fällen können und die das Gebäude sehr getroffen hätte. Als Architekt wird man in manche Diskussionen verwickelt, die man eigentlich nicht gerne führt, weil man Vorbehalte hat.

Was für Vorbehalte?

Johannes Kister: Man sieht einfach, dass das Bauwerk darunter leidet, wenn man zum Beispiel Balkone vor das Hochhaus hängt, weil der Standardkäufer Balkone will.

Das passiert ja glücklicherweise nicht.

Johannes Kister: Ja, das war natürlich ein Prozess. Wir haben jetzt Loggien, so ähnlich wie im Siebengebirge. Ich kann auch nachvollziehen, dass die eine oder andere Verdichtung als zu viel empfunden wird, auf der anderen Seite lagen rund um das Stadtarchiv aber auch die architektonisch schwächsten Bereiche. Das ist der einzige Bereich, in den eine neue Identität integriert ist und die Kollegen Paul Kahlfeldt und Johann Spengler von Steidle Architekten ihre Handschriften einbringen.

In dem anderen Bereich – von-Werth-Straße, Friedrich-Wilhelm-Block – gibt es eine ausformulierte Architektursprache, die man weiterentwickeln kann. Wir hielten Ergänzungen um das Stadtarchiv eher für vertretbar als Aufstockungen im Kernbereich. Diesen Grundkompromiss zu finden war für uns Architekten das Spannendste.

Wie sind diese Ergänzungen städtebaulich ausgerichtet?

Johannes Kister: Städtebaulich ist das Grundkonzept des Wettbewerbs die Richtschnur. Das Konzept basiert auf der Heterogenität des Quartiers. Es werden keine Höhennivellierung vorgenommen, sondern bewusste kubische Ergänzungen und Setzungen, die sich dann zu dem Thema Stadt weiter entwickeln. Das ist als Idee auf die Stadt gerichtet und nicht auf ein hermetisches Abschließen.

Die kleine Kapelle und das Stadtarchiv stehen wieder frei. Das Torhaus ist entstanden, um den Platz mehr zu schließen. Auch sollte es eine anziehende Neuinszenierung dieser Schwelle geben.

Das Torhaus ist das erste Gebäude, das sich in seiner Ästhetik zeigt. Wir sind hoffnungsvoll damit, wie es sich darstellt. Es bricht mit dem steinernen Kontext, es ist ein gläsernes Haus mit einer doppelschichtigen Fassade. Mit Messing und Grau hat es die Farben, die denkmalpflegerisch in den anderen Gebäuden festgelegt sind, und die lineare Gitter-Stabstruktur greift Messingdetails am Hochhaus auf. Das Gebäude hat eine besondere Position, da es vom Ring aus sichtbar ist. Ich bin ganz sicher, dass das ein gefragter Ort sein wird.

…der entsprechend etwas kostet.

Johannes Kister: Ja, aber auf der anderen Seite ist es auch ein enormer Aufwand, der die üblichen Baukosten weit übersteigt. Die Wohnungen in diesem Quartier sind etwas Besonderes und diese Einmaligkeit ist sicherlich auch Teil des Preises. Wir haben natürlich Umplanungen vorgenommen, da es nicht nur um den Quadratmeter-, sondern auch um den absoluten Preis geht. In diesem Prozess ist die Erkenntnis gewachsen, dass man in Köln in Bezug auf die Wohnungsgrößen nicht übertreiben kann, und so haben wir daher auch kleinere Wohnungen geplant. Im Moment läuft es gut, es ist ja jetzt schon Einiges zu sehen.

Für den 60er Jahre Trakt mit dem Rundbau am Klapperhof ist noch kein Investor gefunden. Wie geht es hier weiter?

Johannes Kister: Das Entwicklungskonzept sieht vor, erst den nördlichen Teil zu entwickeln. Für den südlichen Bereich gibt es viele Planungen, so dass mit den Erfahrungen der Umsetzung im Norden reagiert werden kann.

Was bringt das neue Quartier für die Kölner Innenstadt?

Johannes Kister: Es bringt sehr viel Wohnraum in einen Bereich, der über große Teile des Wohnens entledigt ist, es sind circa 50.000 qm für neue Wohnungen. Das lockt die Menschen hierhin und erzeugt eine Ortsansässigkeit im Quartier. Das gibt eine Belebung in jeder Weise und strahlt auch aus. Ohne Frage hat jeder Hauseigentümer in der Umgebung einen Wertgewinn.

Wir sind froh, dass das Projekt wieder Fahrt aufgenommen hat und richtig Fahrt aufgenommen hat, nach einer zweijährigen Findungs- und Abwartephase. Es macht uns Spaß, es ist ein gutes Miteinander und jeder ist daran interessiert, dass es gut wird. Dem Bauherrn liegt auch wirklich die Architektur am Herzen, und er hat vor allem auch ein Interesse, bei öffentlichen Führungen zu zeigen, was passiert und nicht hinter verschlossenen Bauzäunen zu werkeln.

Mit Johannes Kister sprach Ira Scheibe

 

Mit archipedes durchs Gerling Quartier

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Prof. Johannes Kister, Gesellschafter bei kister scheithauer gross architekten und stadtplaner GmbH, sprach mit koelnarchitektur.de über die Neuausrichtung des Gerling Quartiers, über kontemplative Plätze, „suprematistische“ Architektur und über Ornamente.

Foto: ksg

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