Ein BDA-Montagsgespräch zu den Planungen auf dem Sidol-Gelände

Es ist viel Vorstellungskraft notwendig, um das Bild einer Allee blühender Kirschbäume mit dem traurigen Anblick zusammenzubringen, den das heutige Gelände der Sidol-Fabrik bietet. Wie weit diese zunächst romantisch anmutende Vision aber schon zu konkreter Stadtplanung geworden ist, wurde am letzten Montag bei einer BDA Veranstaltung im Domforum vorgestellt.

Sidol – Produktion aus Braunsfeld

Das große Werksgelände in Köln-Braunsfeld beherbergt seit 1911 die Gebäude der Sidol-Werke. Bis in die 80er Jahre wurde die Fabrik für die Herstellung von Putzmitteln genutzt, dann verlegte die Firma ihre Produktion nach Düsseldorf Mit dem Verkauf des Geländes im Jahr 2000 wurde der jahrelangen Zwischennutzung durch Künstler und kleine Gewerbebetriebe ein jähes Ende gesetzt: die Gebäude sollten abgerissen werden.

Doch die erfolgreiche Firmengeschichte war mit einer außergewöhnlichen Baugeschichte verbunden, die nicht einfach übergangen werden konnte. Der Architekt Otto Müller-Jena setzte zwischen 1926 und 1928 die Anforderungen nach einer zeitgemäßen Produktionsstätte in einer modernen, an das Bauhaus angelehnten Architektur um, die heute als außergewöhnliches Beispiel der klassischen Moderne in Köln gilt. Der zentrale Gebäudekomplex sollte gemeinsam mit den Torbauten aus den 50er Jahren als herausragendes Ensemble der Industriearchitektur unter Denkmalschutz gestellt werden. Die Entscheidung hierüber musste nach langen Kämpfen schließlich 2005 vom Oberverwaltungsgericht Münster getroffen werden, denn dem sehr aufwendigen Erhalt der baufälligen Gebäude standen die wirtschaftlichen Interessen der Investoren entgegen.

Wohnen hinter Kirschbäumen

Mit einem städtebaulichen Wettbewerb des neuen Eigentümers Dornieden GmbH kam im letzten Jahr Bewegung in die Entscheidung um mögliche Nutzungen für das Gelände. Der südliche Bereich sollt zu einem hochwertigen, gut ausgenutzten Wohngebiet entwickelt werden, so die Aufgabe der Bauherren an die teilnehmenden Planungsbüros. Aus dem Verfahren ist das Kölner Büro Schilling Architekten als Gewinner hervorgegangen. Mit dem Motiv einer Kirschbaumallee wird ihr Entwurfskonzept einer Parklandschaft eingeleitet, die das gesamte Gelände in Zukunft prägen soll. Von den Torbauten an der Eupener Straße aus bildet die Allee eine Hauptachse durch das Grundstück und trennt den nördlichen, gewerblich genutzten Teil von dem stark durchgrünten Wohnviertel im Süden. Die Zufahrten ins Gelände werden auf drei Straßen verteilt und die Autos so weit wie möglich in Tiefgaragen untergebracht, um das Gelände frei zu halten. Stattdessen sind es fußläufige Wegebeziehungen, öffentliche Grünflächen, vielfältige Platzsituationen und großzügige Gärten, die aus dem so kargen Industriegelände eine grüne Idylle werden lassen.

In drei Zonen entstehen unterschiedlich dichte, hochwertige Wohntypologien, die teilweise wie Villen in die Landschaft eingebettet sind. „Es sollen verschiedene Architekturbüros zum Zuge kommen“ erläutert Prof. Johannes Schilling das Vorhaben, in einem Workshopverfahren mehrere Architekten und damit unterschiedliche Architektursprachen zusammen zu bringen, um in der Umsetzung des einheitlichen Konzeptes dennoch Abwechslung zu gewährleisten. Damit könnte sich das Konzept positiv von zahlreichen anderen Investorenverfahren absetzen und die Chance einer eher gewachsen wirkenden, vielfältigen Stadtstruktur nutzen.

Wann die Kirschbäume nun die Hauptachse auf dem Sidol-Gelände schmücken werden, bleibt noch ein wenig abzuwarten. Zunächst bildet die Planung der Schilling Architekten die Grundlage für einen neuen Bebauungsplan. Frühestens in ein bis zwei Jahren könnte mit dem Bau des südlichen Wohngebietes begonnen werden.

Das Erbe der Moderne

Wie nun das Hauptgebäude saniert wird und welche Nutzungen derzeit für das nördliche Gewerbegebiet geplant sind, ist noch nicht sicher. So dreht sich die Diskussion an diesem Abend im Domforum um die Frage, ob dem nach vielen Mühen endlich anerkannten Denkmal als prägendes Zentrum im ehemaligen Werksgelände in dem neuen Bebauungskonzept genügend Aufmerksamkeit gewidmet wird.

Dass Denkmalpflege nicht auf Silhouettenpflege reduziert werden dürfe, gab Dr.-Ing. Walter Buschmann vom Rheinischen Amt für Denkmalpflege für die weitere Ausarbeitung der Planung zu bedenken. Eine wesentliche Bedeutung liege in der Art der Gliederung des Gesamtkomplexes entsprechend seiner Funktionen. In seinem „Proportionskunstwerk“ hat Otto Müller-Jena die jeweiligen Nutzungen durch einzelne Baukörpern ablesbar gemacht. Innerhalb dieser Proportionen spiele auch das Verhältnis der klaren Baukörper zu ihrem organischen Umfeld eine wichtige Rolle, was bei einer durchgehenden Begrünung des Geländes zu berücksichtigen sein wird, erläuterte der Experte für Industriedenkmäler.

Einige Fragen musste sich Prof. Johannes Schilling für dieses schöne Konzept der Kirschbaumallee also doch gefallen lassen: Kann bei einer neuen, durchweg edlen Anmutung das Industriedenkmal noch als solches wahrgenommen werden? Wie weit darf -nicht nur im Sinne der Denkmalpflege- dieses Betriebsgelände also verwandelt werden, ohne dass sein Charakter gänzlich verloren geht?

Im Spannungsfeld zwischen Investoreninteressen, wirtschaftlichen Erwägungen, gestalterischen Leitideen und der Denkmalpflege einzelner Gebäude sollte nicht vergessen werden, die Spuren der Geschichte auf dem Gelände in Zukunft nicht nur sichtbar, sondern auch erlebbar zu machen.

Ragnhild Klußmann

Es diskutierten: Prof.Johannes Schilling,Architekt Köln, Dr.-Ing Wolfgang Buschmann, Köln

Moderation: Jürgen Keimer, Journalist Köln

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Eingang an der Eupener Straße

Die Torgebäude aus den 50er Jahren

Hier soll bald eine Allee entstehen.

Der markante Wasserturm

Alle südlichen Gebäude werden abgerissen

Die Diskussionsrunde im Domforum: v.l. Jürgen Keimer, Prof. Johannes Schilling, Dr.-Ing. Wolfgang Buschmann

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