Der Architekturhistoriker Wolfgang Pehnt spricht in der AFR-Reihe 'Die Kirche im Dorf lassen' über Zukunftsperspektiven für Kirchengebäude.

Immer wieder zeigt Wolfgang Pehnt bei seinem Vortrag im Domforum das Dia einer Wiese, einer Brachfläche. Bewusst setzt er es als Leitmotiv ein, denn er möchte vor „Drohenden Verlusten“ warnen. Auf der gezeigten Wiese in Gatow bei Berlin stand bis zum Sommer 2005 eine Kirche von Rudolf Schwarz. In St. Raphael wurde nur 40 Jahre nach ihrer Erbauung der Entwidmungsgottesdienst gehalten, die Kirche an einen Supermarktbetreiber verkauft. Die äußere Hülle sollte erhalten bleiben, der Supermarkt in das ehemalige Gotteshaus einziehen. Doch dann, kurz bevor der Berliner Landesdenkmalrat zusammenkam um über die Qualifikation von St. Raphael als Denkmal zu beraten, wurde sie abgerissen. Die Kirche fiel in einer Nacht- und Nebelaktion.

Schicksal der Kirchen

„St. Raphael ist zu einer Art Menetekel für das Schicksal vieler Kirchen geworden“, stellt Pehnt fest. Sie steht beispielhaft für die Kirchenarchitektur der Moderne, die es schwer hat in Deutschland. Nur selten stehen Nachkriegskirchen unter Denkmalschutz. „Denkmalpfleger sind unterschiedlich sozialisiert“, erklärt Pehnt, „wer mit der Modernekritik der 70er/80er Jahre aufgewachsen ist, tut sich schwer mit der Unterschutzstellung eines Schwarz-Baus.“

St. Raphael ist kein Einzelfall, denn nach dem zweiten Weltkrieg wurden viele Kirchen gebaut, meist in Neubaugebieten. Die Gemeinden waren aktiv, man erwartete einen starken Bevölkerungszuwachs. Damals waren Pastoren stolz darauf in einem neuen Gotteshaus predigen zu können. Heute ist das anders: „Kirchenbauten der damaligen Zeit sind nicht geliebt“, behauptet Wolfgang Pehnt, und „zur Liebe kann man niemanden zwingen“.

Doch die emotionale Komponente ist nur ein Teil des Problems. „Es gibt weniger Menschen und weniger aktive Christen“, konstatiert Pehnt, die Kirchen sind nur selten gefüllt. Zudem ist bei den meisten Kirchen der Nachkriegszeit jetzt die erste Generalsanierung fällig, es entstehen hohe Unterhaltungskosten. Wirtschaftlich betrachtet genau der richtige Zeitpunkt um sich von einem Gebäude zu trennen.

Wirtschaftliche Entscheidung

Die Haushaltslage der Diözesen und der Landeskirchen ist desolat. „Es gilt abzuwägen zwischen der Weiterbeschäftigung des Personals auf der einen Seite und dem Erhalt der architektonischen Substanz auf der anderen Seite“, so Pehnt. Die Ratschläge der Unternehmensberater lauten deshalb immer wieder: Verkauf von Immobilien. Doch der Wert einer Kirche lässt sich nicht nur in Geld messen. „Kirchen und Pfarrhäuser sind das letzte, was noch ein Zentrum bietet. Kirchen liegen in ihrem Stadtteil meist zentral, sie binden den Ort zusammen.“ Außerdem sind sie „Stein gewordene Biographien, an die sich Erinnerungen heften“, beleuchtet Pehnt die Bedeutung von Kirchengebäuden.

Und selbst wenn die Kirche als Kirchenraum aufgegeben wird, stellt sich noch die Frage der künftigen Nutzung: Im Idealfall können Gemeindenutzungen in die frühere Kirche integriert werden, so ist das Gebäude seinem alten Zweck noch nah. Als weitere Möglichkeit sehen die Kirchen eine kulturelle Nutzung vor, Beispiele gibt es einige: Bereits 1966 wurde die Franziskanerkirche in Frankfurt an der Oder zur Konzerthalle umgebaut, die Friedrichswerdersche Kirche in Berlin-Mitte ist seit 1987 ein Skulpturenmuseum und die Berliner Eliaskirche wird heute als Kindermuseum genutzt. „Aber so viele Kultureinrichtungen, wie es überzählige Kirchen gibt, werden nicht gebraucht und können auch nicht finanziert werden“, stellt Pehnt fest. Kleinteilige Wohnungen, auch eine „würdige“ Nutzung, sind in der Regel in einer ehemaligen Kirche schwer unterzubringen, deshalb werden andere Nutzungen erwogen und auch realisiert.

Küchenstudios und Restaurants

Wolfgang Pehnt führt in seinem Vortrag einige Umnutzungen an, die seiner Meinung nach mindestens zweifelhaft sind: Die Nieuwe Kerk in Dordrecht in den Niederlanden, die 1986 zum Küchenstudio umgebaut wurde oder die evangelische Dorfkirche in Willingen im Sauerland, die heute als Gaststätte genutzt wird. Der architektonische Tiefpunkt: Die frühere Kanzel als eine Art Übertopf für eine Zimmerpflanze. „Der schlechte Geschmack fängt also nicht erst an, wenn das Rotlichtmilieu einzieht“, fasst Pehnt zusammen.

Eine weitere Nutzungsmöglichkeit, die Pehnt anführt, wird vom Publikum begeistert aufgenommen: „Eine Art überdachte Piazza als frei zugängliche Schutzzone ohne Konsumzwang.“ Jedoch lägen die gesetzlichen Hürden für eine solche Nutzung sehr hoch.

Was die Kirchen davon abhält, ihre abgelegten Gebäude einfach an andere Religionsgemeinschaften weiterzugeben, sind hingegen ideologische Hürden: Nur an christliche Gemeinschaften darf ein Kirchengebäude weitergegeben werden, keinesfalls an islamische Gemeinden. „Eher wird ein Bau preisgegeben, als ihn einer anderen Religion zu überlassen“, kritisiert Pehnt diese Vorgehensweise der christlichen Kirchen, „wären frühere Jahrhunderte so verfahren, gäbe es weder die Hagia Sophia noch die Mezquita von Córdoba.“

Kontrollierter Verfall

Insgesamt plädiert Pehnt für die unbedingte Erhaltung der Kirchenräume, auch unter anderer Nutzung. „Manche Gebäude sind heute nur erhalten weil sie zwischendurch Lazarett oder Pferdestall waren“, erklärt er. Sollte sich gar keine Nutzung finden, könnten die Kirchen auch dem kontrollierten Verfall preisgegeben werden. Auch eine Ruine kann die Würde des Raumes erhalten, wie Alt St. Alban in Köln zeigt.

„Wir sollten diese Bauten verteidigen“, appelliert Wolfgang Pehnt zum Abschluss seines Vortrages, und dies richtet sich an die Architekturverbände wie auch an eine breite Öffentlichkeit. Nur so kann den Kirchen der Nachkriegszeit das gleiche Schicksal wie St. Raphael von Rudolf Schwarz erspart bleiben.

Informationen über die Vortragsreihe des AFR:

->Die Kirche im Dorf lassen

Vera Lisakowski

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Eine Reaktion auf “Ungeliebt und abgerissen”

  1. Harald Büring

    Ich finde es sehr schade, dass die Kirche St. Ursula in Kalscheuren profanisiert werden soll. Diese Kirche ist nicht nur von der Bauweise interessant, sondern vermittelt den Gemeindemitglidern auch Zusammengehörigkeit und Heimatgefühl. Warum sollte das zerschlagen werden?

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