Immer mehr Kirchengebäude werden für profane Zwecke genutzt, doch was den Kirchen lieb ist, ist architektonisch nicht immer umzusetzen.

Die katholische und die evangelische Kirche ziehen jeweils ihre eigenen Grenzen bei Überlegungen zur Umnutzung von Kirchengebäuden. Diese Grenzen haben jedoch meist nichts mit der Pflege des Baudenkmals Kirche oder mit dessen architektonischer Qualität zu tun, sie sind rein ideologisch geprägt. So ist zum Beispiel eine Diskothek in einem ehemaligen Gotteshaus für die Kirchen unvorstellbar – rein architektonisch ist es aber durchaus möglich, da die Eingriffe in die Bausubstanz minimal sind und der Raum in seiner Gesamtheit noch zur Geltung kommt.

Kulturnutzung – wenig Bedarf

Der Bedarf an Diskotheken oder Eventräumen ist sicher größer als an Räumen für kulturelle Nutzung – die Nachnutzung, die den Kirchen am liebsten ist. Wird ein Raum für Konzerte eingerichtet, sind wohl die wenigsten Eingriffe in die Bausubstanz nötig, aber auch Ausstellungsräume kommen häufig mit wenigen Stellwänden aus. Beispiele für Ausstellungsräume in ehemaligen Kirchen gibt es inzwischen einige, aber auch für Museen, die eine erhebliche Umgestaltung notwendig machen.

Zwischen Kirche und Wasser besteht zwar kein direkter Zusammenhang und doch gibt es gleich mehrere Museen zum Thema in ehemaligen Kirchenräumen: Das Schifffahrtsmuseum in Wörth beschäftigt sich seit 1991 mit der Mainschifffahrt und dem Schiffbau. Kleine freistehende Vitrinen und eine unauffällige Galerie beeinträchtigen den Kirchenraum kaum. Das Deutsche Meeresmuseum in Stralsund ist umfangreicher angelegt, das machte auch größere Einbauten erforderlich. Die Zwischendecken auf einer Stahlkonstruktion zerschneiden zwar die Kirche und die Aquarien sind allein durch ihre Größe eine Beeinträchtigung des Raumes, aber dennoch hat man einige Kirchenelemente erhalten. So enden die Zwischendecken vor dem Chorraum, er ist noch in seiner ursprünglichen Form erhalten, hineingehängt wurde ein Walskelett, das den Raum noch betont. Zudem wurde Wert darauf gelegt, den Blick in den Chorraum frei zu halten und im Obergeschoss ist der Blick auf die Gewölbedecke frei.

Wohnungen – schwer realisierbar

Auch Wohnnutzung wird – insbesondere wenn es sich um sozialen Wohnungsbau handelt – von den Kirchen für möglich erachtet. Architektonisch ist diese Umnutzung eher schwierig, da bei kleinen Wohneinheiten der Gesamteindruck des Raumes nicht mehr erlebbar ist. Ein ganz gut gelungenes Beispiel ist die evangelische Lutherkirche in Berlin Spandau, die 1997 umgenutzt wurde, da die Kirche mit 1.300 Plätzen zu groß geworden war. Hier wurde die Kirche mit einer schalldichten Wand zweigeteilt. Der Ostteil ist in voller Höhe Sakralraum und wird weiterhin für kirchliche Zwecke genutzt. Im Westteil sind im Erdgeschoss Gemeinderäume untergebracht, darüber befinden sich neun Wohnungen. Nicht nur im Sakralraum, auch in einem Großteil der Wohnungen ist die Kirche aus dem Jahr 1896 noch erlebbar. Die Gewölbedecken sind erhalten und aus den Rosetten wurde das Glas entfernt, so dass dahinter liegende Isolierglasfenster nicht nur die Belichtung sondern auch die Belüftung der Wohnungen übernehmen können. Diese Lösung ist nicht optimal, dezentere Rahmen und eine andere Aufteilung der Fenster hätten hier noch einiges verbessern können. Doch ist hier schon eine hohe Summe investiert worden, mit sieben Millionen Mark Baukosten wird das Gebäude immer wieder “teuerster Sozialbau der Republik” genannt.

Auch die Friedenskirche in Mönchengladbach-Rheydt wurde zu einem Wohnhaus umgenutzt. Auf vier Etagen sind hier jetzt Wohnungen untergebracht, die den Vorgaben des sozialen Wohnungsbaus entsprechen. Erschlossen werden sie über Laubengänge im Zentrum des Kirchenschiffs. Nur in den Wohnungen in der Apsis ist der Kirchenraum noch annähernd erfahrbar. In den übrigen Wohnungen erinnert allenfalls das dicke Außenmauerwerk das in den Fensterlaibungen zu sehen ist an ein historisches Gebäude. Der Einbau der Isolierglasfenster hat auch der Außenwirkung der Kirche nicht gut getan, die kleinteiligen, weiß gerahmten Sprossenfenster sind zu dominant im Ziegelmauerwerk.

Bibliotheken und Buchhandlungen – kann gelingen

Auch Bibliotheken oder Buchhandlungen können in Kirchengebäude einziehen. In die Heilig-Geist-Kirche, in der Fußgängerzone in Kempen gelegen, zog eine christliche Buchhandlung ein. Im Grunde wurden hier nur Regale in den Kirchenraum eingestellt und eine Galerie eingebaut, um mehr von der Raumhöhe zu nutzen. So ist der Kirchenraum zwar noch gut erfahrbar, die Umsetzung wirkt allerdings uninspiriert und langweilig. Auch die Wirtschaftlichkeit muss hier in Frage gestellt werden, denn der Raum wird nicht ausgenutzt, muss aber trotzdem voll beheizt werden.

In die Marienkirche in Müncheberg hingegen hat man einen einzeln beheizbaren Baukörper eingebaut, in ihm ist unter anderem die Stadtbibliothek untergebracht. Ein ganz besonderes Beispiel dafür, wie es gelingen kann, Einbauten in eine Kirche einzubringen und trotzdem die volle Raumwirkung zu erhalten.

Büroräume – durchaus möglich

Einer Umnutzung zu Büroräumen steht die Kirche weniger aufgeschlossen gegenüber. Entscheidend ist wohl, wer die Büroräume nutzen wird. So wird die 1965 geweihte Bonifatiuskirche in Münster heute als Redaktions- und Verlagsgebäude genutzt, vom Dialog-Verlag, ein Unternehmen im Besitz des Bistums Münster, kirchliche Zeitschriften werden hier herausgegeben. Ein offener redaktioneller Großraum auf drei Ebenen mit einem großen Luftraum im Zentrum lässt den ursprünglichen Kirchenraum noch wirken. Die Einbauten sind vom alten, denkmalgeschützten Gebäude komplett getrennt und bilden mit der weißen Farbe und den vielen Glasflächen auch einen deutlichen Kontrast.

Die kleine evangelische Kirche im brandenburgischen Milow hätte keine Überlebenschance gehabt, wäre nicht die Sparkasse hier eingezogen. Auch hier werden häufig ideologische Kritikpunkte zuerst genannt. Steht doch schon in der Bibel, dass Jesus die Geldwechsler und Händler aus dem Tempel in Jerusalem vertrieb, damit sie nicht “das Haus meines Vaters zu einem Kaufhause” machen. Doch auch vom Architektur-Standpunkt ist diese Umnutzung kritisch zu sehen. Zwar ist die Kirche im Dorf erhalten geblieben, doch so “glatt” renoviert dass sie auch als Neubau durchgehen könnte. Und im Innenraum ist von der Kirche nichts mehr zu sehen – eine Sparkassenfiliale wie jede andere.

Gastronomie – auf die Umsetzung kommt es an

Einer gastronomischen Nutzung stehen die Kirchen nur in Teilen aufgeschlossen gegenüber – obwohl doch viele Konzepte gerade hier mit geringen Eingriffen in die Substanz umzusetzen sind. Ein sehr gelungenes Beispiel ist die Martinikirche in Bielefeld, die trotz der profanen Nutzung den Kirchenraum als solchen noch erfahren lässt. Die moderne Inneneinrichtung kontrastiert mit der neugotischen Kirche, hebt dadurch ihre Raumwirkung noch und verleiht ihr so neue Würde.

Auch im sauerländischen Willingen lässt sich der Raum der evangelischen Kirche noch erfahren. Die zur Kneipe “Don Camillo” umgestaltete Kirche ist im Gegensatz zur modernen Martinikirche rustikal, die Einbauten wurden erhalten und in einem ähnlichen Stil ergänzt. An der Stelle des früheren Altars wurde ein bulliger Kachelofen eingebaut. Den Zugang zu ehemaligen Kanzel versperrt heute allerdings eine Topfpflanze. Über Geschmack lässt sich sicher streiten, doch wirkt diese Standard-Dorfkneipe in der Dorfkirche plump. Anders als in Bielefeld mag man hier die Kritik der Kirchen gerne teilen, dass eine gastronomische Nutzung nicht der Würde des Gebäudes entspricht.

Schmaler Grat

Diese Beispiele machen deutlich, dass es nur ein schmaler Grat zwischen guter und schlechter Umsetzung, zwischen Würde und Blasphemie ist. Dabei kommt es weniger auf die Nutzungsart als auf die Gestaltung an, sie verlangt eine besondere Sensibilität – und manchmal auch den Mut zu ungewöhnlichen Ideen.

Diese Ideen ließen sich auch bei anderen Nutzungsarten umsetzen, an die man sich in Deutschland möglicherweise noch gar nicht herangetraut hat. Ein Hotel ist zum Beispiel eine Möglichkeit, da Hotelgäste gerne in einer interessanten Umgebung übernachten und auch bereit sind, dafür etwas mehr Geld auszugeben. Auch Diskotheken oder Räume für Events, wie zum Beispiel Modenschauen, sind vorstellbar. Eine Tanzschule könnte eine kleinere Kirche als Tanzsaal nutzen und hätte zugleich eine festliche Umgebung für den Abschlussball. Exklusive Möbel- oder Antiquitätengeschäfte könnten ihre Stücke dort ausstellen, oder Designer sie als Atelier nutzen.

Es gibt also mehr Nutzungsmöglichkeiten als sie bisher in Deutschland realisiert sind, gemeinsam ist ihnen eines: Die neue Nutzung muss exklusiv sein, denn es ist viel Geld notwendig, zum einen um das Gebäude zu erhalten, zum anderen aber auch um viel Raum zu verschenken und der Kirche den Luftraum zu lassen, den sie braucht, um ihre Wirkung zu entfalten.

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Walskelett im Chor der ehemaligen Kirche in Stralsund.

Foto: Deutsches Meeresmuseum

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Trotz der starken Eingriffe in den Innenraum ist das historische Gebäude noch zu erkennen.

Foto: Deutsches Meeresmuseum

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Innenansicht des verkleinerten Sakralraumes der Lutherkirche mit der Trennwand zum Wohnbereich.

Foto: Fotograf Nitzschke, Berlin

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Ein Wohnraum der Lutherkirche nach der Fertigstellung.

Foto: Ketterer-Architekten

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Heilig Geist Kapelle in Kempen, Galerie in der Buchhandlung.

Foto: Dewey + Blohm-Schröder Architekten

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Heilig Geist Kapelle in Kempen, Buchhandlung.

Foto: Dewey + Blohm-Schröder Architekten

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Kirche in Milow vor der Renovierung.

Foto: Bernd Janowski, Förderkreis Alte Kirchen

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Sparkassenfiliale in der Kirche in Milow.

Foto: Bernd Janowski, Förderkreis Alte Kirchen

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Eine Reaktion auf “Umnutzungen und ihre Grenzen”

  1. Gregor Dewey

    Sie schreiben: Umnutzung der Heilig-Geist-Kapelle wirkt uninspiriert und langweilig.
    Waren Sie vor Ort? Und bitte verwechseln Sie nicht eine maßvolle Zurückhaltung mit Langeweile. Es sollte nicht überall gleich die Post abgehen.
    Gut das nicht alle Ihrer eher oberflächlich anmutenden Meinung sind.
    Gruß und schöne Weihnachtstage, gd

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