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Krönung in der Kantine
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26.10.2010
Obwohl die Oper ihr eigenes Haus wider Erwarten noch nutzen kann, werden in dieser Spielzeit auch andere Orte bespielt. Wir gehen auf eine musikalische wie architektonische Reise mit der Oper.

Es ist diese ganz besondere Stimmung, die den Unterschied macht. Denn eigentlich ist alles wie in der Oper: die Glasfront, das Foyer, die gut gekleideten Besucher, die Garderobe, die Bar. Es ist aber nicht die Oper, sondern die ehemalige Zentrale des Gerling-Konzerns, die derzeit zu Eigentumswohnungen umgebaut wird und die eines der Auweichquartiere der Kölner Oper in dieser Spielzeit ist. Und das sorgt für diese ganz besondere Stimmung: Voller Entdeckerfreude strömen selbst die abgeklärtesten Opern-Abonnenten in den Veranstaltungssaal als – von Hand! – geklingelt wird.

Der Raumklang

"Die Krönung der Poppea", eine Barock-Oper des Komponisten Claudio Monteverdi, wird gegeben, im "Jarhundertsaal". Ein reichlich euphemistischer Name für die frühere Gerling-Kantine. Für eine Kantine aus den 1950er Jahren – das muss man doch zugeben – ist der Saal allerdings auch üppig ausgestattet. Dominierendes Element ist die Kuppel in der Mitte. Und nun auch die Bühnenkonstruktion, die den Saal und damit das Publikum längs durchschneidet. Unter die Kuppel hat Bühnenbildner Dieter Richter eine von innen beleuchtete runde Bühne gebaut, zwei lange Stege erschließen sie von den Schmalseiten des Saales. Auch musikalisch steht die Kuppel durchaus im Zentrum des Spiels. Nicht nur dadurch, dass die umlaufende Galerie bespielt wird – von den Angestellten Neros, die in Monteverdis Fassung mal Götter waren – sondern vor allem dadurch, dass die Stimmen der Sängerinnen in ihr nachhallen. Auch dieser Raumklang macht den Abend musikalisch außergewöhnlich, genauso wie die spezielle Anordnung des Orchesters, oder vielmehr: der Orchester. Der musikalische Leiter Konrad Junghänel hat es aufgeteilt und zwei Orchester rechts und links der Bühne platziert. So muss Junghänel zwar immer über die Bühne hinweg dirigieren um die Musiker zu koordinieren, aber diese Anordnung sorgt für einen ungewöhnlichen Stereo-Klang, der dadurch verstärkt wird, dass die Orchester auch abwechselnd spielen.

Liebe und Intrigen

Umschlossen werden Bühne und Orchester von einer mit roter Gaze bespannten Ständerkonstruktion, deren obere Querbalken zugleich für die Übertitelung genutzt werden. Auf die allerdings mag man gar nicht schauen bei dem, was auf der Bühne passiert: Kaiser Nero ist seiner Geliebten Poppea verfallen und verspricht ihr, sie zur Kaiserin zu machen. Dazu muss er aber zunächst seine Gattin Ottavia loswerden, die ihm dabei hilft, indem sie zu einem Mordversuch an Poppea anstiftet. Ottavia wird verbannt, der Weg für Nero und Poppea ist frei. Regisseur Dietrich Hilsdorf kann sich dabei ganz auf die sängerische wie schauspielerische Kraft aller seiner Darsteller verlassen. So die Mezzosopranistin Romina Boscolo als melancholische Ottavia oder der Bassbariton Wolf Matthias Friedrich der als Philosoph Seneca mit seiner tiefen Stimme besonders die Frauen im Saal begeistert. Im Mittelpunkt stehen aber Sandrine Piau mit ihrem lyrischen Sopran als resolute Poppea und der Countertenor Franco Fagioli als absurd verliebter Nero. Sie bilden das Traumpaar dieses Kammerspiels, das am Ende eigentlich glücklich vereint sein sollte und die sich doch weit entfernt gegenübersitzen – an den Schmalseiten eines riesigen Schreibtisches.

Bezüge zum Spielort

In diesem Schreibtisch findet sich auch der Spielort wieder. Es ist ein verkleinerter Nachbau des Tisches von Hans Gerling und bildet zusammen mit drei Ray & Charles Eames Schreibtischstühlen das schlichte Bühnenbild. Abwechselnd räkeln sich die Frauen auf dem Tisch, auf ihm findet der Mordversuch statt. Und er zeigt, wie auch die prächtigen, aber sehr heutigen Kostüme, dass Monteverdis Oper von 1642 mit seinen Machtspielen Themen unserer Zeit behandelt und genauso vom Lenker eines Großkonzerns handeln könnte. Diesen Zusammenhang versuchen auch die Videoprojektionen über den Köpfen der Musiker zu verdeutlichen. Ein Filmteam ist mit den Darstellern durch die Gänge und Räume der ehemaligen Gerling-Konzernzentrale gezogen, um die Handlung mit entsprechenden Szenen zu untermalen. So interessant diese Entdeckungsreise auch sein mag – dafür möchte man nun doch den Blick nicht von der Bühne nehmen.

Pausenintermezzo

Da reizt dann doch eher das musikalische Intermezzo, das zu Beginn der Pause gegeben wird und die Damen in den Venezianischen Saal – eine holzvertäfelte Scheußlichkeit – führt, während die Männer in der ausgebauten aber noch gekachelten Küche bleiben. Der Gang durch den malerischen Garten im engen Innenhof hat auch im Dunkeln seinen Reiz und lässt die Entdeckerfreude noch einmal aufflammen. Gerne hätte man noch mehr von den Gebäuden gesehen. Aber dafür auch nur auf eine Minute dieses perfekten Opernabends zu verzichten, kommt gar nicht in Frage. Insbesondere da es keine Chance gibt, ihn noch einmal zu erleben: Alle weiteren Aufführungen sind bereits ausverkauft.

Vera Lisakowski

Wiederbelebungsversuch einer Geisterstadt
Zur Planung des Gerling-Quartiers - mit weiterführenden Links

"Koalitionsarithmethik"
Stand zur Planung des Opernquartiers nach der Ratssitzung vom 7.10.2010

Strahlen statt Gammeln
Interview mit Jörg Jung von der Initiative "Mut zur Kultur"

Kölns Schauspielhaus
Chronik der Schauspielhaus-Debatte und Planungsstand zum Opernquartier (mit weiterführenden Links)

Homepage der Oper Köln

oper poppea 1
[+] Der Jahrhundertsaal - die ehemalige Kantine des Gerling-Konzerns.
Fotograf: Matthias Baus

oper poppea 4
[+] Romina Boscolo als Neros Gattin Ottavia (links), Adriana Bastidas Gamboa spielt als Neros Angestellte Damigella die Göttin der Tugend Virtù und im Hintergrund Franco Fagioli als Nerone.
Fotograf: Paul Leclaire

oper poppea 3
[+] Der als Frau verkleidete Ottone (David DQ Lee) versucht auf dem Tisch seine Ex-Freundin Poppea (Sandrine Piau) zu ermorden.
Fotograf: Paul Leclaire

oper poppea 6
[+] Nerone (Franco Fagioli) krönt Poppea (Sandrine Piau) zur Kaiserin.
Fotograf: Paul Leclaire

 

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