Die Kirche im Dorf in der Stadt

Nebel Pössl Architekten haben die Schlusssteine im ehemaligen Kinderheimgelände gesetzt

Gottfried Böhms Waisenhauskirche und ihre benachbarten Bestandsgebäude sowie blockschließende Neubauten lösen mit ihren vielfältigen Angeboten nun das Versprechen ein, das bei der Entwicklung des Kinderheimgeländes von Anfang an mitschwang: „Veedel im Veedel“ oder Dorf in der Stadt zu sein. Nachdem die Heimstätten 2012 das Gelände endgültig verlassen hatten, entwickelte es sich nach einem Masterplan von Luczak Architekten und FSW Landschaftsarchitekten zu einem neuen Wohnquartier. Mit relativ engen, autofreien Gassen und jede Menge Leben vor den Haustüren ist es tatsächlich ein besonderes Stück Stadt. Das Projekt von Nebel Pössl Architekten stellt jetzt die Verbindung zum Gürtel her und bildet die neue Mitte des Quartiers.

Blick auf das neue Quartier zwischen Sülzgürtel und Beethovenpark. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Platz am Sülzgürtel © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Die „Baufelder 1 und 2 mit Kirche“ mit circa 8.400 qm waren die letzten der insgesamt sieben, die die Stadt verkaufte. Das Kinderheim war eine städtische Einrichtung, und somit gehörte auch die Kirche der Stadt. Den Zuschlag erhielt die Genossenschaft Köln-Sülz e.G., die für das Projekt 57,5 Mio Euro an Baukosten aufwand. Im Einladungswettbewerb überzeugten Nebel Pössl Architekten mit einer „durchgängig einfachen Gliederung und zurückhaltenden Plastizität der Fassaden des Gesamtensembles.“

Stellt ein Dämmproblem dar und doch war es lohnend, sie zu erhalten: die Rasterfassade aus den 1960ern. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Zum Schmuckstück geworden, dabei wurde nicht viel verändert, nur erneuert. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Die gelblichen Ziegelriemchen an den Neubauten greifen das Farbspektrum der Häuser auf, die gegenüber am Sülzgürtel liegen. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Nördlich der Kirche war ein Wohngebäude aus den 1960er Jahren mit Rasterfassade, Betonlisenen und grau-rosafarbenen Brüstungsflächen einzubeziehen, südlich liegt ein etwas älterer, winkelförmiger Verwaltungsblock mit dunkelgrauem Verputz und Satteldach. Die Neubauten erhielten gelbliche Ziegelriemchen mit leichtem, rötlichem Zuschlag aus Tonmehl, die sich an den Fassadenfarben der Nachbarn gegenüber orientieren.

Die Kirche im Dorf

Gottfried Böhms Bau Zur Heiligen Familie, eine „Kirche für Kinder mit viel Licht und frohmachenden Symbolen,“ entstand zwischen 1955 und 1959. An den zweigeschossigen Betonkubus schließt westlich der neobarocke Turm des Vorgängerbaus an. Auf dem verglasten Erdgeschoß liegt der eigentliche Kirchraum. Innen- und Außenwände sind aus Schüttbeton. Ähnlich wie bei St. Anna in Ehrenfeld sind die meisten Schichten mit Ziegelmehl rot gefärbt.

Die weidenden Schafe auf der Fassade aus Schüttbeton. Der Hirte hütet an der Ostwand. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Lochwände mit paarig gesetzten Bleiglasfenstern. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Außen auf der Fassade weidet der Hirte seine Schafe – als Betonplastiken gestaltet –, innen beeindruckt eine Lochwand mit 128 je paarig gesetzten achteckigen Bleiglasfenstern, auf denen rundgesichtige Kinder musizieren. Der Kirchenraum war früher nur durch eine schmale Treppe im Turm und über zwei Brückenflügeln aus den Nachbargebäuden zugänglich. Dort hielten sich während der Messen die Nonnen und die kranken Kinder auf.

Ursprüngliches Raumgefühl

Für die Umwidmung mussten der Altar und das Ziborium gemäß Kirchenrecht zerstört werden. Die bewegliche Ausstattung gelangte in andere Gemeinden oder Depots, doch die in Bauverband befindliche wie die Beichtstühle und der Kreuzweg konnte bleiben. Der Umbau erfolgte in enger Abstimmung mit dem Büro Böhm und der Denkmalpflege. Bork Schiffer von Nebel Pössl Architekten schildert die Grundidee für den Umbau der Kirche in einen Kulturraum: „Wir haben die Funktionen umgedreht – wo der Altar stand, ist heute die Treppe. Das ist ein gravierender Eingriff. Gleichzeitig wollten wir das ursprüngliche Raumgefühl erlebbar und die Änderungen wie selbstverständlich wirken lassen. Deshalb haben wir alle Einbauten im Möbelcharakter gelassen, auch die neue Treppe.“ Der feierliche Saal mit circa 500 qm Fläche steht für Feste und Veranstaltungen zur Verfügung, das Catering betreibt das Restaurant Platz4 von nebenan.

Der Kirchenraum wurde zurückhaltend mit einer neuen Treppenanlage, einer Empfangstheke, offenem Aufzug, raumakustischen Oberflächen und einem neuen Lichtkonzept umgebaut. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Alle Einbauten sind im Möbelcharakter gelassen. Über der Akustikdecke mit den modernen Beleuchtungselementen liegt die originale Faltdecke. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Für das Erdgeschoss war zunächst ein Restaurant oder eine Kita geplant, doch dann beschloss der Entwickler und Bauherr, die GWG Köln-Sülz, selbst einzuziehen. Sie nutzt auch die Flächen in den Brücken und hat damit circa 700 qm zur Verfügung. Die Brücken mussten aus statischen Gründen abgerissen und erneuert werden. Gottfried Böhm selbst hielt sie für entbehrlich, die kirchliche und staatliche Denkmalpflege aber nicht. Sie sieht in ihnen ein wichtiges Element, das den Ensemblecharakter von Kinderheim und Kirche sichtbar machte. Nun sind sie als Stahltragwerk mit einer mehrschichtigen Haut aus Glas und Verbundplatten aus Aluminium gestaltet, deren Perforation die achteckigen Öffnungen der Kirchenwand zitiert. Die Brücken bewahren damit äußerlich ihren ursprünglichen, geschlossenen Charakter, bieten jedoch Aus- und Durchblicke in die ehemalige Kapelle und auf den Platz.

In den Brücken liegen Büros der Genossenschaft. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch
Die Durchgänge waren ursprünglich nur mit halbhohen Brüstungen vom Kirchenraum getrennt und ansonsten offen. Diese Transparenz blieb beim Umbau erhalten. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Überhaupt war es ein glücklicher Umstand, dass die Genossenschaft auch für den Umbau der Kirche als Träger auftrat: „Wenn man als Betreiber auf schwarze Zahlen hin kalkulieren muss, ist das nicht einfach. Wir haben hier nicht alle Möglichkeiten, bei Komfort und Funktionalitäten immer das Optimum zu bieten. Was aber keine so große Rolle spielt, da wir selbst das Objekt nutzen,“ sagt Safoura Chalak, die Leiterin des Projektes auf Genossenschaftsseite. Dass die Bauherren im Kulturraum zum Beispiel aus ästhetischen Gründen auf sichtbare technische Ausstattung so weit wie möglich verzichten, ist ihnen hoch anzurechnen. Die für Veranstaltungen notwendige Theke kann zugeschoben werden und verschmilzt mit der Treppenbrüstung.

Wohnen!

Nicht nur das Architektur-, auch das Wohnungsbaukonzept von Nebel Pössl Architekten geht gut auf. Wohnungen für Familien und berufstätige Einzelhaushalte in den Neubauten am Sülzgürtel und der Münstereifeler Straße verknüpfen freifinanzierte und geförderte Modelle in jeweils einem Gebäudeteil. Hier gibt es auch Maisonnettewohnungen mit eigenen Hauseingängen. Die Altbauten eignen sich gut für Wohngruppen. Ältere Menschen wohnen mit Blick auf die Kita; in den Dachgeschossen des Verwaltungsgebäudes gibt es Apartments für Studierende. In dem 60er Jahre Bau hat sich eine Behinderten-Wohngruppe eingerichtet.

Spielplatz auf Supermarkt: Intelligente Verschachtelung von Bauteilen und Nutzungen. © Nebel Pössl Architekten, Fotograf HG Esch

Die Außenbereiche der Wohnungen sind zu den Innenhöfen orientiert. Die großzügigen und sehr hohen Keller erschließen zwei abgesenkte Innenhöfe, die die hier ansässigen gewerblichen Mieter nutzen. Die öffentlichen Funktionen – Supermarkt, Praxen, Restaurant usw. – sind auf den Platz vor der Kirche hin orientiert. Dieser wirkt derzeit noch etwas unfertig und lieblos, seine Gestaltung ist Sache der Stadt. Sehr gelungen ist die Integration des Rewe Marktes, der kompakt und mehrgeschossig im nördlichen Neubau liegt und dessen Dach als Gemeinschaftsgarten dient.

Alles in allem ein klug die vorhandenen Qualitäten herausarbeitendes Projekt, das in seiner heterogenen Gestaltung die Ideale genossenschaftlichen Wohnens zum Ausdruck bringt und diese auch umsetzt, indem es soziale Durchmischung vorsieht und fördert.

 

Ira Scheibe

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