κοινωνία/Koinonia heißt Öffnung durch Teilhabe

Das Forum am Deutzer Dom von Kastner Pichler Architekten macht die Gemeinde St. Heribert sichtbar

Über Jahrhunderte beschrieb die Kirche ihren Auftrag mit den drei griechischen Begriffen: „Martyria“, „Liturgia“ und „Diakonia“. Mit dem Zweiten Vatikanischen Konzil wurde noch eine vierte Weisung hinzugefügt: „Koinonia“ (oder lateinisch: communio), die den gelebten Glauben umschreibt. Gemeint ist hier das Gemeindeleben, Aufbau und Pflege der Gemeinschaft, Feste und Feiern im größeren oder kleineren Rahmen, formal wie informell. Heute muss die Kirche und somit auch St. Heribert in Deutz, sich deutlich mehr anstrengen, als früher. Angebote sich zu vergnügen, Geselligkeit zu finden gibt es zahlreich – auch in Deutz, doch nur wenige sind so offen, dass eben kein kommerzieller oder exklusiver Gedanke dahinter steht. So wünschte sich die Gemeinde St. Heribert eine generationenübergreifende Begegnungsstätte direkt neben ihrer Kirche, offen für Menschen aller Nationen und Religionen, für Krabbel- und Jugendgruppen bis hin zu Seniorenkreisen.

Ziel der Denkmalpflege war es, den Deutzer Dom wieder freizustellen, nun kann er ganz umlaufen werden, durch den Neubau entsteht im Zwischenraum ein bespielbarer Platz. © Lageplan Kastner Pichler Architekten

Nach längerer Standortsuche im unmittelbaren Umfeld der Kirche fand sich schließlich ein Grundstück direkt neben der Kirche an der Deutzer Freiheit. Der erste Schritt der Öffnung hin zur Stadt war durch die Nutzung des Kirchplatzes bereits gegeben, früher ging es hier vielleicht um den gebührenden Abstand, heute findet dort immer freitags ein Wochenmarkt statt. Und genau hier sollte der Neubau anknüpfen.

Kommt und seht

Das Kölner Büro Kastner Pichler Architekten gewann den 2013 von der Gemeinde ausgelobten Einladungswettbewerb (wir berichteten: Neues Forum), nun ist der Bau fertiggestellt und bezogen. Schlicht, aber sehr fein, hebt sich der tief in den Blickinnenraum ragende dreigeschossige Quader von seinem Umfeld ab. Viele haben hier schon zu viel versucht um aufzufallen, es ist bunt, schräg und doch irgendwie zusammengewachsen. Doch das Forum Deutz fällt auf, weil es nicht auffällt. Sichtbeton und Glas, das sind Materialien, mit denen man sich in der Stadt fast unsichtbar machen könnte. Doch darum ging es hier nicht, hier ging es um Transparenz, um Öffnung und die Formulierung einer Einladung, wie sie die massiv und solide daneben stehende Kirche für viele vielleicht nicht mehr ausspricht.

Ansicht vom Kirchgarten auf Kirche und Forum © Foto: Lukas Roth

Ein Grund für den Erfolg des Entwurfs von Kastner Pichler im Wettbewerbsverfahren war, dass sie als einzige die Vorgaben des Denkmalschutzes vollständig erfüllt hatten. Eine Auflage war es, so zu bauen, dass der „Deutzer Dom“, so wie es für eine Stadtkirche der Gründerzeit vorgesehen war, wieder vollständig umgehbar sein sollte. Die Gelegenheit war mit dem Abriss des sogenannten Torhauses gegeben, an dessen Stelle der Neubau errichtet wurde. Um das umfangreiche Raumprogramm zu realisieren, drangen Kastner Pichler Architekten mit ihrer Planung vergleichsweise tief in den Blockinnenraum vor, so sparten sie Breite und wahrten den gewünschten Abstand zu Kirche. An der anderen Seite schlossen sie das neue Forum mit einer deutichen Zäsur, einer eingerückten Fuge, in der sich ein Eingang und das Treppenhaus befinden, an das Nachbarhaus an. Mit einer Brandwand übernahmen sie dessen Höhe, der eigentliche Baukörper ist jedoch deutlich niedriger, seine Attika entspricht dem Traufgesims des westlichen Kirchenschiffs.

Es sind wenige gerade Linien, die Bezüge zwischen Alt und Neu herstellen und den Raum an der Schnittstelle von Kirche und Stadt definieren. Zur Deutzer Freiheit erhält der Kirchplatz mit dem Neubau eine klare Flanke, die durch das quasi entmaterialisierte Erdgeschoss weniger Schwelle, mehr Einladung ist. Essenziell für die Vollständigkeit dieser Geste war es auch, die tatsächlichen Stufen vor dem Westportal der Kirche der Kirche mit einer Geländemodulation zu nivellieren, so dass nicht nur der Neubau selbst, sondern das gesamte Ensemble aus Kirche und Forum barrierefrei erschlossen ist.

Forum Deutz, Grundriss Erdgeschoss © Kastner Pichler Architekten

Zwischen Kirche und Forum entsteht ein weiterer Platz mit deutlich intimerem Charakter, hier ist die Kirche alleine Hausherr, kann ihn für Feste auch zur Erweiterung des Pfarrsaals im Erdgeschoss nutzen, ein Tor muss hier nun anders als geplant schließlich doch Öffentlich und Privat trennen. Darüber hinweg fällt der Blick in den parkartig gestalteten Kirchgarten, der sich nun wie gewünscht an drei Seiten um St. Heribert legt. Hier wird es plötzlich sehr still, vergessen ist der Trubel vorne.

Was Kirche gemeinsam macht

Die Bespielung des Forums am Deutzer Dom ist die eines klassischen Gemeindehauses, ungewöhnlich, aber dem städtischen Kontext angepasst, die Schichtung der Funktionen. Da Erschließung schmale einläufige Treppen, ein Aufzugskern vor Kopf und Nebenräume in der Fuge zum Nachbarhaus aufgereiht sind, konnten Kastner Pichler Architekten die Grundrisse des schmalrechteckigen Baukörpers vergleichsweise frei gestalten. Im Gebäudekopf zur Deutzer Freiheit liegt das sogenannte Foyer, in das eine bumerangförmige Theke aus Beton mit Corianplatte fest eingebaut ist. Schön gelungen ist hier die Transparenz, die mögliche Durchsicht von der Straße bis hinten in den Kirchgarten. Eine große Öffnung in der Decke gibt Raum nach oben, ein Motiv, das die Architekten in diesem Bau sehr variantenreich gleich mehrfach einsetzen.

Zwei Säle für kleinere Veranstaltungen lassen sich mit mobilen Trennwänden abteilen, die bei Nichtgebrauch in Wandschränken parken. So ist die Kirche auch im Innenraum sehr nah, sehr präsent, Sichtschutz bei Veranstaltungen, die nicht in dieser Art Schaufenster stattfinden sollen, bieten helle Vorhänge. Auf Sonnenschutz konnte im Erdgeschoss verzichtet werden, Kirche und Bäume verhindern eine Überhitzung der Räume auf natürlich Weise.

Die „Bücherkapelle“ im 1. OG mit Ausblick auf die Deutzer Freiheit © Foto: Lukas Roth

Darüber im Gebäudekopf liegt die Pfarrbücherei in einem zwei Geschosse hohen Raum, eine Bücherkapelle, wie Konstantin Pichler sie nennt, die mit ihrem großen Fenster zur Deutzer Freiheit hin Werbung in eigener Sache macht. Zwischen die Bibliothek und den Pfarrbüros erlaubt Deckenausschnitt nun einen Blick nach unten ins Foyer.

Immer geht der Blick nach oben, Jugendraum im 2. OG © Foto: Lukas Roth

Um zweiten Obergeschoss befinden sich die Jugendräume, ihnen zugeordnet ist eine eigene Terrasse im rückwärtigen Gebäudekopf, die raumhoch mit glatten Sichtbetonwänden umschlossen ist. Ein Schutz vor Stürzen und neugierigen Blicken einerseits, andererseits eine formale Notwendigkeit, wenn man die Perfektion des Quaders nicht antasteten möchte.  Auch hier ist der Blick in den Himmel offen, auf der Terrasse natürlich, durch einen Oberlichtstreifen im Innenraum inszeniert. Noch einen Schritt weiter gingen die Planer mit der Lichtdecke im radikal auf die Materialität des Sichtbetons und den Weg reduzierten Treppenhaus, das damit zur Himmelsleiter stilisiert wird.

Terrasse am Jugendraum 2. OG © Foto: Lukas Roth

Geist und Materie

Wenn man mit weniger mehr erreichen will, reicht es nicht zu reduzieren, im Gegenteil, das wenige, das man zeigen möchte, ist umso intensiver bedacht worden, da es immer mehr als eine Funktion zu erfüllen hat. So gab es hier für die Sichtbetonbauteile ein Muster im Kirchengarten, gebaut wurde erst, als die Oberfläche den Ansprüchen von Planern und Nutzern entsprach. Der Innenausbau, Türen, Böden, Einbauschränke und Regale, erfolgte in Holz, was die Räume sehr nahbar und freundlich macht.

Auffällig gut gelöst ist die Gestaltung der Fensteröffnungen im 1. und 2. Obergeschoss. Das breite liegende Format, findet sich sowohl im Gebäudekopf, hier das Schaufenster der Bücherei, als auch dreimal an der langen Flanke. Die feststehende Verglasung nimmt den größten Teil der Öffnung ein, flankiert wird sie rechts und links von schmalen geschlossenen Elementen mit öffenbaren Flügeln zur natürlichen Belüftung. Das dunkle Anthrazit mit Eisenglimmer findet sich an allen Tür- und Fensterelementen, sowie an den Toren. Dem Sichtbeton, dessen Oberfläche irgendwann altern wird, fügt es eine wohltuende Wertigkeit und Beständigkeit hinzu.

Die Kirche immer im Blick. 2. OG © Foto: Lukas Roth

Schweres und Leichtes, Offenes und Geschlossenes, Lichtes und Dunkles. Es sind klassische Gegensätze, die Kastner Pichler Architekten hier in einesm sehr gelungenen Spannungsfeld mit- (nicht gegen-) einander einsetzen. So finden wir mit dem Forum Deutz weder ein sperriges noch ein allzu gefälliges Bauwerk vor, sondern eines, dessen Kräfte sehr kontrolliert eingesetzt wurden und eine deutliche Sprache sprechen. Koinonia, der gelebte Glaube hat hier wunderbare Räume bekommen, die, sobald die Pandemie nicht mehr dagegen spricht, die Menschen wieder miteinander sein lassen.

Uta Winterhager

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