Genug zu tun für Jahrzehnte

Die Stadtstrategie 2030+ als Kompass für die Kölner Stadtentwicklung

Nach dem Masterplan Innere Stadt (AS+P, 2008) hat die Stadt Köln im September 2020 nun eine große, langfristig orientierte Entwicklungsstrategie für die Gesamtstadt vorgelegt.

Das unter Beteiligung aller Kölner Verwaltungseinheiten und der Stadtgesellschaft von den Büros ASTOC und urbanista entwickelte Werk „Kölner Perspektiven 2030+“ (Download hier) ist laut Baudezernent Markus Greitemann ein „Kompass für die Zukunft Kölns“ in räumlich-baulicher wie auch thematisch-gesellschaftlicher Hinsicht. Oberbürgermeisterin Henriette Reker wünscht sich im Vorwort der Strategie ihre Stadt „krisenresistent, gesund und lebenswert“. Zudem betont sie den interdisziplinären Charakter des Werks, das Experten aus allen Ressorts und Wissensbereichen in einen fruchtbaren Austausch gebracht habe.

Die gute Nachricht vorweg: Die gelungene Stadtstrategie Köln 2030+ könnte diesen hohen Ansprüchen tatsächlich gerecht werden. Köln hat alle Voraussetzungen dazu und der Kompass kann wirklich was.  

Den ersten inhaltlichen Block der rund 250 Seiten starken Studie bildet „Die 360-Grad-Perspektive“. Darin stellen die Autoren gängige Zielsysteme nachhaltiger Entwicklung sowie 16 Zukunftstrends vor und ziehen Schlussfolgerungen zu künftigen Aufgabenfeldern. Dazu zählen: Nachhaltiges Stadtwachstum durch kompakte und durchmischte Quartiere, nachhaltige Mobilität mit starkem Umweltverbund, Klimaschutz und Klimawandel-Anpassung, Inklusion und Integration, Digitalisierung und Globalisierung.

Köln hat verstanden, dass es sich gerade als wachsende Stadt und attraktiver Wirtschaftsstandort um sozialen Zusammenhalt, Verbesserung der Lebens- und Wohnbedingungen, Erhalt und Verbesserung der Umweltqualität sowie um Bildungs- und Teilhabechancen für alle Menschen bemühen muss. Soweit, so richtig.

Weiter geht es mit fünf ressortübergreifenden Leitsätzen, denen 27 Entwicklungsziele für Köln zugeordnet sind, die in zehn Handlungsempfehlungen münden. Das alles sieht auf den ersten Blick ein wenig nach Sonntagsrede aus, entwickelt aber hohe Anschaulichkeit in Zusammenschau mit dem wohl interessantesten, dritten Teil der Strategie, der „Stadträumlichen Perspektive“. In diesem mehr als 100 Seiten starken Satz von intelligent und kenntnisreich ausgearbeiteten Analyse-, Schlussfolgerungs- und Zielkarten für die Zukunft Kölns gewinnen die Ziele an räumlicher Kontur.

Der erste Leitsatz „Köln sorgt für kompakte und lebenswerte Quartiere“ beginnt mit einem Bekenntnis zur Verknüpfung der Siedlungsflächenentwicklung mit Mobilitätsangeboten und Nahversorgung im Sinne einer mischgenutzten Stadt der kurzen Wege. Hier ist auch das Ziel einer nachhaltigen Liegenschafts- und Bodenpolitik zu finden. Zu hoffen ist, dass diese neue Bodenpolitik auch den Verzicht auf Abverkauf städtischer Grundstücke beinhaltet (z.B. durch Vergabe im Erbbaurecht), um die kommunale Gestaltungshoheit in der Stadtentwicklung langfristig zu sichern.

Zielkarte Wohnen: Realisierung von gemischten, lebendigen und gut angebunden Quartieren, Stand Juni 2020. Für die Legende bitte Zielkarte hier downloaden. © Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+

Ein Blick auf die Zielkarte Wohnen zeigt, wo Wohnraum in lebendigen und gut angebundenen Quartieren geschaffen werden kann. Nachverdichtungspotenziale gibt es vor allem in Veedeln mittlerer Dichte zwischen inneren und äußerem Grüngürtel. Neben den bekannten Großprojekten Parkstadt Süd, Deutzer und Mühlheimer Hafen zeigt die Zielkarte auch andere größere Wohnbaupotenzialflächen wie etwa in Rondorf, Zündorf oder im Norden von Chorweiler.

Die linksrheinische, radiale (ÖV-)Erschließungslogik spiegelt sich in die Einfallstraßen und Stadtbahntrassen begleitenden „Stadtachsen“ für übergeordnete Funktionen und stadträumliche Profilierung wider. Die ost-westliche dieser Achsen wird als „Zukunftsachse“ bestimmt. Sie spannt von Köln-Weiden über den Neumarkt über den Rhein nach Deutz und Kalk und endet in Köln-Brück. Rechtsrheinisch formuliert die Strategie eine tangentiale Zukunftsachse mit regionaler Ausrichtung in Nord-Süd-Richtung. Diese soll sich als Siedlungsband entlang der B8 von Wahn über Kalk und Mülheim bis nach Stammheim erstrecke, das vorhandene diffuse Siedlungsgeflecht zusammenfassen und langfristig aufwerten. Für das Wohn-Stadtgewebe Kölns sind drei urbane Dichtestufe vorgesehen, mit Empfehlungen zur Mindestdichte (BGF/Siedlungsfläche), die folgerichtig im Kern und an den radialen Achsen mit Versorgungszentren am höchsten ist und nach außen abnimmt.

Zielkarte Wirtschaft: Profilierung und Entwicklung zukunftsfähiger Standorte, Stand Juni 2020. Für die Legende bitte Zielkarte hier downloaden. © Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+

„Köln schafft Raum für dynamische und nachhaltige Wirtschaft und für vielfältige Arbeitswelten“ ist der zweite Leitsatz, der sich der Wirtschafts- und Wissenschaftslandschaft unter den Vorzeichen von Flächen und Raumknappheit widmet. In den Zielen enthalten sind die bessere Anbindung von Gewerbestandorten, stadtverträgliche Logistik, Verdichtung durch Stapelung von Nutzungen sowie Zwischennutzungen für die Kreativwirtschaft. Letzteres ist wichtig, denn das kreative Köln ächzt unter den horrenden Mieten und schwindenden Möglichkeitsräumen. Zu wünschen wären auch Kreativflächen, die sich abseits vom Zwischennutzungsbetrieb langfristig behaupten können. Wo das ginge, zeigt die Zielkarte Wirtschaft: In Kalk, Neu-Ehrenfeld, Ehrenfeld und am Niehler Hafen. Die Karte zeigt auch, dass Köln nicht nur Wissens- und Kreativstandort ist, sondern auch eine Industriestadt und Logistikdrehscheibe. Das ist an den Industriegebietsclustern im Norden und Süden des Stadtgebiets deutlich ablesbar. Zudem ist es immens wichtig für die Bereitstellung von Jobs auf allen Qualifikationsstufen und damit Voraussetzung wirtschaftlicher Teilhabe. Ebenso klar ist jedem, der in den GE- und GI-Gebieten der Stadt einmal unterwegs war, dass die Nachverdichtung und städtebaulich-infrastrukturelle Qualifizierung dieser riesigen Stadtbausteine noch viele Möglichkeiten für den Wirtschaftsstandort bietet. Das gilt gerade auch im Hinblick auf den Trend zur stadtnahen und weniger Lärm und Schmutz verursachenden, digital mit den Kunden vernetzten Produktion und gute Gebietsanbindungen im Umweltverbund.

Zielkarte Wirtschaft: Profilierung und Entwicklung zukunftsfähiger Standorte, Stand Juni 2020. Für die Legende bitte Zielkarte hier downloaden. © Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+

Der dritte Leitsatz „Köln sorgt für Bildung, Chancengerechtigkeit und Teilhabe“ ist in einer durch Vielfalt und stark unterschiedliche sozio-ökonomische Voraussetzungen geprägten Stadtgesellschaft essentiell. Die klaren Zielbekenntnisse zu Inklusion, Kinder- und Familienfreundlichkeit, bezahlbarem Wohnen und Bildungschancen für alle sind erfreulich und richtig. Die beiden Zielkarten Wohnen und Soziale Infrastruktur zeigen in der Überlagerung, wo all dies stattfinden soll: In den Veedeln, nah am Menschen, gut erschlossen und am Puls der Bedarfe. Hier hinein mischt sich beim Leser aber auch die Sorge, ob die Stadt Köln das alles wird leisten können. An diesem Punkt öffnet die Strategie eine weitere interessante Perspektive, die, richtig und konsequent umgesetzt, einen Paradigmenwechsel einleiten könnte – von der fürsorglich-entmündigenden Stadtplanung hin zur bürgerschaftlichen Koproduktion von Stadt. In dieser nehmen die Bürgerinnen und Bürger die Gestaltung ihrer Lebens-, Lern-, Arbeits- und Wohnumwelt, wo immer sinnvoll und möglich, selbst in die Hand oder arbeiten im Sinne der Maximierung des Gemeinwohls als Umsetzungspartner daran mit. Das reicht vom Anspruch der Stadt, bürgerschaftlichem Engagement in städtebaulichen Entwicklungsprozessen mehr Raum und echte Möglichkeiten der Mitwirkung zu geben bis hin zu dem strategischen Ziel, den Grundstücks- und Immobilienmarkt Kölns für ein breiteres (nicht ausschließlich renditeorientiertes) Akteursfeld zu öffnen.

Zielkarte Mobilität: Ausbau des ÖPNV, des Radverkehrs und der Verknüpfungspunkte aller Verkehrsträger. Für die Legende bitte Zielkarte hier downloaden. © Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+

„Köln stärkt seine Rolle als vielfältig vernetzte Metropole“ ist der vierte Leitsatz, der in Gestalt der Systeme Mobilität, Grün- und Freiraum,  Digitales und regionale Kooperation sehr unterschiedliche Arten der Vernetzung zusammenfasst. Die Verkehrswende, eine der zehn Kern-Handlungsempfehlungen der Strategie, gewinnt hier an räumlicher Dimension. Ziel ist eine Neuverteilung des Stadtraumes zugunsten des Umweltverbundes (ÖV, Rad-u. Fußverkehr) und zu Ungunsten des Kfz-Verkehrs. Das wird natürlich nur klappen, wenn die Menschen, ohne ihr Auto zu nutzen, schnell, sicher und bequem im Stadtgebiet vorankommen und auch die Einpendler aus der Region weiterhin mit vertretbarem Aufwand ihren Arbeitsplatz erreichen. So ist der Kapazitäts- und Infrastrukturausbau im schienen- und straßengebundenen Nahverkehr unausweichlich, ebenso wie der Ausbau des Rad(schnell)wege- und des Fußwegenetzes. Ein Blick auf die Zielkarte Mobilität zeigt die Zukunftsherausforderungen: Von neuen Fußgänger- und Radfahrerbrücken über den Rhein an den Köpfen von Theodor-Heuss-Ring und Ubierring, über die südliche / östliche Schließung des S-Bahnringes bis hin zu einem System multimodaler Umsteigepunkte (Auto-auf-ÖPNV) im Weichbild des Kölner Autobahnrings werden viele Maßnahmen nötig sein, um den Verkehr in und um Köln klima- und lebensfreundlicher zu gestalten. Auch die Erschließung neuer Siedlungsflächen wie z.B. in Zündorf oder Rondorf wird nur nachhaltig sein, wenn die Stadtbahn dort hinaus verlängert wird. Visionär ist die Empfehlung, die tief ins Stadtgewebe einschneidenden, plan- und anbaufreien Autobahnzubringer zu domestizieren und zu einfachen, aber leistungsfähigen Stadtstraßen auszubauen. Dieser Ansatz aus der Zielkarte Wohnen bezieht sich auf die Östliche Zubringerstraße, die auf die Zoobrücke mündende B55a oder das Teilstück A57 zwischen Parkgürtel und Innere Kanalstraße.

Zielkarte Grün und Klima: Sicherung und Qualifizierung der Grünsysteme und Vorsorge für den Klimawandel. Für die Legende bitte Zielkarte hier downloaden. © Stadtstrategie Kölner Perspektiven 2030+

Der fünfte Leitsatz der Strategie lautet „Köln wächst klimagerecht und umweltfreundlich und sorgt für gesunde Lebensverhältnisse“. Ein Blick auf die Grundlagenkarte Klima und Umwelt zeigt die Wichtigkeit: Der größte Teil des Stadtgebiets ist verlärmt und hohem oder sehr hohem Hitzestress ausgesetzt. Das macht die Einleitung der Verkehrswende und die Pflege der grünen Infrastruktur – kleine Parks und Gärten innerhalb der Quartiere bis hin zur Komplettierung der Grüngürtel – so wichtig. Chancen für gesunde Wohnverhältnisse und Binnenwachstum bietet das in der Zielkarte Grün und Klima propagierte Zusammendenken von Freiraum- und Siedlungsentwicklung. In sechs Schwerpunkträumen (darunter Chorweiler, Ehrenfeld, Rodenkirchen) schlägt die Strategie vor, die Landschafts- und Grüngürtelsäume baulich zu fassen und so Wohnen im Grünen zu ermöglichen. Nicht unumstritten und eine echte Grenzwertaufgabe. Freilich darf die Arrondierung nicht die Kaltluftschneisen zustellen und muss dem langfristigen Schutz der angrenzenden Grünflächen dienen. Klimagerechtes Wachstum scheint eigentlich selbstverständlich, ist aber die größte Herausforderung, denn es erfordert einen gesamtgesellschaftlichen Prozess des Umdenkens. Erste Städte, wie z.B. Amsterdam (Amsterdam City Doughnut), machen sich schon auf den Weg und verpflichten sich, ihr Wachstum auf die Grenzen der weltweit fair geteilten und verfügbaren Ressourcen zu beschränken. Das ist schwierig, denn abseits der planbaren Raum- und Infrastrukturentwicklung geht es darum, Millionen von Einzelentscheidungen, die die Menschen in Köln und Umland täglich treffen, im Sinne ressourcensparenden, klimafreundlichen Verhaltens zu beeinflussen.

Die Stadtstrategie 2030+ ist ein informelles Planungsinstrument und hat richtungs- und zielweisenden Charakter. Sie enthält – anders als ein Masterplan – bewusst keine konkreten Schlüssel- und Großprojekte mit klaren Plänen und eindeutigem Umriss. Das ist kein Defekt, sondern eine Qualität, zumal es an Projekten in Köln wirklich nicht fehlt. Eine gute Strategie muss offen sein für Projekte, die in den nächsten Jahrzehnten kommen werden und genau das ist der Fall.

In Zukunft sollten aber alle großen und auch kleinen Vorhaben daran gemessen werden, ob und wie sie auf das nun vorliegende räumliche und thematische Zielsystem der Kölner Stadtstrategie einzahlen. Ein Ratsbeschluss, der die Strategie zur Grundlage von Projektbewertungen macht, wäre ideal. Damit gewönnen die Bewertung und öffentliche Diskussion an Nachvollziehbarkeit und fachlicher Tiefe und es würde für alle Beteiligten einfacher, gute Projekte von weniger guten oder gar für Köln und sein Gemeinwesen schädlichen Bau- und Entwicklungsplanungen zu unterscheiden.

Robert Winterhager

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