Vom Guten Hirten

Das Erzbistum positioniert sich „ergebnisoffen“, was den Erhalt von Fritz Schallers Kirche angeht

Unweit der Kirche Christi Auferstehung von Gottfried Böhm liegt an den Lindenthaler Kanälen ein weiteres Kleinod der sagenhaften Kirchenbaukunst der Moderne: die ehemalige Klosterkirche der Schwestern vom Guten Hirten, 1964 nach Plänen des Architekten Fritz Schaller (1904-2002) eingeweiht. Dieser Orden entstand im 19. Jh in Frankreich; seine Kölner Niederlassung wurde nach Kriegszerstörung zwischen 1962 und 1964 wiederaufgebaut. In Lindenthal boten die Schwestern vom Guten Hirten jungen Frauen in Nöten, z. B. bei ungeplanten Schwangerschaften, Schutz. 1991 gaben die Schwestern die Kirche jedoch auf und verkauften das Grundstück dem Erzbistum. Dieses vermietet derzeit die Kirche an die syrisch-orthodoxe Gemeinde, jedoch läuft der Mietvertrag im nächsten Jahr aus.

 

Der rechteckige Hauptraum wird von einem schiffsrumpfartig aufragenden Dach überfangen. © Wikimedia Commons, Elke Wetzig

 

Die Kirche als Schiff

Wie bei der sehr verwandten Thomas Morus Kirche in der Decksteiner Straße wählte Schaller den Raumgedanken eines Kirchenschiffs: „Mein Vater konzipierte einen einfachen und vielfältigen Raum, überdacht von einem hölzernen Schiffsrumpf. Eindrucksvoll ist die signifikante und sehr besondere Lichtführung“, erläutert Christian Schaller. Nördlich schließt der Kirchenbau an einen Flügel der ehemaligen Klosterbebauung an, an den anderen drei Seiten ist er von einer kleinen Parkanlage umgeben.

Drei Giebel bekrönen den ehemaligen Schwesternchor. © Wikimedia Commons, Elke Wetzig

 

Den eingeschossigen, rechteckigen Hauptraum aus Ziegelwänden bekrönt ein schiefergedecktes Fußwalmdach. Direkt unterhalb des Firstes sowie zwischen dem abgewalmten Teil des Daches und dem Giebel verläuft ringsherum je ein schmales Fensterband. Auch die Giebelzone der Straßen- und Rückseite ist abgewalmt und endet in einer senkrechten, durchfensterten Giebelspitze. Der nördlich angefügte Schwesternchor ist mit drei kleinen Giebeln gedeckt. Er liegt etwas höher als der Kirchenraum, unter ihm befindet sich die Krypta.

Zustand vor der Nutzung durch die jetzige Gemeinde: Hauptraum (li) und Schwesternchor (re). Abbildungen aus:  E. Gebauer: Fritz Schaller: der Architekt und sein Beitrag zum Sakralbau im 20. Jahrhundert. Stadtspuren, Band 28, Köln 2000

 

Den Innenraum umgibt ein mit Stützen abgegrenzter, schmaler Umgang mit flacher Decke. Der hölzerne Dachstuhl legt die Assoziation mit einem Schiffrumpf nahe. Franz Pauli schuf die Fenster der Kirche; sie gelten innerhalb seines überschaubaren Schaffens als sein Hauptwerk. Die Lichtführung durch die Fensterbänder sowie die Rund- und die Dreiecksfenster in den Giebeln ist konstituierend für die Raumwirkung des Gotteshauses. Die baulichen Einbauten für die jetzigen Nutzer sind allesamt reversibel.

Giebel der ehemaligen Klosterkirche: Die Zeichen der Zeit in einem Viertel sind mehr wert als nur der finanzielle Mehrwert des Grundstücks. © Wikimedia Commons, Elke Wetzig

 

Offen für Neues

Auf dem ehemaligen Klosterareal befinden sich heute die Stiftung der Schwestern Vom Guten Hirten, die Domsingschule, ein Kindergarten, die Caritas Jugendhilfe und das Institut für osteuropäisches Recht der Uni Köln. Die Stiftung des Ordens möchte nun das Areal monetär besser nutzen, um Gelder für Aktivitäten zu generieren – die Schwestern kümmern sich insbesondere um von der Zwangsprostitution betroffene Mädchen und Frauen. Dazu möchte die Stiftung ein in ihrem Besitz befindliches Flurstück gegen das Kirchengrundstück tauschen, um so eine einheitlichere Eigentumssituation zu schaffen und das Areal dann zu bebauen und später zu verpachten oder zu vermieten.  

Bis auf das Kirchengrundstück befindet sich die ehemalige Klosteranlage im Besitz einer Stiftung. Sie möchte es gegen das schwarz schraffierte Flurstück eintauschen, das dann der Domsingschule oder dem Kindergarten zukommen könnte. © Flurkarte Liegenschaftskataster (Christian Schaller)

 

Die Lage ist unklar: Lässt sich das Bistum auf den Grundstückstausch ein? Bedeutet das dann den sicheren Abriss der nicht denkmalgeschützten Kirche? Hat die Stiftung einen Gesamtnutzer für das Areal in Sicht? Das Bistum vielleicht? Den Töchtern von Franz Pauli wurde bei einem Ortstermin mitgeteilt, dass der Caritasverband Baupläne hege. Momentan hört man vom Bistum nur, dass aufgrund der aktuellen Lage die Gespräche mit den Akteuren ausgesetzt sind.

Die Schöpfung bewahren

„Es war der Baugedanke meines Vaters, das Kloster mit seinem starken Eigenleben, das sich eher abschottete, zur Gemeinde hin und in das Quartier hinein räumlich zu öffnen. Zusammen mit ihrem vielfältigen Raumangebot prädestiniert genau das nun die Kirche, der gemeinschaftsbildende Mittelpunkt einer Neubebauung zu werden,“ so Christian Schaller.

Schnitt und Grundriss der Kirche: Fritz Schaller hat flexible Räume angelegt, die sich leicht anderen, nicht-kirchlichen Zwecken anpassen ließen. Abbildungen aus:  E. Gebauer: Fritz Schaller: der Architekt und sein Beitrag zum Sakralbau im 20. Jahrhundert. Stadtspuren, Band 28, Köln 2000

 

Hier in Lindenthal könnte das Erzbistum zeigen, dass man es ernst meint damit, die Schöpfung in Schutz zu nehmen. Denn dazu gehört die Forderung, mit dem zu haushalten, was vorhanden ist, und nicht stets nach Neuem zu greifen. Es ist immer ein Plus für die architektonische Qualität, wenn bei der Neuentwicklung eines Areals ein Anker vorhanden ist. Fritz Schallers Klosterkirche Vom Guten Hirten ist keines der exzentrischen Gotteshäuser der Nachkriegszeit, sondern eher vom Typus der alltagstauglichen, wandelfähigen Gemeindekirche. Und genau deshalb hat sie ein Weiterleben verdient. Gut, dass alle Akteure noch eine Weile darüber nachdenken können.

Beitrag zu den Glasfenstern des Glaskünstlers Franz Pauli auf dw.com

Ira Scheibe

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