Haus und Hof in Köln-Weiß

Zwei Spielarten eines klassischen Themas von JSWD: Haus F und Haus J

Der Stadtteil Weiß liegt südlich der Kölner Innenstadt und hat durch den ihn im Osten umfließenden Rheinbogen eine besonders innige Beziehung zu dem mächtigen Strom entwickelt. So ist in Weiß, dessen Name sich aus dem mittelhochdeutschen Wort für Wiese ableitet, die Geschichte des ehemaligen Fischerdorfs heute noch deutlich ablesbar. Insbesondere die erhaltene Kleinteiligkeit der dörflichen Struktur entlang der Weißer Hauptstraße, die über die Jahre nur behutsam ergänzt und fortgeschrieben wurde, erzählt von der Geschichte des früheren Fischerdorfes. Mit zwei Neubauten, die sich schräg gegenüber inmitten des historischen Ortskerns befinden, entwickelten JSWD Architekten in einem für das Büro ungewöhnlich kleinen Maßstab zeitgemäße Spielarten des lokalen Typus von Haus und Hof. (Alle Fotografien von Christa Lachenmaier)

Haus J (oben) und Haus F (unten) in Köln Weiss © Grafik JSWD Architekten

Haus F

Direkt an der Dorfstraße gelegen, fanden JSWD eine Situation vor, die bislang gut ohne den rechten Winkel zurechtgekommen war. Das Cluster aus Häusern und Höfen zeichnete eine Chronologie des Wachsens und Bleibens, in der es nie eine große Lösung gegeben hatte. In diesem Sinne schreiben JSWD die Struktur fort und schufen straßenseitig eine schmale Lücke, die sie gleich wieder schlossen. Dabei passten sie sich den ungeschriebenen Regeln des dörflichen Wachstums an, ließen Giebelständiges auf Traufständiges folgen, zogen den Versatz der Flucht in die Tiefe vor und machten aus einer großen Idee ein Ensemble, das die feine Körnung der Nachbarschaft reflektiert.

Bestandssituation 2011 mit Rosenapotheke, heute ist darin das Boutique-Hotel. Der niedrigere Bau rechts davon wurde mit dem Neubau ersetzt © Foto JSWD Architekten


Die Bauherren hatten sich ein großzügiges Haus für die Familie gewünscht. Privat sollte der Neubau sein, obwohl er eine Front zur Straße hat und das Grundstück mit dem kleinen Hotel im Altbau teilt. Die ehemalige Schreinerei war zwischenzeitlich eine Apotheke und ist mittlerweile ebenfalls im Besitz der Bewohner.

Grundriss EG Haus F © Grafik JSWD Architekten

Zur Dorfstraße hin macht der Neubau sich klein, imitiert das Dörfliche mit seinem spitzen Giebel und tritt gut zwei Schritte hinter den Altbau zurück. Doch der Blick bleibt am Neuen hängen, denn es treibt ein seltsames Spiel mit Vertrautem und Besonderen: Vertraut ist die Farbe der Fassade, das satte Dunkelrot, das aus der Palette der Backsteine entnommen wurde, doch es sind schmale, eloxierte Metallpaneele – vollkommen ortsfremd und dennoch willkommen. Mehr braucht diese Fassade nicht, die Funktionales – die Haustür, das Garagentor, die Fenster – nur andeutet, nicht zeigt.

Ansicht haus F von der Dorfstraße © Foto Christa Lachenmaier

Was an der Straßenfront so schmal beginnt, gewinnt durch die L-Form des Grundrisses, die den räumlichen Gegebenheiten folgt, in der Tiefe an Weite und Höhe. Im rechten Winkel schließt sich Neues an Altes an und lässt einen kleinen Hof entstehen. Als Freiplatz für das Café genutzt, bringt er der Familie Licht und Abstand.

Kochen, Essen und Wohnen im Erdgeschoss sind eins, auf Türen wurde verzichtet, nur eine Stufe, ein Richtungswechsel, eine einläufige Treppe und das über dem kurzen Schenkel des Grundrisses bis ins spitze Dach offene Atrium kennzeichnen die Bereiche, ohne sie zu begrenzen. Die Offenheit nimmt in der Tiefe des Hauses zu, der Blick fällt geradeaus in den Gartenhof, wo filigrane Stützen vor der großflächig verglasten Fassade kaum ins Gewicht fallen.

Haus F Ansichten Rückseite und Hof © Christa Lachenmaier

Haus J

Grundriss EG Haus J © Grafik JSWD

Wenige Schritte die Dorfstraße hinauf widmete sich JSWD rund fünf Jahre später auf der gegenüberliegenden Seite einer ähnlichen Bauaufgabe. Auf einem ebenfalls direkt an der Straße gelegenen Grundstück fanden sie ein historisches Fischerhaus mit zahlreichen Anbauten und Erweiterungen vor. Auch hier haben dir früheren Nutzer nicht nur gewohnt, sondern auch gearbeitet. Von der Fischerei über die Schreinerei, einer Autowerkstatt bis zur Heißmangel hinterließen die verschiedenen Tätigkeiten bauliche Zeugnisse. Die Architekten entschieden sich, das Grundstück aufzuräumen und, konform mit der Erhaltungssatzung des Ortes, nur das Fischerhäuschen zu erhalten.

Ansicht von der Dorfstraße Haus J.: Links das Fischerhäuschen, hinten das Scheunenhaus, rechts das Langhaus © Foto Christa Lachenmaier

Nicht zuletzt wegen seiner geringen Deckenhöhe dient es nun zwar nur noch als Fahrradgarage und Ausweichfläche, doch stellt es eine direkte und authentische Verknüpfung zwischen der gewachsenen Struktur des historischen Ortskerns und dem neu geschaffenen Familiensitz her.  Die Neubauten, das „Langhaus“ für die Kinder, zweigeschossig mit Satteldach richteten sie dem Bestand entsprechend giebelständig an der Straßenfront aus. Der so entstehende schmale Hof weitet sich in der Tiefe und wird vor Kopf mit dem eingeschossigen „Scheunenhaus“ gefasst. Mit einem großen offenen Raum zum Wohnen, Essen und Kochen, sowie dem Schlafbereich der Eltern, nimmt es die gesamte Grundstücksbreite ein.

Blick in den Hof von Haus J. Der Kran ist ein Relikt der Schreinerei. © Christa Lachenmaier

Breite Fensterfront öffnen sich sowohl auf den Hof wie auch rückwärtig anschließenden typisch lang-schmalen ehemaliger Selbstversorgergarten, so dass der Baukörper eine einladende Transparenz erhält. Erschlossen werden die beiden Neubauten über einen gemeinsamen Eingang im Hof, der so an ihrer Schnittstelle platziert ist, so dass die bauliche Zweigliederung im Inneren zu Gunsten der derzeitigen Nutzung als Einfamilienhaus quasi aufgehoben wird.

Links der Wohnbereich im Scheunenhaus, rechts der allgemeine Eingang im Langhaus © Foto Christa Lachenmaier

Während der Sanierung fiel die Entscheidung das Fischerhäuschen von seinem ehemals weißen Putz zu befreien, um den darunter liegenden Backstein freizulegen. Durch seine Kubatur und Farbigkeit inspiriert, wirken die Neubauten mit ihrem lichtgrauen mineralischen Putz, generiert aus dem hellsten Ton des Ziegels, skulptural, fast abstrakt – dennoch maximal neutral.

Haus J, Innenräume © Fotos Christa Lachenmaier

In diesem Duktus bleibt auch die Ziegeldeckung ohne Dachüberstand und der in die betonierte Hoffläche übergehende Sockel, die die Form auf ein Minimum reduzieren. Doch die handwerkliche Detaillierung der horizontalen Besenstruktur des Putzes oder die in allen drei Bauteilen ohne Leibung eingesetzten Lärchenholzfenster erzeugen eine wohltuende Haptik. Und nicht zuletzt ist es auch die Positionierung der Häuser dieses kleinen Hof-Ensembles, die eine familiäre Atmosphäre schafft, in der Nähe immer gegeben, aber nicht zwingend ist.

Uta Winterhager

Dieser Beitrag ist ein Auszug aus dem in Kürze im Jovis Verlag erscheinenden Buch „Ensembles“ von JSWD

2 Kommentare

.. sehr beeindruckend, wunderschön, leider wurden viele der alten Fischerhäuser abgerissen, wir haben auch noch so einen Schatz in Sürth

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