Museumsdirektor Yilmaz Dziewior spricht von einer „Minimal-Skulptur“: das Modell der Bodenplatte des Mahnmals im Foyer des Museums Ludwig. © Ulf Aminde, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein

Standort-Ringen um das Mahnmal für die Opfer des NSU

Im Foyer des Museum Ludwig liegt auf einer schwarzen Plattform das Modell einer Betonplatte, die in Originalgröße 6 x 24 Meter messen und circa 30 cm hoch sein soll. Diese Maße entsprechen dem Fundament des Friseursalons in der Keupstrasse, wo vor 15 Jahren die Nagelbombe des NSU detonierte. Museumsdirektor Yilmaz Dziewior möchte mit der Präsentation des Modells an so zentraler Stelle die Mahnmal-Debatte in ein breiteres Publikum holen. Denn noch ist es nur ein Modell – für einen Standort geplant, dessen Eigentümer aber eine Realisierung an dieser Stelle ausschließt.

Standort finden! Ist die Debatte Teil des Kunstwerks? © Ulf Aminde 2019, Das Mahnmal an der Keupstraße


Wie ist es zu dieser Pattsituation gekommen? Der Wunsch nach einem Erinnerungsort für die Attentate in der Probsteigasse und der Keupstrasse mündete in einem Wettbewerb für ein Mahnmal, den die Stadt Ende 2015 auslobte. Die Jury prämierte Ende 2016 einstimmig den Entwurf von Ulf Aminde aus Berlin, der in engem Kontakt mit den Bewohnern der Keupstrasse stand.

Vor Ort kann der Besucher mittels einer App und freiem WLAN um sich herum virtuelle Wände schaffen: „Sie werden gebildet von Filmen aus der migrantisch situierten Perspektive,“ erläutert Aminde. Das Haus auf dem Fundament wird also ein virtuelles sein, und es wird beständig wachsen: „Es soll Bühne sein für die, die wissen, was Rassismus bedeutet und für einen kritischen Umgang damit,“ erläutert Aminde, „und es wird ein Haus, das von den Nazis nicht angegriffen werden kann.“

Ortssuche


Das Museum Ludwig präsentiert bis zum 28. Juli im Foyer das Mahnmal-Modell: Auf einer Betonplatte entstehen mittels einer App virtuelle Wände aus Filmen zu migrantischen Themen. © Ulf Aminde, Foto: Rheinisches Bildarchiv Köln / Jonas Klein

Orte sind mit Erinnerung verbunden und die Erinnerung mit Orten. Die Keupstrasse ist eng bebaut. Geht man vom Friseursalon ein Stück die Straße stadtauswärts, gelangt man an die Kreuzung zur Schanzenstrasse. Hier auf dem Eckgrundstück stehen noch Gebäude, die bei der Neubebauung des ehemaligen Güterbahnhofs weichen werden. Dies wäre der naheliegendste Ort für das Mahnmal, im wörtlichen Sinne. 

Daher hieß es auch im Wettbewerb, „dass das Denkmal in der Keupstraße bzw. in ihrer unmittelbaren Nähe aufgestellt werden soll. Einen sehr guten Standort für das Denkmal stellt der infolge der Neugestaltung des alten Güterbahnhofs Ecke Keupstraße / Schanzenstraße entstehende neue Eingangsbereich dar. Über den endgültigen Standort wird der Rat zusammen mit dem Beschluss über den künstlerischen Entwurf des Denkmals gesondert beschließen.“

Ulf Aminde allerdings hat das prämierte Kunstwerk explizit für das Eckgrundstück zwischen Schanzen- und Keupstrasse konzipiert: „Es kann an keinem anderen Ort stehen. Mir wurde immer gesagt, ich müsste einen Ort erfinden und gewinnen, und das habe ich getan.“

Baurechtlich nicht Gegenstand des Werkstattverfahrens


Links im Bild und heller das Areal der Bauherrengemeinschaft Schanzenstrasse; daneben, dunkler eingefärbt, das „I/D Cologne“, ein Projekt der Art-Invest Real Estate und Osmab Holding AG. @ RKW Architektur + (Stand Werkstattverfahren 2015)

Städtebaulich gesehen, gehört der anvisierte Standort zum Transformationsareal des ehemaligen Mülheimer Güterbahnhofs. Hier gibt es zwei Eigentümer: im nördlichen Teil der Immobilienentwickler OSMAB, im südlichen die Bauherrengemeinschaft Schanzenstraße 22 GbR, auf deren Grundstück sich der gewünschte Ort für das Denkmal befindet.

Ein rechtskräftiger Bebauungsplan für dieses Areal liegt noch nicht vor, allerdings ein städtebaulicher Entwurf als Ergebnis eines Werkstattverfahrens vom Dezember 2015. Die Bauherrengemeinschaft hatte eingewilligt, ihr Areal im Verfahren „aus optischen Gründen“ mit überplanen zu lassen. Baurechtlich aber ist es nicht Gegenstand des Werkstattverfahrens; eine Umsetzung der Ergebnisse ist nicht verpflichtend.

Zu den Aufgaben der Planungsteams gehörte auch, einen Ort für das Mahnmal zu bestimmen. Die Ecke Keupstrasse / Schanzenstrasse wird in den Dokumenten mehrfach als bevorzugter Standort genannt. Prämiert wurde Ende 2015 der Entwurf von RKW Architektur + Städtebau RKW, der an dieser Stelle eine Eckbebauung vorsieht – stadträumlich nicht ganz verkehrt gedacht, um die Häuserzeile der unteren Keupstrasse Richtung Clevischer Ring fortzuführen.

Luftbild des ehemaligen Güterbahnhofs in Mülheim: Das erste Gebäude ist im Bau, 2026 soll der Büropark fertig werden. @ Art-Invest

Der Vorsitzende des Beratungs- und Begleitgremiums Herr Prof. Wachten formulierte einen Überarbeitungsbedarf: „Am Übergang zur Keupstraße, im Kreuzungsbereich mit der Schanzenstraße, soll der Entwurf räumlich mehr ‚Luft lassen‘. Ein Zurückrücken der Gebäudefront soll einen leichten Versatz in der Bauflucht erzeugen. Hier kann dann auch ein geeigneter Ort für das Mahnmal entstehen.”

Erinnerungsort in privater Hand

So weit, so kölsch. Wir fragten Bernd Odenthal, Sprecher der Bauherrengemeinschaft, welche Pläne er für das Gelände hat: „Es gibt eine Planung, die in etwa dem Ergebnis des städtebaulichen Wettbewerbs entspricht. Durch wen die Realisierung dieses Großprojektes stattfindet, ist noch offen.“

Zur Frage, wann er Kenntnis erhalten habe von dem Mahnmal in der jetzt geplanten Form von Ulf Aminde, antwortet Odenthal: „Ende Dezember 2016 erfuhr ich durch meinen Architekten, dass es eine Ausschreibung für ein Denkmal gegeben hatte. Er machte die Beteiligten darauf aufmerksam, dass man doch den Eigentümer in den Wettbewerb hätte einbeziehen müssen. Daraufhin wurde ich Mitte Januar 2017 wenigstens zur Vorstellung des Projektes eingeladen und vor vollendete Tatsachen gestellt.“

Grundsätzlich bestreitet Bernd Odenthal nicht, Kenntnis von der Idee eines Mahnmals im Gelände gehabt zu haben: „Diese wurde dort aber nie präzisiert hinsichtlich Art/Lage etc. Das hätte eine Plakette, ein Stolperstein, eine Stele oder eine Skulptur sein können.“

Und welche Chancen sieht Bernd Odenthal, das Mahnmal an der bei den Initiatoren favorisierten Stelle an der Keupstrasse Ecke Schanzenstrasse zu verwirklichen? „An dieser Stelle kann und wird das Denkmal nicht kommen. Im Übrigen finde ich befremdlich, dass ich, obwohl ich immer meine Gesprächsbereitschaft geäußert habe, auch zuletzt zu der Vorstellung im Ludwig-Museum nicht eingeladen wurde. Das scheint in diesem Verfahren Methode zu haben.“

Und nun?

Die Oberbürgermeisterin hat sich für einen alternativen Standort ausgesprochen, so wie es auch von der Mahnmal-Jury vorgesehen war, sollte sich der Wunschstandort nicht realisieren lassen. Ahmet Edis vom Integrationsrat glaubt, „dass es möglich ist, den Standort an der Keupstrasse für das Mahnmal zu gewinnen, aber dazu braucht es viele Unterstützer.“ Die „Kulturarbeiter*innen“ diagnostizieren in einem Offenen Brief an Henriette Reker der Stadt einen „Kniefall vor den Investoren“ und fordern „das Recht auf Erinnerung ein, das ihnen, den Überlebenden (…), bisher verwehrt wurde.“

Harter Tobak. Auch für Mitat Özdemir, Vertreter der Initiative „Herkesin Meydani – Platz Für Alle“,  ist die Standortfrage der entscheidende Kristallisationspunkt für den Umgang mit den Betroffenen: „Wenn das Mahnmal nicht auf diese Ecke kommt, dann ist die Keupstrasse nicht so wichtig.“ Ist diese Schlussfolgerung wirklich zulässig? Oder haben sich die Mahnmal-Initiatoren auch zu wenig um das Machbare geschert und versäumt, früh genug und überhaupt mit dem Eigentümer zu reden? Ob die entscheidende Wende noch kommen kann, wenn man sich nun endlich an einen Tisch setzt, wer weiß, aber dass das Mahnmal noch ziemlich lange Modell bleiben wird, das zeichnet sich ab.        

Ira Scheibe

Das Museum Ludwig präsentiert bis zum 28. Juli im Foyer das Mahnmal-Modell.

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