Gerhard Wittfeld: „Bei jedem dritten bis vierten Artikel haben wir den Eindruck, dass schlecht oder gar nicht recherchiert worden ist.“ ©Andreas Schümchen

Interview: Architektur mit Gerhard Wittfeld über die Bedeutung der Medien für Architektur und Bauen.

Themen der Architektur und Stadtplanung kommen in der journalistischen Berichterstattung von Publikumsmedien eher wenig vor. Für regionale Tageszeitungen, Nachrichtenmagazine, Radio und Fernsehen sind es Randthemen, die allenfalls interessant sind, wenn Budgets oder Zeitpläne überzogen werden.

Gibt es im deutschsprachigen Raum jenseits der Fachmedien einen „Architekturjournalismus“ für ein breites Publikum? Warum eher nicht? Und wie müsste er aussehen?

Andreas Schümchen und Patrycja Muc diskutieren diese Frage in einer Interviewserie mit Architekten, Stadtplanern, Immobilienentwicklern, Bauherren und Journalisten. Auftakt ist dieses Interview mit Gerhard Wittfeld vom Architekturbüro kadawittfeld in Aachen.

Herr Wittfeld, welchen Eindruck haben Sie von der Berichterstattung über Architektur in Publikumsmedien?

Gerhard Wittfeld: Ich bin der Meinung, dass Architektur stärker in die Publikumsmedien gehört, denn Architektur ist ein gesellschaftliches Thema – auch Wohnungsnot ist schließlich ein Architekturthema. Eine sehr gute Architekturdiskussion gibt es in den Feuilletons überregionaler Tageszeitungen. In der regionalen Presse wird dieses Thema eher untergeordnet in den Ressorts Wirtschaft oder Regionales behandelt.

In welchem Ressort würden Sie sich als Architekt denn am liebsten wiederfinden?

GW: Ich will nicht sagen, dass Architektur ausschließlich in den Kulturteil gehört – ich finde auch den regionalen Kontext wichtig. Es wäre aber schön, wenn nicht nur über die Bauzeit und explodierende Kosten berichtet würde, sondern auch über Inhalte und Ziele von Architektur. Über den kulturellen Mehrwert, der darüber hinaus geht, Wohnraum zu schaffen, über architektonische Qualität und den städtebaulichen Wert. Wenn das alles zusammen betrachtet wird, ergibt sich ein viel differenzierteres Bild.

Welche Rolle spielen dabei die Architekten und Stadtplaner selbst?

GW: Viele Architekten sind der Meinung, Journalisten müssen immer positiv berichten – das ist ein großer Irrtum. Die journalistische Unabhängigkeit ist enorm wichtig, dazu gehört auf Seiten der Journalisten aber auch die Pflicht, nach Informationen zu suchen; und Architekten haben die Pflicht, zu informieren.

Für uns als Architekturbüro ist das Thema Kommunikation seit etwa zehn Jahren sehr wichtig. Denn Kommunikation ist eines der am meisten vernachlässigten Ziele der Architekten. Dabei geht es nicht darum, medial „auf die Pauke zu hauen“, sondern die Medien zeitnah zu informieren und für Laien verständliches Material bereitzustellen, damit keine Missverständnisse entstehen. Wir produzieren zum Beispiel zu unseren Projekten vierseitige Booklets, in denen wir Informationen unter anderem zu Konzept und Idee, zum Bauherrn, zu den Kosten und der Bauzeit liefern. Damit haben wir sehr gute Erfahrungen gemacht.

Und wir sprechen auch Journalisten in der Region frühzeitig aktiv an.


Gerhard Wittfeld: „Wir versuchen, den Bauherrn bei der Kommunikation mit ins Boot zu holen, denn der ist immer regional.“ ©Andreas Schümchen

Sie bauen ja nicht nur in Aachen, wo Sie sich mit den lokalen Medien auskennen. Wie läuft das an anderen Standorten?

GW: Tatsächlich bauen wir zu 85 Prozent nicht in Aachen. Wir versuchen, den Bauherrn bei der Kommunikation mit ins Boot zu holen. Dessen Bedeutung wird sehr oft unterschätzt, aber der Bauherr ist ein wichtiges Sprachrohr in der Region.

Welche Bedeutung hat die journalistische Berichterstattung für die Architekten?

GW: Für Architekten ist es heute eigentlich klar, dass man sich mitteilen muss. Die kleineren Büros haben allerdings das Problem, dass Kommunikation ein Mehraufwand ist, der nicht bezahlt wird. Der Bauherr bezahlt ja nicht die Presseabteilung zusätzlich.

Wir haben mittlerweile die ersten wettbewerblichen Verfahren mit Bürgerdialog erlebt, bei denen bereits vor der Entscheidung die Öffentlichkeit und die Medien einbezogen wurden. Die Journalisten wurden dadurch zum Teil des Prozesses und haben sich offenbar verpflichtet gefühlt, konstruktiv zum Ergebnis beizutragen. Das war sehr gut.

Was ist denn die Motivation für Ihre Kommunikation? Das kann die Befriedigung der persönlichen Eitelkeit sein, vielleicht aber auch ein Weg, neue Aufträge zu erhalten …

GW: Ich bin mit Sicherheit eitel (lacht) … aber es geht uns vor allem darum, unsere Arbeit zu zeigen. Wir möchten, dass sie der Kritik ausgesetzt ist. Negative Kritik ist zwar nie schön, aber sie verdient es unbedingt, gehört zu werden, und zudem erhalten wir sehr viel positives Feedback. Und Kommunikation ist gleichzeitig Werbung – auch wenn das nie unser Ziel war. Das haben wir anfangs unterschätzt. Denn man muss dabei sehr aufpassen: Wir haben eine Zeit lang sehr viel in der Aachener Region gebaut und darüber wurde viel berichtet. Da hieß es dann plötzlich: „Die haben so viel zu tun, die haben sicher keine Zeit mehr für neue Projekte.“ Im vergangenen Jahr erschien eine große Story über unsere Großprojekte, da hatte dann ein Bauherr in der Region, mit dem wir schon viel zusammengearbeitet hatten, plötzlich den Eindruck, als ob wir nur noch ganz große Projekte übernehmen würden. Das kann also ein richtiger Bumerang-Effekt werden.

Insgesamt hat die journalistische Berichterstattung aber einen sehr positiven Effekt. Sie hilft uns zum Beispiel neue Mitarbeiter zu finden – was derzeit schwieriger ist als neue Aufträge zu erhalten. Tatsächlich bekommen wir heute Bewerbungen von überall her, früher hatten wir zu 50 Prozent RWTH-Absolventen.

Was wünschen Sie sich von Journalisten? 

GW: Sie sollen vor allem unabhängig sein, ein Informationsbedürfnis haben und uns direkt fragen. Denn wenn es Probleme gibt, dann entstehen sie meist durch Fehlinformationen. Und wenn ein Journalist sagt, dass er sich nicht auskennt, ist das völlig in Ordnung: Dann wissen wir, dass wir ihm mehr erklären müssen. Außerdem würde ich mir bei Journalistenanfragen manchmal etwas mehr zeitlichen Vorlauf wünschen.

Kommt es denn häufig zu Kommunikationsproblemen mit Journalisten?

GW: Gefühlt passiert das zu oft – bei jedem dritten bis vierten Artikel haben wir den Eindruck, dass in Bezug auf die architektonischen Belange schlecht oder gar nicht recherchiert worden ist. Das fängt mit falsch geschriebenen Namen an … das ist ärgerlich und nicht erklärbar.

Was wünschen Sie sich für die Zukunft der Architekturberichterstattung?

GW: Wenn die Berichterstattung dazu führen würde, dass die Menschen besser informiert sind, wäre das ein großer Fortschritt. Und das können die Medien leisten. Der Informationsbedarf ist da und wird oft sehr aggressiv vorgetragen, weil die Leute sich nicht oder zu spät informiert fühlen. Wenn erst berichtet wird, wenn ein Projekt fertig ist, fühlen die Leute sich ohnmächtig. Ich fände es gut, wenn der gesamte Prozess von der Planung über den Abriss bis zur Fertigstellung von den Medien begleitet würde. Bei größeren Projekten gibt es zwar Bebauungsplanverfahren, an denen die Öffentlichkeit theoretisch beteiligt ist, aber das wird meist von den Bürgern gar nicht wahrgenommen. Ich sehe da für den Journalismus ein großes Potenzial.

Das Gespräch führten Patrycja Muc und Andreas Schümchen

Gerhard Wittfeld, Jahrgang 1968, hat an der RWTH Aachen Architektur studiert. Von 1994 bis 1996 war er im Büro von Professor Klaus Kada in Graz tätig, dessen Aachener Büro er ab 1996 leitete. Zusammen mit Klaus Kada gründete er 1999 das Büro kadawittfeldarchitektur in Aachen und Berlin. Das Büro hat rund 150 Mitarbeiter, darunter sind 4,5 Stellen für Öffentlichkeitsarbeit.

Dr. Andreas Schümchen ist Professor für Journalistik, insbesondere Medieninnovation und Digitalisierung und Direktor des Instituts für Medienentwicklung und -analyse IMEA der Hochschule Bonn-Rhein-Sieg in Sankt Augustin. Patrycja Muc ist wissenschaftliche Mitarbeiterin am selben Institut.


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