Bauhaus-Architektur in NRW? Ja, die gibt es. Wenn auch mit ihr eher das »Neue Bauen« gemeint ist, das von verschiedenen Strömungen beeinflusst wurde. Foto: Köln-Kalkerfeld – Weiße Stadt, Wilhelm Riphahn und Caspar Maria Grod 1929-32. Foto: Jürgen Gregori, LVR – ADR.

Wie und wo das Bauhaus-Jubiläum im Rheinland gefeiert wird

Welch ein Geburtstag. Das Bauhaus wird hundert – und alle fühlen sich eingeladen. Auch Nordrhein-Westfahlen macht mit beim Gelage, obwohl die Wirkungsstätten der legendären Lehranstalt nicht eben vor der Haustür liegen. Eine  Website feiert das »Bauhaus im Westen«, Museen suchen Anknüpfungspunkte für Ausstellungen. Architekten und Denkmalpfleger fahnden in der Gegend nach Bauwerken, die den Geist von Gropius & Co. widerspiegeln oder in die Gegenwart tragen. Eine Wanderausstellung zum Thema ist unterwegs, die passende Internet-Plattform online. Und ein Buch ist ebenfalls in Planung.

Sven Kuhrau, Denkmalpfleger beim Landschaftsverband Rheinland, hat in den letzten Monaten allerhand Listen durchkämmt und alte Fachzeitschriften gewälzt. Denn gemeinsam mit seinem Kollegen Marco Kieser will er hundert rheinische Architektur-Beispiele zum Bauhaus-Jubiläum in einem Buch vorstellen. Man trifft ihn vor den Toren von Köln in den barocken Gebäuden der Abtei Brauweiler. Auf dem Schreibtisch liegt ein dicker Ordner mit Textentwürfen, und auf dem Monitor reihen sich kleine Bilder schlichter Bauten. 

Hundert rheinische Architektur-Beispiele

Bauhaus-Architektur im Rheinland? Fragt man sich laut und findet bei Kuhrau offene Ohren. Wenn heute jemand von »Bauhaus-Stil« spreche, dann stecke dahinter doch meist eine sehr verwaschene Vorstellung von kubischen Formen in weißer Farbe. Ohnehin habe er Probleme damit, alles auf das Bauhaus zurückzuführen. »So eine vergleichsweise kleine Kunstschule in Dessau, Weimar, Berlin, die noch nicht einmal eine klassische Architekturschule war, soll unmittelbar aufs Rheinland gewirkt haben? Das geht ja gar nicht.«

Und das Buch? Das erscheint zwar im Rahmen des Verbundprojekts »100 Jahre Bauhaus im Westen «, beschäftigt sich aber explizit mit dem »Neuen Bauen«, und da spielen diverse Ideen und Strömungen der Zeit hinein. Die Architekturszene der Avantgarde in Europa damals war vielfältig. Neben dem Bauhaus fallen einem etwa De Stijl in den Niederlanden ein, der russische Konstruktivismus oder auch der schweizerisch-französische Architekt Le Corbusier. Das alles wirkt in Nordrhein-Westfalen und schlägt sich nieder.

Tatsächlich wurde hier in den 1920er Jahren besonders viel und innovativ gebaut. Zwar ist heute vieles verschwunden oder schlicht nicht mehr zu erkennen, da war der Denkmalschutz nicht schnell genug. Aber, was blieb, ist reichlich für eine schöne Auswahl.

Museum Haus Lange, Krefeld, Westansicht. Foto: Volker Döhne.

Die Reise am Bildschirm startet Kuhrau an diesem Tag – wie sollte es anders sein – in Krefeld, wo die Verbindung zum Jubilar, dem Bauhaus, am nächsten liegt. Wurden doch die beiden berühmten Krefelder Fabrikanten-Villen Haus Lange und Haus Esters von Ludwig Mies van der Rohe geplant, bevor er 1930 als Direktor ans Bauhaus ging. Dem Klischee einer »weißen Moderne« entsprechen sie mit ihren dunklen Klinkermauern natürlich nicht, dennoch behaupten sich diese flachgedeckten Häuser als ungemein fortschrittliche Architekturen im konservativ bebauten Umfeld.

Geschlossen wirken sie zur Straße hin, verbinden sich aber hinten hinaus mit großen, beinahe bodentiefen und zum Teil sogar versenkbaren Fenstern fast fließend mit dem Garten. Ein neues Verständnis von Privatheit bricht sich Bahn. Kuhrau weist auf einen Bediensteten-Eingang hin, der fast gleichwertig neben der Tür der Herrschaft liegt und damit eine für die Zeit erstaunliche Egalisierung belege. Was das Interieur angeht, musste Mies von der Rohe sich allerdings ein wenig bremsen – in Haus Lange wollte man sich auch nicht von der alten Gewohnheit eines Herren- und eines Damenzimmers abbringen lassen.

Das weiße „Haus Grobel“

Weniger bekannt als die Krefelder Paradestücke sind zwei Werke, die Hans Hermann Lüttgen Mitte der 20er Jahre in Wuppertal realisierte. Wie eine Mischung aus Wohngrbäude und Kunstobjekt wirkt das weiße »Haus Grobel« mit seinen umlaufenden Simsen und den roten Rahmenmotiven, die nicht als reine Deko misszuverstehen sind. Viel mehr als das Bauhaus hat hier offensichtlich die »De Stijl«-Bewegung inspirierend gewirkt. Lüttgen habe in Wuppertal Formen erfunden, so Kuhrau, »die sich null und überhaupt nicht aus der Architekturgeschichte herleiten lassen«. Das ist Programm: Für das »Neue Bauen« haben die Konventionen ausgedient. Alles wird noch einmal neu hinterfragt. Was ist eine Wand? Wie entsteht Raum? Was überhaupt ist Architektur?G

Der „blaue Hof“ in Buchforst und die „Weiße Stadt“ auf dem Kalker Feld

Zwar findet sich eine Reihe schöner Beispiele für völlig neu durchdachte Einfamilienhäuser in NRW, doch war diese Aufgabe eigentlich nicht mehr up to date. »Mehr Lorbeeren konnte man sich als Architekt großer Siedlungen verdienen«, so Kuhrau. Da fallen einem schnell die Schöpfungen eines Wilhelm Riphahn in Köln ein. Ganz besonders die gemeinsam mit Caspar Maria Grod geplanten Wohnanlagen im Stadtteil Buchforst. Der noch in Blockrandbebauung angelegte »Blaue Hof« von 1926 und – deutlich progressiver – die wenige Jahre jüngere »Weiße Stadt«. Zwischen den beiden Projekten hatten die Baumeister in Karlsruhe an der Siedlung Dammerstock mitgewirkt, wo unter Walter Gropius die Zeilenbauweise zelebriert wurde.

Zwischen 1927 und 1929 nach Entwürfen der Architekten Fritz Fuß, Otto Scheib und Manfred Faber errichtet, bot die Naumannsiedlung mit 450 Wohnungen den damals dringend benötigten Wohnraum für die Arbeiter der Industriebetriebe im Norden Kölns. Foto: Sven Kuhrau, LVR – ADR.

Luft und Licht zum Wohle der Wohnenden

In Köln nun greifen Riphahn und der Kollege die Idee auf: Immer hübsch parallel ziehen sich die fünfgeschossigen Gebäuderiegel in Nordsüdrichtung. Der gemeinschaftliche Hof fällt weg. Stattdessen verlaufen zwischen den Riegeln Grünstreifen, die kaum mehr der Begegnung dienen. Ein Prinzip, das schon damals stark diskutiert worden sei, so Kuhrau. »Da wird ein Stück Stadt entwickelt aus den Bedingungen der einzelnen Wohnung heraus «, das sei der Höhepunkt der Monofunktionalität. Jede der 600 Einheiten ist optimal zur Sonne hin ausgerichtet – am Morgen scheint sie ins Schlafzimmer, nachmittags in die Wohnräume.

Duisburg: Typenbildung im Wohnungsbau, Siedlung Dickelsbach, Stadtbauamt, 1925-27. Foto: Silvia M. Wolf, LVR – ADR.

Möglichst große Annehmlichkeiten schaffen und dabei vergleichsweise geringen architektonischen Aufwand treiben – dieser Idee folgt noch mehr die zwischen 1925 und 27 in Duisburg gebaute Siedlung Dickelsbach. Gedacht waren ihre winzigen Häuschen mit Minigarten vor allem für kinderreiche Arbeiterfamilien, die im Grün hinter dem Haus Gemüse züchten und Hühner halten konnten. Die Wohnungen glichen einander wie ein Ei dem anderen, denn man dachte und plante – der Sparsamkeit halber – in Typen. Diese Art von Siedlungen seien kaum bekannt, meint Kuhrau, weil man ihnen jeden gestalterischen Anspruch absprach. Der Fachmann sieht das anders. Für ihn liegt der Vergleich mit Gropius’ vielbeachteter Reihenhaus-Siedlung in Dessau Törten gar nicht so fern. O

Ob Villa, Arbeiterbleibe – überall zog das »Neue Bauen« ein. 

Auch in die Schulen. Ein schönes Beispiel steht in Leverkusen. Mit dem Bauhaus hat das mächtige Backstein-Denkmal, wo heute die »Realschule Am Stadtpark« sitzt, allerdings wenig zu tun. Vielmehr  folgte Wilhelm Fähler bei seinen Planungen ab 1927 wohl dem Vorbild von Willem Marinus Dudok, der mit seinen Architekturen bis heute das Stadtbild des niederländischen Hilversum prägt. Eine Verbeugung Richtung Dessau baut Fähler aber dann doch noch an: Die kleinen Balkone an der Schulfassade sehen dem Modell an Gropius’ Ateliergebäude verflixt ähnlich.

Aachen: St. Fronleichnam, Rudolf Schwarz, 1929-30. Fotos: Jürgen Gregori, LVR – ADR.

Wichtiger als Schulen sind für das Rheinland sicher die Kirchen.  Wie wirken sich die neuen Architekturideen auf den sakralen Bau aus? Erstaunliche Innovationen kennt man aus den 1950er Jahren. Die tollsten Kirchen seien damals im Rheinland gebaut worden, so Kuhrau. Doch hätten diese Leistungen durchaus eine Vorgeschichte in der Weimarer Republik, als Rudolf Schwarz hier aktiv war. Etwa in Aachen, wo er 1930 mit Sankt Fronleichnam ein besonders prominentes Beispiel des »Neuen Bauens« vollendete: Die Reduktion scheint auf die Spitze getrieben. Kein Detail zu viel, nur weiße Wände, die hoch in den Himmel wachsen. Im Inneren sei der Gläubige ganz auf sich selbst geworfen, bemerkt Kuhrau, und erinnert an die Raumwirkung gotischer Kathedralen.

Rheinberg: Wasserwerk Orsoy-Land, Rudolf Kuckelmann, 1928. Foto: Sven Kuhrau, LVR – ADR.

Kaum zu übersehen sind beim Streifzug durch die rheinische Architekturlandschaft der Weimarer Republik natürlich die avantgardistischen Industriebauten – wer kennt sie nicht, die Essener Zeche Zollverein oder Mies van der Rohes Fabrikgebäude der Verseidag  in Krefeld? Doch birgt die Datenbank der Denkmalschützer auch noch echte Geheimtipps: Weiße Quader in der Wiese nahe dem Flussufer bei Rheinberg etwa. Es ist ein Pumpwerk, das muss man wissen. Denn Rudolf Kuckelmann versteckt die schnöde Funktion in einer Art Landhaus des »Neuen Bauens«.

Stefanie Stadel

Dieser Text erschien zuerst in „kultur.west“, das als Print-Magazin für Kunst und Gesellschaft in NRW zehnmal im Jahr erscheint und auch regelmäßig über Architektur berichtet: www.kultur.west.de

Mehr zum Bauhausjubiläum gibt es im Heft kultur.west

Happy Birthday Bauhaus! Zum 100. Jubiläum spielt der Westen groß auf


Das Buch

»Neues Bauen im Rheinland – ein Führer zur Architektur der Klassischen Moderne«, wird herausgegeben vom LVR Amt für Denkmalpflege im Rheinland und erscheint im Mai. Recherchiert haben Sven Kuhrau und Marco Kieser, Autorin ist Birgit Gropp.

Die Ausstellung

»Denk mal Bauhaus! Neues Bauen in NRW« ist noch bis zum 29. März 2019 im Haus der Architekten in Düsseldorf zu sehen. Anschließend geht sie auf Wanderschaft.

  • NRW-Landesvertretung in Berlin, 13. bis 31. Mai;
  • Baukunstarchiv NRW in Dortmund 4.Juni bis 1.Juli;
  • Bürgerhalle des LWL in Münster 8. bis 19. Juli;
  • Bürgerhalle des LWL in Münster 8. bis 19. Juli;
  • LVR-Haus in Köln 5. Bis 27. September;
  • Technisches Rathaus Bielefeld 3. bis 31. Oktober;
  • RWTH Aachen 14. bis 28.November.

Das Web-Portal

Artikel teilen

Ihre Meinung zählt

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.