Kalt, aber spannend: Rundgang in Deutz mit Caroline Nagel @ Barbara Schlei

Ein Hafenspaziergang in Deutz mit Caroline Nagel, Project Director bei COBE in Kopenhagen

Eigentlich kann da nicht viel schief gehen, glaubt man in Dänemark. Das Büro COBE hat in Zusammenarbeit mit der Stadtentwicklungsgesellschaft Kölns moderne stadt den „Integrierten Plan“ für den Deutzer Hafen verfasst, den der Rat im September verabschiedete. Bei kaltem Wetter wandeln wir gedanklich schon einmal mit Caroline Nagel durch grüne Gassen und belebte Kantzonen. Eigentlich müsste alles gut gehen.

 

Caroline Nagel, führen Sie derzeit noch Gespräche mit moderne stadt?
Caroline Nagel: Der „Integrierte Plan Deutz“ wurde ja schon im März dieses Jahres fertig gestellt, und unsere offizielle Rolle bei der Entwicklung des Deutzer Hafens ist damit erst einmal beendet. Die moderne stadt arbeitet jetzt an den Vergabeverfahren, die nächstes Jahr stattfinden werden. Wir erhoffen uns natürlich eine weitere Teilnahme an den Wettbewerben für die einzelne Baufelder oder den Freiraum, aber wir wissen auch noch nicht, welche das sein werden.

 

 

Caroline Nagel: „Ich glaube ganz fest an den Ort, der Deutzer Hafen wird toll, ein lebendiges neues Stadtquartier. Wenn man nicht allzu viel abkratzt von den schönen Historien und Identitäten, kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Es ist ja viel schwieriger, auf der grünen Wiese zu arbeiten.“

 

Erläutern Sie uns doch bitte Ihre Idee für den „Deutzer Block“.

Sie ist aus der Analyse des Orts entstanden. Das ist generell eine wichtige Arbeitsweise unseres Büros: den Geist eines Ortes weiterzutragen, sozusagen seine Geschichte fortzuschreiben. Der Hafen ist für sich betrachtet ja ein sehr spannendes Mischgebiet: helle, hohe Silotürme, große Lagerhallen in dunklen Farben usw. Wenn man das mit der für Deutz typischen Randbebauung zusammenbringt, entsteht ein ortstypischer Block mit verschiedenen Bausteinen und Höhen. Wir bieten kleine und große Blöcke an, mit denen man verschiedene Investoren anzieht und automatisch Diversität in der Nutzung erzielt. Wir setzen auf Vielfalt und Mischung, in der Gebäudetypologie und in der Nutzung.

Historie als DNA Für die Neubebauung: Das heißt, die historische Substanz zu behalten, zu transformieren und wiederzuverwenden. Entsprechend setzt sich COBE für den weitestgehenden Erhalt der Mühlen ein und entwickeln aus dem Bestand den „Deutzer Block“. @ Barbara Schlei

 

Deutzer Randbebauung trifft auf rechtwinkelige Industriearchitektur @ COBE

 

Klingt gut, gibt es Referenzprojekte?

Wir haben 2008 den Masterplanwettbewerb für den Nordhafen in Kopenhagen gewonnen, das wichtigste Entwicklungsprojekt in Skandinavien derzeit mit fast 4 Millionen qm Fläche. Hier sind die Themen gesetzt, die auch für Deutz zentral sind: die historische Gebäudesubstanz und das Wechselspiel mit den Wasserflächen.

Für uns ist es ganz wichtig, dass die Zonen zwischen den Gebäuden und dem öffentlichen Raum – in Dänemark reden wir über Kantzonen – einladend und kommunikativ und eben nicht als Barrieren gestaltet sind. Im Bebauungsplan wird festgeschrieben, wo diese Zonen entstehen und wie man mit ihnen umgehen muss.

Und ganz wesentlich ist natürlich auch die öffentliche Erdgeschoßnutzung. Im Nordhafen hat der Entwickler eine Firma beauftragt, die diese Nutzung kuratiert hat und die zum Teil auch Erdgeschossflächen zurückgekauft hat und günstig an lokale Geschäfte vermietet, um eine rasche Entwicklung anzufeuern. Das hat extrem gut funktioniert.

Wir haben auch Exkursionen nach Kopenhagen gemacht, um unseren Ansprechpartnern bei moderne stadt und der Stadt Köln gute gebaute Beispiel zu zeigen. Wir haben viel diskutiert über diese Kantzonen, und ich glaube, sie haben viel gelernt, und ich hoffe, sie werden viel übernehmen.

 

Erfahrungen einbringen: COBE ist Teil des Teams, das 2008 den Städtebauwettbewerb für die Umwandlung des 300 Hektar großen Nordhafens in Kopenhagen gewann. Im Bild ein 17-geschossiges Getreidesilo, das COBE zu Wohnungen umgebaut hat. @ COBE

 

Dass es in Deutz keinen zweiten Rheinauhafen geben soll, darüber sind sich alle einig. Wie lässt es sich vermeiden, dass im Rechtsrheinischen ein eher steriles und lebloses Investorenparadies entsteht?

Der Stadt – in Vertretung durch moderne stadt – kommt diese Verantwortung zu. Unsere Ansprechpartner dort formulieren deutlich, dass sie aus der Stadtentwicklung Tempo herausnehmen wollen, um die richtigen Konzepte und Investoren /-gruppen zu finden. Das finde ich sehr gut. Es kommt letztendlich auf sie an – ob sie ihr Credo „kreative Ideen vor Profit“ tatsächlich durchhalten und dies mit gemischten Bauherrengruppen in die Tat umsetzen. Wenn zu große Blöcke verkauft und diese monoton genutzt werden, geht die Vielfalt verloren.

Was Gestalterisches angeht, so ist dies ja im Integrierten Plan festgeschrieben. So schlagen wir z.B. in Anlehnung an die ehemalige Hafennutzung  sehr robuste, ehrliche Materialien vor, die etwas mit dem Ort zu tun haben.  Für Glasgebäude dürfte es also keine Baugenehmigung geben.

 

COBE stehen für eine Menschen- und Kontext-orientierte Stadtentwicklung; ikonische, selbstreferentielle Architekturen sind nicht ihr Ding. Im Bild die „Radbeete“ am Norreport Bahnhof in Kopenhagen. © Rasmus Hjortshoej – COAST

 

Welches sind in Ihren Augen die größten Risiken, woran könnte das Projekt scheitern?

Ein großes Risiko ist, dass man den öffentlichen Raum nicht die elementare Rolle spielen lässt, die ihm zukommt. Er gibt dem neuen Viertel seine Identität und ein nachhaltiges Gerüst – sozial wie ökologisch. Man darf hier nicht zugunsten von Gebäudequadratmetern Platz hergeben, noch sollte man sich auf eine beliebige, zu pragmatische Gestaltung einlassen. Es muss daher auch ein Budget für den zukünftigen Unterhalt der Anlagen im Konzept verankert und frühzeitig mit der Stadt abgestimmt werden.

Innen und außen, privat und öffentlich: In den Kantzonen spielt beides zusammen. Das Besondere ist, dass COBE diese Zonen explizit vorsieht; im Rheinauhafen etwa setzt man auf eine pflegeleichte, unmissverständliche Trennung von öffentlich und privat. @ COBE

 

Malen Sie uns doch bitte aus, wie der Außenraum aussehen soll.

Der Deutzer Hafen hat zwei Seiten: die grüne Halbinsel zwischen Rhein und Hafenbecken mit den neuen Parks, und die städtische Seite an Deutz anschließend mit den neuen urbanen Plätzen am Wasser. Eine großzügige, öffentliche Promenade verbindet beide Seiten und führt rund um das Becken. Wir müssen hier 2,7 Meter Höhenunterschied zwischen der alten Kaimauer und den Gebäudeeingängen auf der Marke des zweihundertjährigen Hochwassers überwinden. Es ist eine Herausforderung, dies zu tun, ohne dass man Barrieren schafft. Wir sehen hier einladende Treppen zum Sitzen mit Blick auf das Hafenbecken und offen gestaltete Rampen. Dafür braucht man aber viel Platz. Höhepunkt ist sicherlich das Ende des Hafenbeckens mit dem Pool – ein angehobener Wasserplatz. Hier wollen wir Rheinwasser hochpumpen, filtern und über einen Wasserfall wieder ins Hafenbecken fallen lassen. Und vielleicht kann man dann irgendwann hier schwimmen gehen! Das wäre einer unserer größten Wünsche. Generell ist es uns wichtig, dass Landschaft und Freiraum immer mehr können als nur schön auszusehen. Das ganze Thema des Regenwassers – auffangen, reinigen, versickern etc. – wollen wir kreativ in den Plätzen und Parks lösen. Vor allem soll es Spielplätze und genügend Angebot zum Treffen und Naturerleben geben. Hier steht man als Architekt auch in einer sozialen Verantwortung.

Als öffentliche Räume gelten für uns natürlich auch die Straßen. Zwischen den Baufeldern haben wir diese als grüne Gassen vorgesehen. Das sind Erschließungs-, aber auch Gemeinschaftsräume für die Anwohner mit Terrassen und Vorgärten und Platz zum Spielen und für Straßenfeste.

Und dann gibt es noch die tollen alten Kräne, Hallen und Bahnschienen. Sie sollen in den Parks und auf den Plätzen in Szene gesetzt werden. Hier wird der Deutzer Hafen lebendig.

Den Höhenunterschied intelligent zur Platzgestaltung nutzen: COBEs Vorschläge sind attraktiv, aber nicht einfach in der Pflege. @ COBE

 

Auf Ihren ersten Renderings standen keine Geländer am Becken.

Ach ja, da haben wir lange Diskussionen geführt. In Dänemark ist das Leben ein bisschen einfacher, in einem Hafen braucht man kein Geländer und Punkt. In Deutschland ist es schon ganz schön frustrierend mit den ganzen DINen und Regeln. Bevor man richtig etwas anfangen kann, kriegt man schon einen Erstickungsanfall. Aber natürlich ist hier die Situation eine ganz andere, ohne Geländer wäre es wirklich zu gefährlich.

 

Abgesehen von den Kosten und dem Pflegeaufwand, gibt es noch etwas, das Ihnen Sorge macht?

Ein großes Risiko ist auch die Angst vor der Öffentlichkeit. Wir haben manchmal das Gefühl, dass man in Köln befürchtet, dass zu viele Leute kommen, die dann Lärm und Müll mit sich bringen. Darüber beklagt man sich ja auch am Rheinboulevard oft. Aber das ist ein sehr kleinstädtisches Denken. Leben, Betrieb und Öffentlichkeit muss den Bewohnern städtischer Räume doch wohl zumutbar sein. Deswegen möchte man doch in so prominenter Lage wohnen. Diese Umstände müssen aber auch in die Konzepte für Unterhaltung und Pflege der Räume später finanziell mit eingeplant werden.

 

Was gehört sonst noch unbedingt dazu, damit das Projekt in Ihrem Sinne erfolgreich ist?

Grundlegend für die Qualität des Ortes ist das Mobilitätskonzept, das wir vorgelegt haben. Wir haben ein Gerüst entworfen, mit dem wir den Radverkehr pushen, etwa mit der Rampe an der Südbrücke, die den direkten Eingang ins Quartier bildet. Und auch die neuen Brücken sind sehr wichtig, damit man zu Fuß oder per Rad an den öffentlichen Nahverkehr anknüpfen kann.

Wir wollen den PKW Verkehr im Quartier so weit wie möglich zurücknehmen, aber die moderne stadt traut sich da nicht, radikal zu werden. Sie versprechen nicht, dass die Quartiersstraßen nur von Anwohner-PKW und Bussen benutzt werden dürfen.

So arbeiten COBE in Dänemark, wo das Leben für Planer ein bisschen einfacher ist. @ COBE

 

 

Ein Blick zurück: Was hat gut funktioniert bei Ihrer Arbeit in und für Köln?

Die dialogbasierte Wettbewerbsform fanden wir super. Es kam sehr viel positiver und relevanter Input. Wir arbeiten sehr gerne so, weil wir wirklich etwas machen möchten, was die Leute brauchen. Wir haben oft dieselben Gesichter gesehen bei den Workshops mit den Deutzer Bürgern, und damit haben wir als Planer auch eine Verantwortung bekommen. Man bemüht sich noch mehr, wenn man diesen Dialog hat. Das fand ich sehr positiv, auch wenn es sehr viel aufwendiger und anstrengender ist.

 

Was würden Sie sich jetzt raten, was würden Sie anders machen?

Um den Kölner oder vor allem den Deutzer Geist wirklich einzuatmen zu können, wären wir in der Bearbeitungszeit manchmal gern näher am Ort gewesen. Vielleicht hätten wir einfach ein kleines Projektbüro in Köln eröffnen sollen. Die kurzen Wege und der direkte Kontakt zum Bauherrn, zu den Bewohnern und zur Stadt sind einfach nicht zu unterschätzen.

 

Wird am Ende alles gut, Frau Nagel? Jetzt so kurz vor Weihnachten dürfen wir das vielleicht fragen.

Was die moderne stadt vorhat, nämlich das Tempo aus der Stadtentwicklung herauszunehmen und die Konzepte und kreative Ideen vor den Profit zu stellen, das sind in meinen Augen perfekte Ansätze. Ich glaube ganz fest an den Ort, der Deutzer Hafen wird toll, ein lebendiges neues Stadtquartier. Uns liegt viel daran, die Vielschichtigkeit des Ortes fortzuschreiben und ihn in ein dynamisches Viertel zu transformieren . Wenn man nicht allzu viel abkratzt von den schönen Historien und Identitäten, kann man eigentlich nicht viel falsch machen. Es ist ja viel schwieriger, auf den grünen Wiese zu arbeiten.

 

Das Gespräch mit Caroline Nagel führte Ira Scheibe

 

 

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