Bei seinen Projekten steht für den gebürtigen Kölner der Prozess im Vordergrund, dann erst ist das Werk am Ende nicht ‚nur‘ ein fertiges Gebäude. © Foto Niels Freidel

Der Pfadfinder im Großstadtdschungel

„Nein, klassische Wettbewerbe haben mich bisher noch nicht richtig interessiert“, erklärt Jonathan Haehn lachend und schiebt nach: „Aber wer weiß, vielleicht kommt das ja noch.“ Seit seinem Diplom an der damaligen FH Köln (heute TH) entspricht genau dieses klassische Wettbewerbswesen schlicht nicht der Art und Weise, wie Haehn arbeitet. Ihm werde es schnell langweilig, neues Futter für neue Ideen müsse her, erklärt er. Zudem habe er schon immer ein Problem mit Aufgaben gehabt, deren Ideen ihn nicht überzeugt hätten. „Das war schon im Studium so.“ Wieder lacht der gebürtige Kölner.

 

DIYDA_Plan2010, Team-Hans Sachs,Florian Gassman, Jonathan Haehn Koeln, Jack in the Box © Foto Jonathan Haehn

 

1983 in der Domstadt geboren, hat er von 2004 bis 2009 hier studiert. Aufgewachsen aber ist er in Belgien, im Grenzgebiet zwischen den Ardennen und der Eifel. „Ich bin eigentlich ein echter Nutznießer der europäischen Idee“, betont er folgerichtig. Die Mutter ist Therapeutin und war Dozentin für Selbsterfahrung. Das habe ihn geprägt, wie Haehn bekennt. Dazu das Leben auf dem Land, ohne wirkliche Vaterfigur, weitestgehend antiautoritär – und die Pfadfinder: „Eigentlich war das meine erste wirklich eindrückliche Begegnung mit Architektur.“ Gemeinsam mit anderen ein ganzes Lager aufbauen, Raum entstehen lassen, mit Leben füllen und damit Gemeinschaft erleben. „Das sind die Themen, die mich bis heute an der Architektur faszinieren“, sagt Haehn. Raum gestalten und der Frage nachgehen, wie der Mensch im Raum ist, das interessiere ihn. Vor allem die Frage nach dem Sein, dem Verhalten der Menschen, und den Dingen, die die Menschen im Raum tun können.

 

t.a.i.b-Struktur Bochum2010, RUHR2010, Team Maxim Tyrakowski, Terence-Sonntag, Julia-Hoeller, David Formacio © Foto Jonathan Haehn

 

Schon während des Studiums haben ihn diese Themen umgetrieben. „Mich haben holistischere Weltsichten interessiert“, führt Jonathan Haehn aus. Ideen und Konzepte von Archigram oder Yona Friedman, später dann die Arbeiten von Raumlabor. „Da steht der Prozess im Vordergrund, das Werk ist am Ende nicht ‚nur‘ ein fertiges Gebäude“, erklärt der Architekt. Um genau das auszuprobieren, hat Haehn schon während seines Studiums angefangen, mit parametrischen und digitalen Entwurfsmethoden zu experimentieren. Das Ergebnis war seine mit Hilfe von rund 70 Leuten zusammen gebaute Diplomaufgabe T.A.I.B., die 2009 auf der Kölner plan gezeigt wurde und im Folgejahr noch einmal auf der RUHR.2010 in Bochum. Ein Raum, bei „dem die Menschen das Programm sind“. Jeder konnte sich für Veranstaltungen anmelden, eigene Formate in der kuppelartigen Konstruktion umsetzen.

 

 

 

„Das hat mich seitdem nicht mehr losgelassen: Ich finde Prototypen toll, will Ideen auf den Weg bringen und umsetzen.“ In der Folge könne es ihm aber auch schnell langweilig werden, wie er schmunzelnd bekennt. Aus dieser Umtriebigkeit, kombiniert mit einem Füllhorn voller Ideen, ist in den letzten Jahren eine Vielzahl von Vereinen und Initiativen entstanden: Vom eigenen Musiklabel AncientFutureNow über Jack Who Permastadtkultur und FAR OFF bis hin zum Gütebahnhof Ehrenfeld. Haehn macht Architektur, Grafik, Musik, Kunst. „Alles, was mich umtreibt, was mich gerade fesselt, was mir Spaß macht.“

Wohnhaus Fehmarn, Ansicht-Nord, 2012 In Kooperation mit Maxim Tyrakowski © Foto Jens Uwe Beyer.

 

Das sei eine der prägendsten Erfahrungen gewesen während des Studiums, „dass Architektur all das beinhalten kann“, blickt Haehn zurück. In der Zeit seiner beiden Gastsemester in Madrid sei das gewesen: Montags, dienstags und mittwochs habe dort Entwerfen auf dem Stundenplan gestanden. Jeweils acht Stunden. „Und der Professor hat dann gesagt: Wir machen zehn!“ Die Studierenden waren aufgefordert, alles mit- und einzubringen, was sie beschäftigt, was sie interessiert. „Da gab es nichts, was es nicht gab.“ Nach der Zeit der tradierten Grundlehre in Köln eine wahre Befreiung.

 

Galerie oben: orlovact1 St. Petersburg 2013, Team: Hans Sachs, Maxim Tyrakowski, Alex-Speckman-Excelsia © Foto Hans Sachs

 

Dennoch ist er danach wieder nach Köln zurückgekommen. Nicht nur, weil es seine Heimatstadt ist, sondern auch und vor allem, weil er hier auf ein bereits gut funktionierendes Netzwerk zurückgreifen konnte. „Das funktioniert für mich bis heute sehr gut hier: Wenn ich eine Idee habe, weiß ich, wen ich anrufen muss, um sie weiter zu entwickeln, wo ich hingehen muss, um sie auf den Weg zu bringen und Unterstützung für das Projekt zu bekommen.“ Etwas, das an einem anderen Ort so zunächst nicht ganz leicht funktionieren würde. Manchmal ärgere er sich dabei zwar, und frage sich, ob er es sich zu bequem mache in seiner „Comfort-Zone“, wie er augenzwinkernd sagt, aber es sind eben auch die Menschen um ihn herum, die wichtig für die Ideen selbst sind. „Ich brauche Gespräche, um Dinge weiterzuentwickeln, ich bin angewiesen auf Rückmeldungen und neue Denkanstöße.“

 

Stadtgestaltung von unten, Projektleitung Jonathan Haehn, jake meyer, Mülheim2020, Köln-Mülheim 2013 © foto jake meyer.

 

Dieses Gemeinschaffen, das Miteinander ist es, was Jonathan Haehn gleichermaßen antreibt wie begeistert. Bis hin zum Erstellen der Architekturen, zum Bauen der Installationen. Dabei, so der Kölner, könne man aus den Projekten noch so viel „herauskitzeln“, könne Dinge in die eine wie die andere Richtung beeinflussen. So machen die Projekte im Kleinen wie im Großen Entwicklungssprünge, die in der Form niemals hätten geplant werden können. Wie weit die Spanne herkömmlichen architektonischen Arbeitens dabei ist, zeigen die beiden Projekte, die derzeit die meiste Zeit des Architekten einnehmen. Zum einen ist er engagiert im Verein „Brunnen“, der sich für sinnvolle erhaltende Maßnahmen des Ebertplatzes und seiner individuellen Charakteristika bemüht, zum anderen „ganz klassisch: die Sanierung eines denkmalgeschützten Mehrfamilienhaus in Köln Ehrenfeld.“ Egal wie, egal wo, er wolle dabei stets über die Rolle desjenigen hinauskommen, der bloß die Leute an einen Tisch bringt. „Ich will schon den Überblick behalten, sehen, was passiert“, erläutert Haehn und schiebt nach: „Auch kaufmännisch, finanziell.“ Er weiß um die Verantwortung, die man hat, wenn man projektbezogen mit bis zu zehn Akteuren zusammenarbeitet: „Bei den anderen hängen Familien dran, da geht es wirklich um was.“

 

casabanchel 5-2017 Team Marco Zednik, Jorge Varela, Javier Muñoz Madrid Carabanchel © Foto Sascha Poth

 

Derzeit läuft eine Ausstellung in Madrid mit seinen Bildern, in der Sparte Architektur er ist nominiert für Förderpreis des Landes Nordrhein-Westfalen für junge Künstlerinnen und Künstler, das nächste Release des Labels steht an. Aber Haehn schaut schon weiter nach vorne: „Eigentlich müsste man sich formieren. Die jungen Architekten in Köln müssen sich zusammentun. Um mit einer Stimme sprechen zu können und besser gehört zu werden. Warum macht sich die Stadt bei so vielen Verfahren und Fragestellungen dieses Potential nicht einfach zunutze?“ Wie eine solche Formation aussehen könnte, steht noch in den Sternen. Aber wer weiß: vielleicht ist das das nächste Projekt von und mit Jonathan Haehn.

David Kasparek

 

 

 

 

 

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